Vorreiterprojekt in Hamburg : Ein Unterrichts­fach für alle Religionen

In Hamburg gibt es einen Religions­unterricht für alle zusammen. Nun sollen dabei aber auch Lehrer unter­schiedlicher Religionen beteiligt sein. Könnte das Vorreiter­projekt die Zukunft des Schul­fachs bilden?

Dieser Artikel erschien am 03.01.2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
Religionsunterricht
Alevitische, muslimische, jüdische, evangelische und voraus­sichtlich auch katholische Lehrer sollen künftig in Hamburg Religions­unterricht halten, wenn sie ein voll­ständiges Studium und ein ordentliches Referendariat absolviert haben.
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Hamburg ist einigermaßen stolz darauf, ein Vorreiter­projekt eines Religions­unterrichts für alle (Rufa 2.0) entwickelt zu haben. Daran sollen gleich­berechtigt mehrere Religions­gemeinschaften beteiligt sein. Alevitische, muslimische, jüdische, evangelische und voraus­sichtlich auch katholische Religions­lehrer werden künftig unterrichten, wenn sie ein voll­ständiges Studium und ein ordentliches Referendariat absolviert haben.

„Das gemeinsame Lernen der Kinder ist eine wunderbare Idee für unsere religiös und kulturell viel­fältige Stadt“, begeistert sich Schul­senator Ties Rabe (SPD), der in seinem früheren Leben selbst einmal Religion unterrichtet hat. Die katholische Kirche will sich grund­sätzlich daran beteiligen, prüft aber gerade noch in einem gemeinsamen Modell­versuch mit der evangelischen Nord­kirche an einigen Hamburger Schulen, wie die Zusammen­arbeit in der Praxis aus­sehen kann und ob der Lehrplan die Unterschiede der Konfessionen und Religions­gemeinschaften ausreichend berücksichtigt. Für die katholische Kirche ist dieser Schritt schwerer als für andere Beteiligte, weil sie den Religions­unterricht immer auch als Ort der Mission sah.

Dass das ausgeschlossen ist, hat die Schul­behörde noch einmal aus­drücklich fest­gestellt: Es gehe nicht um Mission, sondern um Bildung und religiöse Mündigkeit. Schon bisher gab es in Hamburg im Unterschied zu den anderen Bundes­ländern, in denen es bis zu 13 verschiedene Religions­unterrichte gibt, einen Religions­unterricht für alle. Aller­dings wurde er in „evangelischer Verantwortung“ erteilt, weil die Protestanten lange Zeit die religiöse Mehrheit in Hamburg bildeten.

Das hat offenbar niemanden gestört, denn in Hamburg machte so gut wie niemand von seinem Recht Gebrauch, sich vom evangelischen Religions­unterricht abzumelden. 2012 hatte der frühere Bürger­meisters Ole von Beust (CDU) den muslimischen Religions­gemeinschaften das Recht auf einen besonderen Religions­unterricht zugesichert. 2013 vereinbarte die Bürger­schaft deshalb in den Staats­verträgen eine „Weiter­entwicklung des Religions­unterrichts für alle“ mit islamischen Gemeinschaften und der Alevitischen Gemeinde, nachdem die evangelische Kirche ihre Bereitschaft dazu erklärt hatte.

Noch nicht genügend nicht­christliche Lehr­kräfte

Die Jüdische Gemeinde trat dem Projekt dann im Jahr 2014 bei. Ein verfassungs­rechtliches Gutachten habe den eingeschlagenen Weg bestätigt, berichtet die Senats­verwaltung Schule und kündigt eine sukzessive Einführung an allen Hamburger Schulen an. Bei dem neuen Religions­unterricht handelt es sich allerdings nicht um ein religions­kundliches Modell, bei dem Schüler aus einer neutralen Perspektive Grund­wissen über alle beteiligten Religionen erfahren, sondern gemäß Artikel 7 Absatz 3 des Grund­gesetzes um einen Religions­unterricht in der Verantwortung der jeweiligen Religions­gemeinschaft. Das heißt, die jeweiligen Lehrer müssen der Religions­gemeinschaft angehören, die sie vertreten, und auch eine Beauftragung besitzen. Noch gibt es nicht genügend nicht­christliche Lehr­kräfte, die über­haupt die Vor­aus­setzung für einen solchen Unterricht erfüllen, in Hamburg hofft man, dass sich das in den nächsten Jahren ändert.

Die evangelische Nordkirche hat sich die Entscheidung für die Weiter­entwicklung des Religions­unterrichts für alle nicht leicht­gemacht und ein großes rechts­wissenschaftliches Gutachten angefordert, das an sich zu dem Schluss kam, dass „ein religions­über­greifender, träger­pluraler Religions­unterricht im Bereich des Art. 7 Abs. 3 GG nicht möglich“ sei. Allerdings hielt es der Münsteraner Rechts­wissenschaftler Hinnerk Wißmann durchaus für möglich, ein Organisations­modell mit einer gemeinsamen Verantwortungs­klar­heit für die Inhalte zu schaffen.

Diese Grundforderung findet sich auch im theologischen Gutachten des Heidelberger Systematikers Wilfried Härle, das vier Prinzipien für den Rufa 2.0 statuierte: die vierfache Lehrerrolle, also Unterricht im Wechsel sowie eine klare Zuordnung von Lehr­kraft und Religions­unterricht. Vor allem diese Bestimmung hat es der katholischen Kirche erleichtert, ihre Beteiligung in Aussicht zu stellen. Härle hat darauf bestanden, dass die trennenden Gegen­sätze zwischen den Religionen und Konfessionen klar benannt werden, so dass in den Köpfen der Schüler hoffentlich nicht nur ein religiöser Einheits­brei entsteht, sondern ein klar zuzuordnendes Bild der beteiligten Religions­gemeinschaften.

Ob das in der Praxis auch gelingt, soll durch eine qualitäts­sichernde Begleitung sowie ein externes Fach­gremium über­prüft werden, das die Über­einstimmung des künftigen Hamburger Religions­unterrichts mit dem Grund­gesetz fort­laufend überprüft. Härle begründet in seinem Gutachten theologisch, dass ein „Pluralismus aus Prinzip“ möglicher­weise auch in anderen Ländern die Zukunft des Religions­unterrichts als ordentliches Lehr­fach ausmacht. Auch in Baden-Württemberg und anderen Ländern wird Religions­unterricht längst nicht mehr streng konfessionell, sondern häufig gemeinsam von den beiden christlichen Konfessionen im Wechsel verantwortet.

Nirgends gibt es allerdings ein so weit­gehendes Modell wie in Hamburg. Härle begründet den Religions­unterricht für alle ausgehend von der christlichen Botschaft, die sich an alle Menschen wendet und deren Weitergabe sich nicht begrenzen lässt. Die Identität des Religions­unterrichts hängt für ihn nicht von der Religions­zugehörig­keit der teil­nehmenden Schüler ab, sondern von der „durch den Lehrplan inhaltlich und durch die Lehr­kräfte personell repräsentierten Über­einstimmung mit den Grund­sätzen“ der jeweiligen Religions­gemeinschaft oder Konfession.

Bisher habe der Religionsunterricht für alle in evangelischer Verantwortung erhebliche Defizite insofern gezeigt, als die Schüler die anderen im Klassen­verband vertretenen Religionen nur unzureichend kennen­lernten und inter­religiöse Pluralität so abstrakt blieb, dass sie sich keines­wegs auf das Zusammen­leben der Schüler außerhalb der Schule ausgewirkt habe. Härle geht so weit, dass er das Ziel aktiver Toleranz­förderung „als bisher gescheitert“ bezeichnet.