Dieser Artikel erschien am 12.01.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Dominik Hutter

Unterricht auf dem Land : Dritte Stunde: Ausmisten

Auf einem neuen Schul­bauern­hof­stall in Riem sollen Stadt­kinder lernen, wie Kartoffeln geerntet und Kühe gemolken werden. Der Stadt ist das viel Geld wert.

Eine Schülerin füttert eine Kuh
Der Unterricht auf dem Lande soll Schülerinnen und Schülern den Wert von Lebensmitteln vermitteln. Zugleich soll einer Entfremdung von Stadt und Land entgegengewirkt werden.
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Statt sich mit Julius Cäsar zu beschäftigen, kann man ja auch einfach mal die Kuh melken. Oder den Stall ausmisten. Münchner Schul­kinder, aber auch Jugendliche und interessierte Erwachsenen­gruppen, können vom nächsten Jahr an im wahrsten Sinne des Wortes Land­luft schnuppern – in einem extra auf den Besuch von Stadt­menschen ausgelegten Stall auf dem städtischen Gut Riem.

1,5 Millionen Euro investiert die Stadt, um vor allem natur­entwöhnten Beton-Kids die Tier­haltung, gesunde Ernährung und ganz allgemein den Wert von Lebens­mitteln näher­zu­bringen. Rinder, Schweine, Schafe und Pferde sollen in einer art­gerechten Vorzeige-Unterkunft rund um einen großen Futter­tisch unterkommen und Informationen über alle tierischen Lebens­lagen bieten: von der Fütterung und Pflege über Stall­arbeit und Futter­gewinnung bis hin zur „Krank­heits- und Frucht­bar­keits­kontrolle “, so das pädagogische Konzept.

Der Kommunalausschuss des Stadtrats hat nun nach langem Hin und Her das abschließende Ja zu dem Projekt erteilt. Kommunal­referentin Kristina Frank (CSU) kann die Aus­schreibung des über­wiegend aus Fertig­bau­teilen bestehenden Stall­gebäudes starten. Im Sommer sollen die Bauarbeiten beginnen, sie sind auf ein Jahr angesetzt. „Beim Füttern und Versorgen der Tiere lernen unsere Stadtkinder, wie sich eine Kuh anfühlt und wie die Abläufe auf einem modernen Bio­bauern­hof sind “, sagt Frank. „Wir schärfen bei ihnen das Bewusst­sein für den hohen Wert art­gerechter Tier­haltung und nach­haltiger Lebens­mittel­erzeugung. “

Vor dem Besuch beim lieben Vieh müssen die kleinen Aushilfs­bauern aller­dings erst einmal eine Hygiene­schleuse passieren – die Auflagen in puncto Sauber­keit sind so rigide, dass der Stadt­rat anfangs wegen der damit verbundenen Kosten ordentlich Bauschmerzen hatte. Eine Stiefel­wasch­anlage muss gebaut werden. Für die Kinder werden Latz­hosen und Over­alls, für die Erwachsenen Einmal-Schutz­kleidung gekauft. Zum Hände­waschen werden Wasch­becken mit Ein­hebel­mischern montiert, es gibt Einmal-Handtücher und einen ell­bogen­bedien­baren Flüssig­seife-Spender. Muss alles sein, beteuert der Betriebs­ärztliche Dienst. Es geht um die Gesundheit der Besucher wie auch der Tiere.

Im Laufe der Planung stiegen die geschätzten Kosten zwischen­zeitlich auf mehr als 1,8 Millionen Euro; beim Abspecken hat dann schließlich der Zufall geholfen. Denn die Firma „Tagwerk-Ökokiste“ hat ihre Räume im Gut Riem aufgegeben. Der frühere Sozial­raum kann nun zum Umkleide- und Wasch­raum für Schul­klassen ausgebaut werden, Toiletten und eine Dusche sind bereits vorhanden. Das spart enorm Geld, ohne Abstriche bei der Hygiene machen zu müssen. Denn ursprünglich sollten „Bad“ und WC im Stall­gebäude mit­ein­gebaut werden – dies kann nun kleiner ausfallen, was wiederum die Stütz­weite des Hallen­dachs verringert.

Der Schulbauernhof­stall ergänzt das schon heute recht umfang­reiche Bildungs­angebot des städtischen Guts, ein kompletter Lern- und Erlebnis­bauern­hof entsteht. Zielgruppe sind nicht nur, aber vor allem Schul­klassen. An dem „Begegnungs­ort zwischen Stadt­bevölkerung und Land­wirtschaft “, so die Stadtrats­vorlage, gibt es nach Voran­meldung spezielle Kurse, in denen etwa Kartoffeln geerntet oder Getreide ausgesät werden können. Es gibt Informationen über die Öko-Land­wirtschaft und regionale Lebens­mittel. Plus Pizza und Stock­brot backen oder Bircher-Müsli zubereiten – ein bisschen Kulinarik lässt sich hinzu­buchen. Etwa 3.000 bis 5.000 Besucher pro Jahr kommen auf das Gut, das zum kommunalen Betrieb „Stadt­güter München “ gehört und nahe dem S-Bahnhof Riem liegt.

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