Vorbereitungsklassen für geflüchtete Kinder : Ein ungewöhnliches Team

Eine Hamburger Schule zeigt, wie guter Unterricht mit ukrainischen Kindern aussehen kann. Doch nicht alle Schulen werden es nachmachen können.

Dieser Artikel erschien am 30.05.2022 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Die Kinder lernen Deutsch und bekommen Fachunterricht auf Ukrainisch.
©Julian Stratenschulte/dpa

Ein Donnerstagmorgen in Niendorf in Hamburg. In einem Klassenzimmer der Paul-Sorge-Stadtteilschule versucht Deutschlehrerin Rebecca Y. elf ukrainischen Schülerinnen und Schülern Possessivpronomen beizubringen. „Das ist meine Schere. Das ist nicht dein Lineal.“

Die Kinder reden nur, wenn Rebecca Y. sie aufruft. Mal wirken sie konzentriert, mal in Gedanken, mal einfach sehr müde. Manche sprechen und schreiben schon ziemlich flüssig Deutsch. Andere müssen die ungewohnten lateinischen Buchstaben noch mühsam malen, wenn sie die fehlenden Pronomen in die Lücken auf die Tafel schreiben.

Knapp 115.000 ukrainische Kinder und Jugendliche wurden bis Mitte Mai an deutschen Schulen aufgenommen. Das geht aus Zahlen der Kultusministerkonferenz hervor. Rund 3.000 von ihnen werden in Hamburg unterrichtet. Für die Kinder und Jugendlichen ist es eine neue und ungewohnte Situation, aber auch das Schulsystem muss zeigen, wie flexibel und gut es mit der neuen Herausforderung umgehen kann.

An der Paul-Sorge-Schule klappt vieles sehr gut. Ein Grund dafür sitzt ganz hinten während der Deutschstunde. Ludmilla S.*, 41 Jahre alt, schwarzes Haar mit kurzem Pony, trägt statt Hoodie oder T-Shirt wie ihre Mitschülerinnen eine beigefarbene lange Strickjacke über dem schwarzen Rollkragenpullover. Ludmilla S. ist noch stiller als die Kinder, sie meldet sich nicht, macht sich aber eifrig Notizen.

Nach der Mittagspause wird die Ukrainerin im selben Klassenraum die Rolle tauschen und von der Schülerin zur Lehrerin werden. Dann unterrichtet sie Mathe auf Ukrainisch. Deutschlernen falle ihr schwerer als erwartet, sagt sie, aber die Rolle der Lehrerin beherrsche sie mühelos. Schließlich habe sie zwanzig Jahre Erfahrung. Normalerweise unterrichtet sie Mathematik in Tschernihiw, einer Region im Nordosten von Kiew.

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Herkunftssprachlicher Unterricht hilft dem Selbstbewusstsein und dem Lernen

Unterricht in der eigenen Sprache, das ist ein wichtiger Baustein für erfolgreichen Unterricht für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Die Schüler und Schülerinnen lernen zwar schwerpunktmäßig Deutsch, um spätestens nach einem Jahr in reguläre Klassen wechseln zu können. Denn niemand weiß, ob sie bald in die Ukraine zurückkehren können. Aber anders als in den üblichen Willkommens- oder Vorbereitungsklassen erhalten sie wenigstens in Mathe und Englisch sofort Fachunterricht – und zwar in ihrer Muttersprache, allerdings ohne Noten. Für Englisch ist eine weitere ukrainischsprachige Lehrerin eingestellt worden. Natalie G. gehört zum Pädagogenteam der zweiten Vorbereitungsklasse an dieser Schule, in der Siebt- und Achtklässler lernen. G. hat allerdings schon viele Jahre in Deutschland gelebt – und rutscht deshalb auch immer wieder in die Rolle der Übersetzerin für die anderen Lehrerinnen im Team, aber auch für die Journalistin.

Anders als für die Schülerzahlen, führt die Kultusministerkonferenz keine Statistik darüber, wie viele ukrainische Lehrerinnen an deutschen Schulen aktuell beschäftigt werden. Doch die Kultusministerinnen haben sich darauf verständigt, möglichst viele möglichst schnell einzustellen. Bei Ludmilla S. hat es ganz unbürokratisch geklappt. Sie und ihr Sohn sind nach der Flucht bei Verwandten in Hamburg untergekommen. Über Telegram wurde ihr der Kontakt zur Schule vermittelt. Sie habe sich dann direkt bei der Schule beworben und konnte bald darauf einsteigen. Im Unterricht nutzt sie unter anderem die Materialien, die sie von der ukrainischen digitalen Plattform herunterlädt.

Der zweisprachige Unterricht ist nicht nur praktisch für die Kinder, die bald in ihre Heimat zurückkehren. Studien zeigen, dass er auch Vorteile bringt, für die, die bleiben – für das Selbstbewusstsein, die Entwicklung, Identitätsbildung, aber auch für den Lernerfolg der Kinder und Jugendlichen. Sie würden „ein höheres metasprachliches Bewusstsein“ erreichen, sagt etwa Tim Würfel vom Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache von der Universität Köln dem Schulportal. Weitere Sprachen können sie dann unter anderem leichter lernen.

Bisher spielt herkunftssprachlicher Unterricht kaum eine Rolle

In einer üblichen Vorbereitungsklasse ist das natürlich ungleich schwerer. Dort sitzen zum Beispiel Kinder aus Syrien, aus der Türkei, aus China und aus Bulgarien. Für die vielen unterschiedlichen und immer wieder wechselnden Sprachen wäre es kaum zu schaffen, jeweils eine muttersprachliche Mathemathiklehrerin zu engagieren. Viele Bundesländer bemühen sich trotzdem inzwischen um herkunftssprachlichen Unterricht zumindest an manchen Schulen. Er findet meist am Nachmittag in kleinen Gruppen statt. Manchmal können die Bewertungen sogar ins Zeugnis einfließen. Manchmal gibt es nur Notlösungen, wie etwa den sogenannten konsularischen Unterricht, der von der Schule völlig unabhängig und dessen Inhalte von der Schule nicht zu kontrollieren ist.

Unterricht in der Muttersprache, wie die Paul-Sorge-Schule ihn mit Ludmilla S. und Natalie G. anbietet, spielt jedoch laut einer repräsentativen Umfrage unter über 1.000 Lehrkräften des Schulbarometers von der Bosch-Stiftung auch für die ukrainischen Schüler und Schülerinnen an den meisten Schulen bislang kaum eine Rolle. Nur ein Prozent der befragen Lehrkräfte berichtete Mitte April davon. Vier Fünftel der Kinder wurden nach den Angaben der Lehrkräfte zumindest teilweise in deutschen Regelklassen aufgenommen. Das hat zwar große Vorteile, wenn die Kinder schon Deutsch verstehen. Grundschüler könnten gleich parallel zum Unterricht Deutsch lernen. Denn viele Willkommensklassen bleiben oft viel zu lange ohne Fachunterricht und isoliert von deutschsprachigen Kindern. Auch die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerien empfiehlt, die Kinder schnell in die Regelklassen zu integrieren, aber erst in Fächern wie Sport und Kunst, in denen man mit wenigen Brocken Deutsch zurechtkommt. Ansonsten kann das Ankommen jedoch werden, wenn Jugendliche dem Fachunterricht auf Deutsch nicht folgen können. Die schnelle Integration in die Regelklassen ist derzeit also meistens keine sprachwissenschaftlich begründete Maßnahme, sondern eine Notlösung.

Die Paul-Sorge-Schule konnte gleich zwei neue Internationale Vorbereitungsklassen einrichten, in denen fast ausschließlich ukrainische Schüler und Schülerinnen lernen. Dafür verzichten die Pädagogen auf einen Konferenzraum und einen Rückzugsraum für die Inklusionsschüler und -schülerinnen in ihrem neuen, modernen Schulbau, der über mehrere kleine Höfe, über Nischen mit Sofas und einen Spieleraum für die Kinder verfügt.

Eine Psychologin erklärt den Stress

Prüfungen ablegen, im Deutschunterricht schnell vorankommen – das ist für Kinder, die aus einem Kriegsgebiet geflohen sind, allerdings gar nicht oberste Priorität. Viele haben Schreckliches gesehen und erlebt, meist sind ihre Väter in der Ukraine noch in Gefahr. Sie müssen sich erst einmal in der Schule sicher fühlen, um sich auf den Unterricht einlassen zu können. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission empfiehlt psychologische Begleitung mit Sozialarbeitern und Schulpsychologen sowie in Einzelfällen Psychotherapien mit Übersetzerinnen. Das ist ein weiterer wichtiger Baustein für den erfolgreichen Unterricht geflüchteter Kinder.

Auch hier sind die Kinder der Paul-Sorge-Stadtteilschule privilegiert. Im Pädagogenteam arbeitet nämlich auch eine ukrainische Psychologin, Natalia V. Die Frau mit langem gewellten Haar ist ebenfalls aus Tschernihiw geflohen. Ludmilla S. und sie kannten sich sogar flüchtig. Natalias Mann und der Vater ihres Sohnes sind noch dort, nahe der Grenze zu Belarus. Sie lernt wie Ludmilla gemeinsam mit den Kindern Deutsch. Für beide Vorbereitungsklassen ist die 42-Jährige jeweils zwei Schulstunden da. Währenddessen kann sie erkennen, ob ein Kind mehr Hilfe braucht. In Einzelstunden behandelt sie die Kinder, die etwa unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden oder Angststörungen entwickelt haben.

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Natalia V. sagt, fast alle hätten ähnliche Probleme. Sie beobachtet, dass die Kinder sich schwer motivieren könnten zu lernen. Viele schliefen nachts schlecht oder könnten sich nicht regenerieren im Schlaf. „Ich sehe bei einigen Kindern einen chronischen Stresszustand, der sich körperlich äußert. Das Immunsystem leidet, sie haben oft Erkältungen. Manche zittern oder zucken, nehmen es selbst aber gar nicht wahr“, erzählt sie. „Einige werden hyperaktiv, andere apathisch.“ Sie macht mit ihnen Musiktherapie, Entspannungs- und Atemübungen, damit die Kinder spüren, was in ihrem Körper vorgeht und damit sie lernen, wie sie sich wieder beruhigen können. Sie erklärt ihnen, was Stress ist, wie man eine Panikattacke erkennt. Ob die Kinder das nicht albern finden, so einen ungewöhnlichen Schulstoff? „Nein“, sagt Natalia, „psychologische Betreuung gehört in der Ukraine sowieso in den Unterricht.“

Im Team „sich gegenseitig vervollständigen“

Sie redet auch mit den Erwachsenen. Denn sie ist überzeugt, wenn es den Eltern gelingt, Entscheidungen zu treffen und hier anzukommen, dann fällt es auch den Kindern leichter. Und sie redet mit ihrem Team. Natalia V. empfiehlt den Lehrern, große Ziele wie die Prüfungen oder sehr gute Deutschkenntnisse, um in die Regelklasse einzusteigen, jetzt noch nicht anzupeilen. Schule müsste in dieser Situation umdenken und lieber kleine Ziele setzen, die kleine Erfolgserlebnisse und damit auch kleine Glücksgefühle ins Leben der Kinder bringen. Sie wünscht sich viel Bewegung, Sportunterricht für die Vorbereitungsklassen. Alles, um den Stress zu lindern.

Sie selbst ist dankbar, hier in Deutschland, aber auch in einem Team arbeiten zu können: „Ich mache jeden Tag eine neue Entdeckung, neue wertvolle Erfahrungen. Es ist wunderbar, sich gegenseitig zu vervollständigen“, sagt sie.

Improvisation und Wohlwollen statt Bürokratie

Könnten nicht alle Kinder so lernen und alle Lehrerinnen so lehren? Mit einem Team, das sich jeden Freitag für eine Stunde trifft und auf Zuruf abstimmt – Pädagogen, die sich gegenseitig bereichern und gemeinsam den Kindern als Erstes beistehen, um dann das Beste aus ihnen herauszuholen. Multiprofessionelle Teams heißen sie und sind keine Erfindung der Paul-Sorge-Stadtteilschule. Sie sind nur normalerweise nicht so komfortabel ausgestattet. Vielerorts gibt es höchstens eine Schulpsychologin in Teilzeit und einen Schulsozialarbeiter für die ganze Schule.

An der Paul-Sorge-Schule ist dieses Modell aus der Not geboren und geht nur mit viel Improvisation und Wohlwollen von allen Seiten. Denn schließlich mangelt es auch ohne ukrainsche Flüchtlinge nicht nur an muttersprachlichen Lehrerinnen, sondern auch sonst an Lehrkräften und Schulpsycholginnen in Deutschland. Selbst die Deutschlehrerin Y. ist keine ausgebildete Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache, sie hat auch noch kein zweites Staatsexamen abgelegt. Sie lernt es im Job. Alle haben befristete Verträge von der Schulbehörde bekommen. Die Schulleiterin kann sich mit ihren neuen Mitarbeiterinnen nur über Google Translate verständigen, ein Unterrichtsbesuch würde ihr nicht viel bringen. Auch der Austausch im Team ist sprachlich eine Herausforderung. Doch wenn geflohene Lehrer und Lehrerinnen erst jahrelang Deutsch lernen und ihre Qualifikationen anerkennen lassen müssten wie sonst üblich, würden sie den Kindern hier an der Paul-Sorge-Schule nicht mehr beistehen können. Eine umtriebige Schulleiterin, engagierte Pädagoginnen und die Hamburger Schulbehörde lassen das zu.

Als es zur Pause klingelt, springen einige der eben noch sehr stillen Kinder aus der Vorbereitungsklasse auf und poltern nach draußen. Sie seien verabredet mit deutschen Kindern, die sie im Spieleraum beim Billard kennengelernt hätten, erzählt die Deutschlehrerin. Auch das gehört dazu. Die Psychologin Natalia V. sagt: „Die Kinder brauchen Zeit, um anzukommen, das Gefühl, verstanden zu werden, Stabilität in der Schule und von ihren Eltern – und Freunde.“

*Die Pädagoginnen wollten nicht mit vollem Namen erscheinen, sie sind der Redaktion aber bekannt.