Faktencheck : Wie Schulen Mehrsprachigkeit im Unterricht nutzen können

Mehr als ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland sprechen mehr als eine Sprache, wenn sie eingeschult werden. Wie wirkt sich das auf die Sprachkompetenz von Kindern, insbesondere auf das Deutsch-Lernen und auf den Erwerb weiterer Fremdsprachen aus? Wie können Lehrkräfte die Mehrsprachigkeit von Kindern fördern? Was bedeutet das aktuell für den Unterricht von geflüchteten Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine? Das Schulportal sprach dazu mit Till Woerfel. Er ist Projektleiter am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache an der Universität Köln und hat zum Thema einen Faktencheck verfasst.

Annette Kuhn 26. April 2022
Begrüßungen in verschiedenen Sprachen Mehrsprachigkeit
Mehrsprachigkeit fördert die Sprachkompetenz. Herkunftssprachen spielen im Unterricht aber nur eine geringe Rolle.
©iStock

Deutsches Schulportal: Inwieweit profitieren Kinder davon, mehrsprachig aufzuwachsen?
Till Woerfel: Grundsätzlich ist Mehrsprachigkeit ein großer Schatz und eine wichtige Ressource, um in der global vernetzten Welt teilzuhaben. Sie trägt zur Identitätsbildung bei und ist für Eltern auch ein Unterstützungsinstrument, die Familiensprache und Familienkultur zu vermitteln. Auf der Lernebene führt mehrsprachiges Aufwachsen dazu, dass Lernende ein höheres metasprachliches Bewusstsein erreichen. Das ist zum Beispiel förderlich für den Erwerb weiterer (Fremd-)Sprachen.

Gibt es auch Nachteile in Bezug auf Mehrsprachigkeit? Was ist zum Beispiel dran an der Kritik, mehrsprachig aufwachsende Kinder würden keine Sprache richtig beherrschen?
Grundsätzlich gibt es keinerlei Risiken, mit mehreren Sprachen aufzuwachsen. Der Mythos der „doppelten Halbsprachigkeit“, also die Annahme, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder die Familiensprache und die Umgebungssprache nur halb lernen, hält sich zwar hartnäckig, ist aber wissenschaftlich nicht bewiesen. Lernende entwickeln allerdings in den verschiedenen Sprachen unterschiedliche Kompetenzen. Das ist abhängig vom Gebrauchs- und Erwerbskontext der Sprache.

Unterschiedlicher Wortschatz in den einzelnen Sprachen

Was heißt das genau?
Der Wortschatz in der Familiensprache kann zum Beispiel stärker von Alltagsthemen und von Mündlichkeit geprägt sein. Während sich die Sprache, die in der Schule gesprochen wird, stärker auf Unterrichtsthemen bezieht. Die Unterschiede zwischen diesen beiden Sprachbereichen sind besonders groß, wenn es in den Familien an Bildungsangeboten fehlt und die Schülerinnen und Schüler keinen bilingualen oder herkunftssprachlichen Unterricht besuchen.

Lassen sich manche Sprachen leichter parallel lernen als andere?
Die Mechanismen des Spracherwerbs sind erst mal bei allen Sprachen dieselben. Eine Rolle spielen immer die individuellen kognitiven Voraussetzungen, der Zeitpunkt des Erwerbs einer Sprache und der Kontext, in dem die Sprache erworben wird – also ob ein Kind zum Beispiel Deutsch als Zweitsprache in Deutschland lernt, wo Deutsch die dominante Umgebungssprache ist, oder ob es Deutsch als Fremdsprache außerhalb des Landes mit einer fremdsprachlichen Perspektive lernt. Unterschiede ergeben sich auch daraus, ob Deutsch innerhalb der Familie oder überwiegend in Bildungsinstitutionen gelernt wird.

Mit Blick auf die verschiedenen Sprachpaare gibt es insbesondere beim Fremdsprachenerwerb Unterschiede. So kann der Erwerb von typologisch ähnlicheren Sprachen einfacher sein. Sprachen wie Deutsch, Russisch oder Polnisch haben zum Beispiel einen flektierenden Sprachbau. Das heißt, dass der Wortstamm verändert wird. Andere Sprachen, zum Beispiel das Türkische, haben hingegen einen agglutinierenden Satzbau, bei dem an den Wortstamm Affixe oder Suffixe drangehängt werden.

Auch auf der Ebene des Wortschatzes zeigen sich innerhalb von Sprachfamilien große Ähnlichkeiten. Im Eurocomprehension-Ansatz werden etwa Ähnlichkeiten zwischen romanischen, germanischen und slawischen Sprachfamilien didaktisch im Unterricht gezielt eingesetzt.

Dominante Sprache kann sich im Laufe des Lebens ändern

Wie viele Sprachen können Kinder gleichzeitig sinnvoll aufnehmen?
Das lässt sich nicht auf eine bestimmte Zahl limitieren. Sinnvoll ist es, so viele Sprachen zu lernen, wie für die alltägliche Interaktion innerhalb und außerhalb der Familie möglich und nötig ist. In der Praxis gibt es häufig eine oder zwei Familiensprachen, dazu kommt dann noch möglicherweise eine weitere Umgebungssprache. Kinder können also ganz selbstverständlich dreisprachig aufwachsen.

Wie sollte das Verhältnis zwischen Familiensprache und Umgebungssprache aussehen – muss es so etwas wie eine Hauptsprache geben?
Es ist nicht notwendig, das zu regulieren. Das ergibt sich durch den Sprachgebrauch von allein. Relativ selten sind Lernende balanciert mehrsprachig und haben in allen Sprachen die gleichen Kompetenzen. In der Regel tritt eine Sprache natürlicherweise als dominant hervor. Das ist die Sprache, die die Kinder am häufigsten hören und wo es die meisten Sprechanlässe gibt. Das kann sich aber im Laufe des Lebens ändern. Studien zeigen, dass die Familiensprache bis zum Eintritt in den Kindergarten meist die dominante Sprache ist. Danach kommt es zu einer Verlangsamung des Kompetenzerwerbs in der Familiensprache zugunsten eines starken Anstiegs der Kompetenz in der Umgebungssprache. Spätestens mit dem Eintritt in die Schule wird die Umgebungssprache meist die dominante Sprache.

Die Schule sollte die Ressourcen, die Schülerinnen und Schüler mitbringen, fördern und so einsetzen, dass die schulischen Lernziele erreicht werden. Das passiert in Bezug auf Mehrsprachigkeit in einer durchschnittlichen Regelschule allerdings noch selten.

Ist es sinnvoll, wenn Eltern, die eine andere Familiensprache haben, mit ihren Kindern Deutsch sprechen, um ihre Sprachkompetenz im Deutschen zu stärken?
Es ist einerseits nicht richtig, Eltern vorzugeben, mehr Deutsch mit ihren Kindern zu sprechen. Andererseits ist es aber auch falsch, davon abzuraten, denn mehrsprachige Familien, die bereits länger in einem Land leben, wechseln ohnehin viel zwischen Familien- und Umgebungssprache. Selten wird in einer Familie ausschließlich die Herkunftssprache gesprochen. Das ist nur bei Familien der Fall, die ganz neu in einem Land sind – wie jetzt die Geflüchteten aus der Ukraine.

Raten würde ich Eltern aber, ihren Kindern möglichst viele unterschiedliche sprachliche Angebote über verschiedenen Medien zu machen – und zwar in allen für die Interaktion relevanten Sprachen –, für das Deutsche genauso wie für die Familiensprache.

Förderung von Mehrsprachigkeit nicht zulasten des Deutschen

Wie kann und sollte Mehrsprachigkeit in der Schule gefördert und unterstützt werden?
Die Schule sollte die Ressourcen, die Schülerinnen und Schüler mitbringen, fördern und so einsetzen, dass die schulischen Lernziele erreicht werden. Das passiert in Bezug auf Mehrsprachigkeit in einer durchschnittlichen Regelschule allerdings noch selten. Es gibt aber auch noch zu wenig Konzepte und verpflichtende bildungspolitische Vorgaben.

Welche Konzepte haben sich bewährt?
Im bilingualen Unterricht hat sich das Prinzip der Zwei-Wege-Immersion bewährt. Schulen in Deutschland nutzen sie aber bislang selten, obwohl die Wirksamkeit schon lange nachgewiesen ist.

Was heißt „Zwei-Wege-Immersion“?
Zwei-Wege-Immersionsmodelle berücksichtigen neben der Amtssprache auch verschiedene Familiensprachen als Teil der Unterrichtssprache. Ziel ist, dass nicht nur mehrsprachig aufwachsende Schülerinnen und Schüler die Bildungssprache lernen – also hier Deutsch –, sondern dass sich auch einsprachig aufwachsende Schülerinnen und Schüler Kenntnisse in einer weiteren Sprache aneignen können.

Studien haben gezeigt, dass der gleichzeitige Unterricht in zwei Sprachen nach dem Zwei-Wege-Immersionsprinzip keine Nachteile auf die Kompetenzentwicklung im Deutschen hat. Nur neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler, die erst mit dem Grundschuleintritt begonnen haben, Deutsch zu lernen, brauchen vergleichsweise mehr Zeit.

Andere Konzepte setzen von Schulbeginn an auf eine doppelte Alphabetisierung. Im deutschsprachigen Raum gibt es zum Beispiel das KOALA-Konzept (Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht). Auch hier hat sich in einer Studie mit türkisch-deutschen Kindern gezeigt, dass die doppelte Alphabetisierung nicht zulasten des Deutschen geht, sondern die Schülerinnen und Schüler ihre Kompetenzen im Schriftlichen in ihrer Herkunftssprache ausbauen konnten.

Über digitale Medien mehrsprachige Produkte im Unterricht erstellen

Wie kann eine Förderung von Mehrsprachigkeit im Unterricht aussehen?
Im bilingualen Fachunterricht haben sich Translanguaging-Ansätze bewährt: Lehrerinnen und Lehrer leiten Schülerinnen und Schüler im Unterricht didaktisch an, ihre Familiensprache im Unterricht einzusetzen. Schülerinnen und Schüler derselben Familiensprache bilden zum Beispiel Sprachtandems, die sich erst in einer gemeinsamen Herkunftssprache über eine Aufgabe austauschen und diese dann auf Deutsch lösen. Auch digitale Medien können hier hilfreich sein. Schülerinnen und Schüler können zum Beispiel über kollaboratives Arbeiten mehrsprachige Produkte wie multimediale Bücher oder Podcasts erstellen.

Lehrkräfte sollten Kenntnisse darüber haben, wie die Sprachen funktionieren, was Besonderheiten im Vergleich zum Deutschen und was vielleicht auch Fallstricke sind.

Inwieweit ist es nötig, dass Lehrkräfte auch mehrsprachig sind und die Familiensprache der Schülerinnen und Schüler beherrschen?
Im bilingualen Bereich oder im herkunftssprachlichen Unterricht benötigen Lehrerinnen und Lehrer hohe Kompetenzen sowohl in der Familiensprache der Kinder als auch in der Umgebungssprache. Lehrkräfte, die in einer Schule ohne spezifisches bilinguales Programm arbeiten, müssen hingegen nicht unbedingt die Herkunftssprache sprechen. Sie sollten aber Kenntnisse darüber haben, wie die Sprachen funktionieren, was Besonderheiten im Vergleich zum Deutschen und was vielleicht auch Fallstricke sind. Und sie müssen Lerngelegenheiten didaktisch so gestalten können, dass die Bildungssprache gefördert und die Familiensprache miteinbezogen werden kann. Das ist eine Querschnittsaufgabe. Diese Kompetenzen brauchen Lehrerinnen und Lehrer in allen Fächern.

Mehrsprachigkeit sollte in der Lehrerausbildung eine größere Rolle spielen

Bereitet die Lehrkräfteausbildung darauf ausreichend vor?
In manchen Ländern wie Nordrhein-Westfalen oder Berlin und Brandenburg ist das schon im Curriculum verankert und die Themen Mehrsprachigkeit, sprachliche Bildung sowie Deutsch als Zweitsprache sind verpflichtender Bestandteil des Studiums. Andere Bundesländer haben einen geringeren Verpflichtungsgrad. In Bayern wird „Didaktik des Deutschen als Zweitsprache“ („DiDaZ“) zum Beispiel nur als zusätzliches, optionales Fach angeboten.

Klar ist aber auch, dass der Umgang mit Mehrsprachigkeit kontinuierlich Gegenstand der Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften sein sollte und sich weiterentwickeln muss.

Wie sieht es bei den geflüchteten Schülerinnen und Schülern aus der Ukraine aus? Gibt es Punkte, die hier besonders zu beachten sind?
Förderlich ist es, wenn die neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler ein möglichst großes sprachliches Angebot im Deutschen bekommen. Das erhalten sie in der Regel nicht in Sammelunterkünften und auch nur reduziert in Willkommensklassen. Aus der Perspektive des Spracherwerbs wäre es am sinnvollsten, wenn Kinder so früh wie möglich Zugang zum Regelunterricht haben. Auch die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz hat in ihrer Stellungnahme zur Unterstützung geflüchteter Kinder und Jugendlicher aus der Ukraine dazu geraten. Je jünger die Schülerinnen und Schüler sind, desto wichtiger ist das, weil jüngere Kinder noch besser auf die Mechanismen des Erstsprachenerwerbs zurückgreifen können.

Außerdem bekommen sie im Regelunterricht Kontakt zu Kindern, die schon in Deutschland leben. Unabhängig vom „Sprachbad“ ermöglicht ihnen das auch ein Stück Normalität.

Zur Person

  • Till Woerfel ist seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache in der Abteilung Sprache und Bildungssystem. Er forscht zu Mehrsprachigkeit, sprachlicher Bildung und zum Einsatz digitaler Medien im sprachlernförderlichen Unterricht.
  • Er hat an der Universität Potsdam Germanistische Linguistik (mit Schwerpunkt Deutsch als Fremd- und Zweitsprache) und französische Philologie studiert.
  • Till Woerfel wurde zum Einfluss von Sprachdominanz und sprachspezifischen Mustern bei bilingualen türkisch-deutschen und türkisch-französischen Kindern an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert.
Till Woerfel
©Annette Etges/Mercator-Institut

Mehr zum Faktencheck Mehrsprachigkeit

  • In seinem neuen Faktencheck „Mehrsprachigkeit in Kita und Schule“ setzt sich das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache mit wichtigen Aspekten zum Thema auseinander und gibt Hinweise, wie pädagogische Fachkräfte Mehrsprachigkeit unterstützen können. Der Faktencheck steht hier zum Download bereit.
  • Der Autor des Faktenchecks, Till Woerfel, hat die wichtigsten Erkenntnisse auch in diesem kurzen Video zusammengefasst:
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  • Das Mercator-Institut hat außerdem 13 Unterrichtsvorschläge zur Nutzung von Mehrsprachigkeit im Unterricht verfasst, die sich an den Kernlehrplänen der jeweiligen Fächer orientieren. Die Handreichung ist hier Eine weitere Handreichung zur Nutzung der Mehrsprachigkeit im Unterricht zeigt, wie digitale Medien dabei eingesetzt werden können. Die Handreichung ist hier abrufbar.