Dieser Artikel erschien am 24.10.2018 in DIE ZEIT
Autorin: Angelika Dietrich & Katrin Schmiedekampf

Abitur und Berufswahl : Es soll perfekt sein

Entscheidet die Abiturnote über den späteren Erfolg eines Kindes?
Entscheidet die Abiturnote über den späteren Erfolg eines Kindes?
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Es ist Anfang März, als Andrea Krug das Gefühl beschleicht, das Abitur ihres Sohnes in die Hand nehmen zu müssen. Es sind nur noch wenige Wochen bis zu den Prüfungen, und es scheint, als würde ihr Fabian die Sache etwas zu locker angehen. Der Sieb­zehn­jährige spielt lieber Fußball, als Mathe zu lernen oder Dramen zu analysieren. Er besucht das staatliche Gymnasium in Penzberg, Bayern, einer Klein­stadt zehn Kilometer südlich des Starnberger Sees. Seine Noten pendeln zwischen Zwei und Drei. Etwas Luft nach oben wäre schon noch, findet die Mutter. Sie klickt sich durchs Netz auf der Suche nach Nach­hilfe­angeboten und stellt fest: Auch sie ist spät dran. Andere Eltern sind längst ins Wett­rennen ums Abitur ihrer Kinder gestartet. Die Mathe­kurse sind oft seit Weihnachten voll, viele buchen die Intensiv­kurse ein Jahr im Voraus.

Schließlich findet sie doch etwas: eine Woche Lern­camp am Ammersee, in den Oster­ferien. Von morgens halb neun bis abends 21 Uhr soll Fabian Mathe, Deutsch und Bio lernen. „Dein Ticket zum Erfolg“, verspricht der Anbieter Dein Abitur. Fabians Eltern erhoffen sich einen Motivations­schub.

Das Abitur ist Wegbereiter für Studium und Beruf, entscheidet über Lebens­chancen. Da gilt es, das Beste heraus­zuholen. Das sehen viele Schüler so, viel mehr aber noch ihre Eltern. Sich abzuheben ist nicht leicht, denn heute verlassen über 50 Prozent aller Schüler die Schule mit dem Zeugnis der Allgemeinen Hoch­schul­reife. Im Jahr 1992 waren es noch 31 Prozent. Die Reife­prüfung allein ist schon lange keine Auszeichnung mehr, sondern fast Selbst­verständlich­keit.

Und nicht nur immer mehr Schüler machen Abitur – die Noten werden auch immer besser. In Thüringen schreiben fast 40 Prozent ein Einser-Abi, in Berlin hat sich die Zahl der Abiturienten mit 1,0 in den vergangen zehn Jahren versechs­facht, in Bayern schafften in diesem Jahr 14 Prozent ein Abitur von 1,5 oder besser.

Die Frage ist nicht mehr: „Hast du Abi?“, sondern: „Welchen Schnitt hast du?“

All das erhöht den Druck. Weil immer mehr studieren, sind viele Eltern überzeugt, dass nur ein sehr guter Abschluss die Chancen auf Erfolg birgt. Vor allem unter Mittel­schichts­eltern, das zeigen Umfragen, ist die Angst vorm sozialen Abstieg der Kinder ein verbreitetes Phänomen.

Der Irrsinn um das Abitur ist Ausdruck dieser Angst. Sie mag nicht rational sein, doch sie blüht in einer Gesellschaft, die sich den Heraus­forderungen einer globalen Welt gegen­über­sieht. Finanz­krise, Migration. Für den Einzelnen nicht zu beherrschen, meist nicht einmal zu verstehen. Wenn aber jede Sicher­heit zwischen den Fingern zerrinnt, bleibt nur, was man nicht greifen kann. Bildung. Was du im Kopf hast, kann dir keiner nehmen. In der Leistungs­gesellschaft manifestiert sie sich in Zeugnissen, Diplomen, Abschlüssen. Und die kosten.

Normales Abitur – schon zu wenig?

Um die Karriere der Kinder zu befördern, investieren Eltern viel Geld: Rund 880 Millionen Euro zahlen sie jährlich für private Nach­hilfe, das ergab eine Bertelsmann-Studie. Jeder fünfte Gymnasiast nimmt Nach­hilfe. Nicht nur weil er sonst die Klasse wieder­holen müsste. Ein Drittel bekommt Nach­hilfe, um besser zu werden. Damit aus der Zwei eine Eins wird, der Abi-Schnitt sich hebt von 1,5 auf 1,2. Wer es sich nicht leisten kann, hat das Nachsehen.

In Fabians Camp in Wartaweil am Ammersee pauken in der Woche vor Ostern 17 Zwölft­klässler zusammen. Das Seminarhaus und die Unter­künfte liegen auf einem Grund­stück direkt am See, eine Post­karten-Idylle, für die keine Zeit bleibt.

Das Programm ist straff: Von 8.30 bis 12 Uhr und von 13 bis 18 Uhr, nach dem Abend­essen geht’s weiter. Sieben Tage am Stück. Zwischen­durch ein bisschen Kicken, am Ende eines langen Tages ein Lager­feuer.

Analysis, Stochastik oder Dramenanalyse – die kompletten Inhalte der zwei Ober­stufen­jahre werden wieder­holt. In Deutsch wählen die Schüler ihr Schwer­punkt­thema, wer will, schreibt ein Probe­abitur, wer sich in den anderen Prüfungs­fächern vorbereiten, coachen und testen lassen will, kann das tun.

Die meisten Schüler sind wegen Mathe hier, erzählt Martin Weckerle. Der Mathe- und Physik­lehrer ist Dozent an der Uni Augsburg, unterrichtet an einem Gymnasium für Erwachsene und entwickelte das Konzept für das Bildungs­projekt Dein Abitur mit. Die bundes­weit große Nach­frage nach Mathematik­kursen hat den einfachen Grund, dass das Fach in allen Ländern heute verpflichtend ist. Wer früher schlecht in Mathe war, konnte es abwählen. Heute wird es im Abi geprüft.

Davon profitieren viele Nachhilfe­anbieter, allen voran studyhelp. Gegründet von zwei Studenten aus Paderborn, um Kommilitonen mit Crash­kursen durch technisch-mathe­matische Prüfungen zu bringen. Bereits ein Jahr später coachten sie Schüler für das Mathe-Abi. Die Nach­frage war so groß, dass es die Kurse nun bundes­weit gibt. Bereits im Mai, Juni trudeln die ersten Anmeldungen der Abitur­generation des kommenden Jahres ein. Über 20.000 Schülern halfen die Paderborner inzwischen durchs Abi, an 200 Stand­orten in Deutschland und auch Österreich.

Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrer­verbandes und Schul­leiter des Gymnasiums Deggendorf. Er sagt, seit dem Pisa-Schock im Jahr 2000 sei vor allem die bildungs­affine Mittel­schicht aufgeschreckt. Diese setze alles daran, den Lebens­lauf ihrer Kinder zu optimieren. Angefangen vom obligatorischen Auslands­aufent­halt während der Schul­zeit bis hin zu Praktika und der Stelle nach dem Komma im Abitur­zeugnis. „Bei Eltern entsteht der Eindruck, dass ein normales Abitur zu wenig ist.“

Entscheidet die Abitur­note über den späteren Erfolg eines Kindes?

Doch stimmt das überhaupt? Entscheidet die Abiturnote über den späteren Erfolg eines Kindes? Oder sind es ganz andere Fähig­keiten, die ein Leben glücken lassen? Der Bildungs­forscher Manfred Prenzel, jahrelang mit der Durch­führung der Pisa-Tests in Deutschland betraut, findet Noten wichtig, betont aber: „Noten decken auch nur ein bestimmtes Spektrum von Können ab. Bloß weil jemand mit einem mittel­mäßigen Abitur­zeugnis daher­kommt, ist seine Biografie nicht bedroht.“ Eltern rät er: „Sie sollten ein Stück gelassener sein und zuversichtlich. Den Kindern etwas zutrauen.“

Prenzels Ansicht liegt quer zum gesellschaftlichen Trend. Früher waren Noten­druck und Crash­kurse vor allem Jura­studenten bekannt, die in Repetitorien den Stoff des gesamten Studiums in ein paar Monaten wieder­holten, in der Hoffnung auf minimale Verbesserung der Note. Heute ist das anders. „Wir leben in einer Leistungs­gesell­schaft, die permanent und in allen Bereichen von uns verlangt, uns selbst zu optimieren“, sagt der Bildungs­forscher Ulrich Trautwein von der Universität Tübingen. Der Optimierungs­drang beginnt schon mit musikalischer Früh­erziehung und der Wahl des bilingualen Kinder­gartens. Die Unsicher­heit der Eltern nährt eine millionen­schwere Industrie.

Die Summen, die sich Eltern das Abitur kosten lassen, werden schnell vierstellig – 1000 Euro etwa kostet eine Woche Intensiv­camp am Ammersee. Gut investiert findet Fabians Mutter diese Summe. Sie selbst machte nach der Mittleren Reife eine Ausbildung zur Versicherungs­kauf­frau, derzeit arbeitet sie in Teil­zeit in einer Gemeinde­verwaltung. Als Helikopter­mutter, die ihren Zögling auf Karriere trimmt, sieht sie sich auf keinen Fall. Nur vertändeln sollte er seine Start­chancen eben auch nicht.

Fabian war zufrieden mit dem Camp, er hat den Stoff verstanden, zu Hause mit dem Lehrbuch weiter­gelernt. Ein bisschen mehr hätte er vielleicht noch tun können, gibt er im Nach­hinein zu. Aber sein Ziel hat er erreicht: Vor dem Komma steht eine Zwei.

Mit der Prüfung ist aber nur die erste Hürde genommen. Jetzt geht es um die großen Fragen: Ausbildung oder Studium? Wenn studieren, was und wo? Fragen, auf die viele Schüler keine Antwort wissen. Ihre Eltern auch nicht. Doch wenn man schon so viel für das Abitur investiert hat, heißt es das Erreichte optimal umsetzen. Private Beratungs­institute haben Konjunktur, 300.000 Abiturienten pro Jahr sind ein lukratives Geschäfts­feld. Spricht man mit Coaches, Berufs- und Studien­beratern, entsteht der Eindruck, dass sich die Eltern mehr Sorgen um die Karriere der Kinder machen als die Kinder selbst.

Die Hochschulen richten sogar extra „Eltern­abende“ ein für die neue Klientel. Sei es in Berlin, Hamburg oder Würzburg. An der LMU München gibt es sie zu Stoßzeiten wöchentlich. Zum „Eltern­alarm“ an der medizinischen Fakultät der Uni Münster kamen im vergangenen Semester 400 Mütter und Väter. Und Berufs­wahl­messen wie „Einstieg Dortmund“, die größte ihrer Art im Ruhrgebiet, richten sich längst auch an Eltern. Über 130 Unternehmen und Hoch­schulen werben dort um passenden Nachwuchs.

Schulen sind keine große Hilfe

Wer soll bei 19.000 Studienfächern noch den Überblick behalten? Vor zehn Jahren waren es gerade einmal halb so viele. Nach einer Studie des Hoch­schul­informations­systems HIS haben 43 Prozent der Studien­berechtigten das Gefühl, die Menge der Möglich­keiten nicht über­schauen zu können. Und eine Studie der Vodafone-Stiftung ergab: Fast jedem zweiten Schul­abgänger fällt die Berufs­wahl schwer, jeder fünfte hat keine Idee, wie es weiter­gehen soll.

Schulen sind dabei keine große Hilfe. Ihre Informations­angebote könnten nur einen ersten Einblick in ein Berufs­feld oder ein Studium geben, sagt Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrer­verband. Eine umfassende Berufs­orientierung sei nicht möglich. „Der Informations­bedarf ist heute größer als früher, die Land­schaft komplizierter geworden.“ Wie kompliziert, zeigt sich an der Zahl der Studien­abbrecher: An deutschen Hoch­schulen bricht fast jeder Dritte in der Früh­phase sein Studium ab.

Auch deshalb hat die TU München ihre Auswahl umgestellt. Nicht mehr nur die Abitur­note soll entscheiden, wer einen Platz in Fächern wie Informatik oder Wirtschafts­wissen­schaften bekommt, sondern ein Auswahl­gespräch. Etwa 5000 bis 6000 Einzel­gespräche führen die TU-Professoren jedes Winter­semester durch. Mit der „Zwischen­kohorte“, wie Präsident Wolfgang Herrmann sagt, den Schnitten zwischen 1,5 und 2,5. Dank der Gespräche habe die TU „deutlich weniger Abbrecher“ als andere Unis. Studien­plätze nur anhand des Noten­durch­schnittes zu vergeben, hält Herrmann für „weltfremd“.

Die Gründe, die Herrmann dafür anführt, sind eine Absage an den Noten­druck, an den Irrsinn rund um das Abitur. Denn die Abi-Note sei zwar ein gutes Indiz, das mit dem Studien­erfolg korreliere. Aber der Schnitt erzähle nichts über den Menschen, sagt Herrmann: „Was nutzt mir jemand, der nur in Chemie, Mathe und Physik gut ist, aber saumäßig in Geschichte oder Kunst? Das sagt etwas über die Person aus.“ Fach­idioten wolle man an der TU nicht heran­ziehen, man wolle Studenten, die mehr drauf­haben: „Wenn jemand ein passables Abitur hat und zugleich soziale Kompetenzen – ein Ehren­amt ausübt, Trainer im Sport­verein war oder ein Instrument spielt –, dann sind das Eigenschaften, die man für Team­arbeit braucht. Das sind Typen, die wir gern an der TU hätten.“

Das Auswahlgespräch, sagt Herrmann, „ist eine Chance für die, die nicht das Top-Abitur haben, aber eine Persönlichkeit sind“.

Eine der besten deutschen Universitäten verweigert sich dem Optimierungs­gedanken hinter der Abi-Note. Weil sie weiß, dass sie nur so eine der besten Unis bleibt. Das kann man irritierend finden. Oder ermutigend.

Coaching zum Abi

Oder man macht ein Geschäft daraus. Denn dass die meisten Universitäten Kandidaten für einen Studien­platz nicht auf ihre tatsächliche Eignung testen, ist ein ertrag­reicher Nähr­boden für private Beratungs­institute und Coaches.

Zu den Pionierinnen gehört Ragnhild Struss. Sie ist Geschäfts­führerin der Karriere­beratung Struss und Partner in Hamburg. Vor 15 Jahren, gerade mit dem BWL-Studium fertig, gründete Struss ihre Beratung und spezialisierte sich von Anfang an auf Abiturienten. Heute ist sie – nach eigenen Angaben – Markt­führerin in diesem Segment. 70 Prozent ihrer Kunden sind Abiturienten. Sie sagt: „Das Verlangen, an die Hand genommen zu werden, ist groß.“ Ihre Klientel reicht vom Hand­werker­sohn bis zur Unternehmers­tochter. Viele Eltern würden ihrem Kind so ein Coaching zum Abi schenken.

Die Agentur hat ihren Sitz im noblen Stadtteil Winter­hude, zweiter Stock eines Büro­gebäudes, licht­durchflutete Räume. Sechs Beratungen finden an diesem Sommer­tag statt, eine von ihnen übernimmt Struss selbst.

Ihr Kundin ist 18 Jahre alt und hat gerade Abitur gemacht. Mit ihrer Mutter ist sie extra aus München angereist. Ihren Namen möchte die junge Frau lieber nicht in der Zeitung lesen, wer weiß, welcher Personal­chef sie eines Tages googeln wird – daher soll sie hier Sara heißen. Sara hat lange Haare und trägt eine weiße Bluse. Freundinnen haben ihr die Agentur in Hamburg empfohlen. „Kreativität“ und „Soziales“ sind die beiden Gebiete, für die Sara sich interessiert. „Wichtig ist mir außerdem, dass ich später auf eigenen Beinen stehe und von dem Geld, das ich verdiene, leben kann“, sagt sie.

Ihre Ideen sind vage, das ist Ragnhild Struss recht, sie möchte auf keinen Fall im Vor­feld von Sara erfahren, welche Gedanken sie sich über mögliche Berufe gemacht hat, auch Praktika soll sie nicht erwähnen. „Nur so können wir unvoreingenommen Empfehlungen aussprechen“, sagt Struss. Persönlich­keits­tests, kognitive Tests und ein persönliches Gespräch sollen Aufschluss geben, welche Berufe passen könnten.

Seit neun Uhr morgens hat Sara sieben Tests gemacht, hat Fragen zu ihrer Motivation und Interessen beantwortet. Mit welchen Menschen sie gut klarkomme? Ob sie sich in einem lebhaften Umfeld wohlfühle? Sara musste Karten auswählen, auf denen Eigenschaften und Werte beschrieben werden.

Jetzt, um zwölf Uhr mittags, folgt das persönliche Gespräch. Sara soll von der Schule erzählen, von ihrer Familie, von ihren Hobbys, davon, was sie begeistert und besorgt. Ob sie eine Beziehung führt? Welche drei Gegen­stände würde sie auf eine einsame Insel mitnehmen? Schreib­zeug, Handy und ein Buch. Welche Serien sie sich gern anschaut? „Haus des Geldes“ und „Suits“.

Am Nachmittag folgt die Abschluss­präsentation. Sara und ihre Mutter sitzen in creme­farbenen Sesseln und schauen auf ein White Board, das mögliche Berufs­wege für Sara zeigt. Ihre Gesichter sind gerötet vor Aufregung und Hitze.

Man lässt sich coachen

Die Beraterin sagt, dass Sara noch an ihrem Selbstbewusst­sein arbeiten müsse, aber eine enorme Kraft habe, die in den nächsten Jahren zum Vorschein treten werde. Dass Sara sich für Schönheit, Kunst und Ästhetik interessiere – aber genau so sehr für Menschen, denen sie gut zuhören und in die sie sich hinein­versetzen könne. „Erkennen Sie sich wieder?“, fragt Struss. „Total“, sagt Sara, „ich fühle mich verstanden.“

Insgesamt acht Berufsvorschläge bekommen Sara und ihre Mutter präsentiert, darunter Therapeutin, Gymnasial­lehrerin, Osteo­pathin, Pastorin oder Artdirektorin.

Man könnte sagen, das ist eine ziemlich bunte Mischung. Man könnte sich auch fragen, ob es einen Berater braucht, um auf diese Ideen zu kommen. Doch darum geht es nicht. Was für Unter­nehmen gilt, gilt mittler­weile auch für die Berufs­wahl. Man lässt sich coachen, holt Expertisen ein. Die Beraterin wird zur Instanz, der man vertraut. Im Zweifel mehr als sich selbst. Auch dann, wenn der Rat vage ist.

Sara und ihre Mutter scheinen sich nicht an den Ergebnissen zu stören. „Ihre Einschätzung hat meinem Selbst­bewusst­sein einen Schub gegeben“, sagt Sara.

Für eine Beratung wie diese zahlt man eine vierstellige Summe. Ein „Beratungs­erlebnis“ beim Profiling-Institut in Düsseldorf etwa gibt es für 1130 Euro, bei der Zukunfts­schmiede in München zahlt man für die „Potenzial­analyse“ 960 Euro. Und wer sehr viel Geld und Zeit hat, kann gleich ein ganzes Berufs­orientierungs­jahr im Internat Schloss Salem absolvieren, für 24.000 Euro. Kost und Logis inklusive.

Saras Eltern war der Tag in Hamburg 1800 Euro wert. Ihre Mutter ist Gold­schmiedin, ihr Stief­vater, der sich um sie kümmert, seit sie vier Jahre alt ist, Jurist. Sara findet, dass sich der Termin gelohnt hat. So intensiv habe sie sich noch nie mit sich selbst beschäftigt. Und sie ist aufgeregt, weil Psychologie auf der Liste steht. Dafür interessiert sie sich schon lange. Die Studien­entscheidung will Sara aber vertagen. Schon vor der Beratung wollte sie ein Jahr pausieren. Sie wird an einem Hilfs­projekt im Libanon teil­nehmen, dann für drei Monate mit einer Freundin nach Spanien fahren, um die Sprache zu lernen. „Ich möchte die Zeit nutzen, um mich endgültig zu entscheiden“, sagt sie. Bei der Agentur darf sie sich ein Jahr lang mit Fragen melden. Und sie kann ihr Gespräch jeder­zeit wieder anhören: Ihre Mutter hat es mit dem Handy aufgenommen.

Und wie geht es bei Fabian weiter? Er wird erst mal ein Jahr jobben, reisen, nach Kuba, Thailand oder Bali. Und dann studieren, am liebsten Sport­management. Einen Coach erspart er sich. Seine Mutter verspricht, sich rauszuhalten und keine Eltern­abende an Unis zu absolvieren.

Wenn es an die Wohnungssuche geht, wird sie aber wieder dabei sein.

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