Erfahrungsaustausch : Digitale Beziehungsarbeit in der Primarstufe

Die Integration digitaler Medien scheint vor allem in Grundschulen häufig eine Hürde zu sein. Die Winterhuder Reformschule in Hamburg hat vom ersten Tag des Lockdowns an auf digitalem Weg den täglichen Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern aufgenommen. Die Lerngruppen trafen sich an fünf Tagen in der Woche im virtuellen Raum zum Morgenkreis, auch schon in der Primarstufe. Wie das funktioniert hat, berichten Lehrkräfte in der Online-Themenwoche „Digitale Schule? Auf den Kulturwandel kommt es an!“ der Deutschen Schulakademie.

Florentine Anders / 22. September 2020
Ein Schüler sitzt zu Hause vor dem Laptop
Die Lehrkräfte der Winterthurer Reformschule hatten auch während der Schulschließung fünf Tage in der Woche Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern.
©Ulrich Perrey/dpa

Kinder lernen vor allem über Beziehungen, das haben zahlreiche Studien belegt. Doch wie soll das gehen, wenn sie, coronabedingt, plötzlich zu Hause bleiben müssen?

Umfragen haben gezeigt, dass während der Schulschließungen viele Lehrkräfte nur sehr unregelmäßig Kontakt zu ihren Schülerinnen und Schülern hatten, häufig ging der Austausch über sporadische E-Mails nicht hinaus. Es gibt allerdings auch Schulen, die neue digitale Wege der Beziehungspflege gefunden haben. Wege, die so effektiv sind, dass sie auch außerhalb von Krisenzeiten neue Möglichkeiten zur Beziehungsarbeit eröffnen.

Eine dieser Schulen ist die Winterhuder Reformschule in Hamburg. Auf der Online-Themenwoche der Deutschen Schulakademie zum Thema „Digitale Schule? Auf den Kulturwandel kommt es an!“ vom 20. bis 26. September berichtet die Schule in einem Webinar über ihre Erfahrungen mit der digitalen Beziehungsarbeit im Grundschulalter während des Lockdowns. Das Schulportal konnte vorab mit Beate Rupp-Uhlig und Jan Dombrowski von der Winterhuder Reformschule sprechen.

„Der Lockdown kam für uns in Hamburg direkt nach dem Ende der Frühjahrsferien – das heißt, die erste Kontaktaufnahme musste nach den Ferien zwangsläufig digital laufen“, sagt die Lehrerin Rupp-Uhlig. Das Kollegium der Primarsufe nutzte dafür die App „Padlet“, nachdem die Eltern per E-Mail darüber informiert worden waren. Mit diesem Tool hatten sich die Lehrkräfte schon vor dem Lockdown beschäftigt, für die Schülerinnen und Schüler allerdings war es Neuland. „Erstaunlicherweise war die Technik für die Grundschulkinder kein Problem. Sie haben sehr schnell gelernt, wie sie ihre Urlaubsbilder hochladen und mitteilen, wie es ihnen geht“, sagt Lehrer Jan Dobrowski. Gleich zu Beginn des Lockdowns habe die Schule das Konferenztool „Teams“ hinzugenommen, und nach 14 Tagen waren bereits viele Kinder der Primarstufe auch auf dieser Plattform angemeldet.

Wie findet eine Schule das passende digitale Tool?

Wie findet man das beste digitale Werkzeug? „Einfach ausprobieren“, rät Dombrowski. Wer lange diskutiere, verliere wertvolle Zeit. Und Korrekturen seien ja immer möglich. Für die Reformschule Winterhude war es wichtig, vom ersten Tag an direkten Kontakt zu allen Schülerinnen und Schülern zu haben. Die Routine spielte sich schnell ein.

„Die Lerngruppe traf sich jeden Morgen in der ,Teams‘-Besprechung“, erzählt Rupp-Uhlig. In den jahrgangsgemischten Lerngruppen der Primarstufe der Reformschule lernen 24 Kinder, von der Vorschule bis zur vierten Klasse. „Die Konferenzen liefen ähnlich ab wie der Morgenkreis in der Schule. Die Kinder erzählten, wie es ihnen geht, und die Lehrerin plante gemeinsam mit ihnen den Tag. Die Schülerinnen und Schüler nutzten den Chat auch, um sich untereinander zu verabreden.“

Die Aufgaben für die Lernzeit zu Hause hatten die Lehrkräfte so gestaltet, dass sie zu einem Austausch untereinander einladen. So gab es Wochenaufgaben, deren Ergebnisse die Kinder dann auf dem Padlet hochladen konnten. Und viele Kinder wählten sich Projektthemen aus, die handlungsorientiert waren, wie etwa Kochen, Pflanzen oder Bauen. Ihre Ergebnisse präsentierten sie dann mit Fotos in „Teams“. „Wir haben erlebt, dass sich die Kinder teilweise viel intensiver mit einem Thema beschäftigt haben als sonst“, sagt Rupp-Uhlig. Aufgaben wie das Schreiben einer Fortsetzungsgeschichte hätten den Austausch unter den Kindern befördert.

Regelmäßige Planungsgespräche mit jedem Kind

Gab es nicht auch Kinder, die abgetaucht sind und schwer zu erreichen waren? „Natürlich gab es das“, sagt Dombrowski. Aber das gebe es ja auch im Präsenzunterricht – nicht immer seien alle Kinder „voll da“, auch wenn sie im Klassenzimmer sitzen. Da sei es wichtig, den persönlichen Kontakt aufrechtzuerhalten und auch darauf zu achten, dass die Kinder nicht den Bezug zur Gruppe verlieren. Neben den täglichen Videokonferenzen gemeinsam in der Lerngruppe gab es regelmäßig auch sogenannte Arbeitsplanungsgespräche mit jedem Kind per Video, teilweise auch gemeinsam mit den Eltern. Dort wurde besprochen, in welchen Arbeitsschritten das Kind die Aufgaben bewältigen kann, wann es bereit ist, etwas in der Gruppe zu präsentieren oder vorzulesen.

Diese digitalen Planungsgespräche würde Jan Dombrowski mit seinen Schülerinnen und Schüler gern auch im Normalbetrieb weiterführen. „Jetzt im neuen Schuljahr finden diese Gespräche wieder in der Schule statt, aber da sind die Kinder oft viel abgelenkter als in dem Videogespräch“, stellt Dombrowski fest.

Auch Beate Rupp-Uhlig möchte unbedingt weiter mit ihrer Lerngruppe „Teams“ nutzen. Zum Beispiel, um Schülerinnen und Schüler, die zur Kur sind oder zu Hause bleiben müssen, am Unterricht teilhaben zu lassen. „Das haben wir während des Hybrid-Unterrichts mit geteilten Gruppen ausprobiert. Während eine Gruppe im Klassenraum saß, haben die anderen zu Hause die Stunde am Bildschirm verfolgt“, sagt die Lehrerin.

Ansonsten sind die Lehrkräfte natürlich froh, dass der direkte Kontakt vor Ort jetzt wieder möglich ist. „Ich habe zum Beispiel das nette Gespräch unter Kolleginnen und Kollegen zwischen Tür und Angel vermisst“, sagt Lehrer Dombrowski.

Auf einen Blick

Die Online-Themenwoche „Digitale Schule? Auf den Kulturwandel kommt es an!“ findet vom 20. bis 26. September statt. Auf dem Programm stehen Impulse und Webinare aus Wissenschaft und Praxis rund um die Leitfrage „Wie können Schule und Unterricht in Zeiten der Digitalisierung gelingen?“. Die kostenlose Anmeldung ist auch nach dem Start der Themenwoche noch möglich.