Gendern in der Schule : „Wir beobachten einen Sprachwandel im Zeitraffer“

S*S, Schüler_innen, Schülerinnen und Schüler, Lernende: Wer sich vom generischen Maskulin verabschieden möchte, kann zwischen vielen verschiedenen Formen wählen. Wie sollten Lehrkräfte im Unterricht damit umgehen? Ist es sinnvoll, dass sich Schulen auf eine Form festlegen – und wenn ja, auf welche? Wir haben Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, gefragt.

Alexandra Mankarios 08. April 2021 Aktualisiert am 04. Oktober 2021 3 Kommentare
Text mit Gendersternchen
Die Formen mit Sonderzeichen wie dem Gendersternchen können das Vorlesen-Lassen von Websites oder auch die Sprachverarbeitung erschweren.
©dpa

Richter, Handwerker, Lehrer: Fallen Berufsbezeichnungen wie diese, dann hat kaum jemand eine Richterin, Handwerkerin oder Lehrerin vor dem inneren Auge. Psycholinguistische Studien belegen, dass gedanklich ausgeblendet wird, wer nicht zur Sprache kommt. Frauen „mitzumeinen“ reicht also nicht, wenn sie in der Wahrnehmung genauso präsent sein sollen wie Männer. Um sie aus dem Schatten des generischen Maskulinums herauszuholen, hat der Duden seine Online-Ausgabe zuletzt um 12.000 weibliche Berufsbezeichnungen und Personenbeschreibungen erweitert.

Viele Diskussionen im Schulalltag gehen noch einen Schritt weiter: Das Gendersternchen und, mündlich, der stimmlose Glottisschlag verbreiten sich zunehmend. Andere halten vorerst an den „SuS“ oder „Lehrkräften“ fest – die Gepflogenheiten sind uneinheitlich. „An der letzten Schule war frau großzügig ‚mitgemeint‘, an der davor gab es Sternchen“, berichtet zum Beispiel Twitter-Userin Maria_Winter. Userin FrauLausD beschreibt, dass der Impuls zum Gendersternchen aus der Schüler*innenvertretung gekommen sei und es mittlerweile störend wirke, wenn nicht gegendert werde. Murmeltier_20 weist zudem bei Twitter darauf hin, dass auch die Wahl der Namen in Unterrichtsmaterialien die realen Verhältnisse widerspiegeln sollte: „nicht Hans und Paul, sondern Ferhat und Emma.“

Welche Entscheidungsspielräume Schulen in der Diskussion um gendergerechte Sprache haben, ob die Debatte Auswirkungen auf die Sprachförderung hat und wo im Schulalltag Raum für den Austausch darüber ist, erklärt Michael Becker-Mrotzek vom Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.

Deutsches Schulportal: Genderstern, Doppelnennung, neutrale Formen – welche Art des Genderns empfehlen Sie in der Sprachförderung?
Michael Becker-Mrotzek: Die Genderdiskussion wirkt sich insgesamt gering auf die Sprachförderung aus. Ich würde die Doppelnennung empfehlen, also „Schülerinnen und Schüler“. Auf diese Weise bringen sie das weibliche und das männliche Geschlecht explizit zum Ausdruck, und die Texte werden nur unwesentlich länger. Auch für Schülerinnen und Schüler, die Schwierigkeiten mit dem Lesen oder der Sprache insgesamt haben, wäre das kein Problem, weil es sich nur um die einfache Wiederholung eines ähnlichen Worts handelt. Die Formen mit Sonderzeichen wie dem Gendersternchen können zum Beispiel das Vorlesen-Lassen von Websites oder auch die Sprachverarbeitung erschweren.

Diesen Prozess des Aushandelns muss man aushalten.
Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache

Dafür schließt das Gendersternchen Menschen ein, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren.
Das ist richtig. Es gibt die berechtigten Anliegen, dass alle Geschlechter in der Sprache gleichermaßen Berücksichtigung finden. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir im Augenblick einen Sprachwandel im Zeitraffer beobachten. Die Sprachgemeinschaft probiert unterschiedliche Formen des Genderns aus. Am Ende wird sich im Gebrauch entscheiden, welche Form sich durchsetzt. Man kann sich das wie Trampelpfade vorstellen: Die Menschen nutzen neue Pfade an Stellen, an denen es vorher keine Wege gab. Am Ende wird ein neuer Weg entstehen, andere Pfade wachsen allmählich wieder zu. Bis es so weit ist, brauchen wir alle ein bisschen Geduld. Diesen Prozess des Aushandelns muss man aushalten.

Wie viel Geduld brauchen wir denn?
Veränderungen im Sprachsystem – also Veränderungen der sprachlichen Regeln und Gesetze – brauchen Jahre oder Jahrzehnte. Das Gendersternchen mit der entsprechenden Aussprache ist auch ein Eingriff ins Sprachsystem. Bislang hat sich etwa der Rat für deutsche Rechtschreibung nicht entschieden, das Gendersternchen aufzunehmen, weil die Diskussion noch im Gang ist.

Also ist die Diskussion um gendergerechte Sprache eine ganz normale Entwicklung des Sprachsystems?
Es gibt ein paar Besonderheiten, die über den üblichen Sprachwandel hinausgehen. Ob eine Präposition mit Genitiv oder Dativ verwendet wird, ist politisch nicht so aufgeladen. Mit dem Sichtbarmachen aller Geschlechter in der Sprache hingegen sind unterschiedliche gesellschaftspolitische Positionen verbunden.
Das ändert aber nichts daran, dass der Sprachwandel Zeit benötigt. Es müssen ja alle Sprachteilnehmer mitgenommen werden. Das lässt sich nicht von oben verordnen.

Wie gendern Schulen?
Schulen sind sehr sensibilisiert für das Thema. Die Verwendung des generischen Maskulinums in Schulbüchern scheint vorbei zu sein, man spricht mindestens von „Schülerinnen und Schülern“. Auch Formen wie das Gendersternchen werden mittlerweile in Unterrichtsmaterialien verwendet.

Sollten Schulen eine gemeinsame Haltung zum Gendern entwickeln?
Das ist eine schwierige Frage. Es wäre sicherlich hilfreich, wenn sich Schulen darauf verständigen könnten, bestimmte Formen zu nutzen. Andererseits trägt man dann die Diskussion in jede einzelne Schule hinein, denn auch dort wird es unterschiedliche Positionen geben. Angesichts der vielen anderen Probleme, die wir haben, nämlich dass viele Schülerinnen und Schüler die Schule verlassen, ohne richtig lesen und schreiben zu können, würde ich Schulen nicht empfehlen, sehr viel Zeit darauf zu verwenden, sich jetzt schon auf eine Form festzulegen.
Trotzdem können Schulen sich darauf verständigen, alle Formen von Diskriminierung in ihrer Sprache zu vermeiden und darüber nachzudenken, wie man alle Geschlechter sprachlich zum Ausdruck bringen kann. Aber ich halte es vorerst für sinnvoll, den Einzelnen freizustellen, welche sprachliche Form sie dafür wählen.

Wie können Schulen an ihrer Sprachsensibilität arbeiten?
Im Fach Deutsch, aber auch zum Beispiel im Geschichtsunterricht und in sozialwissenschaftlichen Fächern kann man mit den Schülerinnen und Schülern zusammen viele interessante Fragen zum Thema bearbeiten: Wie kommt es, dass die Sprache lange Zeit ausschließlich männliche Berufsbezeichnungen verwendet hat? Wie kam es dann dazu, dass man andere Formen aufgebracht hat? Wie stehe ich dazu? Was bedeutet es, wenn ich von „Schüler*innen“ – mit einer Pause gesprochen – oder nur von „Schülern“ beziehungsweise „Schülerinnen“, also ohne Pause, spreche? Das scheint mir eine gute Gelegenheit zu sein, um über den Sprachgebrauch zu reflektieren und auf den aktuellen Sprachwandel zu schauen. Oder man sieht sich das aus historischer Sicht an und stellt fest, dass manches, was heute neu erscheint, gar nicht neu ist. Der Duden hat die „Gästin“ zum Beispiel als neues Wort aufgenommen. Vor 200 Jahren hat dieser Begriff schon mal in Wörterbüchern gestanden, er ist also gar nicht neu.

Halten Sie es auch für zeitgemäß, wenn sich Schulen komplett gegen das Gendern entscheiden, also das generische Maskulinum verwenden?
Es scheint mir doch eine Menge dagegenzusprechen, dass das generische Maskulinum von allen so verstanden wird, wie es gemeint ist. Wir wissen mittlerweile aus psycholinguistischer Sicht, dass es nicht so ist, dass man beim Lesen von Texten, wenn von „Lehrern“ die Rede ist, immer auch „Lehrerinnen“ mitdenkt. Deshalb glaube ich nicht, dass die generische Form dieses Thema sensibel und angemessen aufgreift. Um die Geschlechter zu berücksichtigen, halte ich andere Formen für sinnvoller.

Wo passt das Thema in den Unterricht?
Sprache zu reflektieren gehört – über alle Jahrgangsstufen hinweg von der Primarstufe bis zum Abitur – zu den Bildungsstandards und wird auch in allen Lehrplänen der Länder aufgegriffen. Das Thema „Sprachwandel“ wird in der gymnasialen Oberstufe, aber auch in der Sekundarstufe konkret benannt. Es passt also sehr gut in die Lehrpläne hinein, sich im Unterricht diesen Fragen zu widmen.

Reaktionen aus dem #Twitterlehrerzimmer

Über Twitter haben wir Lehrerinnen und Lehrer gefragt, welche Rolle gendergerechte Sprache und Schreibweise an ihrer Schule spielt.

Mehr zum Thema

Zahlreiche Tipps zur gendergerechten Sprache bietet die Website genderleicht.de: https://www.genderleicht.de

Zur Person

Michael Becker-Mrotzek Porträt
©A. Enges/Mercator-Institut
  • Michael Becker-Mrotzek ist Professor für deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Universität zu Köln und seit 2012 Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.
  • Seine Forschungsschwerpunkte sind Schreibforschung und Schreibdidaktik, Gesprächsforschung und Gesprächsdidaktik sowie Unterrichtsentwicklung.
  • Das von der Stiftung Mercator initiierte und geförderte Institut hat sich zum Ziel gesetzt, sprachliche Bildung zu verbessern und durch seine Forschung und seine wissenschaftlichen Serviceleistungen zu sprachlicher Bildung und zu mehr Chancengleichheit im Bildungssystem beizutragen.