Dieser Artikel erschien am 25.09.2019 in DIE ZEIT
Autor: Anna-Lena Scholz und Ulrich Schnabel

Handschrift : Die Anspitzung des Denkens

Smartphones und Sprachnachrichten bedrohen die Handschrift. Doch die Welt ist besser zu begreifen, wenn man sie sich Strich für Strich erschließt.

Schreibschrift
Droht der Handschrift das Aus?
©dpa

Es beginnt wie eine Meditation: oooooo. mmmmm. iiiiiiii. Immer wieder formt man beim Erlernen des Schreibens dieselben Linien, Schwünge und Schleifen, bis sie zu einem Wort verschmelzen: „Omi“. Am Anfang helfen noch Linien auf dem Papier, den Stift und die eigene Kreativität zu lenken. Auf diese Weise lernen schon Erstklässler, dass mit dem Abc ein Versprechen verbunden ist, das auch eine Drohung sein kann: Wer das Alphabet beherrscht, begreift die Welt. Aber wer nicht richtig schreiben lernt, wird zum Außenseiter, kann sich nicht ausdrücken und wird oft nicht verstanden.

Das Schreiben mit dem Stift oder dem Füller ist nicht nur Handwerk, es ist zugleich eine Kulturtechnik. Doch diese verändert sich mit den jeweiligen gesellschaftlichen Vorstellungen. Im Zeitalter von Smartphone und WhatsApp ist deshalb ein Streit um die Handschrift entbrannt, der Pädagogen, Schüler, Eltern und Bildungspolitiker erfasst hat. Verlernen wir, mit der Hand zu schreiben? Macht uns ständiges Tippen auf Handys und Computern dümmer? Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien hat bereits Konsequenzen gezogen. Um den Verlust der „zentralen Kulturtechnik“ zu stoppen, hat sie ein verstärktes Training der Handschrift verfügt (siehe Interview S. 45). Eine weitere Frage lautet allerdings: Welche Schrift ist dafür am besten geeignet? Denn auch darüber sind sich die Pädagogen alles andere als einig.

Da passt es, dass das Deutsche Literaturarchiv Marbach in dieser Woche die Ausstellung Hands on! Schreiben lernen, Poesie machen eröffnet. Die Ausstellung zeigt, dass auch große Autoren einmal kleine Anfänger waren: Schreibübungen, erste Gedichte und Briefe vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart werden in Marbach präsentiert. „lilililili, tetetete, lelelele. lieben, heute, weilen“. Diese Worte liest man im Schulheft von Ilse Aichinger, das sie am 21. Januar 1928 einweihte. Die Buchstaben in feinem Tintenstrich stehen auf zartgelbem Papier mit hellblauen Linien, Buntstiftblumen verzieren den Namen des Kindes. „Es neigen sich / die Tage der Kindheit / den späten Tagen zu“, schreibt die Österreicherin knapp drei Jahrzehnte später in ihrem Gedicht Breitbrunn.

Aichingers Schulheft liegt neben 450.000 weiteren Archivalien bei 18 Grad Raumtemperatur und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit in den Kellern in Marbach. Das Deutsche Literaturarchiv sammelt nicht nur die Manuskripte großer Romane, Gedichte, Erzählungen, sondern auch Briefe und Telegramme, Einkaufs- und Notizzettel. Und, wenn sie die Zeiten überstanden haben, sogar erste Schreibversuche. „Lieber Papa! Mir geht es gut die Gardinen sind angemacht“ – ein kindlicher Bleistiftbrief von Stephan Döblin an seinen Vater Alfred. Ungelenk die Buchstaben, als tanzten sie aus der Reihe. Der junge Durs Grünbein schreibt eine Indianergeschichte mit rotem Filzstift, die Buchstaben ordentlich gesetzt, als handele es sich bereits um ein gedrucktes Buch.

Die von Hans Magnus Enzensberger angeregte Ausstellung belegt, dass jede Handschrift unverwechselbar ist, fast wie ein Fingerabdruck. Sie zeigt aber auch, wie jedes Schriftbild – zumal das von Kindern – das vorherrschende pädagogische Denken spiegelt. Erst allmählich entwickelt sich daraus so etwas wie ein ästhetisches Bewusstsein des eigenen Schreibprozesses, den Autorinnen und Autoren in ihren Werken reflektieren.

Zugleich spricht die Marbacher Ausstellung nostalgische Gefühle an. Welcher Erwachsene schreibt heute noch von Hand? Unter „schreiben“ verstehen die meisten: tippen, tappen, Pixel auf verspiegelter Oberfläche berühren. „Alle sind Wischer geworden“, sagt Hans Magnus Enzensberger in einem Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler Jan Bürger. „Dass alle gern mit der Hand schreiben, das ist unwiederbringlich vorbei“, meint Enzensberger. Er hüte sich aber davor, „den Verlust von irgendwas Vergangenem zu beklagen“.

Meditatives Handlettering als Trend

Zwar kommunizieren insbesondere Jugendliche so viel wie selten zuvor, ständig wird gechattet, gewhatsappt und gepostet. Allerdings schreibt kaum noch jemand analog. „Wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart, die nur noch in abgeschiedenen Ecken ihres einst ausgedehnten Lebensraums überlebt, so behauptet sich auch das Handgeschriebene nur noch in wenigen Winkeln des Alltags“, stellte vergangenes Jahr die Süddeutsche Zeitung fest. Allenfalls der Einkaufszettel oder das gekritzelte Post-it am Computermonitor erinnerten noch an die Zeiten, in denen man auf Zettel und Stift angewiesen war. Zugleich entsteht kurioserweise ein neuer Kult um die Handschrift. Es gibt einen Boom edler Schreibgeräte und ausgesuchter Papeterien, es gibt „Schreib-Coachings“ für Manager, die ihre Schrift „neu programmieren“ wollen, und auf Instagram wird meditatives Handlettering als Trend gehypt.

In den Schulen jedoch, wo die Handschrift erlernt werden soll, gerät sie ins Hintertreffen. In einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) klagte vor wenigen Monaten die überwältigende Mehrheit der befragten Lehrer über das mangelhafte Schriftbild ihrer Schüler. Mehr als ein Drittel der Grundschulkinder habe demnach Probleme, eine lesbare Handschrift zu entwickeln, in den höheren Klassenstufen könnten nur zwei von fünf Jugendlichen 30 Minuten und länger beschwerdefrei schreiben.

Dabei geht es nicht um Schönschrift: Wer Mühe mit dem Schreiben hat, kann bei Diktaten oder Aufsätzen nicht mithalten und handelt sich leichter Fehler ein; er – meist sind die Schlechtschreiber männlich – hat es auch schwerer beim Erstellen einer Vokabelliste oder beim Notieren der Hausaufgaben. Manche Schüler schreiben so undeutlich, dass sie nach ein paar Tagen ihre eigenen Notizen nicht mehr entziffern können. Doch in den Lehrplänen spiele das Erlernen des Schreibens kaum noch eine Rolle, moniert der Verband VBE. In der erwähnten Umfrage gaben rund zwei Drittel der Pädagogen an, dass in den Schulen zu wenig Zeit zum Üben sei und sie zu wenig Hilfestellung bei der Vermittlung bekämen.

Dabei ist es für die Schüler nicht nur wichtig, ihre Gedanken schnell und lesbar zu Papier bringen zu können. Die eigene Handschrift ist auch zeitlebens ein Abbild unserer Persönlichkeit. Das Erste, was viele Kinder lernen zu schreiben, ist der eigene Name. Später verbürgt die Unterschrift unsere Authentizität, auf der Kreditkarte oder dem Liebesbrief. Die Handschrift ist wie eine Spur, die in unser Inneres führt. Dazu braucht sie allerdings den Raum, sich zu entwickeln.

In ihrem Kampf für die Handschrift bekommen die Pädagogen Unterstützung von Hirnforschern und Psychologen. Auch sie haben in den vergangenen Jahren die „Chirografie“ (von lat. chiro = mit der Hand) entdeckt. Sie verweisen darauf, dass Kinder vor allem haptisch lernen und Buchstaben im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal be-greifen müssen. Verschiedene Studien zeigen, dass Kinder Buchstaben wie d und p oder b und q leichter auseinanderhalten können, wenn sie diese mit der Hand schreiben, statt sie zu tippen.

Schreibschriften

In den Schulen sind heute verschiedene Schriften im Einsatz. Die Lateinische Ausgangsschrift geht von der Grundlinie aus; die Vereinfachte Ausgangsschrift orientiert sich an der Mittellinie, und die neue Grundschrift besteht vor allem aus Druckbuchstaben.

Kognitionsforscher erklären das damit, dass das von Hand Geschriebene „plurimodal“ – auf mehreren Ebenen – gespeichert werde: Wenn das Gehirn die Bewegungen der Hand mit den erlernten Buchstaben verbindet, werden mehr und größere Netzwerke im Gehirn aktiviert als beim bloßen Tippen. Denn die Strichführung mit der Hand ist wesentlich anspruchsvoller als das Hämmern auf eine Tastatur. Handschrift erfordert größere feinmotorische Fertigkeiten und eine viel stärkere Differenzierung. Dadurch prägen sich die unterschiedlichen Buchstabenformen dauerhafter ein. Die Handschrift nütze daher „dem Schriftspracherwerb mehr als das Tippen auf der Tastatur“, resümieren Sprachforscher der Universität Köln in einem vor zwei Wochen veröffentlichten Faktencheck, in dem sie die einschlägige Studienlage sichten.

Wer mit der Hand schreibt, scheint auch Informationen besser sortieren zu können. Das belegt ein Experiment der Psychologen Pam Mueller und Daniel Oppenheimer an der Princeton University. Studierende bekamen Videovorträge zu sehen und sollten sich dazu Notizen machen – die eine Gruppe per Hand, die andere per Laptop. Später wurde das Wissen der Teilnehmer abgefragt. Ergebnis: Die Fakten konnten beide Gruppen gleichermaßen wiedergeben. Als es jedoch um Verständnisfragen ging und darum, komplexe Zusammenhänge aus der Vorlesung zu erklären, erzielte die Handschrift-Gruppe bessere Ergebnisse.

Durch das – motorisch langsamere – Schreiben per Hand waren die Studenten gezwungen, die Informationen von vornherein stärker auszuwählen und in eigenen Worten wiederzugeben. Sie hatten den Stoff stärker durchdrungen, wohingegen die schnellen Tastaturschreiber nahezu wörtlich mitgetippt, aber weniger mitgedacht hatten.

Mit welcher Schriftart bringen Schüler ihre Gedanken zum Fliegen?

Das zeigt auch: Die Frage „Schreiben oder Tippen“ kann nicht pauschal entschieden, sondern muss je nach Anforderung und Können unterschiedlich beantwortet werden. Geht es um schnelles Notieren, ist ein geübter Tipper im Vorteil. Will man sich in ein Thema einarbeiten oder Ideen strukturieren, ist es sinnvoller, von Hand den Stift zu führen. Denn schon in der (Hand-)Bewegung wird das Denken vorgeformt. Die Bestseller-Autorin Cornelia Funke (siehe auch Seite 54) formuliert das so: „Eine fließende Handschrift bringt die Gedanken zum Fliegen.“

Doch welche Handschrift ist dafür am besten geeignet? Mit welcher Schriftart lernen es Schüler am einfachsten, ihre Gedanken zum Fliegen zu bringen?

Mit der „Siegener Erklärung zur Schrift in der Schule“ haben vier Experten im Mai dieses Jahres eine regelrechte Anklageschrift an die deutsche Bildungspolitik veröffentlicht. Die in vielen Schulen übliche Praxis, den Kindern zunächst mit der „Grundschrift“ die Druckbuchstaben beizubringen und sie erst später eine „verbundene Schreibschrift“ lernen zu lassen, bedeute doppelten Aufwand und verhindere das einfache Erlernen einer flüssigen Handschrift. Außerdem sei die in den meisten Bundesländern gelehrte „Vereinfachte Ausgangsschrift“ (VA) nur scheinbar vereinfacht. In Wahrheit erschwere sie das flüssige Schreiben und sei einer der Gründe für das schwache Schriftbild vieler Schüler. Als „denkbar schlechteste Variante“ aller verfügbaren Schriften gehöre die VA geradezu „verboten“, wettert der Deutschdidaktiker Wolfgang Steinig, einer der Initiatoren der Siegener Erklärung.

Um diesen Streit zu verstehen, hilft es, etwas auszuholen. Denn die Frage, wie Buchstaben und Schriftbild auszusehen haben, wurde immer wieder anders beantwortet. Im 16. Jahrhundert breitete sich die Kurrentschrift im deutschen Sprachraum aus, eine Schreibschrift, in der die Kleinbuchstaben durch Schleifen miteinander verbunden wurden. Diese Schleifen sollten das Schreiben verflüssigen und beschleunigen, ließen aber zunächst viel Raum für individuelle Eigenheiten. Doch je mehr der Brief- und Schriftverkehr im 18. Jahrhundert anschwoll – zu einer Zeit, in der die Alphabetisierung Mitteleuropas nahezu abgeschlossen war –, desto bedeutender wurde die Standardisierung des Schreibens mit der Hand.

Zugleich wurde die Schrift zum Ausdruck politischer Ideologien. In der Kurrentschrift spiegele sich „der Typus unserer Nation“, hieß es 1856 in einem Wegweiser für den Schulunterricht. Die Sütterlinschrift, 1915 in den preußischen Schulen eingeführt, galt wiederum als förderlich für die Kreativität des Kindes. Verboten wurde sie, wie auch die als „Judenlettern“ diffamierte Frakturschrift, 1941 von den Nationalsozialisten. Als „Normalschrift“ wurde fortan in den Volksschulen die gerundete Antiqua gelehrt.

Zur Ironie der Geschichte gehört es, dass zur selben Zeit ein ungarischer Flüchtling eine viel wegweisendere Schreibentwicklung anstieß: László Bíró erfand den Kugelschreiber mit Farbmine und rollendem Kügelchen in der Stiftspitze. Im Oktober 1945 wurde er in Manhattans Warenhaus Gimbels erstmals im großen Stil verkauft. Eine Menschenmenge drängte sich damals vor den Verkaufsräumen, 30.000 dieser Kugelschreiber wurden in der ersten Woche zu einem Preis von 12,50 Dollar verkauft. Ein begehrter Luxusartikel, so etwas wie das iPhone einer vergangenen Welt.

Den „Ball Pen“ gibt es bis heute. Die Schriftarten hingegen kamen und gingen, gerade so, als ob jedes Zeitalter und jede Generation ihre eigenen Buchstaben hätte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Hitlers Normalschrift abgewandelt zur Lateinischen Ausgangsschrift (LA), in der DDR wurde 1968 die sogenannte Schulausgangsschrift (SAS) eingeführt, die mit der LA eine Gemeinsamkeit teilt: Beide orientieren sich an der Grundlinie der jeweiligen Textzeile (siehe Grafik). In Westdeutschland wurde dagegen von 1973 an die Vereinfachte Ausgangsschrift (VA) gelehrt, die sich an einer zusätzlich gezogenen Mittellinie orientiert. Von der vierten Klasse an fällt allerdings die Mittellinie in den Schulheften weg – was die Schrift vieler Schüler haltlos werden lässt.

So verfiel der Grundschulverband auf eine neue Idee: Am Anfang sollte gar keine Schreibschrift, sondern nur eine einfache Druckschrift (genannt „Grundschrift“) gelehrt werden. Daraus sollten dann die Schüler allmählich und selbstständig eine persönliche Handschrift entwickeln. Für das Erlernen des fließenden Schreibens waren somit nicht mehr die Lehrer, sondern die Schüler selbst zuständig.

Schreiben ist nur eine „Scheinselbstverständlichkeit“

Heute hat jedes Bundesland eigene Regeln: Mal ist eine Schrift vorgeschrieben, mal keine, und mal stehen mehrere Schriften zur Auswahl. Die Initiatoren der Siegener Erklärung fordern nun, in den Grundschulen einheitlich die Schulausgangsschrift, die SAS, zu lehren. Die Sprachforscher der Uni Köln kommen hingegen in ihrem Faktencheck zu dem Ergebnis, die jeweilige Schriftart sei beim Schreibenlernen nicht so wichtig. „Das ist etwa so, als würden Sie fragen, ob das Schwimmenlernen mit roten oder blauen Schwimmflügeln besser gelingt“, kommentiert Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung, das den Faktencheck herausgibt. Für viel wichtiger hält Becker-Mrotzek die „Schreibflüssigkeit“. Um die zu entwickeln, brauchten Schüler vor allem ausreichend Zeit und Übung.

Hinzu kommt, dass die Frage des richtigen Schreiben stets auch eine individuelle Angelegenheit ist: Legastheniker etwa können vom Schreiben mit der Tastatur enorm profitieren. Und je nach Leistungsfähigkeit ist mal diese, mal jene Schrift passender: Schwache Schüler oder Inklusionskinder haben schon mit dem Erlernen von Druckbuchstaben genug zu tun. Bei anderen Schülern hingegen bringt vielleicht erst die flüssige Schreibschrift die Gedanken zum Fliegen.

So gesehen gibt es wenig Grund zur Glorifizierung der Vergangenheit. Denn jahrhundertelang war das Erlernen des Schreibens vor allem mit Disziplinierung und zum Teil auch mit Züchtigung verbunden. Wehe, man hatte nicht die richtigen Buchstaben, das richtige Schreibgerät, die richtige Armhaltung! Alle Schüler hatten gleich zu sein, im Schreiben und am liebsten auch im Denken. Noch bis in die 1970er-Jahre hinein mussten Linkshänder lernen, mit rechts zu schreiben – heute gälte das als Körperverletzung.

Da hilft es, sich daran zu erinnern, dass das Schreiben nur eine „Scheinselbstverständlichkeit“ ist, wie der Literaturwissenschaftler Sandro Zanetti das genannt hat. Nichts an unserer Schrift und unserem Lesen versteht sich von selbst, das Abc ist ein kulturelles Gedächtnis. Es formt uns, wie wir es formen.

Das zeigt etwa das Schulheft der Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky, das jetzt ebenfalls im Marbacher Archiv ausliegt. „Mimi Mimi Mimi“ schrieb die sechsjährige Kinderhand 1987, jedes M eine Anstrengung: Kleiner Schlenker unten links, dann vier Geraden im Zickzack, kleiner Schlenker unten rechts. Man spürt die Mühe, den Eifer des Kindes, den Blick der Lehrerin. In ihrem Bildungsroman Der Hals der Giraffe entwirft Schalansky später eine Lehrerin, Inge Lohmark, die die Schule als „Gehege“ versteht. „Sie war dafür bekannt, dass sie die Zügel anziehen und die Leine kurz halten konnte“, heißt es in dem Roman über Inge Lohmark; „für die Schüler war es ohnehin das Beste, sie in jedem Moment spüren zu lassen, dass sie ihr ausgeliefert waren“. Die Schulbank, die Fibel, der Füller: tote Objekte. Belebt werden sie durch Lehrerinnen und Lehrer, im Guten wie im Schlechten. Und von den Kindern, die irgendwann frei ihre Linien ziehen.

Die wackligen, verspielten, bemühten Kinderhandschriften, die jetzt in Marbach ausliegen, wirken da wie ein aufmüpfiger Kommentar zur bildungspolitischen Debatte um das Schreibenlernen ebenso wie zu einem emphatischen Schriftbegriff der Kunst. Am Anfang steht immer erst mal das Gekritzel.


Quellen

  • Die Ausstellung Hands on! Schreiben lernen, Poesie machen im Literaturarchiv Marbach läuft vom 29. September 2019 bis 1. März 2020
  • Einen Überblick über die Studienlage gibt der Faktencheck „Handschrift in der digitalisierten Welt“ des Mercator-Instituts (Köln, 2019)
  • Zum Thema Handschrift gibt es unter anderem die Siegener Erklärung und die Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE)
  • Links zu diesen und weiteren Quellen finden sich auf ZEIT ONLINE unter zeit.de/wq/2019-40