Neue Lernkultur : Erfolg durch Feedback im Quadrat

Die Integrierte Gesamtschule List in Hannover hat eine ganz besondere Form der Lern- und Feedbackkultur in ihrem Schulleben verankert. Dahinter steckt ein ausgefeiltes Zusammenspiel verschiedener pädagogischer Instrumente.

Alexandra Mankarios / 04. Juli 2018
An der Integrierten Gesamtschule List Hannover bestimmen die Schülerinnen und Schüler ihre Ziele im Lerndialog.
©Traube47 (Robert Bosch Stiftung)

Wer die Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule  IGS List in Hannover fragt, was ihre Schule besonders macht, bekommt viele verschiedene Antworten. „Man lernt an unserer Schule nicht nur Sachen, sondern auch das Lernen“, meint zum Beispiel Tobias (16). Larissa, ebenfalls 16, findet gut, dass es Lernpläne gibt, die die Inhalte und Aufgaben für ein Halbjahr vorgeben und die jeder in seinem eigenen Tempo bearbeiten kann. Felix (14) erzählt von seinem Lernentwicklungsordner „Leo“. Am Ende des Halbjahrs kann er darin zusammen mit seinen Eltern blättern und genau sehen, was er erreicht hat.

Was zählt, ist der individuelle Kompetenzgewinn

Was zunächst wie ein breites Spektrum an Lern- und Förderangeboten aussieht, ist ein mit viel Bedacht entwickeltes Gesamtkonzept, das Lernen, Feedback und Eigenverantwortung eng miteinander verzahnt. Die „Quadratur der Feedbackkultur“ nennt die Schule, die in diesem Jahr zu den Preisträgern des Deutschen Schulpreises 2018 gehört, ihren Ansatz. Der Begriff ist von dem bekannten Kommunikationsquadrat des Psychologen Friedemann Schulz von Thun inspiriert. Während das Original aber vier verschiedene Seiten einer Äußerung in den Blick nimmt, beschreibt das Quadrat der IGS List vier pädagogische Instrumente, die gemeinsam für die bestmögliche Entwicklung aller Schülerinnen und Schüler sorgen sollen.

Dabei zählt nur nachrangig, wie weit jemand von einem extern gesetzten Standard entfernt ist, wichtiger ist vielmehr, dass jede Schülerin und jeder Schüler die individuellen Kompetenzen erweitert. Doch wie funktioniert das?

Die vier Seiten des Feedbackquadrats

Vier Dreiecke bilden zusammen das Quadrat, mit dem die IGS List ihren Lernansatz visualisiert. Jedes Dreieck beschreibt ein pädagogisches Instrument mitsamt Regeln und Methoden. Ein Überblick:

  • Zweimal jährlich erhalten die Lernenden der IGS List einen ausführlichen Lernentwicklungsbericht (LEB). Er soll ihnen helfen, eigenverantwortlich zu lernen. Der LEB beleuchtet, wie sich die Schülerinnen und Schüler in den vier Kernkompetenzen (Fach-, Sozial-, Selbst-, Methodenkompetenz) entwickelt haben. Außerdem beschreibt er für jedes Fach detailliert die Unterrichtsthemen und blickt auf die individuellen Ziele zurück, die sich die Lernenden zuvor gesetzt haben. Der – notenfreie – Bericht bildet die Grundlage für den „Lerndialog“.
  • Das „Lernförderliche Feedback“ soll den Schülerinnen und Schülern helfen, ihr eigenes Lernen zu reflektieren, damit sie ihren Lernweg selbst steuern können. Das Feedback findet während oder nach jeder Unterrichtseinheit statt und kann verschiedene Formen annehmen. Neben Fragebögen, Rastern und Ampeln kommen im Sportunterricht zum Beispiel auch Videoaufnahmen zum Einsatz.
  • Eine kooperative Verständigungskultur ist das Ziel im „Schüler-Eltern-Lehrer-Lerndialog“. Weil der Lerndialog nach Chancen sucht und sich an den Stärken der Schülerinnen und Schüler orientiert, trägt er erheblich zum Wohlbefinden der Lernenden bei – das steigert die Motivation. Protokolle, Leitfragen und andere Dokumente steuern den Dialog. Am Ende setzen sich die Schülerinnen und Schüler Entwicklungsziele – also spezifische, messbare, für sie selbst attraktive, realistische Ziele mit klarem Zeithorizont. Wie gut sie diese erreichen, zeigt dann der nächste Lerndialog.
  •  Die Ziele sind eins der vielen Dokumente, die die Schülerinnen und Schüler in ihrem Lernentwicklungsordner ablegen. In dem Portfolio sammeln sie Erfolge, Erlebnisse, Erkenntnisse und Erfahrungen – und zwar nicht nur aus dem Unterricht, sondern zum Beispiel auch aus Projekten oder von Klassenfahrten. Der Ordner existiert in einer analogen und einer digitalen Variante.

Zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler schaffen den Sprung in die gymnasiale Oberstufe

Dass das Konzept aufgeht, zeigen die Erfolge der IGS List. Rund zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler erreichen nach der zehnten Klasse den erweiterten Sekundarabschluss I, der den Übergang in die gymnasiale Oberstufe erlaubt. „Mindestens die Hälfte davon kommt ohne Gymnasialempfehlung von der Grundschule“, betont Oswald Nachtwey, Schulleiter der IGS List. Dass die „Quadratur“ in der Praxis funktioniert, sei das Ergebnis einer langen Entwicklung, meint Nachtwey, „die Strukturen sind über Jahre gewachsen.“ Damit meint er nicht nur die pädagogischen Instrumente, sondern vor allem das Selbstverständnis und die enge Zusammenarbeit der Lehrkräfte: „Das kann man nicht mal so eben umsetzen.“

Auf einen Blick

  • Mit der Verleihung des Deutschen Schulpreises 2018 startete die Bewerbungsphase für die Auszeichnung im kommenden Jahr.
  • Noch bis zum 15. Oktober können sich Schulen für den mit insgesamt 270.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis 2019 bewerben.
  • Alle Informationen über die aktuelle Ausschreibung gibt es auf der Website des Deutschen Schulpreises: http://schulpreis.bosch-stiftung.de
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