Dieser Artikel erschien am 18.09.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Silke Fokken

Studie zu Rechtschreibmethoden : „Es gibt viel Leid in den Familien“

Wie lernen Kinder am besten Recht­schreibung? Mit Fibeln, sagt die Leiterin einer Schüler­studie. Hier erklärt sie, warum diese Methode für mehr Gerechtig­keit sorgt – und wie sie Eltern­nöte lindern kann.

Schülerin steht bei einem Schreibtest an der Tafel (Symbolbild).
Schülerin steht bei einem Schreibtest an der Tafel (Symbolbild).
©dpa

„Unsere Kinder schreiben nicht richtig. Machen wir etwas in unserem Unter­richt falsch?“ Dieser besorgte Anruf einer Grund­schul­direktorin war an der Universität Bonn Anlass für eine neue Studie zum Recht­schreib­unter­richt.

So berichtet es die Leiterin der Unter­suchung, Una Röhr-Sendlmeier. Mit einem Team von Wissen­schaftlern unter­suchte sie umfassend Recht­schreib­leistungen von rund 300 Kindern aus Nordrhein-Westfalen, die mit einer dieser drei Methoden schreiben lernten:

  • Systematischer Fibelansatz: Buchstaben und Wörter werden schritt­weise und nach festen Vorgaben eingeführt.
  • Rechtschreibwerkstatt: Schüler bekommen Materialien, die sie selbst­ständig in individueller Reihen­folge und ohne zeitliche Vorgaben bearbeiten.
  •  Lesen durch Schreiben: Schüler schreiben ab der ersten Klasse so, wie sie meinen, dass es richtig ist – oft bis zur dritten Klasse. Korrekturen sind in der Regel nicht vorgesehen.

Das zentrale Ergebnis der Studie: Schüler, die nach der Fibel­methode lernen, machen deutlich weniger Recht­schreib­fehler als andere. Bundes­bildungs­ministerin Anja Karliczek (CDU) und der Präsident der Kultus­minister­konferenz, Helmut Holter (Linke), forderten Konsequenzen. Die Ergebnisse müssten „schnell in der Praxis Anwendung finden“, sagte Karliczek den Zeitungen der Funke-Medien­gruppe.

SPIEGEL ONLINE: Frau Röhr-Sendlmeier, wie erklären Sie sich das Ergebnis der Studie?
Röhr-Sendlmeier: Kinder lernen beim Fibel­lehr­gang sehr strukturiert, und auch Lehrer bekommen klare Vorgaben an die Hand. Das ist der grund­sätzliche Unterschied zur Recht­schreib­werk­statt und zu „Lesen durch Schreiben“.

SPIEGEL ONLINE: Kann es nicht sein, dass einige Kinder zu Hause einfach besser gefördert werden als andere?
Röhr-Sendlmeier: Diese Tatsache haben wir in unserer Studie gezielt berück­sichtigt und in den Aus­wertungen kontrolliert. Wir haben Vor­kenntnisse der Kinder kurz nach der Ein­schulung erfasst, zum Beispiel, ob sie bei dem Wort Kro-ko-dil erkennen können, dass es drei Silben hat, ob sie den Laut­strom unter­teilen und Laute grafischen Symbolen zuordnen können. Das ist ja das Grund­prinzip unserer Alpha­bet­schrift. Wir haben fest­gestellt: Kinder haben sehr unter­schiedliche Vor­kenntnisse, das wirkt sich bis ins dritte Schul­jahr aus. Aber: Die Ungleich­heit wird mit der Fibel­methode weit­gehend ausgeglichen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?
Röhr-Sendlmeier: Schüler, die zu Hause weniger Anregungen bekommen, und Schüler, die nicht mit Deutsch als Mutter­sprache auf­gewachsen sind, profitieren sehr von dem strukturierten Lern­prinzip und dem Vor­gehen vom Einfachen zum Komplexen. Fast alle Kinder, die mit einer Fibel Recht­schreibung gelernt haben, schneiden gut ab.

Die Studie

An der Studie zur Recht­schreib­didaktik der Universität Bonn nahmen insgesamt 3084 Grund­schüler aus zwölf Schulen in Nord­rhein-West­falen über vier Jahre seit 2013 teil. 292 Kinder wurden umfang­reicher unter­sucht. Sie wurden zu Beginn der ersten Klasse ausvführlich auf Vor­kenntnisse getestet. Ergänzend wurden in Vergleichs­daten von insgesamt 684 Fibel-Kindern, 511 „Lesen durch Schreiben“-Kindern und 1889 Recht­schreib­werk­statt-Kindern erhoben. Die Unter­suchung führten Tobias Kuhl und Una Röhr-Sendlmeier mit einem Team am Institut für Psycho­logie an der Universität Bonn durch. Ergebnisse wurden auf zwei Fach­tagungen vor­gestellt. Die gesamte Studie soll im Rahmen einer Dissertation veröffentlicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber auch Schüler, die bei den anderen Methoden sehr gute Ergebnisse erzielen. Vielleicht hängt der Lern­erfolg auch vom Unter­richt insgesamt ab?
Röhr-Sendlmeier: Das ist sicher so. Aber bei der Fibel­methode wird der Unter­richt auto­matisch gut auf­gebaut. Bei der Recht­schreib­werk­statt dagegen müssen Materialien nicht zwingend strukturiert ein­gesetzt werden. Eine solche Material­sammlung kann Lehr­kräfte dazu verführen, zu Schülern sagen: „Es sind ja Arbeits­blätter da, nimm dir eins.“

SPIEGEL ONLINE: Wenn eine Methode mehr Frei­raum lässt, bietet das aber auch Vor­teile. Lehr­kräfte können zum Beispiel andere Methoden ergänzen und individueller auf Kinder eingehen.
Röhr-Sendlmeier: Es erfordert aber auch besonderes Engagement von ihnen. Es gibt Lehr­kräfte, die mit „Lesen durch Schreiben“ ausgezeichneten Unter­richt machen, wunderbare Schreib­anlässe bieten und neben­bei die eine oder andere Regel vermitteln, die Methode also nicht in Rein­form umsetzen. Das kann zu sehr guten Ergebnissen führen. Aber wenn dieses Engagement der Lehr­kräfte nicht gegeben ist, haben die Kinder nichts, woran sie sich orientieren können.

SPIEGEL ONLINE: „Lesen durch Schreiben“ ist schon lange umstritten. Woran hakt es?
Röhr-Sendlmeier: Kinder bekommen dabei eine Tabelle mit Bildern zu den Buch­staben. Bei E sind etwa eine Ente und ein Esel zu sehen. Die Kinder sollen dann „nach Gehör“ schreiben, aber viele sind verwirrt, auch weil sie fest­stellen, dass das E am Anfang dieser beiden Wörter verschieden klingt. Oder das I. Das klingt bei Vieh, Baby, Igel oder ihnen jeweils gleich, wird aber jedes Mal anders geschrieben. Die Alphabet­schrift hat sich mit all ihren Regeln und Aus­nahmen über einige Hundert Jahre entwickelt. Dass Kinder sich dieses System allein aneignen sollen, ist eine völlige Über­forderung.

SPIEGEL ONLINE: Für viele Fach­leute ist diese Erkenntnis nicht neu. Einige Bundes­länder haben die reine Methode „Lesen durch Schreiben“ bereits abgeschafft. Inwiefern ist Ihre Studie bundes­weit noch von Bedeutung?
Röhr-Sendlmeier: Nordrhein-Westfalen ist das Bundesland mit der höchsten Bevölkerungs­zahl. Hier ist diese Methode ebenso wie die Recht­schreib­werk­statt sehr weit verbreitet. Viele andere Bundes­länder sind eben­falls betroffen. Da stellt sich die Frage nach der Relevanz nicht, zumal sich das Problem in weiter­führenden Schulen fort­setzt. Ich habe Anrufe von Eltern bekommen, die sagen: „Mir wird im Gymnasium gesagt, mein Sohn schreibe wie ein Sonder­schüler.“ Es gibt viel Leid in den Familien, weil die Kinder Versagen zurück­gemeldet bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst Erfahrungen gesammelt?
Röhr-Sendlmeier: Eltern bekommen bei beiden Methoden die Anweisung, ihre Kinder nicht zu korrigieren. Ich habe ab und an einige Tage hinter­einander dennoch ein paar Minuten mit meinen Kindern richtig Schreiben geübt, nur einige Sätze. Das hat bei Bedarf geholfen. Wir haben auch in der Studie fest­gestellt: Kinder können auch ohne Fibelmethode bei Recht­schreibvtests gut abschneiden, wenn Eltern ihnen helfen. Aber: Sie sollten auf keinen Fall Druck aufbauen. Das schadet auch der Leistung.

SPIEGEL ONLINE: Dass Mütter und Väter die Defizite der Schule ausgleichen, kann aber auch nicht die Lösung sein, zumal der Schul­erfolg dann umso mehr vom Eltern­haus abhängt.
Röhr-Sendlmeier: Genau. Gerade die Kinder, deren Eltern nicht helfen können, fallen hinten runter. Wir hören nach der Iglu-Studie immer wieder, ein bestimmter Anteil der Kinder könne zwar wunder­bar lesen und schreiben, aber ein großer Teil eben auch nicht. Das Problem ist, dass in unserem Bildungs­system nicht über­prüft werden muss, wie gut Lehr­werke wirken. Schulen können viel­mehr relativ frei entscheiden, nach welchen Methoden sie unter­richten.

SPIEGEL ONLINE: Was können Eltern tun, wenn sie mit der Methode nicht einverstanden sind?
Röhr-Sendlmeier: Sie sollten sich artikulieren und sagen: „Wir als Eltern wünschen, dass in den Unter­richt Regeln hinein­kommen, zum Beispiel durch Einsatz eines modernen Fibel­lehr­werks.“

SPIEGEL ONLINE: Haben Bildungs­politiker aus Ihren Ergebnissen bereits Konsequenzen gezogen?
Röhr-Sendlmeier: Wir haben unsere Ergebnisse der nord­rhein-west­fälischen Bildungs­ministerin das erste Mal vor zwei Monaten zukommen lassen aber bisher noch keine Antwort oder Einladung erhalten. Wir wurden nur auf­ge­fordert, die Ergebnisse allgemein­verständlich in einem Aufsatz für eine Zeit­schrift zusammen­zu­fassen, die das Ministerium herausgibt. Mehr nicht.