Deutschunterricht : Umgang mit Mehrsprachigkeit ist vor allem eine Frage der Haltung

Mehr als ein Drittel der Schülerinnen und Schüler in Deutschland sprechen am Ende der vierten Klasse zu Hause nur manchmal oder sogar nie Deutsch. Das wirkt sich auf ihre Kompetenzen im Fach Deutsch aus. Vor allem im Bereich Zuhören haben die Kompetenzen laut IQB-Bildungstrend 2021 deutlich nachgelassen. Wie lässt sich gegensteuern? Inwieweit kann die Mehrsprachigkeit sogar als Ressource genutzt werden? Das Schulportal hat dazu Katja Schnitzer befragt. Sie ist Dozentin für Deutschdidaktik an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz und hat untersucht, wie Lehrkräfte in Baden-Württemberg im Deutschunterricht mit Mehrsprachigkeit umgehen.

Annette Kuhn 27. Oktober 2022 Aktualisiert am 02. November 2022
Kinder lernen gemeinsam Mehrsprachigkeit als Ressource
Mehrsprachige Schülerinnen und Schüler verfügen über eine erhöhte Sprachaufmerksamkeit, die für die ganze Klasse nutzbar gemacht werden kann.
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Deutsches Schulportal: Sie haben untersucht, wie Lehrkräfte Deutschunterricht in mehrsprachigen Klassen gestalten. Was war Ihr Ausgangspunkt?
Katja Schnitzer: In vielen Studien ist dokumentiert, dass Schülerinnen und Schüler mit migrationsbedingter Mehrsprachigkeit beim Zugang zu Bildung benachteiligt sind. Auch als Lehrerin habe ich immer wieder die Beobachtung gemacht, dass Mehrsprachigkeit zwar ein wichtiges Bildungsziel darstellt, aber im Kontext von Migration eher nicht als Ressource gesehen wird. Bilinguale Schulzweige oder das frühe Erlernen von Fremdsprachen sind hingegen im Trend.

Meine Hypothese war, dass in der schulischen Praxis trotz entsprechender fachdidaktischer Entwicklung ein monolingualer Habitus fortbesteht. Das ist ein Begriff, den die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Gogolin schon zu Beginn der 90er-Jahre geprägt hat.

Daher wollte ich eine Standortbestimmung des Sprachunterrichts vornehmen und habe den Fokus dabei auf die Lehrenden gerichtet: Welche Haltungen haben sie gegenüber Mehrsprachigkeit, und über welches Fachwissen verfügen sie im Umgang mit Mehrsprachigkeit, und welche Unterrichtsmaterialien kennen sie? Ich habe dazu in Baden-Württemberg Lehrkräfte der Sekundarstufe I befragt.

Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Tatsächlich betrachteten Lehrerinnen und Lehrer individuelle Mehrsprachigkeit zwar grundsätzlich als Vorteil, aber im schulischen Kontext bewerteten sie sie weit weniger positiv. Meine Untersuchung hat gezeigt, dass eine große Unsicherheit beim Umgang mit mehrsprachigen Klassen herrscht, die in vielen Fällen auf nicht vorhandene Fachkenntnisse zurückzuführen ist. So entsteht eine gewisse Ohnmacht: Die Lernenden können nicht genug Deutsch, und die Lehrenden wissen nicht, wie sie helfen können. Das führt wiederum zu einer weniger positiven Haltung gegenüber migrationsbedingter Mehrsprachigkeit.

Es ist wichtig, dass Schülerinnen und Schüler ihre Mehrsprachigkeit als Ressource erleben

Was sind Merkmale eines erfolgreichen Deutschunterrichts in mehrsprachigen Klassen?
Es ist wichtig, dass der Deutschunterricht die Fragen aller Lernenden aufgreift, unabhängig davon, ob Deutsch für sie eine Erst- oder Zweitsprache ist. So kann allen der Erwerb von Sprachkompetenzen ermöglicht werden.

Daher ist es wichtig, Mehrsprachigkeit als Ressource zu betrachten beziehungsweise das Vorwissen der Kinder miteinzubeziehen. Ein Kind kann Deutsch vielleicht noch nicht gut, aber es hat Wissen in anderen Sprachen und Erfahrungen beim Sprachenlernen. Mehrsprachige Schülerinnen und Schüler verfügen über eine erhöhte Sprachaufmerksamkeit, die für das sprachliche Lernen der ganzen Klasse nutzbar gemacht werden kann. Die in der Klasse vorhandenen Sprachen werden durch den Einbezug sichtbar gemacht und wertgeschätzt.

Wie lässt sich dieses Wissen konkret nutzen?
Hier spielt Sprachreflexion eine wichtige Rolle. Das heißt, Kinder können Deutsch im Vergleich mit ihren eigenen Erstsprachen lernen. Nehmen wir mal die Pluralbildung: Das Konzept Plural existiert in allen Sprachen, aber es wird jeweils unterschiedlich umgesetzt. Während zum Beispiel im Deutschen und Türkischen der Plural durch das Anhängen eines Affixes gebildet wird, geht das im Chinesischen nicht, weil Wörter dort unveränderbar sind. Der Plural lässt sich hier zum Beispiel durch Verdoppeln des Wortes bilden. Im Vergleich Deutsch-Türkisch zeigt sich wiederum, dass im Deutschen viel mehr Endungen möglich sind als im Türkischen.

Solche Vergleiche fördern die Sprachaufmerksamkeit und das Sprachverständnis der Schülerinnen und Schüler, weil ihnen klar wird, wie Sprachen funktionieren. Davon profitieren alle Kinder – auch die mit Deutsch als Erstsprache. Für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache stellt das Vergleichen der eigenen Sprache mit Deutsch eine wichtige Lernstrategie dar, um sich die jeweiligen Unterschiede und Gemeinsamkeiten bewusst zu machen und Schwierigkeiten beim Lernen besser einordnen zu können.

Lehrkräfte müssen sich Unterschiede zwischen den Sprachen bewusst machen

Müssen Lehrerinnen und Lehrer für eine solche Sprachreflexion nicht sehr viel über viele andere Sprachen wissen?
Sie müssen die Sprache nicht selbst beherrschen, sie müssen nur grundsätzliche Informationen über die Sprache haben und sich Unterschiede zwischen den Sprachen bewusst machen. Das lässt sich gut am Beispiel Türkisch verdeutlichen: Wenn Lehrkräfte wissen, dass im Türkischen keine Artikel existieren, ist ihnen auch klar, dass ein Kind mit türkischer Sprache erst mal keine Artikel verwendet und das Thema Artikel neu erlernen muss.

Die Informationen über die verschiedenen Sprachen können Lehrerinnen und Lehrer aber auch von den Kindern selbst bekommen. Und wenn Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Sprache wahrnehmen, ist das eine Form der Wertschätzung. Das schafft Motivation und Integration.

Es ist aber nicht damit getan, nur einmal den Sprachstand zu ermitteln, sondern im Idealfall müssen Sprachstandserhebungen regelmäßig stattfinden.

Welche Rolle spielen Diagnostik und Sprachstandserhebungen im Sprachunterricht?
Grundsätzlich geht Sprachförderung nicht ohne Sprachdiagnostik. Viele Klassen sind nicht nur dadurch gekennzeichnet, dass Kinder viele verschiedene Sprachen sprechen, sondern dass sie Deutsch und ihre Erstsprachen – abhängig von ihrer Migrationsbiografie – auf unterschiedlichem Niveau sprechen. Wenn man Kindern ermöglichen möchte, schulisch erfolgreich zu sein, braucht es viel Wissen darüber, wo jedes Kind sprachlich steht. Sonst ist eine individuelle Förderung nicht möglich. Es ist aber nicht damit getan, nur einmal den Sprachstand zu ermitteln, sondern im Idealfall müssen Sprachstandserhebungen regelmäßig stattfinden, denn Kinder entwickeln sich weiter, das ist nichts Statisches. Aber das braucht viel Zeit, viele personelle Ressourcen und natürlich Fachwissen.

Eine gut ausgebaute Erstsprache ist die Basis für den Erwerb der Zweitsprache

Welche Fachkenntnisse und Kompetenzen brauchen Lehrkräfte, um einen guten Deutschunterricht in mehrsprachigen Klassen umzusetzen?
Sie müssen neben guten Kenntnissen über die deutsche Sprache auch über Kenntnisse zur Mehrsprachigkeitsdidaktik verfügen. Zudem brauchen sie Fachwissen zum (Zweit-)Sprachenerwerb.

Aus der Forschung wissen wir, dass eine gut ausgebaute Erstsprache eine wichtige Grundlage für den Erwerb der Zweitsprache ist. In der Konsequenz heißt das, dass es wichtig ist, die Erstsprache der Schülerinnen und Schüler zu pflegen. In meiner Studie habe ich aber festgestellt, dass vielen Lehrpersonen der Zusammenhang zwischen dem Lernen der Erst- und der Zweitsprache nicht bekannt ist. In der Folge begrüßen es Lehrerinnen und Lehrer oft nicht, wenn Kinder den herkunftssprachlichen Unterricht besuchen, sondern sehen darin eine Überforderung.

Und: Lehrkräfte müssen Verständnis für die Lernsituation zugewanderter Kinder haben. Sie sollten sensibilisiert dafür sein, dass Lernschwierigkeiten nicht immer nur kognitive Ursachen haben, sondern dass sie mit der Lebenssituation, zum Beispiel im Kontext von Flucht, zusammenhängen können.

Wo sehen Sie vor allem Entwicklungsbedarf, um Mehrsprachigkeit als Ressource zu nutzen?
Damit Mehrsprachigkeit tatsächlich als Ressource betrachtet wird, muss die ganze Schule an einem Strang ziehen. Es reicht nicht, wenn sich einzelne Lehrkräfte engagieren, es braucht einen „whole school approach“, also die ganzheitliche Umsetzung eines Konzepts. Schulen müssen eine Art Willkommenskultur pflegen, in der alle Sprachen wertgeschätzt und für das Lernen nutzbar gemacht werden. Dazu braucht es eine enge Zusammenarbeit aller Lehrpersonen, und die Schulleitung muss dahinterstehen.

Fachunterricht auch sprachlich vorbereiten

Wie kann das konkret aussehen?
Bei der Unterrichtsgestaltung müssen Sprach- und Fachlehrpersonen im Kollegium eng zusammenarbeiten. Traditionell verstehen sich Lehrpersonen vor allem in der Sekundarstufe als Fachlehrpersonen. Aber auch in Fächern wie Chemie oder Mathe lässt sich fachlich nur lernen, wenn das Sprachverständnis da ist. Entsprechend müssen sich alle Lehrkräfte auch als Sprachlehrkräfte verstehen und den Unterricht fachlich und sprachlich vorbereiten. Sie sollten zum Beispiel überlegen, welche sprachlichen Strukturen Kinder brauchen, um ein Experiment in Chemie zu verstehen.

Dazu können die Fachlehrkräfte bei der Unterrichtsvorbereitung auch DaZ-Lehrkräfte einbeziehen. Diese wissen, welchen sprachlichen Anforderungen Lernende begegnen, für die Deutsch die Zweitsprache ist, und wie sie in Form des so genannten Scaffoldings unterstützt werden können.

Zum anderen sind aber auch mehrsprachige Lehrkräfte wichtig, weil sie die Lernsituation der zugewanderten Kinder kennen und weil sie möglicherweise auch über Kenntnisse in einer Migrationssprache verfügen. Allerdings beobachte ich immer wieder an der Hochschule, dass es Lehramtsstudierenden, die selbst über einen Zuwanderungshintergrund verfügen und ähnliche Erfahrungen wie die Schülerinnen und Schüler gemacht haben, oft nicht bewusst ist, dass sie über Ressourcen verfügen, die sie für ihr professionelles Handeln nutzbar machen können. Hier bräuchte es noch mehr Sensibilisierung.

Unser Ziel ist, dass Lehramtsstudierende ihre interkulturelle Kompetenz erweitern, um mit Diversität im Klassenzimmer kompetenter umgehen zu können.

Wie lassen sich Haltungen gegenüber Mehrsprachigkeit verändern?
Wichtig ist, früh anzusetzen. Wir haben daher an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz ein besonderes Projekt initiiert. Es heißt Intermobil – Interkulturelle Kompetenz durch Mobilität. Studierende können eines ihrer Pflichtpraktika in einem Land machen, aus dem Kinder zu uns kommen. Die Studentinnen und Studenten unterrichten an einer öffentlichen Schule und wohnen bei Familien vor Ort. So haben sie die Möglichkeit, ganz in die Kultur des Herkunftslandes der Kinder einzutauchen.

So entwickeln Studierende eine erweiterte Perspektive auf Migrationsprozesse. Durch die Auseinandersetzung mit fremden Milieus können sie sich persönliche Werte und Überzeugungen bewusst machen und diese hinterfragen. Die Heterogenität von Schulkindern wird dann nicht mehr nur an kulturellen Unterschieden festgemacht, sondern als normal begriffen. Vor allem aber können die Studierenden sich durch die eigenen Erfahrungen mit Fremdheit im Praktikum besser in die Lage von zugewanderten Kindern hineinversetzen.

Unser Ziel ist, dass Lehramtsstudierende ihre interkulturelle Kompetenz erweitern, um mit Diversität im Klassenzimmer kompetenter umgehen zu können. Diese Kompetenzen können sie dann in die Schulen hineintragen. Denn gerade für Lehrpersonen ist es wichtig, dass sie eine positive Haltung gegenüber Diversität haben, weil sie oft sehr wichtige Bezugspersonen für Kinder und deren Familien sind.

Zur Person

Katja Schnitzer
  • Katja Schnitzer ist Dozentin am Institut Primarstufe der Pädagogischen Hochschule an der Fachhochschule Nordwestschweiz und leitet den Weiterbildungsstudiengang (CAS) Deutsch als Zweitsprache am Institut Unterstrass Zürich.
  • Sie lehrt im Bereich Sprachdidaktik, Interkulturelle Bildung und Deutsch als Zweitsprache und ist an verschiedenen nationalen und internationalen Projekten zum Thema Mehrsprachigkeit beteiligt.
  • Ihre Promotion hat Katja Schnitzer zum Thema „Mehrsprachigkeit als Ressource. Zur Praxis des Sprachunterrichts in der Sekundarstufe I“ geschrieben.
  • Die Publikation dazu ist 2020 im Waxmann Verlag erschienen (Band 670 Internationale Hochschulschriften, 39,90 Euro).
  • Vor ihrer wissenschaftlichen Karriere hat sie ein Studium für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen absolviert und einige Jahre als Lehrerin gearbeitet.