Dieser Artikel erschien am 08.07.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Alexandra Vettori

Ganztagsbetreuung : „Wirkungsvoll, aber strapaziös“

Marietta Hager, Rektorin der Neufahrner Mittelschule, erklärt, warum es gerade bei den gebundenen Ganztagsklassen nicht ohne mehr Geld geht.

Ein Schüler arbeitet mit Zirkel
Ganztagsunterricht ist sein Geld wert.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Die Ganztagsbetreuung an Schulen wird immer wichtiger, gleichzeitig hinkt man in Bayern dem Bedarf hinterher, sowohl, was die Quantität als auch was die Qualität anbelangt. Das war das Fazit einer Veranstaltung zum Thema Ganztags­schule, die jüngst in Neufahrn statt­gefunden hat. Die SZ sprach darüber mit der Rektorin der Neufahrner Mittel­schule, Marietta Hager. Dort gibt es schon seit zehn Jahren gebundene Ganztags­klassen.

SZ: Erst mal zur Erklärung: Welche Formen der Ganztags­betreuung gibt es jetzt?
Marietta Hager: Derzeit gibt es zwei Varianten der Ganztags­betreuung an Schulen in Bayern. Das sind die gebundene Ganztags­klasse und die offene Ganztags­betreuung. Bei der offenen Betreuung treffen die Kinder mit Schülern aus anderen Klassen und Jahr­gängen zusammen, nehmen gemeinsam ihr Mittag­essen ein und erledigen anschließend ihre Haus­aufgaben. Der Nach­mittag klingt mit Freizeit­angeboten aus. Betreut werden die Kinder dabei durch externes Personal. Bei der gebundenen Ganztags­klasse wird der Unter­richt im Wechsel mit Studier­zeiten, Projekt­stunden und gemeinsamen Mittag­essen über den Tag rhythmisiert. Hier bleiben die Schüler im Klassen­verband und werden durch­gehend von Lehr­kräften betreut.

Seit wann gibt es an Ihrer Schule die gebundenen Klassen und wie viele sind es derzeit?
Im Schuljahr 2007/2008 hat mein Vorgänger, Rektor Hans Deuter, die erste gebundene Ganztags­klasse ein­gerichtet. Je nach Anmelde­zahlen und der daraus resultierenden genehmigten Klassen­zahl konnten wir seither jedes Jahr zwischen zwei und neun Ganztags­klassen bilden.

Wo sehen Sie Vor- oder Nachteile von offener und gebundener Ganztags­schule, im Hinblick auf Pädagogik und Schüler?
Der Vorteil der offenen Ganztagsbetreuung zeigt sich an der größeren Flexibilität bei der Aufnahme der Schülerinnen und Schüler. Auch wenn in einer Jahr­gangs­stufe keine Ganztags­klasse gebildet werden kann, können einzelne Kinder nach dem regulären Unter­richt die offene Ganztags­betreuung besuchen. Bei den gebundenen Klassen ist der personelle Einsatz deutlich größer, zu den Lehrern werden noch pädagogische Zusatz­kräfte zur weiteren Differenzierung oder für unter­schiedlichste Projekte eingesetzt. Insgesamt ist die Betreuung intensiver, die positiven Auswirkungen im Hinblick auf Sozial­kompetenzen und schulische Leistungen sind, entsprechende Arbeits­haltung mal voraus gesetzt, deutlich fest­stellbar.

Und jetzt aus dem Blickwinkel der Lehrer und Schulleiter. Was macht mehr Mühe, birgt mehr Chancen, pädagogische Ansätze unter­zubringen?
Gebundene Ganztagsklassen einzurichten bedeutet einen deutlich höheren Arbeits­aufwand. Die Kooperation mit den Trägern, die Personal­abstimmung, die Erarbeitung von pädagogischen, jahrgangs­stufen­angepassten Konzepten, von Eltern­abenden, die Durch­führung zusätzlicher Fort­bildungen und nicht zuletzt die Vertretung von Lehr­kräften an den Nachmittagen, die wegen Fach­konferenzen und Fort­bildungen fehlen, ist insgesamt auf­wendig. Eine große Heraus­forderung ist für mich die Aus­wahl der Schüler, die in die Ganz­tags­klasse aufgenommen werden, auch wenn sie im Team erfolgt und pädagogische und familiäre Situation berücksichtigt. Eltern für die Ganz­tags­betreuung dann absagen zu müssen, ist für mich sehr frustrierend. Insgesamt sind die Rück­meldungen der Kollegen aus den gebundenen Ganz­tags­klassen sehr positiv. Der intensive persönliche Kontakt, das gemeinsame Essen, die längere Lern- und Arbeits­zeit werden als sehr wirkungs­voll, aber durch­aus auch als sehr strapaziös empfunden.

Welche Betreuungsform kostet die Eltern etwas? Wie erleben Sie die Bedürfnisse, Nachfragen der Eltern?
Im Gegensatz zur Betreuung im Hort ist die Betreuung in allen Ganztags­klassen kostenlos. Allerdings müssen die Eltern die Kosten für das gemeinsame Mittag­essen – derzeit bei uns 4,20 Euro pro Mahlzeit – bezahlen. Gerade in den unteren Klassen ist die Nachfrage nach Ganztags­betreuung groß. Viele Eltern sind berufs­tätig und wollen ihre Kinder gut betreut und gefördert wissen.

Bei einer Veranstaltung zur Ganztagsbetreuung im Neufahrner Gymnasium war jüngst eine zentrale Forderung: Mehr Geld! Wohin sollte das Geld fließen? In Lehrerstunden, mehr pädagogisches Personal? Ausstattung?
Jede gebundene Ganz­tags­klasse kostet tatsächlich viel Geld: Zum einen sind da die Kosten für die zusätzlichen Lehrer­stunden, das sind in der Mittel­schule zwölf Unterrichts­stunden mehr pro Woche. Ferner fließt Geld in die pädagogischen Zusatzkräfte, das Einrichten von Essens­ausgabe­stellen und Speise­räumen. Wichtig sind auch sinn­volle Sport- und Spiel­geräte für die zusätzlichen Frei­luft­pausen.

Wenn Sie Kultusministerin wären: Was wäre ihre ideale Ganztagsschule?
Der Bereich der Ganztagsbetreuung muss sicherlich in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden. Für den enormen organisatorischen Mehr­aufwand sollten auch für die Schul­leitungen mehr zusätzliche Verwaltungs­stunden vorgesehen werden. Dies alles braucht aber auch eine aus­reichende Versorgung mit Lehr­kräften, die beim der­zeitigen Lehrer­mangel nicht zur Verfügung stehen.