Schüler im Corona-Lockdown : Haltet durch!

Disziplin, Selbstkontrolle, Gewissenhaftigkeit: Psychologen entdecken die Sekundärtugenden neu. Diese helfen nicht nur in der Krise, sondern sind wichtig für einen lebenslangen Erfolg.

Dieser Artikel erschien am 10.03.2021 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
Ausdauerlauf
Beim Dauerlauf lernen Kinder und Jugendliche Durchhaltewillen – das ist oft wichtiger als gute Noten.
©Getty Images

Fragt man die Schulleiterin Miriam Pech, warum ihre Schüler mit dem Lernen im Lockdown ganz gut zurechtkommen, dann nennt sie nicht das, worüber gerade fast alle reden: die Internetplattform, das Digitalkonzept, die Leih-Laptops für bedürftige Jugendliche. Stattdessen spricht die Rektorin von „Logbüchern“ und „Lernbüros“, die zur Selbstständigkeit erziehen, oder „Wochenplänen“, die großen Aufgaben in kleinen Schritten den Schrecken nehmen. Und sie schwärmt von Pilgermärschen auf dem Jakobsweg.

Die Heinz-Brandt-Schule, eine Sekundarschule in Berlin-Weißensee, hat sich einem Ziel verschrieben: Die Schülerinnen und Schüler sollen selbst für ihr Lernen verantwortlich werden. Dafür haben Miriam Pech und ihr Team den Unterrichtsbetrieb vor einigen Jahren umgekrempelt. Und einmal im Jahr geht ein Teil der Schule auf große Reise. Wenn dann auf der Fahrradtour von Berlin nach Paris die vorgesehene Unterkunft plötzlich geschlossen hat, wenn auf dem Weg nach Santiago de Compostela die Blasen an den Füßen schmerzen, dann sind Durchhaltewillen und Frustrationstoleranz gefragt.

Gerade jetzt in der Pandemie zeigten diese sogenannten Herausforderungen Wirkung, sagt Miriam Pech: „Beim Lernen zu Hause helfen diese Erfahrungen vielen unserer Schülerinnen und Schülern enorm.“ In der Krise macht ihr Kollegium zudem eine aufschlussreiche Beobachtung: 40 Prozent der Heinz-Brandt-Schülerschaft sind „lernmittelbefreit“, können sich also Bücher und Computer kaum leisten. Doch selbst von diesen Jugendlichen, die sich Schreibtisch und Laptop mit Geschwistern teilen müssen, schaffen manche ihr Pensum problemlos. „Die laden sich das Material per WhatsApp herunter und erledigen ihre Aufgaben teilweise auf dem Handy“, berichtet der Deutschlehrer Stefan Grzesikowski. Klassenkameraden aus dem benachbarten Bildungsbürgerbezirk Prenzlauer Berg dagegen, die auf eine Batterie von Geräten und die Hilfe ihrer Eltern zurückgreifen könnten, täten sich zum Teil schwer, sagt Grzesikowski: „Ihnen fehlt die Motivation, morgens anzufangen.“

Die äußere und die innere Ordnung

Genau vor einem Jahr mussten die Schulen in Deutschland zum ersten Mal schließen. Die Corona-Krise legte seitdem viele Schwächen und Ungerechtigkeiten offen, gerade in der Bildung. Viel wurde über fehlende Laptops und schwaches WLAN diskutiert. Doch verschiedene Umfragen legen nahe, dass nur vergleichsweise wenige Schüler abgehängt werden, weil sie keine Geräte für den Unterricht zu Hause haben. Viele jedoch verlieren den Anschluss, weil ihnen etwas anderes fehlt: die Fähigkeit zum selbstständigen Lernen.

Laut einer Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung verfügen elf Prozent der leistungsstarken Schüler über keinen eigenen Computer – bei den leistungsschwächeren sind es nur wenig mehr, nämlich 13 Prozent. Den gleichen marginalen Unterschied stellen die Forscher fest, wenn es um das eigene Zimmer geht (siehe Grafik letzte Seite).

In der Jugendmedien-Studie JIM identifizieren 59 Prozent der befragten Schüler eine „fehlende Motivation“ als das größte Hindernis beim Lernen zu Hause, nur sechs Prozent nennen eine „fehlende IT-Ausstattung“ als Problem.

Eine Elternbefragung des Nationalen Bildungspanels förderte eine interessante Lücke zwischen den Geschlechtern zutage. 46 Prozent der Väter und Mütter von Jungen sagten, ihr Kind sei „schlecht zu motivieren“. Unter Eltern von Mädchen war dieser Anteil nur halb so groß.

Wer gewissenhaft und diszipliniert lernt, kommt in der Schule besser zurecht: Der Zusammenhang liegt auf der Hand. „In der Corona-Krise schlagen Fähigkeiten aber viel deutlicher durch“, erklärt der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein, der den Einfluss von Motivation und Selbstdisziplin auf den Lernerfolg untersucht hat. Denn die Schule liefert ein Gerüst aus Stundenplänen, Sitzordnung und Anweisungen der Lehrkraft. Fällt dieser Halt weg, müssen die Schülerinnen und Schüler es selbst hinbekommen: den Tag strukturieren, sich nicht durch Instagram ablenken lassen, dranbleiben, auch wenn sich die Matheaufgabe nicht auf Anhieb lösen lässt. Trautwein fasst die Herausforderung so zusammen: „Je schwächer die äußere Ordnung, desto mehr kommt es auf die innere Ordnung an.“

Lob der Sekundärtugenden

Psychologen sprechen von „Selbstregulation“. Wenige Themen haben die Persönlichkeitsforschung in den vergangenen Jahren so beschäftigt wie dieses. Unzählige Bücher und Studien sind dazu erschienen. Mitunter schillern die Begriffe etwas, mal ist von Gewissenhaftigkeit die Rede, mal von Beharrlichkeit oder Willensstärke (englisch grit). Gemeint sind stets Eigenschaften, die unser Verhalten, unsere Gedanken und Gefühle so steuern, dass wir in der Schule wie im Leben und Beruf unsere Ziele erreichen.

Dass dafür nicht nur Intelligenz eine Rolle spielt, ist lange bekannt. Alfred Binet, der Vater des ersten IQ-Tests, schrieb, dass „ein Kind, wie intelligent es auch immer sei, nur wenig lernt, wenn es nie zuhört, seine Zeit mit Streichen und Kichern verbringt und schwänzt“. Die empirische Forschung widmete sich den sogenannten nicht kognitiven Fähigkeiten aber erst spät. Zu sehr erinnerten sie an (spieß-)bürgerliche Eigenschaften wie Disziplin, Ordnung oder Fleiß. In Deutschland sprach Oskar Lafontaine im Streit mit Helmut Schmidt 1982 von „Sekundärtugenden“, mit denen man „auch ein KZ betreiben“ könne.

Optimierte Selbststeuerungsfähigkeit als Ziel einer modernen Erziehung

Die breite Wiederentdeckung der Sekundärtugenden verdankt die Psychologie einem Außenseiter, dem Wirtschaftswissenschaftler James Heckman. Sein eigentliches Forschungsgebiet sind wirtschaftsstatistische Analysen, für die er im Jahr 2000 den Nobelpreis bekam. Daneben jedoch trieben den Professor der University of Chicago sehr konkrete Fragen um: Welche Persönlichkeitsmerkmale führen zum Erfolg? Wie entwickeln sie sich über die Lebensspanne? Und lassen sie sich nachhaltig beeinflussen? In einer großen Studie untersuchte Heckman dafür die Aussagekraft des General Educational Development Test (GED) in den USA, einer Art Intelligenztest für Jugendliche ohne höheren Schulabschluss. Ein gutes Abschneiden – also eine überdurchschnittliche Intelligenz – berechtigt zum Zugang zum College.

Als Heckman jedoch die Bildungswege von erfolgreichen GED-Absolventen verfolgte, stellte er fest, dass gerade einmal drei Prozent am Ende auch einen Collegeabschluss geschafft hatten. Von den Studierenden, die auf reguläre Weise aufs College gekommen waren, hatten 46 Prozent ein Diplom erreicht. Obwohl beide Gruppen ähnlich schlau waren. Es mussten also andere Merkmale entscheidend dafür sein, ob jemand Schule und Studium erfolgreich absolviert, folgerte Heckman: etwa die Fähigkeit, vorausschauend zu planen, oder die Energie, den Plan auch durchzuziehen.

Die Lebenserfolgsformel

Der überragende Einfluss solcher „non-cognitive skills“ (Heckman) auf den Lernerfolg hat sich seitdem wieder und wieder erwiesen. Schüler aus Singapur oder China stehen in Leistungsvergleichen stets an der Spitze, Ähnliches gilt für Kinder vietnamesischer Einwanderer in Deutschland. Sie sind nicht per se intelligenter, und oft stammen sie sogar aus weniger privilegierten Familien. Lernfleiß und Disziplin spielen in ihrer Kultur jedoch eine überragende Rolle. Und dass Mädchen heute bessere Zeugnisse als Jungen haben, erklären Forscher ebenso damit, dass sie gewissenhafter arbeiten.

Doch es geht nicht allein um gute Schulnoten oder Pisa-Plätze. Selbstdisziplin, gar Strebertum sind keine Werte an sich. Interessant wird es, wenn man sich ansieht, welchen Einfluss sie auf das ganze Leben haben: auf den Beruf, die Familie, die Gesundheit.

1975 besuchte ein Forscherteam der neuseeländischen Universität Otago rund tausend Kinder und ihre Familien. Die Jungen und Mädchen waren drei Jahre zuvor an demselben Ort zur Welt gekommen: im Geburtsklinikum der Stadt Dunedin. Die Wissenschaftler untersuchten die Kinder auf Herz und Nieren, ließen die Eltern umfangreiche Fragebögen ausfüllen und beobachteten diese, wie sie mit ihrem Nachwuchs spielten. Sie interviewten Erzieherinnen im Kindergarten zu Temperament und Sozialverhalten der Kinder, später die Lehrer in der Grundschule. Auch der berühmte Marshmallow-Test kam zum Einsatz, bei dem Kinder wählen können, ob sie eine Süßigkeit sofort essen oder ein paar Minuten warten, um einen zweiten Marshmallow zu erhalten. Aus allen Daten bildete das Forscherteam für jedes Kind einen Wert, der von 1 (kaum Selbstkontrolle) bis 5 (maximale Selbstkontrolle) reichte.

Heute sind die Probanden Mitte vierzig, und die meisten von ihnen nehmen noch immer regelmäßig an Tests teil. Die Dunedin Study gilt als die umfassendste Langzeituntersuchung der Welt. Tausende internationaler Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen greifen auf die Daten zurück und versuchen Verbindungen herzustellen: zwischen Fernsehkonsum und Schulerfolg, Bewegung und Neigung zu Depressionen, Familienverhältnissen in der Kindheit und Scheidungsraten im Erwachsenenalter.

Rituale helfen den Kindern

Dabei erwies sich der einst ermittelte Wert für die Selbstkontrolle als besonders aussagekräftig. Er wurde geradewegs zur Lebenserfolgsformel. Denn je besser sich die Studienteilnehmer als Kind selbst regulieren konnten, desto gesünder sind sie Jahrzehnte später, desto höher ist ihr Einkommen, desto seltener haben sie Probleme mit Drogen – kurzum: desto sorgenfreier ist ihr Dasein.

Für die Dunedin-Forscher weisen diese Einsichten über das Glück des Einzelnen hinaus. In einem Überblicksartikel in der Zeitschrift der National Academy of Sciences der USA plädieren sie für „innovative politische Maßnahmen, welche die Selbstkontrolle von Kindern in den Mittelpunkt stellen“.

Denn nicht nur für den Staat lohnen sich Investitionen auf diesem Feld, etwa weil er später Ausgaben für Sozialhilfe, Gesundheitsfürsorge oder Gefängnisse spart. Auch die Gesellschaft braucht heute mehr denn je Bürger und Bürgerinnen, die Eigeninitiative zeigen. Und Unternehmen benötigen Mitarbeiter, die eigenständig Probleme lösen, anstatt solche, die stumpf Aufträge abarbeiten. „Zukunftsfähigkeiten“ nennt der Frankfurter Soziologe Martin Dornes diese Kompetenzen. „Wenn das Korsett aus Vorgaben, Traditionen und Zwängen weniger starr wird, muss die Muskulatur kräftiger werden“, schreibt Dornes. Deshalb sei eine „optimierte Selbststeuerungsfähigkeit das Ziel einer modernen Erziehung“.

Die Macht der frühen Jahre

„Was wollt ihr sein?“, fragt die Kita-Leiterin Ursula Buchmann in die Runde. „Eine Ballerina!“, ruft Emma, „das wollte ich auch“, sagt Cora. Man einigt sich, dass in dem Theaterstück Platz für zwei Tänzerinnen ist. „Zirkus“ heißt die Aufführung. Emma findet das „doof“, aber Julian hat sich das Thema gewünscht, und der ist heute dran. Was wie ein einfaches Rollenspiel aussieht, ist für Buchmann eine Trainingseinheit für die Erfolgsformel aus Dunedin.

Denn für eine Zirkusvorstellung müssen die Kinder sich auf ein Programm einigen (Perspektivübernahme), die Ballerina darf nicht plötzlich zum Pferd werden (Beharrlichkeit) und der Dompteur nicht schmollen, wenn der Zauberer das bunte Tuch zuerst als Umhang entdeckt (Frustrationstoleranz).

Seit acht Jahren versucht das Team der „Kinderwelt“, einer Kita am gutbürgerlichen Rand der Stadt Ulm, diese abstrakt klingenden Fähigkeiten im Alltag zu üben. So lange macht die Kita schon mit bei Emil, einem Projekt des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm. Das Kürzel steht für „Emotionen regulieren lernen“, Erzieherinnen aus rund 500 Kitas in Baden-Württemberg haben das Programm bislang absolviert.

Sie haben gelernt, dass das Hirnareal, das unser Denken und Handeln steuert, gleich hinter der Stirn sitzt (präfrontaler Cortex), dass es bis ins Erwachsenenalter reift – die entscheidenden Verknüpfungen jedoch zu Beginn des Lebens erfolgen. Dass sich fast jede Situation in der Kita eignet, diese nicht kognitiven Fähigkeiten zu stärken: das gemeinsame Singen, das Einsortieren im Kaufmannsladen, die Einigung im Streit um den größten Bagger. Und dass Kinder diese Fähigkeiten nur selbst lernen können – sie dafür aber Regeln und Hilfe brauchen.

„Wir überlegen heute bewusster, wann ein Kind Unterstützung benötigt und wann nicht“, sagt Buchmann. Bei Rollenspielen etwa greifen die Erzieherinnen mittlerweile stärker ein und helfen unruhigen Kindern, bei der Sache zu bleiben. Früher hätten sie sich eher herausgehalten. Gleichzeitig helfen Rituale den Kindern, Herausforderungen eigenständig zu meistern. Will ein Kind das Anziehen selbst schaffen, braucht dafür aber mehr Zeit, setzt es sich in einen Hula-Hoop-Reifen und wird in Ruhe gelassen.

Auch Eltern können, das zeigen viele Studien, bei ihren Kindern die Fähigkeit zur Selbstregulation nachhaltig fördern, mit ganz alltäglichen Dingen:

Jedes Vorlesen trainiert die Geduld.

Mensch ärgere Dich nicht-Spielen ist gut für die Frustrationstoleranz.

Und das gemeinsame Tischdecken übt die Gewissenhaftigkeit.

Dabei ist es wichtig, dass Mütter und Väter es ihren Kindern nicht zu leicht zu machen, sondern ihnen Raum geben für eigene Erfahrungen: für Erfolge, Fehlschläge, Konflikte mit anderen. Eltern helfen ihrem Nachwuchs also am besten, wenn sie ihm zutrauen, eigene Lösungen zu finden. Ebenso wichtig ist es, über Wut, Enttäuschung oder Freude zu sprechen. All das braucht Zeit, Präsenz und Geduld – ist aber kein pädagogisches Hexenwerk.

Lernen auf Distanz bietet auch eine Chance

Nachdem die Ulmer Kinderwelt ein paar Jahre an dem Projekt teilgenommen hatte, kamen aus den umliegenden Grundschulen erste Rückmeldungen: Die Kinder seien selbstständiger, der Übergang in die erste Klasse gelinge leichter. Und als Ulmer Wissenschaftlerinnen Konzentration und Kurzzeitgedächtnis von Vorschülern testeten, schnitten die Emil-Kinder besser ab.

Die Effekte waren signifikant (aussagekräftig), jedoch nicht riesig. Denn die meisten Jungen und Mädchen aus der Ulmer Kinderwelt bringen viele der nicht kognitiven Fähigkeiten schon von zu Hause mit. Doch wie könnte so ein Programm auf sozial weniger privilegierte Kinder wirken? Die keine Eltern haben, die mit ihnen unbewusst, aber zielgerichtet tagtäglich die Sekundärtugenden proben: beim Essen oder Spielen, Vorlesen oder Einschlafen?

Jeder investierte Euro zahlt sich aus

Genau so ein Programm gab es einmal, mehr als ein halbes Jahrhundert liegt es zurück. In der US-Kleinstadt Ypsilanti (Michigan) ließen Wissenschaftler Kindern aus extrem armen Familien in sehr kleinen Gruppen eine umfassende Förderung zuteil werden. Für die meist alleinerziehenden Mütter gab es ein Erziehungscoaching. Drei Jahre dauerte die ziemlich teure Intensivbetreuung der Kinder. Das Ergebnis war ernüchternd: Zwar hatten die Kinder, als sie in die Schule kamen, einen höheren IQ als ungeförderte Alterskameraden. Doch innerhalb von vier Jahren war der Vorsprung weggeschmolzen.

Das Perry-Preschool-Project wäre wohl als gescheitert abgehakt worden, hätte man die Kinder nicht weiterverfolgt. Und wieder war es James Heckman, der aus den Daten eine der wirkungsmächtigsten Erfolgsgeschichten der Pädagogik machte und sich selbst zum weltbekannten Fürsprecher der Frühförderung. Denn vierzig Jahre später verdienten die Probanden mehr, sie lebten in stabileren Familien, waren seltener straffällig geworden als die Vergleichsgruppe – ganz ähnlich wie im neuseeländischen Dunedin. Die Teilnahme am Projekt hatte sie auf Dauer nicht intelligenter gemacht, aber verantwortungsvoller, gewissenhafter und selbstdisziplinierter. Und unter dem Strich war das Programm ziemlich preiswert, rechnete Heckmann aus. Jeder investierte Dollar rentierte sich vielfach.

Noch etwas ist aus heutiger Sicht interessant: Die Pädagogen im Perry-Preschool-Project waren zwar speziell ausgebildete Vorschullehrer. Aber sie verfolgten kein starres Lernprogramm mit Zahlen oder Buchstaben. Stattdessen stellten sie Puppen, Knete oder Bilderbücher zur Verfügung. Die Kinder konnten selbst bestimmen, was sie an jedem Tag machen wollten, mussten ihre Wahl aber mit den Pädagogen besprechen. So sollten sie lernen, eine Entscheidung bewusst zu treffen.

Corona als Lehrmeister

Persönlichkeitseigenschaften wie Durchhaltevermögen oder Anstrengungsbereitschaft sind also veränderbar. Nur lassen sie sich nicht diktieren. Junge Menschen müssen sie im Wechselspiel von Vorbild und Nachahmung, Anleitung und Freiheit immer wieder einüben. Das gilt nicht nur für kleine Kinder in Familie und Kita, sondern auch für Heranwachsende. Denn in der Pubertät öffnet sich ein zweites Entwicklungsfenster für die Selbstregulation.

Gerade die Schule bietet dazu viele Gelegenheiten: im normalen Unterrichtsalltag, aber erst recht in Situationen, in denen sich Schüler besonders bewähren müssen. Beim Üben fürs Schultheater, beim Auftritt der Bigband, bei „Jugend forscht“ oder „Jugend debattiert“. Oder wenn Schulen wie die Berliner Heinz-Brandt-Schule ihre Schüler für zwei Wochen in die Welt schicken. Solche Projekte tauchen in keinem offiziellen Curriculum auf, sie bringen keine guten Noten. Doch fragt man Menschen später, wo sie in der Schule etwas Besonderes gelernt haben, dann erinnern sie sich oft an solche Herausforderungen.

Für nicht wenige junge Menschen dürfte sich auch die Corona-Krise als solch eine persönlichkeitsprägende Zeit entpuppen. Denn das Lernen auf Distanz bringt nicht nur Digitalchaos, Alleinsein und Zoom-Müdigkeit mit sich. Es bietet auch die Chance, sich die Zeit zum Lernen frei einzuteilen; mit anderen digital an einem gemeinsamen Text zu arbeiten; sich ganz auf die Präsentation in Englisch zu konzentrieren, ohne dass der Tischnachbar mit dummen Sprüchen oder der Lehrer mit langatmigen Erklärungen nervt. Insofern sollte man einen unerhörten Gedanken zulassen: ein bisschen von der Schule aus der Corona-Zeit beizubehalten, wenn Corona vorbei ist.

Weitere Links zu den Quellen dieses Artikels finden Sie hier

Eine Übersicht in Grafiken

Wichtiger denn je

Es sind mehr die mentalen als die materiellen Bedingungen, die das Lernen zu Hause in der Corona-Krise erschweren. Fähigkeiten wie Selbstkontrolle oder Gewissenhaftigkeit, aber auch Empathie und Kommunikationskompetenz reifen früh – und haben Auswirkungen auf das ganze Leben. Zum Beispiel haben Menschen, die in der Kindheit einen hohen Grad an Selbstkontrolle zeigen, als Erwachsene im Durchschnitt ein höheres Einkommen.

Warum Schülern der Fernunterricht schwerfällt

 

Kein großer Unterschied

Lernbedingungen von …

 

Auf den Anfang kommt es an

Entwicklung nicht kognitiver Fähigkeiten

 

Was eine geringe Selbstkontrolle in der Kindheit fürs Leben bedeutet

 

© ZEIT-Grafik

Quellen:

  • LIfBi
  • Moffitt/Dunedin Study
  • JIM 2020
  • Berechnungen basierend auf SOEP