Rückblick : Wie eine Schule das Lernen in der Corona-Krise erlebt hat

Baden-Württemberg ist als letztes Bundesland vor einigen Tagen in die Sommerferien gestartet und hat damit am längsten das alte Schuljahr unter Ausnahmebedingungen erlebt. Kurz vor Ferienbeginn hat das Schulportal in der Gemeinschaftsschule Neubulach im Schwarzwald nachgefragt, wie Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern die vergangenen Monate und das Lernen in der Corona-Krise erlebt haben, was sie besonders belastend und was sie auch positiv fanden.

Annette Kuhn / 05. August 2020
Zwei Kinder und zwei Lehrkräfte von der Gemeinschaftsschule Neubulach blicken zurück auf die Corona-Zeit
Lasse mit seiner Klassenlehrerin Verena Theimel und Lina mit ihrer Klassenlehrerin Franziska Schulte (v.l.) von der Gemeinschaftsschule Neubulach freuen sich darauf, wenn der Unterricht nach den Sommerferien wieder mit der ganzen Klasse stattfinden kann.
©privat

Kurz vor Beginn der Sommerferien gibt es an der Gemeinschaftsschule Neubulach im Schwarzwald noch eine Videokonferenz. Dieses Format ist hier infolge der Corona-Krise – wie im Alltag der meisten Schulen – zur Selbstverständlichkeit geworden. Aber diesmal geht es nicht um den Unterrichtsstoff oder Organisatorisches, sondern um einen Rückblick auf die vergangenen Monate und auf das Lernen in der Corona-Krise.

Wie haben Lehrkräfte, Kinder und Eltern die Zeit der Schulschließungen und den anschließenden Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht erlebt? Darüber wurde in der Schule zwar schon im Kollegium, mit Schülerinnen und Schülern und Eltern gesprochen, aber noch nie haben Vertreter aller Beteiligten gemeinsam über das Lernen in der Corona-Krise gesprochen.

Darum hat das Schulportal die beiden Lehrerinnen Verena Theimel und Franziska Schulte, die elfjährige Lina mit ihrer Mutter Dagmar Ebinger und Patric Liebelt mit seinem elfjährigen Sohn Lasse zur Diskussion an einen virtuellen Tisch gebeten. Lina besucht die fünfte Klasse, in der Franziska Schulte Deutsch, Englisch, Kunst und Geografie unterrichtet. Lasse geht in die Parallelklasse, in der Verena Theimel die Fächer Englisch, Geografie, IT, Musik und Kunst abdeckt.

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Schulportal: Was waren die größten Herausforderungen in den vergangenen Monaten und beim Lernen in der Corona-Krise?
Dagmar Ebinger: Im Rückblick hat das alles ganz gut geklappt. Am Anfang, als die Schule geschlossen wurde, war das allerdings holperig und eine ganz schöne Umstellung. Ich habe drei Kinder – Lina ist in der Mitte. Aber wir haben von Anfang an in der Familie besprochen, wie wir das machen, wenn alle zu Hause sind. Ich habe für die drei Kinder Plätze so eingerichtet, dass jeder gut arbeiten kann, und versucht, das Programm aus der Schule so einigermaßen zu Hause weiterzuführen. Schwieriger wurde es erst mit dem Wechsel, als der Unterricht zeitweise in der Schule stattfand und ich auch wieder zur Arbeit gegangen bin. Die Kinder hatten unterschiedlich Schule. Da habe ich jeden Abend gesessen und den nächsten Tag neu geplant. Das war der größte Spagat.

Patric Liebelt: Bei mir war es ähnlich. Ich fand es am Anfang auch einfacher. Da hatte ich zuerst auch nicht gearbeitet und Zeit, meine beiden Söhne beim Lernen zu unterstützen und den Tag für sie zu strukturieren. Aber es wirkte sich schon aus, dass alle sozialen Kontakte weggefallen waren. Keine Freunde, kein Sport, kein Musikverein. Wir saßen die ganze Zeit aufeinander. Das war irgendwann wie ein Druckkessel. Noch schwieriger war es, als ich dann wieder im Homeoffice gearbeitet habe und oft über Stunden in Besprechungen eingebunden war. Das war schwierig.

Wie sollte ich die Motivation beim Lernen aufrechterhalten oder den Kindern helfen, wenn sie mal nicht weiterkommen? Diese Erwartungshaltung, die Eltern sind ja im Homeoffice und können sich um die Kinder kümmern, ist falsch. Solange es um reine Betreuung geht, geht es, aber wenn man wirklich möchte, dass das Lernen in einer gewissen Qualität erfolgen soll, dann kostet das Kraft und Zeit. Das ist eine absolute Doppelbelastung.

Ich musste erst mal lernen, mir die Zeit einzuteilen. Ich habe am Anfang fast rund um die Uhr E-Mails gelesen und immer gleich beantwortet. Aber das konnte ich nicht lange so machen.
Verena Theimel, Lehrerin an der Gemeinschaftsschule Neubulach

Franziska Schulte: Auch für uns Lehrkräfte war das eine ziemliche Belastung. Gerade am Anfang, als wir alle zu Hause waren, fehlte mir der Austausch mit den Kollegen.

Verena Theimel: Mich hat auch schon diese ganze Situation belastet. Man wusste doch am Anfang gar nicht, wie sich das mit der Pandemie entwickelt und was das für die Schule heißt. Und die Arbeitsbelastung war auch anders. Das fing schon mit den Arbeitszeiten an. Anfangs haben die meisten Lehrkräfte von allen Schulen alles über E-Mail geschickt, was dazu geführt hat, dass der Landesserver zusammengebrochen ist. Man musste dann entweder nach 22 Uhr oder frühmorgens schicken, dann kam man durch.

Außerdem musste ich erst mal lernen, mir die Zeit einzuteilen. Ich habe am Anfang fast rund um die Uhr E-Mails gelesen und immer gleich beantwortet. Aber das konnte ich nicht lange so machen. Ich habe dann allen geschrieben, dass ich täglich von 8 bis 13 Uhr immer zu erreichen bin und in der restlichen Zeit vielleicht nicht sofort antworte. Anfangs hat auch jeder im Kollegium so vor sich hingemacht – da gab es keine richtige Kooperation.

Franziska Schulte: Aber das haben wir doch ziemlich schnell hinbekommen. Vor allem, als wir uns auf ein Kommunikationssystem geeinigt haben und es auch wieder möglich war, sich in Kleingruppen in der Schule zu treffen.

Zwei Lehrerinnen der Gemeinschaftsschule Neubulach bei der Videkonferenz
Beim Videogespräch mit dem Schulportal: Die Lehrerinnen Franziska Schulte (l.) und Verena Theimel von der Gemeinschaftsschule Neubulach haben während der Schulschließungen immer Kontakt zu den Kindern gehalten: per Mail, per Video und auch mal übers Telefon.
Gemeinschaftsschule Neubulach Lasse und sein Vater bei der Videokonferenz
Beim Videogespräch mit dem Schulportal sagen Lasse und sein Vater Patric Liebelt, dass sie in der Corona-Zeit die sozialen Kontakte vermisst haben.
Gemeinschaftsschule Neubulach Lina und ihre Mutter Dagmar Ebinger
Videogespräch mit dem Schulportal: Lina hat noch zwei Geschwister. Mit einer guten Organisation sei die Familie aber gut durch die Krise gekommen, sagt Linas Mutter Dagmar Ebinger.

Wie lief das Lernen zu Hause?
Lasse: Das hat Vor- und Nachteile. Ich fand das gut, weil ich immer mal eine Pause machen konnte, wenn ich müde oder unkonzentriert war. Aber ich fand das nicht so einfach, mir die Jobpakete einzuteilen und zu wissen, wann ich was machen muss.

Patric Liebelt: Das war schon ein großer Lernprozess. Die Ablenkung ist zu Hause doch viel größer als in der Schule.

Lina: Ich fand das gar nicht so schwierig, sich alles einzuteilen, und die Menge stimmte meistens. Ich konnte mich auch gut konzentrieren. Und wenn ich Fragen hatte, habe ich Frau Schulte geschrieben und bekam dann schnell eine Antwort.

Verena Theimel: Das wundert mich jetzt aber ein bisschen. Wenn ich die Kinder gefragt habe, hieß es immer: „Das ist so anstrengend!“, „Das ist zu viel!“ und „Zu Hause ist es so langweilig!“. Und die Eltern haben immer gesagt, die Kinder würden sich so leicht ablenken lassen und alles brauche fünfmal so lange.

Natürlich wussten wir, dass die Situation schwierig für die Familien ist und haben versucht, das zu berücksichtigen. Wir haben die Lernaufgaben so gestellt, dass sie die Kinder möglichst selbstständig bearbeiten konnten. An der Gemeinschaftsschule lernen die Kinder ja bereits ab der fünften Klasse, mit Wochenplänen, Jobpaketen und Checklisten umzugehen, und üben das selbstständige Arbeiten. Das war in der Situation ein Vorteil. Aber sicherlich ging es am Anfang nicht ohne die Unterstützung der Eltern.

Franziska Schulte: Wir haben den Kindern mit zusätzlichen Erklärvideos noch Unterstützung gegeben. Zum Beispiel haben wir ihnen so gezeigt, wie sie sich überhaupt auf der Lernplattform „Moodle“ oder bei „Teams“ anmelden, wie sie eine Besprechung finden, und auch, wie sie die Arbeit einteilen können. Und wenn es trotzdem nicht geklappt hat, haben wir den Kindern und Eltern übers Telefon geholfen.

Die Kinder haben sehr viel gelernt, vor allem über Digitalisierung. Lina musste anfangs einen Aufsatz schreiben, der eingescannt werden sollte. Sie wusste nicht, wie das geht, und kam natürlich zu mir. Aber ganz schnell konnte sie das allein.
Dagmar Ebinger, Mutter von Lina aus der fünften Klasse

Wie haben Sie denn das Pensum einschätzen können?
Verena Theimel: Ich bin davon ausgegangen, welches Pensum meine Klasse geschafft hat, als wir in der Schule waren, und habe das weitergeführt. Die Kinder hatten ja mehr Zeit dafür, weil wir uns nur auf die Hauptfächer konzentriert haben und die Nebenfächer gar nicht angegangen sind. Im Rückblick denke ich, das hat auch ganz gut geklappt. Wir liegen mit dem Stoff in Englisch und Deutsch im Zeitplan und sind in Mathe nur minimal hinterher.

Franziska Schulte: Die Gewichtung und die Art des Unterrichts hat sich natürlich geändert. In Englisch konnten wir weniger Kommunikation üben, es gab dafür mehr Grammatikübungen. Das mussten wir bei der Einschätzung des Pensums natürlich berücksichtigen, und das war gar nicht so einfach.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Unterricht per Video gemacht?
Verena Theimel: Es hat ein bisschen gedauert, bis wir das richtige System hatten. Da musste so viel bedacht werden: Wie ist es mit dem Datenschutz? Welches Tool eignet sich, um damit wirklich Unterricht zu machen? Als das Kultusministerium dann „BigBlueButton“ oder „Microsoft Teams“ empfohlen hatte, mussten wir ja erst einmal für alle Accounts erstellen.

Lina: Als dann wieder Unterricht war, haben wir ja auch gelernt, wie das geht mit der Videokonferenz, wie man sich meldet, wie man das Mikrofon stumm macht und so.

Franziska Schulte: Die Schüler haben das tatsächlich sehr schnell hinbekommen. Jeder Schüler hatte ein Endgerät, teilweise haben wir über die Schule Tablets verliehen.

Lasse: Aber man musste sich zu Hause einigen, wer wann den Laptop haben kann. Mein Bruder und ich konnten ja nicht gleichzeitig Videokonferenzen machen. Wir haben das ja auf dem Laptop meines Vaters gemacht. Aber ich habe die App auch auf meinem Handy installiert. Also irgendwie ging das immer.

Die Zeit jetzt kann gut aufgefangen werden, denke ich. Aber wenn es nach den Sommerferien immer noch so weitergeht, dass wir nur teilweise in der Schule sind, wird es fachlich ein Problem.
Franzsika Schulte, Lehrerin an der Gemeinschaftsschule Neubulach

Verena Theimel: Das viel größere Problem war aber, dass man nicht alle Kinder und Familien erreicht hat. Zum Glück war das in unseren Klassen nicht so – aber in anderen schon. Da haben sich Kinder einfach nicht dazugeschaltet. Manche Eltern, die nicht verstanden haben, wie es geht, haben nicht nachgefragt, sondern sich einfach zurückgezogen. Darum kommt es darauf an, die Kinder zu stärken, damit sie selbst zurechtkommen und beim Lernen zu Hause möglichst wenig auf die Eltern angewiesen sind. Im neuen Schuljahr müssen wir daran weiter arbeiten. Bildungsgerechtigkeit ist beim Online-Unterricht ein großes Thema.

Haben Sie Sorgen, dass durch die Corona-Krise Lernrückstände entstanden sind?
Verena Theimel: Ich mache mir bei den Hauptfächern keine Sorgen, weil wir da trotz Corona viel geschafft haben. Wir haben hier auch zum Ende des Schuljahres eine Bestandsaufnahme gemacht, damit der Übergang in die nächsten Klassen gut funktioniert. Aber bei den Nebenfächern wird es sicher schwierig, weil die ja fast gar nicht mehr drankamen. Und ich habe auch Bedenken, was soziale Dynamiken angeht. Der Klassenverband hat sehr gelitten unter dieser Situation. Da muss man sicherlich aufpassen und braucht im neuen Schuljahr vielleicht verstärkt Sozialtraining. Allerdings haben manche Kinder auch davon profitiert, dass die Klassen jetzt viel kleiner sind. Gerade introvertierte Schülerinnen und Schüler gehen gestärkt aus dieser Unterrichtssituation hervor.

Franziska Schulte: Die Zeit jetzt kann gut aufgefangen werden, denke ich. Aber wenn es nach den Sommerferien immer noch so weitergeht, dass wir nur teilweise in der Schule sind, wird es fachlich ein Problem. Die Kinder waren ja jetzt nur etwa ein Drittel der Zeit in der Schule, wir geben also ganz viele Aufgaben mit nach Hause. Gerade für die Schülerinnen und Schüler, die zu Hause keinen strukturierten Tagesablauf und niemanden haben, der noch mal auf die Aufgaben draufschauen kann, ist das schwierig.

Patric Liebelt: Ich sehe das relativ unkritisch bei meinen beiden Söhnen. Sicherlich müssen manche Sachen wiederholt werden. Da fehlt die Übung. Aber das lässt sich sicherlich aufholen.

Dagmar Ebinger: Das glaube ich auch. Aber ich kenne viele Eltern, die ganz anderes erlebt haben und die sich jetzt große Sorgen machen, weil in den vergangenen Monaten kaum Unterricht an ihrer Schule gelaufen ist.

Ich würde gern wieder Partnerarbeiten machen, weil die mir immer besonders Spaß machen.
Lasse, Schüler der fünften Klasse

Was habt Ihr denn vor allem vermisst beim Lernen in der Corona-Krise?
Lina: Ich fand es schade, dass wir jetzt nicht mehr Mittagsschule hatten – also so heißt die Ganztagsschule hier. Ich fand das Mittagessen in der Mensa cool, und da hatte man mehr Zeit mit den Freunden. Und ich hätte gern wieder alle Fächer. Besonders Kunst habe ich wirklich vermisst.

Lasse: Ich habe vor allem meine Freunde vermisst. Ich hätte gern wieder Unterricht in der ganzen Klasse. Und ich fände es gut, wenn es wieder Sport gibt und wir singen können. Außerdem würde ich gern wieder Partnerarbeiten machen, weil die mir immer besonders Spaß machen.

Verena Theimel: Da kann ich dir nur zustimmen. Im Moment haben wir ja fast nur Frontalunterricht – das ist schade! Wir praktizieren an unserer Schule sonst viele offene Lernformen, die wir jetzt nicht umsetzen können. Es wäre schön, wenn wir nach dem Sommer zumindest wieder Tische zusammenschieben könnten.

Gibt es auch positive Erfahrungen?
Franziska Schulte: Ich habe in dieser Zeit viel gelernt, vor allem im Digitalen. Ich kann jetzt zum Beispiel Videos aufnehmen und schneiden. Auch wenn das alles sehr zeitintensiv war, sehe ich das als meine persönliche Fortbildung.

Lina: Ja, ich habe auch ganz viel ausprobiert.

Dagmar Ebinger: Das sehe ich tatsächlich auch als positiven Aspekt dieser Zeit: Die Kinder haben sehr viel gelernt, vor allem über Digitalisierung. Lina musste anfangs einen Aufsatz schreiben, der eingescannt werden sollte. Sie wusste nicht, wie das geht, und kam natürlich zu mir. Aber ganz schnell konnte sie das allein. Auch die Geschwister untereinander haben einander oft unterstützt. Und jetzt kann Lina mir schon manche Sachen erklären, die ich gar nicht weiß.

Lasse: Also ich mochte die Corona-Zeit eigentlich nicht. Ich würde gern, dass nach den Ferien wieder alles normal wird.

Mehr zum Thema

Das Institut für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung (IfBQ), das zur Hamburger Schulbehörde gehört, hat zwischen Ende Mai und Anfang Juni eine Online-Befragung von Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Schülerinnen und Schüler in Hamburg zu den Erfahrungen beim Lernen in der Corona-Krise durchgeführt.

Einige Ergebnisse der Befragung:

  • Schülerinnen und Schüler bewerten die Kombination aus Präsenz- und Fernunterricht besser als Eltern und Lehrkräfte.
  • Mehr als die Hälfte der Eltern und Lehrkräfte macht sich Sorgen um die Lernfortschritte der Kinder.
  • Der Erfolg der Schülerinnen und Schüler beim Lernen in der Corona-Krise ist maßgeblich vom Engagement der Eltern mitbestimmt.
  • Es gab während des Fernunterrichts zu wenig Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf während des Fernunterrichts.