Sexueller Missbrauch : Ein bis zwei Kinder pro Klasse sind Missbrauchsopfer

Die Zahlen sind schockierend: Statistisch gesehen sind in jeder Klasse Kinder, die sexuellen Missbrauch erleben. Im Interview mit dem Schulportal erklärt Ursula Schele, wie Lehrkräfte auf diese Zahlen reagieren und warum es kein Wunder ist, dass Lehrerinnen und Lehrer in ihrem Schulalltag so wenig davon merken. Ursula Schele ist Autorin des Buchs „Sexualisierte Gewalt und Schule“ und Geschäftsführerin des PETZE-Instituts für Gewaltprävention.

Antje Tiefenthal / 30. November 2018
Mehrere Kinder in einem Klassenraum melden sich mit Handzeichen
Viele Lehrkräfte reagieren mit einem Schreck, wenn sie erfahren, wie viele Kinder sexuellen Missbrauch erleiden: Was haben sie übersehen? Welches Kind hat Anzeichen dafür gezeigt? Wann haben sie vielleicht nicht richtig reagiert?
©iStock

Nur jeder zehnte bis fünfzehnte Fall wird gemeldet

Ein bis zwei Kinder pro Klasse sollen sexuelle Gewalt erleben oder erlebt haben. Das ist die Einschätzung des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Wie bewerten Sie diese Zahlen?
Ich teile seine Bewertung. Wir wissen ziemlich genau, wie viele Erwachsene im Laufe ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben: Das sind in Deutschland um die 12,4 Prozent. Diese Zahlen werden immer wieder durch Studien bestätigt. Wir gehen aber davon aus, dass etwa nur jeder zehnte bis fünfzehnte Fall überhaupt gemeldet wird.

Wie reagieren Lehrkräfte, wenn man sie mit diesen Zahlen konfrontiert? Denkt man nicht automatisch, man hat etwas übersehen?
Das ist genau die Reaktion, die wir auf Fortbildungen erleben, wenn wir diese Zahlen vermitteln: Ein bis zwei oder sogar drei Mädchen pro Klasse, vielleicht auch ein bis zwei Jungen. Es gibt ja immer mal wieder eine Klasse, wo es mehr sind. Genauso gibt es aber auch mal Klassen ohne betroffene Kinder. Oft kriegen die Lehrerinnen und Lehrer einen unheimlichen Schreck und denken: Oh je, was habe ich da nur alles übersehen, da waren so viele Kinder, die diese Anzeichen gezeigt haben.

Was sagen Sie dann?
Lehrkräfte haben das Thema bisher nicht in der Ausbildung gehabt. Wir kämpfen im Moment immer noch darum, dass an Hochschulen und Universitäten Kinderschutz und Prävention vermittelt wird. Wir sind weit davon entfernt, dass sich schon alle Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland mit diesem Thema beschäftigt haben. Kitas, Jugendhilfe- und zum Teil auch Behinderteneinrichtungen müssen Schutzkonzepte entwickeln. In Hessen, wo die Odenwaldschule liegt, ist das auch Pflicht für Schulen – in allen anderen Bundesländern leider immer noch nicht. Es heißt dann: Das Thema ist eine Verantwortlichkeit der Eltern. Dabei sind Schulen Kompetenzorte, wo Kinder die Chance hätten, auf Pädagoginnen und Pädagogen zu treffen, die ihnen helfen können.

Ursula Scheele
Ursula Schele war früher selbst Lehrerin und engagiert sich seit vielen Jahren für Betroffene, die sexuelle Gewalt und sexuellen Missbrauch erleiden müssen oder mussten.
©Thomas Eisenkraetzer

Zurück zur Reaktion der Lehrkräfte: Ist der Schock gewollt?
Ja, die erschreckenden, aber korrekten Zahlen sollen wachrütteln. Gleichzeitig gebe ich den Lehrkräften aber auch eine Entlastung und sage ihnen, dass es kein Wunder ist, dass sie nichts gemerkt haben. Die Kinder wollen nicht entdeckt werden. Sie wollen Hilfe und brauchen diese auch unbedingt. Sie haben aber panische Angst davor, dass all das, womit der Täter immer gedroht hat, auch tatsächlich passiert, wenn sie reden. Deshalb geht es nicht primär darum, sexuellen Missbrauch von außen „aufzudecken”.

Worum geht es dann?
Lehrkräfte müssen erstmal Rahmenbedingungen schaffen, in denen Kinder sprechen können und auf Verständnis, kompetente Hilfe und Unterstützung stoßen. Ich habe lange in der Beratungstherapie mit Betroffenen gearbeitet. Wenn ich sie gefragt habe: „Wie konntet ihr das überhaupt aushalten? Wie seid ihr so tolle, erfolgreiche, gestandene, resiliente Erwachsene geworden?“, dann kam als Antwort oft: „Ich hatte eine tolle Lehrerin, die hat mich gelobt, meinen Aufsatz vorgelesen und immer wieder gesagt, wie gut ich singen kann.“ Wenn Lehrkräfte gute Pädagogik machen und sich selbstwertstärkend verhalten, dann tun sie sowieso für alle Kinder etwas Gutes, aber sind besonders wertvoll für die Kinder, die unter Kindeswohlgefährdung oder Missbrauch leiden.

Smartphone und Internet gehören für viele Kinder zum Alltag. Welche Gefahr geht Ihrer Meinung nach davon aus?
Es gibt für Täter viele Möglichkeiten, über das Netz an Kinder heranzukommen, sie auszuspähen und auszusuchen. Dazu kommt dieser immense Bereich des Handels mit Darstellungen von sexueller Gewalt an Kindern. Wir sprechen dabei übrigens bewusst nicht von Kinderpornografie. Das sind gefilmte Sexualstraftaten – das hat nichts mit Pornografie zu tun.

Wie sollte Schule mit diesem Thema umgehen?
Die Gefahren sind sowohl Eltern als auch Schulleitungen und Lehrkräften bekannt. Sogar die Kinder und Jugendlichen wissen darum. Sie versuchen natürlich im Netz Dinge zu tun, die grenzwertig sind und experimentieren gern. Sie sind meist digital besser aufgestellt als ihre Eltern und können die Sicherheitseinstellungen auch umgehen. Umso wichtiger ist es, dass Schulen Medienkompetenz vermitteln und auf diese Gefahren hinweisen. Mit dem Internet ist allerdings keine neue Form von sexuellem Missbrauch hinzugekommen – es ist lediglich eine weitere Ebene. Erst haben die Täter Super-8-Filme gedreht, dann Videos, dann CDs und nun kriegt der Handel mit dem Netz eine ganz neue globale Ausbreitung. Doch auch hier kommen wieder das Gros der Sexualstrafstaten, die via Internet transportiert werden, aus dem sozialen Nahbereich. Es sind häufig Leute aus der eigenen eigenen Clique, aus dem Bekanntenkreis, der Nachbarschaft – von daher ist sie nicht so anders als Sexualstraftaten, die keinen Bezug zum Internet haben.


Weiterlesen? Hier geht es zum ersten Teil des Interviews mit Ursula Schele: Sexuelle Gewalt und Schule: Was Lehrkräfte wissen müssen


Auf einen Blick

0800 22 55 530

Unter dieser Nummer ist das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch bundesweit, kostenfrei und anonym erreichbar.

Weitere Informationen gibt es hier: www.hilfetelefon-missbrauch.de

Zur Person

Cover Sexualisierte Gewalt und Schule
Margit Miosga/Ursula Schele: „Sexualisierte Gewalt und Schule”, Beltz Verlag.
©Beltz Verlag
  • Ursula Schele ist Lehrerin, Bildungsreferentin und Fachberaterin für das Thema „Sexualisierte Gewalt” sowie Geschäftsführerin des PETZE-Instituts für Gewaltprävention.
  • Das Institut widmet sich dem Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch und bietet Präventionsschulungen an.
  • Beim PETZE-Institut ist Ursula Schele unter anderem zuständig für Fortbildungen, Fachtagungen und Elternarbeit.
  • Mehr Informationen finden Sie auf der Website des PETZE-Instituts.
  • Der Beltz Verlag hat jetzt das Buch „Sexualisierte Gewalt und Schule“ von Ursula Schele und der Journalistin Margit Miosga veröffentlicht.
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