Schulbildung in Ecuador : Die vergessenen Kinder von Bellavista

Jahrelang gab es auf einigen Inseln vor Ecuador keine Grundschule – und kaum jemanden kümmerte es. Nun fahren Lehrerinnen mit Booten zu den Kindern. Doch es gibt mehr nachzuholen als nur den Lernstoff.

Dieser Artikel erschien am 04.01.2022 in DIE ZEIT
Viola Diem
Estefanie ist zwölf und sitzt nach vielen Jahren Pause nun immerhin drei Tage in der Woche jeweils 2,5 Stunden in diesem Klassenzimmer am Dorfplatz.
Estefanie ist zwölf und sitzt nach vielen Jahren Pause nun immerhin drei Tage in der Woche jeweils 2,5 Stunden in diesem Klassenzimmer am Dorfplatz.
©Viola Diem für DIE ZEIT

An einem Montagmorgen um kurz nach acht bollert ein Holzboot aus dem Hafen von Guayaquil raus in den Golf, der die größte Stadt Ecuadors mit dem Pazifik verbindet. Die sechs Frauen an Bord ziehen sich Schirmmützen und Handschuhe gegen den Fahrtwind und die brennende Novembersonne an, Rettungswesten gegen das mulmige Gefühl. Keine von ihnen kann schwimmen. Dabei ist dies ihr Weg zur Arbeit. Sie sind Grundschullehrerinnen in Puná, einem Bezirk, der zahlreiche Inseln vor Guayaquil umfasst.

Im Herbst 2020 enthüllte der Expreso, eine der wichtigsten Zeitungen des Landes, dass es in vier abgelegenen Dörfern Punás seit mindestens fünf Jahren keinen Grundschulunterricht gab. Die Ortschaften befinden sich auf Inseln in den Mangrovensümpfen. Dort leben etwa 240 Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren, die damals nicht schreiben und rechnen konnten, die noch nie von den Planeten unseres Sonnensystems gehört hatten.

In vielen Ländern stellt man sich derzeit die Frage, wie die Lücken gefüllt werden können, die in der Pandemie durch monatelang geschlossene Schulen und improvisierten Unterricht entstanden sind. Aber wie soll man es schaffen, das Wissen von fünf Jahren nachzuholen?

Vor dieser Aufgabe steht Catherine Jaime. Sie ist eine von insgesamt zehn Lehrerinnen, die in die Dörfer gefahren werden. Das Projekt wird seit November 2020 vom Humboldt- Zentrum in Guayaquil organisiert. Jaime ist seit einem halben Jahr dabei. Mehr als zehn Jahre lang hat die 31-Jährige als Lehrerin gearbeitet, bis sie in der Corona-Krise ihren Job verlor. Im Schulprojekt in Puná fand Jaime neue Arbeit und unterrichtet jetzt an vier Wochentagen in Bellavista, einem Dorf mit etwa 200 Einwohnern. Fast 60 davon sind Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren.

Zuerst sei sie wegen des Pendelns im Holzboot skeptisch gewesen, sagt Jaime. Doch nach ihrem ersten Besuch habe sich ihre Sicht auf die Aufgabe verändert. „Da waren Zwölfjährige, die nicht ihren Namen schreiben konnten. Die Kinder hier brauchen uns dringender, als ich es je erlebt habe.“

Zwischen Guayaquil und Bellavista liegt etwa eine Stunde Fahrt, bei hohem Wellengang braucht das Boot länger für die etwa 40 Kilometer. Pelikane patrouillieren, manchmal auch Delfine. Links und rechts ragen Mangroven aus dem Wasser, die von Hunderten Flussarmen zerteilten Wälder bilden kleine Inseln. Auf einer davon liegt Bellavista. Am Anleger steigen Jaime und zwei ihrer Kolleginnen auf ein Holzplateau im Ufermatsch, balancieren über eine wackelige Rampe zu einem aufgeschütteten Sandweg ins Dorf. Schon rennt ihnen eine Schar Kinder entgegen. Für Jaime ist das der schönste Moment des Tages.

In Ecuador besteht Schulpflicht, doch während der Pandemie war sie meist eher theoretisch. An vielen Privatschulen gab es zwar Fernunterricht – oder wenigstens Hausaufgaben per WhatsApp –, staatliche Schulen konnten für die Kinder aber weder Internet noch Tablets oder Computer bereitstellen, der Unterricht fiel vielerorts bis zum Sommer 2021 komplett aus. Teilweise wurde der Lernstoff in Radio und Fernsehen gesendet. Bis heute herrscht großteils noch nicht wieder der schulische Regelbetrieb. Schwieriger lässt sich erklären, warum in Bellavista schon in den Jahren vor der Pandemie kein Grundschulunterricht angeboten wurde. Zumal zu der Zeit die sozialistische Regierung unter Präsident Lenín Moreno eine gerechtere Gesellschaft versprach, durch leichteren Zugang zu Bildung.

Der Expreso deckte den Missstand auf den Inseln kurz vor der Wahl im Frühjahr 2021 auf, das Bildungsministerium reagierte schnell: Kurz nach der Veröffentlichung rief die zuständige Ministerin Javier Ortiz an, den Leiter des Humboldt-Zentrums in Guayaquil. Sie bat ihn, das Problem in Puná zu lösen. Ortiz und sein Team haben sich in der Krise einen Namen damit gemacht, Unterricht an abgeschnittene Orte Guayaquils zu bringen. Die Ideen von dort wendeten sie in den Puná-Dörfern Bellavista, Tamarindo, Puerto la Libertad und Santa Rosa an.

Von 80 Eltern gaben nur zwei an, gut lesen und schreiben zu können

Am selben Morgen wie die Lehrerinnen erreicht auch Ortiz auf einem zweiten Boot Bellavista und folgt ihnen ins Dorf. Heute werden neue Schulmaterialien verteilt. Ortiz schaut sich um. „Die Kinder kannten keine Zahlen, einige konnten Farben nicht unterscheiden.“ Und offensichtlich sei mehr nachzuholen gewesen als Unterrichtsstoff: Der Boden auf dem Dorfplatz war voller Plastikmüll, Kinder, Hunde und Schweine rannten durcheinander. Inzwischen wurde aufgeräumt, die Schweine sind jetzt eingezäunt. Und die Kinder lernen neben dem Abc, wieso man Plastik nicht ins Wasser werfen darf.

Die Klassenräume befinden sich in zwei Gebäuden am kleinen Dorfplatz. Am Morgen hat in dem blauen Schulgebäude mit bunten Schaubildern an den Betonwänden eine erste Klasse Unterricht. Die Älteren sind ab elf Uhr dran. Die Klassen sind nach Jahrgängen aufgeteilt, auch wenn die Jüngeren teilweise dasselbe lernen wie die Älteren.

Schlecht habe sie sich gefühlt, dass sie so lange nicht in die Schule konnte, sagt Estefanie Charlén. Die Zwölfjährige lebt mit ihrer Familie in einem Häuschen direkt am Golf. Sie sitzt auf einem der Campingstühle im Wohnzimmer, auf ihr T-Shirt sind Stifte gedruckt und Kinder, die Bücher lesen. „Plusrechnen mag ich am liebsten“, sagt sie. Fragt man Estefanie, wie sie ihre schulfreien Jahre verbracht hat, antwortet sie: „Zu Hause helfen.“ Während Jungs zwischen Fischernetzen und Booten toben, arbeiten junge Mädchen hier oft im Haushalt mit oder laufen mit Babys auf die Hüfte gestemmt durchs Dorf. Einige tragen wenige Jahre später nicht mehr ihre Geschwister, sondern eigene Kinder. Die Zahl der Teenager-Schwangerschaften ist hoch, das ist zugleich Folge und Ursache von geringer Schulbildung und Armut.

Während Estefanie ihre ersten Schulstunden hatte, klopften Mitarbeiter der Humboldt-Stiftung an jede Tür in Bellavista, um den Bildungsstand der Mütter und Väter zu erfragen. Von etwa 80 Eltern gaben nur zwei an, gut lesen und schreiben zu können. Die Analphabeten-Rate in Ecuador liegt offiziell zwischen sieben und zehn Prozent. Auf Bellavista sind es über 90. Die Insel scheint immer wieder vom Bildungssystem abgeschnitten gewesen zu sein.

Vor mehr als sechs Jahren verließ der letzte Grundschullehrer Bellavista. Mehrere Monate lang fuhren damals ein paar Schüler mit dem Boot zur Schule im Nachbarort. Nachdem es tödliche Bootsunfälle gab, bekamen einige Eltern Angst und behielten die Kinder zu Hause. Andere konnten sich die Kosten für den Schulweg nicht lange leisten.

Die damalige Bildungsministerin Monserrat Creamer übernahm den Aufgabenbereich erst 2019. Sie erklärt gegenüber der ZEIT, über die Zustände auf Puná vor 2019 habe sie keine Informationen gehabt. Dann hätten Ausnahmesituationen wie die Unruhen von 2019 und schließlich die Corona-Krise ihre ganze Aufmerksamkeit gefordert.

Manche im Schulprojekt glauben, dass die Insel vergessen wurde. Und eine Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte, vermutet, dass der Unterricht den Verantwortlichen auf dem Festland schlicht zu teuer war. Allein der Transport der Lehrerinnen kostet 1000 Dollar im Monat. Javier Ortiz, der früher selbst im Bildungsministerium gearbeitet hat, erklärt es sich so: „Ich glaube, sie waren von den besonderen Ansprüchen hier einfach überfordert. Sie mussten keine Schule schaffen, in die Kinder gehen, sondern eine Schule, die zu den Kindern kommt.“ Dafür sei eine effektive und schnelle Bürokratie notwendig, die es nicht gab. „Ganz sicher ist Puná nicht der einzige Ort mit diesem Problem. Man weiß nur noch nicht davon oder will es nicht wissen“, sagt Ortiz. Untersuchungen zeigten, dass mehr als die Hälfte der Kinder im Land Schwierigkeiten haben, zu lesen und Inhalte zu verstehen. Eine Erklärung dafür ist, dass in ländlicheren Gegenden viele Kinder die Schule vorzeitig verlassen, noch im Grundschulalter, ohne richtig lesen und schreiben zu können. Kein neues Problem in Ecuador. Und es wird die Situation nicht verbessert haben, dass die letzte Regierung große Schulen in Städten eröffnet hat, dafür aber kleine in abgelegenen Dörfern schloss.

Der Inselunterricht in Puná wurde die ersten fünf Monate von der Deutschen Humboldtschule Guayaquil finanziert, aus der das Humboldt-Zentrum hervorgegangen ist. Die Privatschule für Deutsche und Ecuadorianer unterstützt regelmäßig gemeinnützige Projekte. Umgerechnet 16.000 Euro stecke sie in Personal, Transport und Schulmaterialien, sagt Ortiz. Inzwischen werden in vier Dörfern 243 Kinder von zehn Lehrerinnen mit einem Gehalt von 800 Dollar betreut, dem normalen Monatsgehalt an staatlichen Schulen. Die Kosten übernimmt seit dem Sommer die Stadt Guayaquil.

Die Finanzierung des Projekts läuft im März 2023 aus

Estefanies Vater ist Fischer, ihre Mutter Hausfrau. Sie brachte ihr ein bisschen Lesen bei, auch ihren Namen konnte Estefanie schon vor der späten Einschulung schreiben. Für mehr Heimunterricht reichte es nicht. Trotzdem hat Estefanie Pläne: „Wenn ich groß bin, möchte ich Polizistin werden.“ Ein Vorbild gibt es schon: Adrián Charlén, ihr Onkel.

Auch er hatte nur zwei, drei Jahre Grundschule. Mit 14 wagte er trotzdem den Start an einer weiterführenden Schule. „Da war ich erst mal verloren und überfordert“, erzählt Charlén. Doch er biss sich durch, lernte vor dem Fischen und nach dem Fischen, schaffte sein Abitur. Im Wohnzimmer von Estefanies Familie hängt ein verblichenes Foto. Charlén mit blauem Talar und Doktorhut. Inzwischen wurde er zum Bürgermeister gewählt. Es gebe immer wieder Menschen, die wegwollten von der Insel, erzählt er, aber viele scheiterten dann am Bewerbungsprozess an den Unis.

Um elf Uhr startet Estefanies Stunde bei Catherine Jaime, eine Art Kunstunterricht, gemischt mit Erdkunde. Jaime verteilt Arbeitsblätter, auf denen das Planetensystem zum Ausmalen gedruckt ist. Während die Lehrerin erklärt, wie der rote Planet heißt, kocht eine Frau in einer Ecke Krebssuppe, spielen zwei Jugendliche an einem Esstisch Egoshooter auf ihren Handys, spazieren Dorfbewohner und Hunde durch den Raum. Natürlich sei der Unterricht anders als auf dem Festland, sagt Jaime. „Es gibt keine Bibliothek, weniger Materialien.“ Auch die Kinder seien anders. „Einerseits sind sie wahnsinnig fantasievoll und saugen Wissen auf, wie ich es noch nicht erlebt habe. Andererseits sind sie oft schlecht organisiert, kennen ihren Stundenplan nicht und stehen am falschen Tag oder zur falschen Uhrzeit vor der Tür.“

Insgesamt hat Estefanie an drei Tagen die Woche Unterricht, jeweils 2,5 Stunden. Zwar ist in der Kleingruppe die Betreuung besser als auf dem Festland, doch den Stoff von fünf Jahren holt man so kaum nach. Die offizielle Bezeichnung ist deshalb nicht Schule, sondern Lernunterstützung. „Auf einer normalen Schule in Guayaquil würden die Kinder momentan wohl untergehen“, glaubt Javier Ortiz. Es gehe darum, die Kinder an das System Schule heranzuführen, damit sie später auf Schulen auf den Nachbarinseln bestehen können.

Die Finanzierung des Projekts läuft im März 2023 aus. Dann sind Wahlen in Guayaquil. Es ist unklar, ob die Stadt die Kosten weiterhin übernehmen wird. „Wir müssen die Familien überzeugen, die Kinder später auch auf andere Inseln zu schicken. Ein Jahr haben wir noch Zeit, ich hoffe, das reicht“, sagt Ortiz. Man könnte auch überlegen, auf Online-Unterricht umzustellen. Seit einigen Monaten gibt es Internet in Bellavista. Doch ausschließlich Fernunterricht gehe eigentlich nicht, meint der Institutsleiter. „Noch können die Eltern ihre Kinder kaum unterstützen.“ Auch das soll sich ändern. Noch bis April kommen Lehrer für die Erwachsenen in die Dörfer, helfen ihnen, lesen und schreiben zu lernen. Dazu gibt es Workshops zu Familienplanung, gesunder Ernährung, Empowerment von Frauen.

Nach dem Unterricht löffeln Jaime und ihre Kolleginnen die Krebssuppe. Dann begleiten ein paar Schülerinnen ihre Lehrerinnen zum Boot, ein Junge hilft ihnen über die wackelige Rampe und winkt, bis sie hinter einer Biegung verschwinden.

Estefanie macht sich auf den Weg nach Hause. In ihr Arbeitsheft, in das sie nach jedem Schultag eintragen soll, wie es ihr geht, hat sie ein lächelndes Gesicht gezeichnet. Sie kennt nun die Namen aller Planeten. Als Frau Jaime fragte, wie der Planet heißen könnte, der am weitesten von der Erde entfernt ist, überlegte Estefanie eine Weile und schlug dann vor: „Bellavista.“ Sie hat schon viel verstanden.

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Unter der leeren Staatskasse Ecuadors leidet auch das Bildungssystem. In der Corona-Krise verloren allein an staatlichen Schulen 8000 Lehrkräfte ihren Job. Im Sommer traten etwa 100 Lehrerinnen und Lehrer in einen Hungerstreik. Sie forderten unter anderem, die entlassenen Kollegen wieder einzustellen und Reformen umzusetzen, die vom Parlament im März 2021 beschlossen worden waren.