Blick in die Praxis : Wieso die Vermittlung von Basiskompetenzen nichts mit Drill zu tun hat

Die Kompetenzen in Mathematik und Deutsch haben sich bei Kindern in den vierten Klassen deutlich verschlechtert. Bis zu 30 Prozent der Kinder in den vierten Klassen verfehlen die Mindeststandards, so das ernüchternde Ergebnis des aktuellen IQB-Bildungstrends. Was sind die Ursachen für diese dramatische Entwicklung? Und wie können Schulen darauf reagieren? Das Schulportal hat bei Frank Wagner nachgefragt. Er ist Schulleiter der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm, die 2019 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. Die Grundschule fokussiert sich seit einigen Jahren auf die Vermittlung von Basiskompetenzen.

Annette Kuhn 25. November 2022
Zwei Schüler der Gebrüder-Grimm-Schule, die sich auf Basiskompetenzen fokussiert
Die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm hat 2019 den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises bekommen. Auch dafür, wie sie die Basiskompetenzen der Kinder fördert.
©Traube 47

So richtig überrascht war Frank Wagner nicht von den Ergebnissen des aktuellen IQB-Bildungstrends. Laut der nationalen Schulleistungsstudie haben sich die Kompetenzen in Deutsch und Mathematik bei Kindern der vierten Klasse dramatisch verschlechtert. Auch der Schulleiter der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm, die 2019 Hauptpreisträger des Deutschen Schulpreises wurde, beobachtet in seiner Grundschule einen Kompetenzrückgang der Schülerinnen und Schüler. Das habe sich ebenfalls bei den Vergleichsarbeiten VERA in den dritten Klassen gezeigt. „Und das, obwohl wir wirklich fitte Kinder haben“, ergänzt Frank Wagner.

Lesefähigkeit hat „dramatisch“ abgenommen

Als im Oktober 2021 der IQB-Bildungstrend veröffentlicht wurde, war die Schuldige in Schulen und in der Bildungspolitik schnell ausgemacht: die Corona-Pandemie. Ja, sagt auch Frank Wagner, Corona und die damit verbundenen Einschränkungen in den Schulen hätten einen großen Anteil an der Situation. Aber die Pandemie allein könne es nicht sein: „Ich glaube, das hat schon vor Corona begonnen.“ Was denn dann?
Der Schulleiter sucht selbst noch nach Ursachen, aber er hat Beobachtungen gemacht: „Ich glaube, dass unsere Kinder dramatisch wenig lesen. Sich mal eine Zeitlang mit einem Buch zurückzuziehen, das macht kaum noch ein Kind. Stattdessen sitzen sie vor ihren Geräten, sehen und hören ein Video nach dem anderen.“

Wenn wir Kinder immer schnell durch die Inhalte jagen, ohne diese fest zu verankern, dann behalten sie das einfach nicht.

Er will nicht „auf den Medien herumreiten“, die Entwicklung lasse sich nicht zurückdrehen, aber diese Art des Medienkonsums beeinträchtige die Konzentrationsfähigkeit und vor allem die Lesefähigkeit. „Das flüssige, verstehende Lesen hat abgenommen.“ Das führe auch dazu, dass Kinder Aufgabenstellungen oft nicht erfassen, sie durcheinanderbringen und dann Fehler machen.

Frank Wagner sieht aber noch eine andere Ursache: „An den Grundschulen vergessen wir teilweise die Grundlagen.“ Und darin sieht er auch schon den Lösungsansatz. Schule müsse sich aus seiner Sicht viel stärker auf die Vermittlung von Basiskompetenzen konzentrieren. „Wenn wir Kinder immer schnell durch die Inhalte jagen, ohne diese fest zu verankern, dann behalten sie das einfach nicht.“ Insbesondere vor dem Hintergrund, dass eben auch die Konzentrationsfähigkeit nachgelassen habe. Hinzu komme, dass Lehrerinnen und Lehrer immer weniger Zeit dafür hätten, sich einzelnen Schülerinnen und Schülern zuzuwenden.

Frank Wagner Schulleiter der Gebrüder-Grimm-Schule
Frank Wagner, Schulleiter der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm.
©Annette Kuhn

Sorge, dass der Ruf nach mehr Drill jetzt laut wird

Wenn er von der Förderung der Basiskompetenzen spricht, ist ihm aber ganz wichtig: „Man darf sich Basiskompetenztraining zum Beispiel in Mathe nicht als Rechnen in grauen Päckchen vorstellen.“ Es gehe hier nicht ums Auswendiglernen von Mustern und Regeln, sondern vor allem um das Verstehen. Ihm bereitet Sorgen, dass sich jetzt die Diskussion nur ums „Üben, üben, üben“ dreht und die Forderung nach mehr Drill laut wird.

Mit der Frage, welche Basiskompetenzen wichtig sind und wie sie lernwirksam vermittelt werden können, beschäftigt sich die Gebrüder-Grimm-Schule schon seit vielen Jahren. Als Frank Wagner die Schule vor knapp 15 Jahren übernahm, stand sie kurz vor der Schließung. Kaum eine Familie schickte ihr Kind freiwillig dorthin.

Auch „Lernen lernen“ gehört zu den Basiskompetenzen

Der Schulleiter erinnert sich noch genau, vor welch großer Herausforderung er stand. Wenn jetzt bis zu 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler im IQB-Bildungstrend die Mindestkompetenzen nicht erreichen, hätten – noch vor einigen Jahren – an die 100 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Gebrüder-Grimm-Schule die Mindestkompetenzen nicht erreicht: „Wir haben unseren Schock schon viel früher erlebt.“

Vor etwa zehn Jahren habe die Schule dann einen Schnitt gemacht und sich ganz auf die Basiskompetenzen konzentriert. Denn genauso, wie es dem Schulleiter wichtig ist, dass sich die Kinder wohlfühlen in der Schule, dass sie Anerkennung finden, so sollen sie auch das lernen, was sie brauchen, um nach der Grundschule in der weiterführenden Schule zu bestehen. Nicht ohne Grund heißt das Motto der Schule „Lachen – Leisten – Lesen“.

In der Gebrüder-Grimm-Schule werden vor allem drei Basiskompetenzen vermittelt: Lesen, Rechnen und, als dritte Kompetenz, „das Lernen lernen“. Gemeint ist damit, dass die Kinder recherchieren, Arbeitsergebnisse abspeichern und wiederfinden können. „Alles, was man braucht, um gut durchs Leben zu kommen“, erklärt Frank Wagner.

Lesen als zentrales Element des Lernens

Für die Schule war die Förderung der Basiskompetenz der richtige Weg. Vor der Pandemie hätten sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler deutlich verbessert, und ohne die Fokussierung auf die Basiskompetenzen wären die coronabedingten Lernrückstände wohl viel größer ausgefallen. Bei der ersten Schulschließung sei ein Großteil der Kinder schon in der Lage gewesen, selbstständig zu arbeiten. Ohne diese Voraussetzung hätte die Schule die Kinder weniger gut durch die Pandemie bringen können.

Aber er sieht auch an seiner Schule beim Thema Basiskompetenzen noch Luft nach oben. Daher haben sich die Kolleginnen und Kollegen auch nach der Veröffentlichung der IQB-Studie wieder zusammengesetzt und überlegt, wo sie das Konzept noch weiterentwickeln und auf welche Themen sie ihr Augenmerk noch stärker richten sollten.

Netzwerk zur Förderung von Basiskompetenzen

Ein Ergebnis ist, dass die Schule jetzt noch stärker die Lesefähigkeit fördern will: „Lesen ist das zentrale Element des Lernens.“ Daher hat die Gebrüder-Grimm-Schule das Geld aus dem Corona-Förderprogramm auch in Bücher investiert.

Inzwischen sind Basiskompetenzen nicht nur in der Gebrüder-Grimm-Schule ein großes Thema. In Hamm haben sich mittlerweile einige Schulen zu einem Netzwerk zusammengetan, um gemeinsam daran zu arbeiten, wie sie ihren Schülerinnen und Schülern Basiskompetenzen am besten vermitteln können. Sie tauschen sich regelmäßig über Ideen und Best-Practice-Beispiele aus. Etwa zwölf Grundschulen in Hamm sind bisher im Netzwerk dabei, zum „harten Kern“ gehört etwa die Hälfte.

Die Fokussierung auf Basiskompetenzen hilft auch leistungsstärkeren Kindern

Frank Wagner bringt in das Netzwerk auch solche Gedanken ein: „Die Fokussierung auf Basiskompetenzen hilft nicht nur den Leistungsschwächeren, sondern ebenso den Leistungsstärkeren.“ Denn wenn die stärkeren Schülerinnen und Schüler in Basiskompetenzen bereits fit seien, könnten sie loslaufen und sich intensiver mit den Themen beschäftigen, die sie interessieren, und ihr Fachwissen individuell weiterentwickeln. Das wiederum verschaffe auch den Lehrkräften Raum und Zeit.

Die Kinder müssen selbst merken, dass sie bestimmte Probleme nur lösen können, wenn sie die entsprechenden Kompetenzen haben.
Frank Wagner, Schulleiter der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm

Der Schulleiter zeichnet hier das Bild einer idealen Schule. Und zur idealen Schule gehört für den Schulleiter auch, dass Kinder verstehen, wieso Basiskompetenzen so wichtig sind: Wenn sie zum Beispiel an einem Projekt arbeiten, wo es um Finanzen und Geld geht, sollen sie merken, dass sie Größen kennen und mit Euro und Cent umgehen müssen. Oder wenn sie ein Theaterprojekt machen, sollen sie ein Plakat gestalten und einen verständlichen Text ohne Fehler verfassen können. „Die Kinder müssen selbst merken, dass sie bestimmte Probleme nur lösen können, wenn sie die entsprechenden Kompetenzen haben.“