Dieser Artikel erschien am 02.01.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Anna Günther

Bildung : Die überforderte Schule

Werte, Alltags­kompetenz, Glück, Benehmen – jede gesellschaftliche Gruppe formuliert inzwischen ihre Erwartungen an den Unterricht. Und die Pädagogen fragen sich: Was denn noch alles und wann?

Schülerin in Kantine
Was ist gesunde Ernährung? Selbst für Abiturienten ist das wichtigste Gerät in der Küche der Dosenöffner. Deshalb sollen Schulen Kochen lehren.
©Getty Images

Lesen, Schreiben und Rechnen sollen Kinder in der Schule lernen, dazu eine ordentliche Allgemein­bildung. Auf dass Mädchen und Buben zu mündigen, demokratischen Bürgern werden. Dazu kommt die im bayerischen Schul­gesetz verankerte Bildung von „Herz und Charakter“. Klingt vernünftig? So einfach ist es längst nicht mehr. Schule soll heute vieles über­nehmen, was früher in den meisten Familien vermittelt wurde. Und diese Erwartungs­haltung ist ein Problem.

Bestes Beispiel ist die letzte Voll­versammlung des Landtags vor Weihnachten, es ging um All­tags­kompetenz: Schulen sollen Umgang mit Geld vermitteln, dazu noch Wissen über die Herkunft und gesunde Ernährung, über Verbraucher­schutz, Haus­halts­führung und Kochen. Dies waren nur die Wünsche von CSU- und FW-Abgeordneten, die Liste lässt sich leicht fort­setzen. Nach dem erfolg­reichen Arten­schutz-Volks­begehren wollte Minister­präsident Markus Söder (CSU) ein neues Schul­fach einführen. Insider sagen, um Bauern und Land­frauen zu besänftigen, die sich über den ergrünten Söder ärgerten. Das Schulfach als schnelle Lösung kam nicht, zu kompliziert und konflikt­trächtig. Aber jeder Schüler wird künftig zwei Projekt­wochen zur Alltags­kompetenz durch­leben.

Was denn noch alles und wann? Das fragen sich nun wieder viele Pädagogen. Inklusion, politische Bildung, Lese­training, Mobbing- und Gesund­heits­prävention, sinnvollen Umgang mit dem Smart­phone werden ohnehin voraus­gesetzt. Lehrer­verbände beklagen seit Jahren Erwartungsdruck, Stress und Zusatz­aufgaben, warnen vor Burn-Out und anderen Krankheiten. Der Freistaat reagierte mit dem „Institut für Lehrer­gesundheit“. Ein Ende des Wunsch­konzerts ist aber nicht in Sicht.

In der Gesellschaft steige das Bedürfnis nach einem starken Staat, der viel leiste und regle, sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrer­verbands und Chef des Deggendorfer Robert-Koch-Gymnasiums. Das habe es früher so nicht gegeben. „Und die Politik hat die Angewohnheit, alles den Schulen zu delegieren, woran sie selbst scheitert“, sagt Meidinger. Reflex­artig würden neue Fächer gefordert. In den Achtziger­jahren sei das etwa das Schul­fach Aids gewesen, heute eben Glück, Umwelt oder Alltags­kompetenz. Denn Schule sei heute die letzte gesellschaftliche Instanz, die alle Schichten erreiche, die letzte Chance, um Werte und Grundlagen des Zusammen­lebens „in Köpfen und Herzen zu verankern“. Die Folge sei fatal: Schule werde als „Dienst­leister“ gesehen. Weil die Erwartungen zu groß seien, könne Schule nur scheitern. Das wirke sich auf Stimmung und Arbeits­moral aus. „Das Fundament, auf dem wir stehen, wackelt“, bestätigt Simone Fleischmann, Präsidentin des bayerischen Lehrer- und Lehrerinnen­verbands (BLLV). Ständig fragten sich Lehrer, wie sie den Kindern und der Welt gerecht würden. Die Heraus­forderung abzulehnen, sei keine Option. Zahlen belegten, dass vor allem in sozial schwachen Familien immer weniger Erziehung stattfinde. „Jemand muss in das Leck reingehen – und das machen wir auch.“ Dafür müssten sich die Rahmen­bedingungen ändern.

Denn junge Lehrer fühlen sich nicht auf die neuen Heraus­forderungen vorbereitet. Angelika Wildgans-Lang bezeichnet die ersten Monate im Job als „Kultur­schock“, der in allen Schul­arten eintreten kann und keine Milieu­frage ist. Ihr Gymnasium liegt in München-Schwabing, vielen Familien geht es finanziell gut. Wildgans-Lang, die im Philologen­verband bis vor kurzem Referendare und junge Lehrer vertrat, erzählt von egozentrischen Kindern, denen sie Rücksicht beibringen muss, von Schülern, die daheim keinen Tandem­partner haben, weil beide Eltern arbeiten, und von Eltern, die nicht wissen, wie sie das Kind vom Smartphone loseisen. Allein durch die Digitalisierung habe sich Schule massiv verändert, sagt Christoph Brunk, 31, der an der Realschule Poing arbeitet. Kinder glaubten Influencern mehr als Lehrern und Eltern, sie sind weltweit vernetzt und wollen Lehrer auch nach Unterrichts­schluss noch anmailen können. Lehrer müssten umdenken – und entlastet werden, sagt Brunk, der Englisch, Geschichte und Informations­technologie unterrichtet. „Diese Zeit ist spannend. Aber ich fühle mich auch in der digitalen Welt wohl.“ Vielen Kollegen gehe das anders. Entsprechend wichtig seien Freiraum für Fortbildungen und das Testen neuer Methoden.

Damit Lehrern künftig der Kulturschock erspart bleibt, fordert Thomas Eberle eine grund­legende Reform des Studiums. Dass Schule die gesellschaftliche Heraus­forderung annehmen muss, ist für den Schul­pädagogik­professor der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg klar. Aber das klappe nur, wenn Lehr­amts­studenten viel mehr Pädagogik und Psychologie lernten. Dafür sei bisher keine Zeit. Eberle würde das Studium um ein Jahr verlängern. Der Augsburger Professor Klaus Zierer, geht noch weiter: „Wir brauchen einen Neustart des Systems hin zur stärkeren Werte­orientierung, zur Vermenschlichung von Schule.“ Man müsse diskutieren, welche Inhalte die Kinder wirklich brauchen. Weniger „Kuschel­ecken­pädagogik“, weniger „Bulimie-Lernen“, weniger methodische Trends. Selbst Grund­schüler würden derzeit als Denk­maschinen und nicht als Menschen mit eigenen Interessen gesehen, sagt Zierer.

Gesetzlicher Bildungsauftrag

Bayerisches Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichts­wesen:

(1) 1 Die Schulen haben den in der Verfassung verankerten Bildungs- und Erziehungs­auftrag zu verwirklichen.

2 Sie sollen Wissen und Können vermitteln sowie Geist und Körper, Herz und Charakter bilden.

3 Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Über­zeugung, vor der Würde des Menschen und vor der Gleich­berechtigung von Männern und Frauen, Selbst­beherrschung, Verantwortungs­gefühl und Verantwortungs­freudigkeit, Hilfs­bereitschaft, Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungs­bewusstsein für Natur, Umwelt, Arten­schutz und Arten­viel­falt.

4 Die Schülerinnen und Schüler sind im Geist der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinn der Völkerversöhnung zu erziehen.

(2) Bei der Erfüllung ihres Auftrags haben die Schulen das verfassungs­mäßige Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder zu achten.

Ein grundsätzliches Umdenken sieht auch BLLV-Chefin Fleischmann als einzigen Weg. Die System­frage ist im Bildungs­bereich aller­dings immer auch ideologisch. Fleischmann möchte die grund­sätzliche Veränderung, sie steht für längeres gemeinsames Lernen aller Kinder. DL-Chef Meidinger dagegen hält am gegliederten System fest. Er fordert statt­dessen ein Assessment-Center, um so vor dem ersten Unitag die talentiertesten Lehrer zu finden, die resolut sind und entspannt.

Welche Entspannung Meidinger meint, ahnt man im Gespräch mit Siegfried Hummelsberger und Pankraz Männlein. Beide erleben als Chefs beruflicher Schulen jeden Tag Schüler aller Altersklassen, aller Milieus und mit unter­schiedlichsten Lebens­läufen. Berufs­schulen seien es gewohnt, ständig auf Änderungen zu reagieren, sagt Verbands­chef Männlein. Das erwarteten die Betriebe. Und ziehen mit. Die Schul­leiter müssen selten mit sturen Eltern oder einem starren System kämpfen. Das Studium ist praktischer, oft unterrichten Quer­ein­steiger aus der Industrie. „Wenn Schule wirksam ist, sind die Erwartungen leicht zu ertragen“, sagt Männlein. Dafür müsse aber der Rahmen stimmen.