Lehrermangel in Sachsen-Anhalt : Wenn für ein Viertel des Unterrichts Lehrkräfte fehlen

Praxistage, fächerübergreifendes Projektlernen, Warm-up-Stunde: Die Ganztags- und Gemeinschaftsschule Lessing in Salzwedel ist ein Beispiel dafür, wie sich kreative Unterrichtsideen auch in Zeiten äußerst knapper personeller Ressourcen umsetzen lassen. Der Schule in Sachsen-Anhalt, die für den Deutschen Schulpreis 2022 nominiert war, gelingt das vor allem durch den Einsatz von Lehramtsstudierenden und die Zusammenarbeit mit außerschulischen Kooperationspartnern.

Annette Kuhn 20. Oktober 2022 2 Kommentare
Schülerinnen und Schüler haben ab der 7. Klasse einen Praxistag in der Woche - in einem Betrieb oder in einer Werkstatt der Schule.
©Patricia Haas
Schüler in der Gemeinschaftsschule Lessing
Praxisbezug spielt in der Gemeinschaftsschule Lessing in Salzwedel eine große Rolle. Es kommen auch außerschulische Partner in die Schule, um zum Beispiel einen 1.Hilfe-Kurs anzubieten.
©Patricia Haas
Kinder halten Hände übereinander
Der Zusammenhalt an der Schule spielt eine große Rolle.
©Patrica Haas
Kinder vor einem Modell
Der Fachunterricht ist zugunsten des Projektunterrichts reduziert.
©Patricia Haas

7.25 Uhr, draußen wird es gerade erst hell, im Klassenraum der 5a an der Ganztags- und Gemeinschaftsschule Lessing in Salzwedel herrscht schon große Geschäftigkeit. In fünf Minuten startet „Wup“, ein halbe Stunde Warm-up, mit dem hier jeder Schultag beginnt. „Wup“ ist eine Mischung aus Ankommen, Klassenrat, Übungsstunde und Hausaufgabenbetreuung. Und es gibt hier die wichtigsten Infos für den Tag, zum Beispiel darüber, welche Stunden ausfallen. „Wieso fällt eigentlich immer so viel aus?“, ruft ein Kind in die Gruppe.

Die Frage legt den Finger in die Wunde – denn die Gemeinschaftsschule hat mit einer nie dagewesenen Personalnot zu kämpfen. Unter dem Lehrermangel leiden derzeit sehr viele Schulen in Deutschland, aber nirgendwo ist der Lehrermangel so groß wie in Sachsen-Anhalt. Und strukturschwache Gegenden wie die Altmark, zu der Salzwedel gehört, sind besonders betroffen.

Doppelstunden von 90 auf 80 Minuten reduziert

Umso erstaunlicher ist, dass es hier überhaupt so etwas wie „Wup“ gibt, ein zusätzliches Angebot, obwohl sich der reguläre Unterricht kaum abdecken lässt. Schulleiterin Heike Herrmann aber sagt: „Wenn viele Stunden ausfallen und die Personalnot groß ist, fällt oft als Erstes die Klassenratsstunde hinten runter – das wollte ich keinesfalls!“ Sie hat daher nach einem Weg gesucht, das morgendliche Ankommen für die Schülerinnen und Schüler trotz dünner Personaldecke umzusetzen. Ihre Lösung: Die Doppelstunden wurden von 90 auf 80 Minuten reduziert, und so ließ sich jeden Tag eine halbe Stunde einsparen.

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Die Wup-Stunde ist nur ein Beispiel dafür, wie die Schulleitung vor dem Hintergrund eines sich weiter verschärfenden Lehrermangels immer wieder neue Ansätze entwickelt und aufrechterhält. „Schon im vergangenen Schuljahr habe ich gedacht: Schlimmer kann es nicht werden – da lag die Unterrichtsversorgung bei 86 Prozent“, erzählt Heike Herrmann. „Aber es kam schlimmer.“ Als sie in diesem Sommer die Pläne für das kommende Schuljahr gemacht hat, waren es nur noch 77 Prozent. Selbst wenn niemand krank ist, würde schon fast 25 Prozent des Unterrichts ausfallen. Aber in Corona-Zeiten sind ja nie alle da … Für die knapp 400 Schülerinnen und Schüler gibt es an der Gemeinschaftsschule heute 21 regulär ausgebildete Lehrkräfte, das sind sieben zu wenig.

Schon im vergangenen Schuljahr habe ich gedacht: Schlimmer kann es nicht werden – da lag die Unterrichtsversorgung bei 86 Prozent. Aber es kam schlimmer.

Heike Herrmann ist allerdings kein Typ, der vor so einer Situation kapituliert und einfach nur schimpft. Die 53-Jährige sagt: „Ich nutze alle Programme, Freiräume und Budgets, die Schulen zur Verfügung stehen.“ Die Schulleiterin hat zwei Lehrkräfte aus dem Ruhestand zurückgeholt bzw. konnte sie überzeugen, ihn später anzutreten.

Heike Herrmann vor der Gemeinschaftsschule Lessing in Salzwedel
Schulleiterin Heike Herrmann
©Annette Kuhn

Sie hat außerdem zwei pädagogische Fachkräfte, drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über den Seiteneinstieg, zwei über den Bundesfreiwilligendienst, einen Schulsozialarbeiter und fünf Lehramtsstudierende ins Kollegium geholt. Außerdem arbeitet sie mit einer Vielzahl von Kooperationspartnern.

Weil es aber kein Selbstläufer ist, Personal an eine Schule zu bekommen, die in einer Plattenbausiedlung am Rande von Salzwedel liegt, geht die Schulleiterin auch selbst auf Akquise. „Ich habe immer Visitenkarten dabei.“ Im Eiscafé spricht sie schon mal Studierende an, die hinter dem Tresen stehen. Und sie bleibt in Kontakt mit Schülerinnen und Schülern oder Studierenden, die bei ihr mal ein Praktikum gemacht haben. „Man weiß ja nie …“

Fünf Studierende arbeiten an der Gemeinschaftsschule Lessing

So kam Alina Herz an die Schule. Die 27-Jährige hatte ein Schülerpraktikum an einer Schule gemacht, wo Heike Herrmann zuvor Schulleiterin war. Vor drei Jahren, als sie ihr Bachelorstudium mit der Fächerkombination Deutsch und Wirtschaft in der Tasche hatte, rief sie bei Heike Herrmann an und fragte, ob sie nicht als Vertretungslehrkraft an der Gemeinschaftsschule Lessing arbeiten könne. Diese Idee, parallel zum Lehramtsstudium im Master an einer Schule zu arbeiten, war ganz neu, aber die Schulleiterin war gleich begeistert. Sie spricht von einer Win-win-Situation.

Für mich ist das wie ein duales Studium.
Johannes Frenkel, Lehramtsstudent und Vertretungslehrkraft an der Gemeinschaftsschule Lessing

Alina Herz hat sich aus mehreren Gründen für das Modell entschieden: „Ich wollte Geld verdienen, Praxiserfahrungen sammeln und auch herausfinden, ob die Gemeinschaftsschule etwas für mich ist.“ Außerdem verkürzt sich durch die Arbeit als Vertretungslehrkraft das Referendariat um vier Monate – auch das sieht sie als Vorteil.

Die Studentin hat dann zwei Tage in der Schule gearbeitet, und drei Tage war sie an der Uni in Magdeburg. Mittlerweile gibt es an der Schule fünf Lehramtsstudierende. „Für mich ist das wie ein duales Studium“, sagt Johannes Frenkel, angehender Lehrer für Sport und Wirtschaft: „An der Uni geht es vor allem um Theorie – man weiß aber gar nicht, ob das auch in der Praxis umsetzbar ist.“ Das könne er jetzt ausprobieren, ohne dass er für alles allein die Verantwortung trage. Anfangs sei er immer mit anderen Lehrkräften mitgelaufen, inzwischen übernimmt er aber auch schon allein den Unterricht.

Referendarin hat ein neues Unterrichtsmodell mitentwickelt

Alina Herz ist jetzt Referendarin, sie absolviert ihren Vorbereitungsdienst zur Hälfte an der Gemeinschaftsschule und zur anderen Hälfte an einem Gymnasium. Ein halbes Jahr dauert das Referendariat noch, aber für sie steht schon heute fest: „Ich bleibe hier.“ Sie sieht an der Gemeinschaftsschule mehr Entfaltungsspielraum. Sie hat zum Beispiel das „FLiP“-Modell an der Schule mitentwickelt.

„FLiP“ steht für „Forschendes Lernen in der Praxis“ und hat erst in diesem Schuljahr in den 7. und 8. Klassen begonnen. Jeden Mittwoch lernen die Schülerinnen und Schüler nun nicht im Klassenraum, sondern bei einem außerschulischen Partner im Betrieb. Seit 2017 praktiziert die Schule dieses Modell schon erfolgreich mit den 9. Klassen, da heißt es dann „TiP“ – „Tag im Praktikum“.

Praktikum im Betrieb oder Lernen in der Werkstatt

Die 13-Jährige Lilly ist zum Beispiel im Hotel Union in Salzwedel. Jeden Mittwoch hilft sie dort beim Frühstück, bedient Gäste, schaut, ob alles da ist, und bereitet nach der Frühstückszeit alles für den nächsten Tag vor. Lilly findet es gut, an einem Tag etwas anderes zu lernen als in der Schule. „Ich werde mutiger, wenn ich mit Gästen spreche, und ich muss mich um ein paar Aufgaben ganz allein kümmern“, erzählt sie. Und Jessica Lawnik, die im Hotel die Praktikantinnen und Praktikanten betreut, kann schon mal Ausschau nach möglichen späteren Auszubildenden halten.

Viele gehen nach einer Stunde stolz hier raus, weil sie sehen, was sie geschafft haben.
Undine Stribrny, pädagogische Mitarbeiterin an der Gemeinschaftsschule Lessing

Für Schülerinnen und Schüler, die keinen Praktikumsplatz gefunden haben oder noch nicht 13 sind – also noch nicht alt genug sind, um überhaupt arbeiten zu dürfen –, gibt es in der Schule eine Holz- und eine Schneiderwerkstatt sowie im benachbarten Berufsbildungszentrum eine Metallwerkstatt.

Die Werkstätten werden von pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern oder von externen Fachkräften betreut. In der Schneiderei näht die pädagogische Mitarbeiterin Undine Stribrny mit einer Gruppe Schülerinnen gerade Nackenkissen, die sie auf dem Weihnachtsbasar der Schule verkaufen wollen. Auf einem Tisch liegt schon ein kleiner Kissenhaufen in bunten Farben.

Schülerin und Schulleiterin in der Nähwerkstatt in der Gemeinschaftsschule Lessing
Wenn Schulleiterin Heike Herrmann mal Luft hat, arbeitet sie gern in der Nähwerkstatt mit.
©Patricia Haas

Neben der Fähigkeit, nähen zu können, lernen die Mädchen hier auch Geduld und erleben ein Stück Selbstwirksamkeit. „Viele gehen nach einer Stunde stolz hier raus, weil sie sehen, was sie geschafft haben“, beobachtet Undine Stribrny. Und die Schulleiterin, die als leidenschaftliche Hobbyschneiderin auch gern mal in der Nähwerkstatt aushilft, wenn sie einen Moment Luft hat, sagt: „Hier kommt man mit den Kindern gut ins Gespräch – auch mal über die Schule hinaus.“

Frühe Berufsorientierung und Praxisbezug

Eine Etage tiefer ist die Holzwerkstatt. Die betreuen Anke Sachser, die Schulbegleiterin an der Schule ist und Erfahrungen als Jugendbetreuerin in Werkstätten mitbringt, und Mario Freundorfer, der ansonsten selbstständig im Consulting arbeitet. Die Gruppe lernt bei ihm auch immer ein bisschen Betriebswirtschaft. Er stellt den Schülern – in der Gruppe sind ausschließlich Jungen – beim Bau einer Werkzeugkiste oder eines Holzbords zum Beispiel auch mal die Frage, was eigentlich so ein Unterrichtsraum mit allen Werktischen und Geräten kostet. Sie kommen auf 12.000 Euro – aber unter dieser Summe können sich die Jungen konkret erst etwas vorstellen, als sie herausfinden: 12.000 Euro, das sind etwa 1.800 Döner.

Frühe Berufsorientierung und Praxisbezug – das ist Heike Herrmann sehr wichtig. Darum gibt es an der Schule auch eine Schülerfirma, die sich, vom Einkauf über Brötchenschmieren bis zum Verkauf, um die Verpflegung an der Schule kümmert.

Die Schulleiterin ist stolz darauf, dass 2021 zum ersten Mal alle Schülerinnen und Schüler die Schule mit einem Abschluss verlassen haben. Das ist keine Selbstverständlichkeit in Sachsen-Anhalt, dem Land mit der bundesweit höchsten Schulabbrecherquote.

Deutscher Schulpreis 2022

Die Preisträger stehen fest. Diese fünf Schulen wurden ausgezeichnet.

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Personalentlastung durch Praxistage im Betrieb

Aber Heike Herrmann sieht noch einen zweiten Vorteil: Das Modell bringt eine deutliche Entlastung fürs Kollegium. Wenn alle drei 7. und 8. Klassen statt FLiP regulären Unterricht hätten, bräuchte sie etwa acht Kolleginnen und Kollegen, um die Unterrichtsstunden abzudecken. An FLiP-Tagen sind aber nur zwei Lehrkräfte im Einsatz. Hier ist vor allem Ramona Spiegel gefragt. Sie ist Lehrerin für Deutsch und Wirtschaft und verantwortlich für die Berufsorientierung an der Schule. An den FLiP-Tagen fragt sie bei den Betrieben nach, ob alle Schülerinnen und Schüler tatsächlich vor Ort sind, unterstützt die Jugendlichen bei der Suche nach Praktikumsplätzen, akquiriert Kooperationspartner und hilft, wenn es irgendwo zu Problemen kommt.

FLiP, TiP, Wup – diese Unterrichtsmodelle hat sich die Gemeinschaftsschule Lessing nicht alle selbst ausgedacht, sondern sich auch viel bei anderen Schulen abgeschaut. Seit Heike Herrmann 2015 die Leitung der Schule übernommen hat, hospitiert das gesamte Kollegium oder zumindest das Schulleitungsteam an anderen Schulen – darunter auch an Schulpreisträgerschulen, um sich für die eigene Schulentwicklung inspirieren zu lassen. Die Warm-up-Stunde hat die Schule zum Beispiel 2018 beim Besuch in der Stadtteilschule Winterhude entdeckt.

Bald verlässt der letzte Chemielehrer die Gemeinschaftsschule Lessing

Durch FLiP, TiP, die zusätzlichen pädagogischen und nichtpädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und viel Kreativität gelingt es Heike Herrmann, den Unterrichtsausfall geringer zu halten als an anderen Schulen in Sachsen-Anhalt. Den reinen Fachunterricht hat sie reduziert, um dafür die Projektarbeit zu stärken. Dadurch würden die Schülerinnen und Schüler besser lernen, selbstständig zu arbeiten und könnten sich zum Beispiel im Präsentieren üben. Zum anderen biete es mehr Flexibilität in der Unterrichtsgestaltung und für den Einsatz der Lehrkräfte.

Aktuell steht die Schule vor dem Problem, dass im kommenden Schuljahr der einzige Chemielehrer in den Ruhestand geht und voraussichtlich keine Nachfolge im Mangelfach Chemie gefunden werden kann. Mit dem Projektlernen würden die Lehrerinnen und Lehrer nun aber fächerübergreifend zusammenarbeiten, und das helfe auch in der Personalnot. „In den Projektphasen erklärt der jetzige Chemielehrer dem Kunstlehrer zum Beispiel, wie der Stärkenachweis funktioniert.“ So könnten Fächer auch dann noch unterrichtet werden, wenn die Fachlehrkräfte fehlen.

Natürlich sieht die Schulleiterin darin nur eine Notlösung und wünscht sich mehr personelle Ressourcen. Aber solange es die nicht gibt, findet Heike Herrmann trotzdem Lösungen, um ihre Schule voranzubringen – notfalls hält sie eben in der Eisdiele Ausschau nach angehenden Lehrkräften.

Deutscher Schulpreis

  • Die Ganztags- und Gemeinschaftsschule Lessing gehörte zu den 15 nominierten Schulen für den Deutschen Schulpreis 2022.
  • Bewerbungen für die nächste Wettbewerbsrunde sind bereits jetzt möglich. Bis zum 15. Februar 2023 können sich allgemeinbildende und berufliche Schulen in öffentlicher oder privater Trägerschaft in Deutschland sowie die Deutschen Auslandsschulen für den Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung bewerben.
  • Im Mittelpunkt der Ausschreibung für den Deutschen Schulpreis 2023 steht die Unterrichtsqualität. Es geht darum, wie Bewerberschulen qualitätsvolles Lehren und Lernen gestalten.