9. November 1938 : Ab welchem Alter sollte der Holocaust Thema in der Schule sein?

Am 9. November 1938 wurden in Deutschland Hunderte Jüdinnen und Juden ermordet, Synagogen, Geschäfte und Wohnungen von Juden zerstört und in Brand gesteckt. 82 Jahre liegt das zurück, aber die Bilder sind immer noch erschreckend – vor allem auch vor dem Hintergrund der systematischen Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten, für die der 9. November der Auftakt war. In Schulen ist dieses Datum ein Anlass, um den Holocaust zu thematisieren. Aber wie sieht eine gute Erinnerungskultur an Schulen heute aus? Zeitzeugen, die Konzentrationslager überlebt haben, gibt es kaum noch. Welche anderen Wege können Schülerinnen und Schülern einen Zugang ermöglichen? Und in welchem Alter sollte die Auseinandersetzung mit dem Thema beginnen? Darüber sprach das Schulportal mit Benjamin Stello, dem Landesfachberater Geschichte des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen für Schleswig-Holstein.

Annette Kuhn / 06. November 2020 / 1 Kommentar
Rose auf Mahnmal zum Holocaust
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin erinnert an die rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die während der Zeit des Nationalsozialismus umgebracht wurden.
©Soeren Stache/dpa

Deutsches Schulportal: Heute gibt es kaum noch Zeitzeugen des Holocaust, die in die Schulen kommen und Schülerinnen und Schülern davon erzählen, was sie erlebt haben. Wie können Schulen Jugendlichen heute einen Zugang zu dem Thema ermöglichen?
Benjamin Stello: Tatsächlich hatten ja auch in der Vergangenheit nur wenige Schülerinnen und Schüler direkten Kontakt zu einem Zeitzeugen oder einer Zeitzeugin des Holocaust. Solche Besuche waren in den Schulen eher die Ausnahme. Aber natürlich waren sie besonders eindrücklich. Es gibt heute aber andere Angebote, die einen indirekten Kontakt zu Überlebenden des Holocaust ermöglichen: zum Beispiel Videos, in denen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen über ihre Zeit im Konzentrationslager sprechen, oder Apps, über die man hologrammartig Zeitzeugen in den Raum projizieren kann. Was bei all diesen Angeboten fehlt, ist natürlich die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Welche Angebote können Sie da empfehlen?
Die Shoah Foundation, die Steven Spielberg mit dem Dreh zu seinem Film „Schindlers Liste“ gründete, bietet zum Beispiel Videomaterial über Zeitzeugen. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Holocaust-Überlebende zu interviewen, solange es noch geht. Auf der Website sind „70 Stories of Auschwitz“ abrufbar und für den Unterricht nutzbar.

App-Angebote gibt es inzwischen viele – mehrfach ausgezeichnet wurde die App „WDR AR 1933-1945“, die auch speziell für den Einsatz im Unterricht entwickelt ist. Hier kommen über „Augmented Reality“ Überlebende des Holocaust, aber auch andere Menschen, die die Zeit des Nationalsozialismus erlebt haben, in den Klassenraum. Ein besonderes Angebot für Schulen in Schleswig-Holstein sind außerdem die „Yad Vashem-Koffer“.

Was sind das für Koffer?
Die „Yad Vashem-Koffer“ wurden von der Gedenkstätte Yad Vashem entwickelt und enthalten Unterrichtsmaterialien. Die Inhalte wurden übersetzt und sind zunächst vom Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, Hamburg, für Schulen in Hamburg angeschafft worden. Schleswig-Holstein hat sie dann übernommen.

In den Koffern sind verschiedene biografische Skizzen, die sich die Schülerinnen und Schüler erschließen können. Dabei beschäftigen sie sich mit einer konkreten Person, die durch verschiedene Quellen und Zeugnisse belegt ist, und bekommen so einen biografischen Zugang. Aus dem Prisma, das entsteht, wenn sie die verschiedenen Personen zusammenfügen, ergibt sich ein viel differenzierteres Bild als pauschal bei „den Juden“ oder „den KZ-Häftlingen“. Das ist wichtig, denn die Zahl von mehr als sechs Millionen Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus umgebracht wurden, ist unfassbar. Nähern kann man sich dieser Zahl vor allem über die konkreten Einzelschicksale. Auch andere KZ-Gedenkstätten bieten inzwischen ähnliche Möglichkeiten.

Neben diesen Angeboten gibt es natürlich noch eine ganze Bandbreite von klassischen Materialien, die Schulen zur Verfügung stehen: Bilder, Texte, Dokumentationen, Bücher wie Anne Franks Tagebuch oder andere Jugendromane wie „Damals war es Friedrich“ oder „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

Bilder berühren – aber ich muss sie auch einordnen können und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Dazu kommt, dass ein rein emotionaler Zugang auch zur Überwältigung führen kann.

In einem Interview mit dem Schulportal hat die frühere Bildungsministerin von Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, betont, dass das „empathische Erinnern ohne erhobenen Zeigefinger“ wichtig sei, weil ein emotionaler Zugang zur Geschichte viel nachhaltiger wirke. Wie sehen Sie das?
Da muss ich etwas ausholen: Ich verstehe die Aufgabe des Geschichtsunterrichts so, dass Schülerinnen und Schüler in ihrer Gegenwart aus der Vergangenheit etwas für die Zukunft lernen sollen. Auf den Holocaust bezogen, ist es für mich als Geschichtslehrer das Ziel, dass die Auseinandersetzung mit diesen Schrecken dazu führt, dass sie zu toleranten Menschen werden, die demokratische Werte achten. Ich kann aber nicht vorne stehen und predigen: „Das darf nie wieder passieren.“ Dem steht auch das Überwältigungsverbot entgegen. Nein, die Jugendlichen müssen sich selbst eine Meinung bilden und für sich möglicherweise definieren: „Wir wollen, dass das nie wieder passiert.“

Die Frage dabei ist, wie ich das erreiche – auf der affektiven oder auf der kognitiven Ebene. Aus meiner Sicht ist das kein Entweder-oder, sondern beide Ebenen sind wichtig und müssen auch miteinander im Zusammenhang stehen. Die Bilder berühren – aber ich muss sie auch einordnen können und daraus Schlussfolgerungen ziehen. Dazu kommt, dass ein rein emotionaler Zugang auch zur Überwältigung führen kann.

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Mit welchen Folgen?
Kinder und Jugendliche reagieren ganz unterschiedlich auf Bilder und Zeitzeugnisse aus den Konzentrationslagern. Manche sind völlig verschreckt, manche reagieren sogar mit einer Abwehrhaltung, weil es ihnen zu viel ist, diese Bilder zu verarbeiten. Und das ist ja das Gegenteil von dem, was Lehrkräfte eigentlich erreichen wollen. Empathisches Erinnern muss daher immer in einen Unterrichtsverlauf eingebettet sein. Außerdem ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler in diesem Kontext lernen, zu hinterfragen – selbst die Berichte von Zeitzeugen aus dem Holocaust. Natürlich sind die besonders eindrücklich und haben eine hohe Glaubwürdigkeit. Aber es ist eine Perspektive aus der Rückschau nach vielleicht 70 Jahren. Filter- und Verdrängungsmechanismen spielen dabei eine Rolle. Davon ist selbst der Zeitzeuge, die Zeitzeugin nicht frei. Schülerinnen und Schüler müssen die Schilderungen der Zeitzeugen also einordnen, interpretieren und möglicherweise ergänzen.

Ein moralisches Differenzierungs- und Urteilsvermögen setzt gewöhnlich erst in der frühen Adoleszenz ein.

In welchem Alter ist die Auseinandersetzung mit dem Holocaust aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Ein moralisches Differenzierungs- und Urteilsvermögen setzt gewöhnlich erst in der frühen Adoleszenz ein. Entwicklungspsychologisch kann das vorher gar nicht stattfinden. Natürlich ist der Entwicklungsstand der Kinder unterschiedlich, aber im Schnitt sind wir dann bei Schülerinnen und Schülern etwa in der achten Klasse. Auch die Fähigkeit des Perspektivwechsels ist erst in diesem Alter umfassender möglich.

Das heißt nicht, dass man nicht auch mit jüngeren Kindern schon über den Holocaust sprechen kann, wenn sie mit dem Thema in Berührung kommen und Fragen stellen. Aber ich halte es nicht für zielführend, das Thema zum Unterrichtsgegenstand zu machen. Schülerinnen und Schüler sollen ja nicht nur die Informationen vermittelt bekommen – sie sollen sie verarbeiten und Schlüsse daraus ziehen. Das ist aus meiner Sicht mit jüngeren Kindern kaum möglich.

Umfrage

90 Personen haben an der Abstimmung teilgenommen.

Seit Jahren gibt es die Auseinandersetzung darüber, ob ein Besuch in einem Konzentrationslager für Schulklassen verpflichtend sein soll. Wie sehen Sie das?
Ich finde es als Geschichtslehrer sehr sinnvoll, wenn der Besuch einer Holocaust-Gedenkstätte verpflichtend ist, denn das „Lernen am anderen Ort“ ist extrem motivierend und förderlich für die Ziele des Geschichtsunterrichts. Ich würde mir allerdings wünschen, dass es diese Debatte um einen verpflichtenden Besuch gar nicht gibt, weil er ganz selbstverständlich stattfindet. Im Übrigen ist das an vielen Schulen auch der Fall.

Zu glauben, man müsse nur den Holocaust im Geschichtsunterricht behandeln und dann gebe es keinen Antisemitismus mehr, funktioniert nicht.

Das Thema Antisemitismus ist nicht nur ein Thema der Geschichte, sondern sehr aktuell, wie sich nicht zuletzt am Anschlag auf die Synagoge in Halle im vergangenen Jahr, aber auch in alltäglichen Diskriminierungen zeigt. Wie lernen Jugendliche, diesen Transfer zu leisten und Erkenntnisse aus der Geschichte für aktuelle politische Situationen zu ziehen?
Diskriminierungserfahrungen gibt es im Alltag zuhauf. Antisemitismus ist auch keine Erfindung der Nationalsozialisten. Ich bin zwar überzeugt davon, dass ein guter Geschichtsunterricht über den Holocaust viel dazu beitragen kann, eine Haltung und einen sensiblen Umgang mit Diskriminierungen zu entwickeln.

Aber wir dürfen dem Geschichtsunterricht auch nicht zu viel Wirkmächtigkeit zuschreiben. Zu glauben, man müsse nur den Holocaust im Geschichtsunterricht behandeln und dann gebe es keinen Antisemitismus mehr, funktioniert nicht. Es ist wichtig, sich in der Schule immer wieder mit Strukturen von Diskriminierung auseinanderzusetzen. Das gelingt nicht mit einer Einheit von einem Vierteljahr über Nationalsozialismus.

Auch Projektarbeit und fächerübergreifender Unterricht erscheinen mir hier sinnvoll. Aber sie sind keine notwendige Voraussetzung. Wenn eine Schule es als übergeordnetes Ziel betrachtet, dass Schülerinnen und Schüler eine Haltung gegenüber Diskriminierungen entwickeln, dann muss das nicht zeitgleich und fächerübergreifend passieren. Dann kann eine Klasse zum Beispiel in Deutsch im Januar einen Roman lesen, der sich mit Diskriminierung auseinandersetzt, und ab April geht es in Geschichte um Nationalsozialismus und Holocaust. Die Schülerinnen und Schüler docken ja trotzdem an und sind durchaus in der Lage, diesen Transfer zu leisten.

Zur Person

  • Benjamin Stello ist Landesfachberater Geschichte des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein.
  • Schon zuvor war der Geschichtslehrer in der Lehramtsausbildung in Schleswig-Holstein im Fach Geschichte tätig. Daneben unterrichtet er noch immer am Gymnasium Schenefeld.
  • Stello beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Fach Geschichte und entwickelt dazu gerade mit dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg eine Handreichung für Lehrkräfte, die sie darin unterstützt, neue Zugänge zum Holocaust zu ermöglichen.
Benjamin Stello
Benjamin Stello
©privat

Mehr zum Thema

  • Anknüpfungspunkte für eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust können auch die Gespräche mit Überlebenden des Holocaust sein, die die Kommunikationswissenschaftlerin Helen Agnes Stoffel in Tel Aviv und Berlin geführt hat.
  • Die Interviews geben Auskunft über das Schicksal der vom Nationalsozialismus verfolgten und in Konzentrationslager verschleppten Jüdinnen und Juden. Es sind sehr persönliche Berichte, die das Leiden authentisch und zugleich mit einfühlsamer Sachlichkeit beschreiben. 
  • Die Gespräche sind in dem Band „Wo einmal Flieder blühte” gesammelt, der gerade in der Schriftenreihe des Instituts für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin erschienen ist.

1 Kommentar

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#1 – 10.11.2020 #0

Vergessen - niemals

Die Schüler*innen einer Hauptschulklasse 10A in NRW haben im Jahr 2016 eine beeindruckende Foto-und Textdokumentation ihrer Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz angefertigt. Diese Dokumentation fand als Ausstellung eine große Öffentlichkeit. Die mittlerweile jungen Erwachsenen schildern noch immer ihre Eindrücke in Klassen mit der Begründung:" Es ist wichtig unsere tiefen auch emotional sehr aufwühlenden Eindrücke weiterzugeben und dafür zu sorgen, dass niemand Leugner des holocausts wird und die Vergangenheit falsch dargestellt und vergessen wird." Die Hauptschule gibt es nicht mehr, aber die nachfolgende Sekundarschule nutzt diese Dokumentation und die Erfahrungen/Erlebnisse der ehemaligen Schüler*innen.