Inklusion : Digitale Medien als Schlüssel für die inklusive Schule

Lea Schulz ist überzeugt, dass inklusives Lernen dann gelingt, wenn analoge und digitale Medien im Unterricht gut kombiniert werden. Das Schulportal sprach mit der Sonderpädagogin darüber, welche Medien sich für die Inklusion besonders eignen und wie der Einsatz in einer Unterrichtsstunde aussehen kann.

Regina Köhler 10. November 2021 Aktualisiert am 11. November 2021
ein Mädchen mit Tablet im Klassenzimmer
Vorlese- oder Übersetzungsfunktionen können in digitalen Anwendungen können hilfreich sein, um einzelne Kinder zu unterstützen.
©Getty Images

Eine große Herausforderung für Lehrerinnen und Lehrer besteht darin, den Unterricht so zu gestalten, dass er dem Entwicklungsstand jeder Schülerin und jedes Schülers gerecht wird. In jeder Lerngruppe gibt es einige, die Schwierigkeiten beim Lernen haben und Hilfe benötigen. Andere lernen schnell und brauchen deutlich mehr Input. Um den Bedürfnissen jeder und jedes Einzelnen zu entsprechen, ist ein differenzierter, individualisierter Unterricht nötig. „Es geht darum, im Blick zu haben, welche Stufe der Entwicklung jedes Kindes als nächstes erreichen kann“, sagt Lea Schulz.

Die Sonderpädagogin hat sich mit dem inklusiven Lernen beschäftigt und dazu geforscht, wie der Unterricht so individualisiert werden kann, dass jedes Kind seinem Lernstand entsprechend gefördert wird. „Inklusiver Unterricht gelingt dann besonders gut, wenn Lehrerinnen und Lehrer sowohl analoge als auch digitale Lehrmittel kombinieren und ihren Unterricht an den individuellen Bedürfnissen der Lernenden ausrichten“, sagt Schulz. Sie hat dafür den Begriff „Diklusion“ erfunden. „Diklusion“ bedeutet die systematische Verschmelzung von digitalen Medien und Inklusion und impliziert, dass diese beiden großen Herausforderungen in der Schulentwicklung zwingend gemeinsam gedacht werden sollten. Digitale Medien könnten in Zukunft eine Schlüsselrolle für die tatsächliche Umsetzung der inklusiven Schule spielen, was einen Paradigmenwechsel in der Unterrichtsdidaktik und -methodik nach sich ziehen würde.

Wie eine inklusive Unterrichtsstunde mit digitalen Medien unterstützt werden kann

Lea Schulz beschreibt an einem Beispiel, wie ein derartiger Unterricht aussehen kann: „Nehmen wir einmal an, Grundschulkinder sollen im Sachkundeunterricht etwas über die Tiere im Wald lernen“, sagt sie. „Wenn die Lehrkraft diese Stunde plant, wird sie zunächst die Unterrichtsziele festlegen. Diese sollten so formuliert werden, dass jedes Kind da abholt wird, wo es steht — die Voraussetzung für inklusiven Unterricht.

„Unterstützend sollten dann digitale Elemente wie verschiedene Apps eingesetzt werden.“ Bestimmte Apps will Schulz aber nicht empfehlen. Es gebe hunderte zur Auswahl, die innerhalb eines inklusiven Unterrichts Schülerinnen und Schülern ein individualisiertes Lernen ermöglichen können, betont sie. „Welche geeignet sind, hängt vom Lernziel und von den jeweiligen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler ab sowie von der Zusammensetzung der jeweiligen Lerngruppe.“

Um einzelne Kinder zu unterstützen, sei es eventuell notwendig, dass eine App per Augensteuerung funktioniert oder Texte vorgelesen werden können. Oft sei auch eine Diktierfunktion oder eine Übersetzerfunktion hilfreich, so Schulz. Alle Apps sollten möglichst barrierefrei sein und verschiedene Einstellungen zulassen, z.B. um Schriftgröße und Kontraste zu verändern.

Zurück zur Unterrichtsstunde Tiere im Wald. „Zur Einführung würde ich den Kindern sagen, welche Hilfsmittel ihnen zur Verfügung stehen“, sagt Schulz. „Das können Bücher sein, in denen sie nachschlagen dürfen und eben verschiedene digitale Hilfen, beispielsweise eine App, mit der Bücher abgescannt werden und mit der sich die Kinder die Texte anschließend vorlesen lassen können. Um weitere Informationen zu bekommen, würde ich die Schülerinnen und Schüler auf Kinderwebseiten oder -suchmaschinen aufmerksam machen oder auf eine digitale Tipptheke.“

Für Schülerinnen und Schüler, die noch nicht so gut schriftlich arbeiten können, die vielleicht viel Zeit brauchen oder für die es besonders mühsam ist etwas aufzuschreiben, empfiehlt Lea Schulz die Arbeit mit dem „BookCreator“, einer App, mit der man ein E-Book erstellen kann. Den „BookCreator“ gibt es als App für iPadOS oder als Browserversion.

„Kinder, die gut schreiben können, könnten kleine Texte über die Tiere verfassen, die in das Buch aufgenommen werden. Andere Kinder könnten Zeichnungen dazu erstellen und Fotos und Videos hinzufügen oder Sprachaufnahmen, die sie selbst aufnehmen“, sagt Schulz. Die Kinder könnten aber auch selbst Videos produzieren, etwa kleine Interviews machen, in denen es um bestimmte Aspekte des Themas geht, wie die Ernährung der Wildschweine. „Oder sie suchen passende Fotos im Netz und stellen damit ein eigenes Video zusammen.“

Wenn es dann darum geht, die Arbeitsergebnisse zu präsentieren, können die Schülerinnen und Schüler ihre erstellten Produkte auf verschiedene Weisen präsentieren. „Andere zeigen die selbst gemachten Videos oder ein selbst zusammengestelltes Buch.“ Auch auf diese Art, so Schulz, lassen sich analoge und digitale Elemente kombinieren.

Mit wenigen Klicks differenzierte Arbeitsblätter und Übungen erstellen

Lehrkräften empfiehlt Lea Schulz die Nutzung des „Worksheet Crafter“, ein Programm zur Gestaltung von differenzierten Arbeitsblättern für alle Schulformen. Mit wenigen Klicks lassen sich zum Beispiel Mathematik-Arbeitsblätter erstellen oder kleine Übungen für das iPad. Das Programm können die Lehrerinnen und Lehrer über die Schullizenz kaufen oder auch selbst bezahlen. Jährlich würde das etwa 60 Euro kosten.

Innerhalb dieses Programms gibt es auch ein Wörterbuch, das alle Wörter gespeichert hat, die auf  Kinder im Grundschulalter abgestimmt sind. „Es gibt eine Suchfunktion, in die ich Buchstaben eingeben kann, die ein bestimmter Schüler bereits kennt. Das Programm spuckt dann ganz individuell alle Wörter aus, die dieses Kind üben kann“, sagt Lea Schulz.

Geeignete Arbeitsgeräte seien Tablets, so Schulz. „Sie sind leicht zu bedienen und können mobil und flexibel im Klassenzimmer eingesetzt werden.“ Aber auch Laptops und Computer seien je nach Kontext, z.B. für die Textverarbeitung, wichtige Endgeräte im schulischen Alltag.

Als großes Thema in diesem Zusammenhang bezeichnet Lea Schulz die Frage des Datenschutzes. Die Lehrkräfte müssten sich damit beschäftigen, sagt sie. Ganz unabhängig davon, ob sie einen diklusiven Unterricht machen oder nicht. „Das fängt schon da an, wo eine Klassenliste digital hinterlegt wird.“ Datenschutz sei ein grundsätzliches Thema. Lehrerinnen und Lehrer bräuchten diesbezüglich deutlich mehr Unterstützung und Fortbildung.

„Wenn es darum geht, welche Apps datenschutzkonform sind, können Lehrkräfte zum Teil auf entsprechende Listen der Landesinstitute zurückgreifen, wobei es in den einzelnen Bundesländern teilweise unterschiedliche Richtlinien gibt.“

Eine gute Orientierung biete datenschutz-schule.info, zusammengestellt vom behördlichen Datenschutzbeauftragten für die Schulen im Kreis Olpe, NRW.

Die Angaben auf dem Portal müssten jedoch mit den jeweiligen Vorgaben im eigenen Bundesland abgeglichen werden.

Zur Person

Lea Schulz
©Privat
  • Lea Schulz ist Studienrätin am Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein (IQSH) des Bildungsministeriums. Sie ist dort in der Aus-, Fort- und Weiterbildung im Schulartteam Sonderpädagogik insbesondere für die Fachrichtung Sprache tätig. Sie koordiniert den Bereich „Digitale Medien und Inklusion“ und begleitet Schulen in der digital-inklusiven Schulentwicklung.
  • Durch ihre Lehraufträge zum Thema „Diklusion“ an der Europa-Universität Flensburg ist sie mit diesem Themenbereich in Schleswig-Holstein in allen drei Phasen der Lehrkräftebildung tätig.
  • Bevor sie als Sonderschullehrerin arbeitete, war sie als Medienpädagogin in der App- und Softwareentwicklung tätig und baute bspw. die Lernplattform „bettermarks“ mit auf.