Getrennter Unterricht : Die Mischung macht’s

Sollten Mädchen und Jungen in bestimmten Fächern getrennt unterrichtet werden? Die neue Kultusminister-Präsidentin belebt eine alte Debatte. Dabei schien die schon aus gutem Grund beendet zu sein.

Dieser Artikel erschien am 22.02.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Paul Munziger
Getrennter Unterricht kann Mädchen in Mathe und Naturwissenschaften zwar selbstbewusster machen - aber der Effekt ist dahin, sobald wieder gemeinsam gelernt wird, sagt die Forschung.
Getrennter Unterricht kann Mädchen in Mathe und Naturwissenschaften zwar selbstbewusster machen - aber der Effekt ist dahin, sobald wieder gemeinsam gelernt wird, sagt die Forschung.
©Getty Images

Der Vorsitz der Kultusministerkonferenz (KMK) ist ein Amt, das im Jahres­rhythmus rotiert und so immer wieder Ministerinnen und Minister aus weniger auffälligen Bundes­ländern auf die nationale Bühne hievt. So wie Stefanie Hubig. Seit 2016 ist die SPD-Politikerin Bildungs­ministerin in Rheinland-Pfalz, seit Januar ist sie KMK-Präsidentin und kürzlich sagte sie in einem Interview mehrere Dinge, die weithin Beachtung fanden. Dass Wider­stand gegen die Südländer in der Ferien­debatte richtig sei, aber nichts bringe. Dass Recht­schreibung eine „soziale Frage“ sei. Und vor allem: dass sie es befürworte, Mädchen und Jungen in Mathe oder Physik „phasen­weise“ getrennt zu unterrichten.

Hubig, die ein gemischtes sowie ein reines Mädchen­gymnasium besuchte, hat damit eine Debatte belebt, die längst beendet zu sein schien. In den 60er- und 70er-Jahren wurde das gemeinsame Lernen von Jungen und Mädchen zum Standard, nachdem viele Schulen sie bis dato getrennt unterrichtet hatten. Die Koedukation sollte die Chancen­gleich­heit zwischen den Geschlechtern erhöhen. Doch eben das wurde bald wieder angezweifelt – mit einem Argument, das nun auch Hubig bemühte: Gerade in Mathe und Natur­wissenschaften drängten forsche Jungs die zurück­haltenderen Mädchen in den Hinter­grund.

Vor einigen Jahren flammte der Streit noch einmal auf, auch Bundes­kanzlerin Angela Merkel ließ damals Sympathien für eine vorüber­gehende Geschlechter­trennung erkennen. Doch seitdem ist es ruhig um das Thema geworden, und zwar vor allem deshalb, weil die Wissenschaft die Frage nach dem Sinn der Maßnahme recht eindeutig beantwortet. Bringt nichts, schadet sogar – zu diesem harschen Urteil kam 2011 eine amerikanische Studie. Eckhard Klieme vom Leibniz-Institut für Bildungs­forschung in Frankfurt ist zwar etwas zurück­haltender in seiner Bewertung, doch auch er sagt: „Ich bin schon sehr verwundert, dass dieses Feld jetzt noch einmal aufgemacht wird.“

Studien hätten durchaus gezeigt, sagt Klieme, dass sich Rollen­stereo­type in gemischten Klassen stärker durchsetzten. So präsentierten sich Mädchen ohne Jungen etwa in Physik selbstbewusster. Doch die Effekte seien nicht nur gering, sie verschwänden auch wieder, sobald die einstigen Schülerinnen im Beruf oder in der Uni wieder auf Männer träfen. Ein möglicher Gewinn sei also nur vorüber­gehend.

Doch was Klieme an Hubigs Vorstoß vor allem stört, sind zwei andere Punkte. Erstens sei ihre Problem­diagnose falsch: Ja, Pisa und andere Studien hätten sinkende Leistungen in Mathe und Natur­wissen­schaften ermittelt – doch dieser Negativ­trend sei nicht auf die Mädchen, sondern allein auf die Jungen zurück­zu­führen. Zugleich hätten Mädchen beim Interesse an Mathematik aufgeholt. Und die sozialen Unter­schiede wögen weit schwerer als die zwischen den Geschlechtern. Zweitens sei das gemeinsame Lernen von Kindern unterschiedlicher Herkunft, unter­schiedlichen Geschlechts, mit und ohne Handicap, ein Prinzip, „hinter das wir nicht zurück­gehen sollten“, so Klieme. „Äußere Trennungen als Prinzip ein­zu­führen, würde der Grundidee vieler pädagogischer Reformen der letzten Jahre wider­sprechen.“

Geschlechtssensibler Unterricht, der den Interessen der Mädchen entgegenkommt und auch weibliche Vorbilder präsentiert, sei wichtig, betont Klieme. „Doch dafür muss ich die Klasse nicht in zwei Hälften teilen.“