Dieser Artikel erschien am 31.08.2018 auf ZEIT Online
Autorin: Judith Luig

Jess Wade : Für Mathe brauchen Mädchen Mut

Warum sind Mädchen oft schlechter in Mathe als Jungs? Weil es zu viele Vorurteile gibt, sagt die Physikerin Jess Wade. Das lasse sich ändern.

Jess Wade
Frauen und Mädchen können Naturwissenschaften – sie wissen es nur oft nicht, sagt die britische Physikerin Jess Wade.
©privat

Dass sich Mädchen angeblich nicht für Natur­wissen­schaften interessieren, erfuhr Jess Wade erst spät in ihrem Leben. Sie besuchte eine reine Mädchen­schule und dort behauptete niemand, Jungs seien besser in Mathe. Ihre Eltern, beide Ärzte, unterstützen das Interesse ihrer Tochter an Technik. Noch im Physik­studium machte Wade sich keine Gedanken. Erst als Doktorandin merkte sie auf einmal: Sie war die einzige Forscherin in ihrem Team. Sie war eine Minder­heit.

Eine Doktorarbeit bedeutet Isolation. Das auszuhalten, war hart genug, aber als Frau fühlte Wade sich besonders allein. Sie wurde unsicher, stellte sich Fragen: Wo sind eigentlich die anderen? Mache ich etwas falsch?

Diesen Moment, sagt die promovierte Physikerin heute, wolle sie anderen Frauen ersparen. Es sei nämlich gar nicht so, dass Mädchen sich nicht für Natur­wissen­schaften interessierten. Sie würden nur durch Vor­ur­teile daran gehindert.

Wade will Mädchen Mut machen. Derzeit forscht sie als Post­doktor­andin am Imperial College in London über Leucht­dioden – aber nebenher hat sie Schüler­innen schon in unzähligen Vor­trägen erzählt, warum ihr Physik Spaß macht, was sie an der Arbeit von Ingenieuren fasziniert und warum Mathe spannend sein kann. Sie engagiert sich für die Kampagne WISE, die Frauen für die Ingenieurs- und Natur­wissen­schaften begeistern will, und im Netzwerk Stemettes, dessen Mitglieder das gleiche Ziel verfolgen. Im Aus­tausch­programm Hidden No More für Führungs­frauen mit technischer oder natur­wissen­schaftlicher Ausbildung, ins Leben gerufen vom Außen­ministerium der USA, repräsentierte sie das Vereinigte König­reich. Durch ihren Einsatz will sie Einstellungen verändern.

Selbstzweifel richten Schaden an

„Wir müssen die Stereotype loswerden“, sagt Wade. Sie meint damit beispiels­weise das Vor­urteil, das Gehirn von Frauen sei einfach nicht für Natur­wissen­schaften und Mathe­matik gemacht. Die Idee ist verbreitet, vor allem, weil bis­lang viele Bemühungen gescheitert sind, Schülerinnen für die sogenannten MINT-Fächer (Mathe­matik, Informatik, Natur­wissen­schaften, Technik) zu gewinnen. Das ist in Groß­britannien genauso wie in Deutsch­land. Selbst Wissen­schaftler fordern zuweilen, „die Mädchen doch mit Mathe in Ruhe“ zu lassen.

„Das ist ein Mythos“, sagt Wade. Sie sagt: Die Schüler­innen würden durch Vor­urteile von Mit­schüler­innen, Lehrern und Eltern entmutigt. Sie ist nicht die Einzige, die das so sieht. Die Ingenieurs­professorin Barbara Oakley, Autorin eines Buches über das Lernen, schrieb jüngst in der New York Times, Schülerinnen seien bis zu einem bestimmten Alter in Mathe genauso gut wie Schüler. Erst wenn sie anfingen, an sich selbst zu zweifeln, übten sie weniger. Erst dann würden ihre Leistungen schlechter.

Studien aus Deutschland stützen die These. „Frauen studieren MINT-Fächer offenbar auch deshalb weit­aus seltener als Männer, weil sie ihre mathematischen Fähig­keiten schon sehr früh in ihrer Schul­zeit unter­schätzen und deshalb Präferenzen für andere Fächer, meist Sprachen, entwickeln“, sagt der Bildungs­forscher Felix Weinhardt, der im vergangenen Jahr eine Studie für das Deutsche Institut für Wirtschaft durch­geführt hat. „Damit gehen Arbeit­geber­innen und Arbeit­gebern im MINT-Bereich, die bereits viel­fach beklagen, dass sie kaum noch Fach­kräfte finden, womöglich viele talentierte Frauen verloren.“

Wade will mehr Vielfalt in der Forschung

Die weiblichen Talente fehlen nicht nur in den Unter­nehmen, sondern auch in der Forschung. „Wenn wir mehr Frauen oder über­haupt mehr Vielfalt in der Forschung haben, haben wir mehr Perspektiven“, sagt Wade. „Dann stellen wir auch andere Fragen. Und die Forschung wird schneller und besser.“ Ist sie eine Feministin? Wade über­legt kurz. „Wenn Feminismus bedeutet, dass alle die gleichen Chancen haben, dann ja.“

Sie ist nicht die einzige Forscherin, die viel in einem natur­wissen­schaftlichen Fach erreicht hat – aber das Besondere an Wade ist: Sie will, dass auch andere Frauen, die Heraus­ragendes leisten, die verdiente Auf­merk­samkeit erhalten. Sie will Vorbilder schaffen für die Wissen­schaftler­innen und Ingenieurinnen der Zukunft. Das ist Teil ihrer Mission.

An dieser arbeitet sie, zum Beispiel auf der SPIE-Konferenz in San Diego, wo vier Forscher­innen ausgezeichnet wurden: Die Computer­wissen­schaftlerin Laura Waller, die Block­chain-Spezialistin Misty Blowers, Elizabeth Hillmann, Professorin für bio­medizinisches Ingenieurs­wesen, und die Dermatologin Tayyaba Hasan. Bis zur Konferenz hatten die vier noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. Jess Wade hat das geändert. Denn bislang ist die Internet­enzyklopedie von Männern dominiert: Männer verfassen die meisten Einträge über bedeutende Personen und meist befassen sie sich dabei mit anderen Männern. Jess Wade hingegen schreibt über die Frauen.

Wikipedia-Einträge über Forscherinnen

Mehr als 300 Einträge über Forscherinnen hat sie bereits verfasst, zum Beispiel den von Patricia Bath, die als erste afro­amerikanische Frau ein medizinisches Patent für eine spezielle Augen­behandlung mit Laser bekommen hat, den von Eugenie Clark, eine Hai-Forscherin, die heraus­fand, dass Haie auch dann atmen können, wenn sie nicht schwimmen, oder den von Amy Parish, die nach­gewiesen hat, dass Bonobos, unsere nächsten Verwandten, im Matriar­chat leben, und die sagt: „Die Bonobos geben der menschlichen Feminismus­bewegung Hoffnung.“

Ein Buch hat die Arbeit von Jess Wade stark geprägt: Inferior. How Science Got Women Wrong, 2017 erschienen, von Angela Saini verfasst. Saini demontiert darin die Ergebnisse der Gender­gehirn­forschung. Das habe ihr erst deutlich gemacht, wie extrem die Forschung daran mit­gearbeitet habe, die Vor­urteile gegen­über weiblichen Wissen­schaftlern zu verfestigen, sagt Wade. Welche Vorurteile? Etwa, dass Frauen empathischer seien und Männer systematischer.

Ein Beispiel: In seinem Buch Vom ersten Tag anders aus dem Jahr 2004 veröffentlichte Simon Baron-Cohen eine Studie, die beweisen sollte, dass schon neu­geborene Babys sich je nach Geschlecht unter­schiedlich verhielten. In der Studie heißt es, dass die weiblichen Säuglinge sich mehr für menschliche Gesichter interessierten, während die männlichen Babys lieber ein Mobile betrachteten. Saini aber traf die Wissen­schaftlerin, welche die Studie durch­führte, und fand heraus, dass sie bei vielen der Babys vorher wusste, ob sie Jungen oder Mädchen waren. Die Ergebnisse seien also nicht neutral ermittelt worden und zudem habe sich ein Groß­teil der Kinder weder für Gesichter noch für Mobiles interessiert.

„Versuch mehr zu schaffen, als du dir zutraust“

Jess Wade verbreitet die Botschaft von Inferior mit großem Einsatz. Kaum ein Bild von ihr auf Twitter, auf dem sie nicht das T-Shirt mit dem Buch­cover trägt. Schüler­innen müssten es unbedingt lesen, sagt sie. Warum gerade dieses Buch? „Es ist unparteiisch“, sagt Wade. „Angela Saini will weder alle Forscher wider­legen, noch will sie jeden Unter­schied zwischen den Geschlechtern leugnen. Sie geht vor wie ein investigativer Reporter und untersucht jede einzelne Studie, die zu dem Ergebnis kommt, dass Frauen sich für bestimmte Denk­weisen nicht eignen.“

Das Buch lege dar, wie Frauen seit Darwins Zeiten immer wieder durch wissen­schaftliche Studien entmutigt worden seien. Saini zeige, wie spannend Forschung sein könne, und sie stelle große Forscher­innen vor. Wade befindet sich mit ihrem Lob übrigens in guter Gesellschaft: Die kanadische Autorin Margaret Atwood hat Inferior empfohlen, der Schaus­pieler Daniel Radcliff nennt es eines seiner Lieblings­bücher.

Sagt man nicht immer, Frauen seien schlecht im Netz­werken? Wade beweist, dass es auch anders geht. Auch auf ihrem Twitter-Account macht sie andere Frauen bekannt. Und sie tut alles dafür, dass es demnächst noch mehr berühmte Forscherinnen in Groß­britannien gibt: 20.000 britische Pfund hat sie gesammelt, damit jede Schul­bücherei in Groß­britannien eine Ausgabe von Angela Sainis Buch führen kann. Ihr nächstes Ziel ist Kanada. Dann die USA. „Da dürfte es besonders schwer werden“, sagt Wade. Aber kein Grund, sich entmutigen zu lassen. Das, sagt sie, sei ihr Motto: „Versuch mehr zu schaffen, als du dir zutraust.“