Corona-Krise : „Uns hätte nichts Besseres passieren können“

Seit dem Tag der Schließung hat die Thüringer Gemeinschaftsschule Wenigenjena viel verändert: Sie arbeitet jetzt mit einer Schulcloud und digitalen Lernformaten, sie hat virtuelle Klassenzimmer und macht Dienstbesprechungen per Video. Jetzt wünscht sich Schulleiter Axel Weyrauch, dass seine Schule davon viel fortführt, wenn der Präsenzunterricht wieder losgeht und der Schulalltag zurückkehrt.

Annette Kuhn / 20. April 2020
Schule Wenigenjena
Im Sommer 2019 hat die Gemeinschaftsschule Wenigenjena ihr neues Domizil bezogen. In der digitalen Ausstattung ist der Neubau vielen anderen Schulen voraus.
©Stephan Pöhler, Helibild.de

Der Tag beginnt für Axel Weyrauch wie immer. Gegen 7.15 Uhr betritt der Schulleiter die staatliche Gemeinschaftsschule Wenigenjena in Jena, geht in sein Büro und fährt den Rechner hoch. Oft ist er der Erste in der Schule. Aber in diesen Wochen bleibt er oft auch fast der Einzige in dem großen Gebäude. Nur noch das Sekretariat ist besetzt, es gibt eine kleine Notbetreuung, und der Hausmeister ist natürlich auch da.

Axel Weyrauch Porträt, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Wenigenjena
Axel Weyrauch, Leiter der Gemeinschaftsschule Wenigenjena
©Gemeinschaftsschule Wenigenjena

Auch nach fünf Wochen Schulschließung fühlt sich das für den 54-Jährigen fremd an. Wie überhaupt ist, bis auf seinen morgendlichen Arbeitsbeginn, das Meiste in seinem beruflichen Alltag anders geworden seit dem 13. März, als zum letzten Mal regulärer Unterricht in der Schule stattfand. An diesem Freitagnachmittag hatte die thüringische Landesregierung verkündet, dass die Schulen im Land bis mindestens nach den Osterferien geschlossen werden.

Der Schulleiter will nicht, dass alles so weitergeht wie vorher

Jetzt sind die Osterferien vorbei, und die Schule ist immer noch geschlossen. Erst am 4. Mai soll der Präsenzunterricht schrittweise wieder aufgenommen werden. Auch wenn Axel Weyrauch das Leben in seiner Schule, die vielen Überraschungen, die vielen Stimmen vermisst – irgendwie ist er auch froh, dass jetzt nicht alles so schnell geht. Weil er nicht will, dass die Gesundheit aller gefährdet und pädagogisch so weitergemacht wird wie vor der Schließung. Weil er in der Corona-Krise auch eine große Chance für die Schulentwicklung sieht.

Über den Tag, als seine Schule die Kinder für eine unbestimmte Zeit nach Hause schicken musste, hat Weyrauch kurz danach gesagt: „Bei aller Dramatik hätte uns nichts Besseres zum jetzigen Zeitpunkt passieren können.“ Und er sieht das vier Wochen später im Video-Interview mit dem Schulportal noch immer so. Es ist immer noch viel von der Aufbruchsstimmung zu spüren, in die die Corona-Krise die Gemeinschaftsschule Wenigenjena versetzt hat. „Jeder hat in diesem Moment die Notwendigkeit gesehen, dass wir uns jetzt auf den Weg machen müssen“, sagt der Schulleiter.

Vor sechs Jahren gründete ein Team mit Axel Weyrauch als Schulleiter die Gemeinschaftsschule Wenigenjena. Vor knapp einem Jahr haben die 40 Lehrkräfte, zehn Schulbegleiter und -sozialarbeiter sowie sechs Erzieherinnen mit den inzwischen 480 Kindern und Jugendlichen einen Neubau in Wenigenjena bezogen. Zwei Neuntklässlerinnen haben Axel Weyrauch beim Umzug ein gelbes Schild überreicht. „Alte Schule“ steht oben und ist wie bei einem Ortsschild durchgestrichen, darunter steht „Neue Schule“. Das Schild hängt jetzt in Weyrauchs Büro. Für ihn hat es symbolischen Wert. Heute vielleicht mehr als jemals zuvor.

Schon seit Jahren hat sich die Gemeinschaftsschule Wenigenjena mit Thema Digitalisierung beschäftigt

Schon bei der Planung des Gebäudes hatten Weyrauch und sein Team die Digitalisierung der Schule im Blick. Es gibt einen schuleigenen Server, alle Klassenräume haben WLAN und interaktive Tafeln. Davon sind die meisten Schulen in Deutschland noch weit entfernt. Wie das Deutsche Schulbarometer Spezial, eine Forsa-Umfrage unter Lehrkräften zur Corona-Krise, ergab, sehen zwei Drittel der Befragten ihre Schule im Hinblick auf die Ausstattung mit digitalen Medien und die technischen Voraussetzungen wenig vorbereitet.

Das gilt nicht für die Gemeinschaftsschule Wenigenjena. Sie hat sich auch schon in den vergangenen Jahren mit verschiedenen Lernplattformen beschäftigt. „Vier Fragen haben wir uns dabei immer gestellt“, erläutert der Schulleiter: „Was kostet uns das System? Wie aufwendig ist die Etablierung? Wie verhält es sich mit dem Datenschutz? Passt es zu unserem Konzept? Durch diese Auseinandersetzung haben wir schon recht genau gewusst, was wir wollen.“ Favorit war Wochen vor der Schulschließung die Thüringer Schulcloud des Hasso-Plattner-Instituts (HPI).

Zu einer anderen Zeit hätten wir sicherlich viel länger für diesen ganzen Prozess gebraucht.

Als nun infolge der Corona-Krise das Land Thüringen diese Cloud mehr Schulen zugänglich machen wollte, hat Weyrauch gleich am ersten Tag der Schulschließung dafür gesorgt, dass seine Schule noch in der ersten Runde aufgenommen wurde. Und jetzt nutzen die Lehrkräfte die Cloud für ihre Zusammenarbeit und erproben sie mit einigen Klassen. Außerdem haben jetzt alle eine Dienst-Email-Adresse und arbeiten mit der App Padlet, einer digitalen Pinnwand. „Zu einer anderen Zeit hätten wir sicherlich viel länger für diesen Prozess gebraucht“, sagt Weyrauch. Zum einen, weil der Druck dann nicht so groß gewesen wäre, aber auch, weil im normalen Schulalltag die Zeit gefehlt hätte, sich mit dem neuen System zu befassen und neue Lernformate auszuprobieren.

Wenn man Axel Weyrauch zuhört, hat man das Gefühl, als sei er nicht nur Schulleiter, sondern auch IT-Profi. Aber da winkt er ab. Affin sei er schon, aber vor allem die Elternschaft, das Medienzentrum Jena und das Kollegium unterstützen ihn. „Am Montag, dem 16. März, als die Schulen in Thüringen zum letzten Mal für alle zum Abholen von Material öffneten, habe ich mit dem Elternteil, das uns in allen Medienfragen unterstützt, und einem Mitarbeiter des Medienzentrums am Morgen telefoniert. Bis zum Mittag haben wir für jede Klasse ein virtuelles Klassenzimmer eingerichtet, dazu ein Lehrerzimmer und ein Elternsprechzimmer.“ In den vergangenen Wochen sei in diesen virtuellen Räumen viel los gewesen.

Nicht alle kommen in die virtuellen Klassenzimmer

Natürlich ist dieser Prozess auch an der Gemeinschaftsschule Wenigenjena kein Selbstläufer. Im Kollegium gibt es auch Vorbehalte gegenüber den digitalen Lernformaten und viele offene Fragen. Und auch nicht alle Schülerinnen und Schüler finden bisher den Weg ins digitale Klassenzimmer, weil sie nicht die technische Ausstattung haben oder weil sie aus anderen Gründen nicht erreichbar sind.

Daher hat die Gemeinschaftsschule Wenigenjena in den vergangenen Wochen neben E-Mails und Padlet auch analoge Wege genutzt: Lehrkräfte haben Lernaufgaben persönlich vorbeigebracht oder per Post verschickt, und vor allem haben sie viel telefoniert. Bis zu den Osterferien hätten die Lehrkräfte mindestens zweimal alle Kinder und Jugendlichen angerufen, sagt Weyrauch, manche Schülerinnen und Schüler auch deutlich häufiger. „Bei etwa zehn Prozent der Kinder müssen wir ganz genau hinschauen und nachhaken. Hier haben wir teilweise täglich telefoniert, auch in den Osterferien.“

Es ist Axel Weyrauch ganz wichtig, dass in dieser Zeit niemand verlorengeht. Darum hat er vom ersten Tag der Schulschließung an auf eine starke Kommunikation gesetzt. „Wir mussten ja in dieser Situation vieles schnell entscheiden und Maßnahmen zügig umsetzen. Da ist eine Rückkopplung wichtig, damit wir wissen, ob das, was wir gerade machen, auch verstanden wird und passt“, erklärt er.

Viele Besprechungen an der Gemeinschaftsschule Wenigenjena laufen jetzt per Video

Zweimal in der Woche gibt es seit der Schulschließung Dienstbesprechungen mit den Lehrkräften per Video – an einem Tag morgens früh, an einem anderen am Nachmittag, damit auch die, die kleine Kinder zu betreuen haben, daran teilnehmen können. Einmal in der Woche trifft sich der Schulleiter mit den Elternvertreterinnen und Elternvertretern im virtuellen Elternsprechzimmer, und einmal gab es auch schon ein Treffen mit den Schülervertreterinnen und Schülervertretern. Außerdem veröffentlicht die Schule während der Schließung zweimal in der Woche einen Newsletter auf ihrer Website mit aktuellen Informationen, die „Jenzignews“, benannt nach Jenas Hausberg. „Das stärkt auch den Zusammenhalt in der Schulgemeinschaft“, sagt Weyrauch.

Für zwei Wochen wird nun also der Fernunterricht an der Gemeinschaftsschule Wenigenjena fortgesetzt, bevor die ersten Schülerinnen und Schüler wohl Anfang Mai wieder in die Schule zurückkehren. Weyrauch ist froh, dass er jetzt eine konkrete Perspektive hat: „Die letzten Wochen waren wie in einem Schwebezustand. Wir hatten immer das Gefühl, uns vorbereiten zu müssen, wussten aber nicht, auf was.“ Er ist auch froh, dass das System schrittweise hochgefahren werden soll. In einem Wiedereinstieg mit allen Schülerinnen und Schülern von einem Tag auf den anderen hätte er die Gefahr gesehen, „dass wir wieder dort weitermachen, wo wir im März aufgehört haben, nur weil wir froh sind, dass nun alles wieder geordnet läuft“.

Die gewonnene Digitalisierung in den Schulalltag integrieren

Es gehe nun darum, die Erfahrungen, die seine Schule in den vergangenen Wochen gemacht hat, mit in die Zukunft zu nehmen. „Jetzt müssen wir schauen, wie das Digitale in den Schulalltag einfließen und für mehr Wirksamkeit in der pädagogischen Arbeit sorgen kann“, erklärt Weyrauch. So sollen auch in Zukunft manche Konferenzen weiterhin per Video abgehalten werden. Außerdem sollen alle wichtigen Dokumente und Arbeitsprozesse der Schule in der Cloud zugänglich sein. Und auch für den Unterricht wollen die Lehrkräfte die Möglichkeiten der Schulcloud nutzen, zum Beispiel für Lernzeiten nach Wochenplänen und für wöchentliche Praxis- und Projekttage. Und auch wenn eine Schülerin oder ein Schüler krank sei, könnten Lehrkräfte die Aufgaben in der Cloud ablegen.

Ich wünsche mir, dass ich immer wieder Widerstand leiste, wenn wir in klassische Verhaltensweisen
zurückdriften.

Weyrauch hat noch weitere Ideen, aber er weiß auch, dass nicht gleich alles auf einmal geht. „Ich wünsche mir, dass wir die Kraft und Geduld haben, uns in den kommenden Jahren immer wieder die Frage zu stellen, was wir in den Lernprozessen verändern wollen, um das jetzt Erlebte zu verarbeiten und die Schulkultur weiterzuentwickeln.“ Und dann fügt er noch hinzu: „Und für mich selbst wünsche ich mir, dass ich immer wieder Widerstand leiste, wenn wir in klassische Verhaltensweisen zurückdriften.“

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  • Für das Deutsche Schulbarometer Spezial Corona-Krise hat Forsa im Auftrag der Robert Bosch Stiftung und in Kooperation mit der ZEIT in einer repräsentativen Umfrage Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland zu ihren Erfahrungen während der Schulschließungen befragt.
  • Alle Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers Spezial Corona-Krise können Sie hier als PDF downloaden.
  • Die Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und Dieter Dohmen fordern in ihrem Gastbeitrag, dass die Begrenzung sozialer Schieflagen bei der Wiederöffnung der Schulen eine zentrale Rolle spielen muss.
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