Fernunterricht : „Schulen versuchen, mit ihren Mitteln das Beste zu machen“

Erstmals ist es durch die Folgebefragung Deutsches Schulbarometer Spezial Corona-Krise möglich, eine Entwicklung der Schulen in der Zeit vom ersten Lockdown im April bis zum zweiten Lockdown im Dezember 2020 zu beschreiben. Über die Ergebnisse sprach das Schulportal mit der Bildungsforscherin Nina Jude von der Universität Heidelberg und dem Bildungsforscher Stefan Brauckmann-Sajkiewicz von der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt. Jude und Brauckmann-Sajkiewicz  sind Mitglieder des Konsortiums der S-CLEVER-Studie, einer trinationalen Längsschnittstudie zum Umgang der Schulen mit Corona. Zudem sind beide Mitglieder der Jury des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial.

Florentine Anders / 13. Januar 2021
62 Prozent der Lehrkräfte nutzen laut Schulbarometer inzwischen digitale Formate wie Erklärvideos zur Vermittlung von Unterrichtsinhalten. Im April waren es nur 36 Prozent.
©Getty Images

Schulportal: Für 86 Prozent der Lehrkräfte, die sich zum Zeitpunkt der Befragung für das Schulbarometer im Wechsel- oder Fernunterricht befanden, ist es eine „mittlere bis große“ Herausforderung, die Schülerinnen und Schüler zu motivieren, in Problemlagen zu unterstützen und ihnen individualisiert Rückmeldungen zu geben. Deckt sich dieses Ergebnis mit Ihren Erkenntnissen im Rahmen der S-CLEVER-Studie?
Nina Jude: Während für das Schulbarometer Lehrkräfte befragt wurden, haben wir in der S-CLEVER-Studie Schulleitungen befragt. Was die aktuellen Herausforderungen im Fern- und Wechselunterricht betrifft, decken sich die Aussagen der Lehrkräfte im Schulbarometer mit denen der Schulleiter und Schulleiterinnen. Es geht vor allem um die Erreichbarkeit, die regelmäßige Kommunikation, die kontinuierliche, auch emotionale Unterstützung auf Distanz – das bezieht auch das sogenannte Wellbeing mit ein.

Stefan Brauckmann-Sajkiewicz: Bei der Frage der Herausforderungen muss man auch über die Selbstüberforderungstendenzen bei den Lehrkräften sprechen. Um eine hohe Beziehungsqualität im Fernunterricht zu gewährleisten, sind die Lehrerinnen und Lehrer oft permanent abrufbar. Viele brennen zwar für die Aufgabe, sie brennen dann aber auch möglicherweise irgendwann aus. Die Entgrenzung von Freizeit und Arbeitszeit ist ein großes Problem. Viele Schulleitungen sehen hier auch eine Fürsorgepflicht, die Kolleginnen und Kollegen vor solchen Selbstüberforderungen zu bewahren.

Die Entgrenzung von Freizeit und Arbeitszeit ist ein großes Problem. Viele Schulleitungen sehen hier auch eine Fürsorgepflicht, die Kolleginnen und Kollegen vor solchen Selbstüberforderungen zu bewahren.
Stefan Brauckmann-Sajkiewicz, Bildungsforscher

Laut Schulbarometer empfinden zwei Drittel der Lehrkräfte die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit als „starke oder sehr starke“ Belastung. Ein weiterer großer Belastungsfaktor ist die fehlende Planbarkeit. Gibt es da vielleicht auch überzogene Erwartungen in der Gesellschaft, was den Fern- und Wechselunterricht angeht?
Nina Jude: Alle Schulen machen angesichts der besonderen Lage einen unglaublich guten Job. Sie sind engagiert und versuchen, mit den Mitteln, die sie haben, das Beste zu machen. Die Mittel unterscheiden sich natürlich von Schule zu Schule, sowohl was die Ressourcen als auch was die Kompetenzen der Lehrkräfte angeht.

Stefan Brauckmann-Sajkiewicz: Tatsächlich sollte man sich klarmachen, dass es jetzt vorrangig darum geht, den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern zu halten, sodass niemand verloren geht. Digitale Medien können für die Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern geeignet sein, aber nicht stets und ständig. Sinnvoll können zum Beispiel digitale Sprechstunden sein. Bei den Bewerbungen für den Deutschen Schulpreis Spezial wurde deutlich, dass viele Schulen da kreativ geworden sind und ganz verschiedene Wege gefunden haben, um die Kommunikation aufrechtzuerhalten. Wir haben gesehen, dass es Schulen gelingt, mit relativ wenigen technischen Mitteln die Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Die Not macht auch erfinderisch und ebnet den Weg für neuartige Kooperationen mit Unternehmen und den Eltern, die ihre IT-Kompetenzen und Netzwerke einbringen.

Zur Person

Nina Jude
Nina Jude
©Michael Fuchs
Stefan Brauckmann-Sajkiewicz
Stefan Brauckmann-Sajkiewicz
©Michael Fuchs
  • Nina Jude ist Professorin für Bildungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Nationale und Internationale Bildungsstudien an der Universität Heidelberg.
  • Stefan Brauckmann-Sajkiewicz ist Professor für Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im Bildungsbereich am Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung (IUS) der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Eine mangelnde technische Ausstattung ist für die Lehrkräfte nach wie vor ein großes Handicap. Eine Minderheit (38 Prozent) der Lehrerinnen und Lehrer gab im Schulbarometer an, dass ihre Schule „gut oder sehr gut“ mit digitalen Medien und den technischen Voraussetzungen für einen Fernunterricht ausgestattet ist. Welche Auswirkungen hat das auf die Qualität des Fern- oder Hybridunterrichts?
Stefan Brauckmann-Sajkiewicz: Eine gute Infrastruktur ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für guten Unterricht. Aus der Sicht der Lehrkräfte scheint eine gute Ausstattung wichtig zu sein, um sich kompetenter im Umgang mit den digitalen Medien zu fühlen. Aber ich halte es für schwierig, aus dieser subjektiven Sicht heraus Aussagen über ein Schulsystem in toto zu treffen. Bisher gibt es keine Standards für eine gute Minimalausstattung von Schulen. Diese Debatte kommt jetzt erst in Gang. Guter Unterricht wird allerdings nicht an der Ausstattung festgemacht. Es reicht nicht, ein Medium gut zu bedienen. Ohne systematische Unterstützung zu Hause beim Lernen nützt die beste Technik nichts.

Nina Jude: Entscheidend ist beim Fern- oder Wechselunterricht, wie stark das selbstständige Lernen bei den Schülerinnen und Schülern schon entwickelt ist. Schulen, die das vorbereitet haben und in denen die Kinder daran gewöhnt sind, selbstständig Aufgaben und Tests zu bearbeiten, können jetzt auch gut von digitalen Medien profitieren. Kindern, die das nicht gelernt haben, bringt es jedoch wenig, wenn man sie jetzt vor ein Tablet setzt und damit alleine lässt.

Sind die Schulen jetzt besser auf den Fernunterricht vorbereitet?

Spannende Ergebnisse bietet die Folgebefragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise

Zur Umfrage

Das Schulbarometer hat Lehrkräfte auch danach gefragt, ob es an ihrer Schule abgestimmte Konzepte für den Fern- und Wechselunterricht gibt. Wie Schülerinnen und Schüler dabei unterstützt werden, ihre Lernziele und ihren Lernfortschritt selbstständig zu planen und zu dokumentieren, wird demnach „in weniger als jeder vierten Schule“ verbindlich geregelt. Haben Schulen es versäumt, sich nach dem ersten Lockdown konzeptionell auf diese Situation vorzubereiten?
Nina Jude: Wir gehen auch in der Bildungsforschung oft davon aus, es müsse an den Schulen dokumentierte Konzepte geben. Die Realität in den Schulen sieht aber anders aus. Auch wenn es nicht das Handbuch für Szenario A oder B gibt, hat sich wohl jede Schule inzwischen überlegt, wie der Wechselunterricht oder Fernunterricht organisiert wird. Die Schulen müssen sehr schnell auf sich stark veränderte Ausgangslagen reagieren können. Starre Konzepte machen da wenig Sinn.

Dennoch sind Schulen gut beraten, sich auf gewisse Standards zu einigen, gerade auch, wenn es darum geht, wie Lernziele geplant und Leistungen dokumentiert werden. Darüber, wie der Lernfortschritt festgestellt und zum Beispiel Tests im Fernunterricht geschrieben werden, wird immer noch diskutiert, obwohl das Expertengremium der Leopoldina das schon zu Beginn dieses Schuljahres gefordert hatte. Hier braucht es auch technische Möglichkeiten, um den Lernstand festzustellen, denn nur dann kann man auch im Stoff weitergehen. Da ist noch sehr viel Entwicklungsarbeit zu leisten, nicht nur von den Schulen, sondern auch von den Schulbehörden. Schulen benötigen dafür leicht anzuwendende Lösungen im Rahmen der Lernplattformen.

Stefan Brauckmann-Sajkiewicz: An den Schulen stand zunächst das Krisenmanagement im Vordergrund, um dem Kollegium und den Schülerinnen und Schülern die Verunsicherung zu nehmen. Keiner hatte den Masterplan in der Tasche. Viele Schulen sind stolz darauf, die Situation gemeinsam bewältigt zu haben. Das hat die Schulgemeinschaft zusammengeschweißt. Es fehlte aber bisweilen die Zeit, das auch in einem Konzept schriftlich festzuhalten.

Nina Jude: Vielerorts wurde möglicherweise gehofft, nach dem Sommer sei alles vorbei und eine Rückkehr zum Regelunterricht möglich. Die Situation hat sich jetzt jedoch geändert, deshalb steht nun die Frage stärker im Raum, Konzepte zu verschriftlichen und zu verstetigen: Was haben wir gelernt, was hat uns geholfen, was würden wir beibehalten? Wenn das bis zum Ende dieses Schuljahres da ist, wäre das schon ein großer Erfolg.

Die Pandemie hat den digitalen Alltag der Schülerinnen und Schüler nun endlich auch in den Alltag der Schule gebracht.
Nina Jude, Bildungsforscherin

Einen großen Sprung nach vorn gibt es seit März laut Schulbarometer, wenn es um den Einsatz digitaler Medien geht. 78 Prozent der Lehrkräfte – gegenüber 59 Prozent im April – sind der Meinung, dass an ihrer Schule seit März 2020 Dinge im Hinblick auf digitale Lernformate oder die digitale Kommunikation umgesetzt wurden, die ohne die Schulschließungen vermutlich „erst später oder gar nicht“ umgesetzt worden wären. Wie gelingt es, dass diese Entwicklung nachhaltig Bestand hat?
Nina Jude: In internationalen Vergleichsstudien wie TIMSS oder ICILS hat Deutschland immer wieder schlecht abgeschnitten, wenn es darum ging, ob digitale Medien im Unterricht genutzt werden und wie Lehrkräfte dafür ausgebildet sind. Die Pandemie hat den digitalen Alltag der Schülerinnen und Schüler nun endlich auch in den Alltag der Schule gebracht. Lehrkräfte haben gesehen, was alles möglich ist. Überdauern wird das, was sich einfach nutzen lässt und einen Mehrwert hat. Für die Diagnostik, Rückmeldung und Förderung gibt es leider noch relativ wenige Formate. Hier ist auch die Schulverwaltung gefragt, in Software zu investieren.  Da muss etwas passieren in Deutschland.

Stefan Brauckmann-Sajkiewicz: Chancen und Grenzen von Digitalisierung müssen auch Eingang in das Curriculum finden und dort kritisch behandelt werden. Es sollte jetzt auch stärker reflektiert und evaluiert werden, nicht allein experimentiert. Den experimentellen Wildwuchs sehe ich mitunter mit Sorge. Deshalb bin ich froh, dass es beim Deutschen Schulpreis Spezial auch die Möglichkeit gibt, die Erfahrungen der Schulen zusammenzuführen, zu bilanzieren und sich gegenseitig kritisch zu hinterfragen, was man da eigentlich gemacht hat. Ist das auch was für andere Schulen, was trägt unter welchen Bedingungen?

Nina Jude: Viele  Schulen – das zeigt auch das Schulbarometer – haben nach dem ersten Lockdown Eltern und Schüler befragt, was funktioniert hat und was nicht. Das sind einfache Dinge, die Schulen tun können, um positive Erfahrungen zu verstetigen.

Wir wollen auch mit der S-CLEVER-Studie den Schulen die Möglichkeit geben, sich in Regionalkonferenzen zu vernetzen. Erkenntnisse austauschen und sich selbst hinterfragen, dafür gibt es in Deutschland bisher zu wenig Möglichkeiten.

S-CLEVER-Studie

Der Fokus der S-CLEVER-Studie liegt auf der Schulentwicklung angesichts der Herausforderungen durch die Pandemie. Dafür werden Schulleiter und Schulleiterinnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt. Das erste Mal wurden die Schulen zu Beginn des Schuljahres 2020/21 befragt, zum zweiten Mal erfolgt die Befragung zum Schulhalbjahr, und zum Ende des Schuljahres wird es eine dritte Runde geben.