Digitale Lösungen : „Es geht gar nicht darum, Lernen digital zu stützen“

Vom Präsenz- zum Fernunterricht: In der Corona-Pandemie bestand für viele Schulen eine der größten Herausforderungen in der Umsetzung des digital gestützten Lernens und Lehrens. Im Camp des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial haben Schulen gezeigt, wie Unterricht über die Distanz mit Kreativität und dem Willen zur Veränderung gelingen kann. Für Uta Hauck-Thum, Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik, ist es mit digital gestütztem Lernen allein nicht getan. Im Interview erläutert sie, wie echte Bildungserfahrungen in einer Kultur der Digitalität möglich werden.

Stefanie Roloff 03. Mai 2021 Aktualisiert am 10. Mai 2021 1 Kommentar
Schüler am Schreibtisch
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Deutsches Schulportal: Durch die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung an Deutschlands Schulen einen Schub bekommen – das haben die am Camp des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial teilnehmenden Schulen eindrücklich gezeigt. So ist unter den nominierten Schulen zum Beispiel eine Grundschule, die eine App so weiterentwickelt hat, dass auch Kinder, die noch nicht lesen und schreiben können, darüber die Kommunikation gelingt. Was ist aus Ihrer Sicht in der Primarstufe beim digital gestützten Lernen entscheidend?
Uta Hauck-Thum: Wichtig ist zu verstehen, dass es gar nicht darum geht, Lernen digital zu stützen, sondern Lehr- und Lernprozesse unter den Bedingungen der Kultur der Digitalität von Anfang an neu zu denken. Ohne dieses Verständnis wird Unterricht nur digital aussehen, ohne dass sich das herkömmliche Verständnis des Lehrens und Lernens verändert. Digital ist keine Eigenschaft von Technologien. Im Vordergrund stehen vielmehr echte Bildungserfahrungen, die nicht länger mit regulierbaren und individualisierten Lernprozessen gleichgesetzt werden, sondern aus der Gemeinschaftlichkeit erwachsen. Das Ziel ist ein veränderter Unterricht, kein digital optimierter in tradierter Form. Eine App verändert Unterricht nicht automatisch. Der Unterricht an sich muss sich wandeln durch zeitgemäße kommunikative und kollaborative Praktiken, zum Beispiel durch die Möglichkeit, gemeinsam Filme zu relevanten Themen im Rahmen einer App zu erstellen und zu teilen. Aus solchen Prozessen der Teilhabe heraus entstehen neue Kompetenzen.

Ein wichtiges Learning der letzten Monate: Digitale Anwendungen funktionieren nur mit den passenden pädagogischen und fachdidaktischen Ansätzen. So hat beispielsweise eine nominierte Schule ein besonderes Augenmerk auf verschiedene Kompetenzniveaus gelegt und diese digital durch eine Vielzahl von Anwendungen über einen zentralen Zugang abgebildet. Wie wählen Schulen die Tools aus, die zu ihrem pädagogischen Konzept passen?
Nun, vor der Auswahl der passenden Tools sollten sich Schulen zuerst Gedanken über relevante Lehr- und Lernprozesse im 21. Jahrhundert machen. Welche Kompetenzen sind wichtig, damit Kinder bereit sind, sich den zentralen Herausforderungen zu stellen? Das geht über ein technokratisches Verständnis von Medien weit hinaus. Eine kollaborativ angelegte Plattform ist besser geeignet, um Lernprozesse zu verändern, als linear ausgerichtete Systeme, die nur zur Verteilung von Lernmaterialien genutzt werden. Auch in digitalen Räumen können zeitgemäße Interaktions-, Kommunikations- und Reflexionsprozesse ermöglicht werden, über die die Schüler und Schülerinnen mit sich und der Welt in Kontakt treten können. Wenn das klar ist, können digitale Systeme entsprechend ausgewählt werden.

Welche Kernkompetenzen benötigen die Lehrenden und Lernenden, um auf Basis digitaler Anwendungen kollaborativ zusammenzuarbeiten?
Auf Seiten der Lehrkräfte brauchen wir ein Verständnis für veränderte Praktiken. Gerade für die „Generation global“ ist es ganz zentral, sich in Gemeinschaft wiederzufinden. Sie kommuniziert beispielsweise über Memes, Blogs oder Tweets. Diese Art des Austauschs über soziale Netzwerke sollten Lehrkräfte kennen, um neue Umsetzungsformate zu entwickeln. Dazu gehören auch Mut, Kreativität, Flexibilität, Interesse und die Bereitschaft, bisherige fachspezifische Strukturen zu überdenken. Lehrende benötigen also sowohl umfangreiche mediale als auch didaktische Kompetenzen, um Kinder und Jugendliche gemäß ihren individuellen Lernvoraussetzungen bei der aktiven Auseinandersetzung mit relevanten Fragestellungen zu begleiten. Auf Seiten der Schüler und Schülerinnen ist gleichermaßen Flexibilität erforderlich. Sie müssen sich auf veränderte Lernangebote einlassen und die Bereitschaft haben, diese in neuen Formaten zu bearbeiten. Dafür sollten sie teamfähig sein und neugierig, um unter den veränderten Rahmenbedingungen neue Kompetenzen erwerben zu können.

„Der Motor in Bezug auf eine Veränderung von Lehr- und Lernprozessen liegt nicht im Bereich von Technologien, sondern in der Haltung und Einstellung der Akteure zu grundsätzlichen Veränderungen der Lehr- und Lernkultur.“

Gerade an Schulen mit vielen Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien stellt sich die Frage nach der Chancengerechtigkeit im digitalen Raum besonders dringlich. Was wurde in den vergangenen Monaten geleistet, damit die Bildungsschere nicht noch weiter auseinandergeht? Was wurde bislang versäumt?
Die Corona-Krise hat den Blick auf Ungerechtigkeiten im Bildungssystem gerichtet. Mit den 500 Millionen Euro für Leihgeräte ist es sicherlich gelungen, die Ausstattungssituation in bedürftigen Familien zu verbessern. Allerdings lassen sich über Digitalisierung keine grundsätzlichen Chancenungleichheiten kompensieren. Gerade was die häuslichen Unterstützungsmöglichkeiten angeht, wird die Schere auch durch Geräte nicht kleiner, denn Digitalisierung verbessert die Situation nur an der Oberfläche. Man müsste sich schon grundlegenden Strukturen widmen wie dem dreigliedrigen Schulsystem, dem Thema Ganztagsschulen und vor allem einer zeitgemäßen Prüfungskultur. Hier sind Gemeinschaftsschulen schon auf einem guten Weg, die von der Struktur her bereits chancengerechter sind. Sie lassen eine sehr große Heterogenität zu, ermöglichen Partizipation innerhalb der Schulfamilie und das gemeinschaftliche Lernen.

Welche Entwicklungen im Bereich des digital gestützten Lernens und Lehrens haben aus Ihrer Sicht die größten Chancen, das Lernen im Präsenzunterricht langfristig zu verändern?
In der Krise hat sich der Blick für die grundsätzlichen Probleme in unserem Bildungssystem geschärft. Durch Corona ist die Notwendigkeit offenbar geworden, sich mit dem Thema Digitalisierung konkreter auseinanderzusetzen. Die Kinder und Jugendlichen, die nun nicht mehr vor Ort an den Schulen waren, mussten schnell mit Materialien versorgt werden. Das hat jedoch mit einem zeitgemäßen Unterricht in der Kultur der Digitalität nur wenig zu tun, denn Lernen lässt sich, wie gesagt, nicht digital stützen. Der Motor in Bezug auf eine Veränderung von Lehr- und Lernprozessen liegt nicht im Bereich von Technologien, sondern in der Haltung und Einstellung der Akteure zu grundsätzlichen Veränderungen der Lehr- und Lernkultur. Digitale Medien haben ein besonderes Potenzial für ko-kreatives und kollaboratives Arbeiten, mitgeliefert wird ein zeitgemäßer Unterricht leider nicht.

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„Es braucht Flexibilität und den Mut, Schulen mehr Eigenverantwortung und Freiheit zuzugestehen, eigene Wege zu gehen – in Bezug auf themenorientierten Unterricht, auf die Auflösung von Fächergrenzen und Stundentafeln.“

Was braucht es auf Systemebene, um Schulen nachhaltig fit fürs digitale Zeitalter zu machen?
Es braucht Flexibilität und den Mut, Schulen mehr Eigenverantwortung und Freiheit zuzugestehen, eigene Wege zu gehen – in Bezug auf themenorientierten Unterricht, auf die Auflösung von Fächergrenzen und Stundentafeln. Vor allem betrifft das auch die Umsetzung zeitgemäßer Prüfungsformate, etwa in Form einer prozessorientierten Leistungsbewertung und veränderten Feedbackkultur. Lehrende sollten in Zukunft weniger Vermittelnde als vielmehr Lernbegleitende sein, die Kinder gemäß ihren jeweiligen Fähigkeiten bei diesem individuellen Prozess des Kompetenzerwerbs unterstützen – eingebettet in eine digitalisierte Welt. Vielversprechend ist auch das Konzept der Öffnung für neue Lernräume. Schule wird nicht mehr nur an einem Ort stattfinden, sondern auch außerhalb, zum Beispiel im Quartier, in Zusammenarbeit mit anderen – analog und virtuell. Für diesen Wandel brauchen wir den Austausch auf Augenhöhe zwischen der Politik, der Wirtschaft und den Schulen.

„In einer Kultur der Digitalität ist Schule nicht mehr ein Ort, an dem Wissen vermittelt wird, sondern ein Lernort, an dem Kinder und Jugendliche echte Bildungserfahrungen sammeln.“

Sie sprechen von einer Kultur der Digitalität. Wie verändert diese die Art und Weise, wie Wissen vermittelt und angeeignet wird?
In einer Kultur der Digitalität ist Schule nicht mehr ein Ort, an dem Wissen vermittelt wird, sondern ein Lernort, an dem Kinder und Jugendliche echte Bildungserfahrungen sammeln. Digitale „Hilfsmittel“ an Schulen lediglich zur Unterstützung von Prozessen einzusetzen, die dazu dienen, vorhandene Bildungsziele zu erfüllen, wird den Anforderungen des Lehrens und Lernens im 21. Jahrhundert nicht länger gerecht. Es bedarf der Erweiterung analoger und digitaler Räume, in denen Kinder die Freiheit haben, miteinander zu kooperieren und zu kollaborieren, verbunden mit einer vielfältigen und einfach zu wartenden medialen Ausstattung. Zudem sollte verstärkt auf die aktive Auseinandersetzung mit relevanten Themenstellungen aus dem Bereich der Nachhaltigkeit geachtet werden, die es Lehrenden und Lernenden ermöglicht, an Entscheidungsprozessen teilzuhaben. Derart weitreichende Transformationsprozesse setzen grundsätzlich Risikobereitschaft voraus, die aber nötig ist, um Kinder und Jugendliche für einen lebenslangen Lernprozess zu begeistern und ihnen zu Autonomie und Partizipation zu verhelfen.

Zur Person

  • Uta Hauck-Thum ist Professorin für Grundschulpädagogik und -didaktik an der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München im Department für Pädagogik und Rehabilitation.
  • Zu ihren Aufgabengebieten gehören die Forschung und Lehre im Kontext von Digitalisierung und Digitalität, Konzepte des Lehrens und Lernens im Kontext kultureller Nachhaltigkeit in der Projektschule „Münchner Unilernhaus“.
  • Aktuell leitet sie das BMBF-geförderte Forschungsprojekt „Digitale Chancengerechtigkeit“, das auf die Generierung von Wissen zielt, wie die soziale Herkunft im Lese- und Literaturunterricht der Grundschule Lernprozesse, Kompetenzerwerb und Motivation in Abhängigkeit von den verwendeten Medien beeinflusst.

In der Broschüre zum Deutschen Schulpreis 20I21 Spezial finden Sie die ausführlichen Laudationes der Jury und Porträts der Preisträgerschulen. Außerdem werden hier zentrale Erkenntnisse der Bewerberschulen im Umgang mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie zusammengefasst.