Deutsche Europäische Schule Singapur : Wie Unterrichtsentwicklung trotz hoher Fluktuation gelingt

Die German European School Singapore entwickelt ihren Unterricht über Jahre kontinuierlich weiter. Das gelingt ihr trotz einer hohen Fluktuation von Lehrkräften, die an Auslandsschulen üblich ist. Das Kollegium arbeitet eng zusammen, entwickelt gemeinsam Lösungen und bildet sich stetig fort. Dabei bauen die Instrumente der Personalentwicklung – wie Unterrichtsbeobachtungen und Zielvereinbarungen – konsequent auf dem gemeinsamen Verständnis von gutem Unterricht auf. Damit überzeugte die Schule die Jury des Deutschen Schulpreises 2022.

Kristin Görlitz 28. September 2022 Aktualisiert am 05. Oktober 2022
Schülerinnen und Schüler bilden einen Kreis
Schulleben: Die Identifikation mit der GESS ist hoch. Im offenen, überdachten Innenhof, der die fünf Etagen und diversen Flügel des Neubaus miteinander verbindet, finden regelmäßig Aktionen statt, die das Gemeinschaftsgefühl stärken.
©German European School Singapore
Multiprofessionelle Teams: Digitale Medien sind ein selbstverständlicher Bestandteil des Unterrichts. Sogenannte „EdTech-Coaches“ gehören zum multiprofessionellen Kollegium. Ihr Selbstverständnis lautet: Es geht nicht darum, wie etwas digital funktioniert, es geht um die Qualität des Unterrichts unter Einbezug digitaler Medien.
©German European School Singapore
Schülerinnen beim Lesen
Vielfalt: Die Schülerinnen und Schüler kommen aus über 60 Nationen und sind zwischen 2 und 18 Jahre alt. Manche Kinder absolvieren ihre gesamte Schullaufbahn an der Schule, andere bleiben aufgrund der beruflichen Aufenthalte ihrer Eltern nur wenige Jahre.
©German European School Singapore
Zwei Schüler der Deutschen Europäischen Schule Singapur experimentieren
Forschendes Lernen: Die Jury beobachtete zahlreiche Unterrichtssettings, in denen Schülerinnen und Schüler angeregt werden, eigene Fragestellungen und Hypothesen zu entwickeln, diese zu erforschen und zu überprüfen.
©German European School Singapore
Deutschstunde: Konzentriert arbeiten die Schülerinnen und Schüler einer zweiten Klasse an ihren Geschichten. Alle Klassenräume sind von den Fluren durch Glasfenster einsehbar.
©Kristin Görlitz

Wer in der Dairy Farm Lane 2 in Singapur aus dem Taxi steigt, bemerkt mindestens zwei Dinge. Erstens: Das tropisch-feuchte Klima ist auch hier im grüneren Viertel Bukit Panjang für Europäerinnen und Europäer gewöhnungsbedürftig. Und zweitens: Ein Milchbauernhof, den der Straßenname Dairy Farm Lane erwarten lässt, befindet sich schon lange nicht mehr an diesem Ort, der wie alle Gebiete von Singapur intensiv bebaut wird. Stattdessen fahren Autos die geschwungene, unscheinbare Auffahrt zu einem modernen, mehrstöckigen Schulgebäude hinauf, dessen Fassaden zum Teil begrünt sind, so wie in der Garden City bei Neubauten üblich. Auf einer Fläche von drei Hektar lernen hier bis zu 2.000 Kinder und Jugendliche.

Eine außergewöhnliche Schule

Die German European School Singapore oder GESS – wie sie in Singapur von allen genannt wird – ist die größte deutsche Auslandsschule in Asien, und sie genießt einen guten Ruf. Erst 2021 bescheinigte ihr die Bund-Länder-Inspektion Deutscher Schulen im Ausland, eine „exzellente Schule“ zu sein. Im hochindustrialisierten, multiethnischen Singapur, gelegen an den am stärksten frequentierten Schifffahrtswegen der Welt, leben über eine Million Ausländerinnen und Ausländer, darunter rund 8.000 Deutsche. Entsprechend vielfältig und kompetitiv ist das Angebot internationaler Schulen. Kinder mit ausschließlich singapurischer Staatsbürgerschaft dürfen an diesen Schulen nur mit einer besonderen Genehmigung des Arbeitsministeriums aufgenommen werden. Die GESS wird von Schülerinnen und Schülern aus über 60 Nationen, vorwiegend aus Europa besucht, die sich auf eine europäische Sektion und eine deutsche Sektion verteilen.

Zwei Rahmenbedingungen sind relevant, will man verstehen, was andere Schulen trotz oder gerade wegen dieser besonderen Ausgangslage von der Deutschen Europäischen Schule Singapur lernen können:

  1. Die GESS wird von einem privaten Verein getragen und verfügt über finanzielle Mittel, die die Möglichkeiten deutscher Kommunen bzw. deutscher Schulen im Inland bei Weitem übersteigen. So ausgestattet konnte die Schule 2018 ihren beeindruckenden Neubau beziehen, der speziell für ihre Bedarfe und pädagogischen Konzepte entworfen wurde. Die Familien sind bildungsnah und die ökonomischen Verhältnisse bei den meisten gesichert.
  2. Ihre größte Herausforderung ist dabei die hohe Fluktuation, und zwar sowohl bezogen auf das Personal als auch auf die Schülerschaft. Viele der rund 1.800 Schülerinnen und Schüler bleiben aufgrund der beruflichen Aufenthalte ihrer Eltern nur wenige Jahre an der Schule und müssen häufig unterjährig integriert oder verabschiedet werden. Insgesamt zählt die Schule über 400 pädagogische und nicht-pädagogische Angestellte. Sie kommen aus über 15 Nationen und verbleiben im Schnitt nur fünf Jahre an der GESS.

Häufige Personal- und Leitungswechsel gepaart mit vielfältigen professionellen Hintergründen und Erfahrungen machen eine systematische kollegiale Zusammenarbeit zur Pflicht, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Und genau darin liegt eine der großen Stärken der GESS. Wie genau schafft sie es, aus hoher Fluktuation und hoher Heterogenität eine hohe Kontinuität entstehen zu lassen und das vielfältige vorhandene Wissen aller mit einzubeziehen, ohne mit jedem Wechsel alle paar Jahre „das Rad neu zu erfinden“?

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Multiprofessionelle Teams

„Hang in there. Summer is almost here” (Halte durch. Der Sommer ist fast da.“) steht in großen blauen Buchstaben an einer Tür des Förder- und Beratungszentrums, darunter hängt ein Faultier aus Papier. Wenige Wochen vor den Sommerferien geht es darin ruhig zu. Vereinzelt sitzen Kinder an Tischen, sie machen Übungen, unterstützt von Sonderpädagoginnen. „Das Förder- und Beratungszentrum kümmert sich um alle, die besondere Lernherausforderungen haben, das können vorübergehende Lernschwierigkeiten sein genauso wie Kinder, die eine Rechenschwäche haben“, erklärt dessen Leiter Oliver Günter. Das Aufwachsen vieler Schülerinnen und Schüler, die die GESS besuchen, ist geprägt von häufigen Orts- und Schulwechseln. Das bewirkt zum Beispiel, dass sich Freundschaften aufgrund von Umzügen häufiger verändern.

Die Pandemie wirkte zusätzlich belastend und hatte zur Folge, dass die meisten Familien zwei Jahre lang keine Heimatbesuche machen beziehungsweise Besuch aus der Heimat empfangen konnten oder sogar als Kernfamilie getrennt wurden. Entsprechend groß ist der Unterstützungsbedarf im psychosozialen Bereich. An der GESS sollen die Schülerinnen und Schüler möglichst eine konstante Lernumgebung und Gemeinschaft erfahren. Damit beschäftigen sich neben den Lehrkräften unter anderem Erzieherinnen und Erzieher, Assistenzlehrerinnen und -lehrer, Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Einige von ihnen haben sich zusammengeschlossen und bearbeiten derzeit in einer „Professionellen Lerngemeinschaft“ Fragen rund um das Thema „Student wellbeing and mental health“ (Schüler-Wohlbefinden und psychische Gesundheit). Deutschkoordinator Markus Meyer erklärt: „Wir arbeiten ganz stark anlassbezogen zusammen und bringen dafür jeweils die verschiedenen Kolleginnen und Kollegen zusammen.“

Professionelle Lerngemeinschaften

An der GESS sind Kooperationszeiten fest im Stundenplan der Lehrkräfte verankert. Vereinfacht vorstellen kann man sich die komplexen Kooperationsbeziehungen als drei Säulen, die über einen Fünf-Jahresplan miteinander verbunden sind: Zusammengearbeitet wird einerseits in Jahrgangsteams und Fachgruppen (erste Säule). Daneben existieren diverse gesamtschulische Arbeitsgruppen (zweite Säule), die an Themen arbeiten, welche die Steuergruppe der Schule auf Basis von Evaluationen identifiziert und den AGs überträgt. Daneben gibt es die professionellen Lerngemeinschaften (kurz: PLG). Darin tauschen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über aktuelle Probleme und Bedarfe aus, die sie selbst identifiziert haben (dritte Säule). Diese Lerngemeinschaften entstehen also im Vergleich zu den Arbeitsgruppen nicht top-down, sondern bottom-up.

Professionelle Lerngemeinschaften sind Orte des Wissenstransfers und des Experimentierens. Letztlich geht es darum, das Unterrichtshandeln zu verändern. So entstanden beispielsweise in der Grundschule die „Matheboxen“ – niveaudifferenzierte Lernpakete für das individualisierte Lernen. Die Lehrkräfte der ersten Jahrgangsstufe hatten die Initiative ergriffen und gemeinsam begonnen, differenzierte Aufgaben für den Mathematikunterricht zu entwickeln, zu erproben und ihre Erfahrungen mit offenen Lernformaten im Team zu reflektieren. Waren anfangs nur Fachlehrkräfte beteiligt, brachten sich schon bald auch die Förderlehrkräfte mit ein. Der Ansatz wird mittlerweile von weiteren Jahrgangsteams der Grundschule aufgegriffen.

Deutscher Schulpreis 2022

Die Preisträger stehen fest. Diese fünf Schulen wurden ausgezeichnet.

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Das gemeinsame Verständnis von gutem Unterricht

Im Deutschunterricht der Klasse 2 geht es an diesem Dienstagvormittag um Doppelvokale, aber erst mal wird gefrühstückt. Die Kinder kommen gerade vom Schwimmen, und mit knurrendem Magen ist an die Geschichte, die sie gleich schreiben werden, noch nicht zu denken. Wir sollen in 15 Minuten wiederkommen. Als wir den Raum wieder betreten, herrscht in der Klasse bereits konzentrierte Stille, eine Aromalampe versprüht einen Duft, der an Jasmin erinnert. Eine Lehrerin geht durch den Raum und kniet sich zu jedem Kind, gibt Hinweise und Hilfestellungen. Weitere 15 Minuten später wollen alle Kinder unbedingt als erste ihre Geschichte, in die sie möglichst viele Doppelvokalworte sinnvoll eingebaut haben, vorlesen. Manche haben auch im Team gearbeitet und tragen ihre Geschichte gemeinsam vor. Zum Erstaunen der Besucherinnen scheinen die Kinder förmlich an den Lippen ihrer Mitschüler zu hängen, ganz gleich wie schwer sich manche mit dem Vorlesen tun, wie ausgeschmückt oder einfach eine Geschichte ist. Sie zählen die Doppelvokalworte leise mit: Meer, Schnee, Zoo, Paar. Nach jeder Geschichte gibt es Applaus und die Kinder vergleichen, wie viele Doppelvokale sie tatsächlich gehört haben. Ein Wettbewerb entsteht trotzdem nicht. Jede Geschichte darf für sich stehen. Es ist eine scheinbar gewöhnliche Deutschstunde und dennoch möchte man auf einem kleinen Stuhl sitzend noch etwas länger stille Beobachterin sein.

Was macht guten Unterricht aus? Die Schulen, die sich für den Deutschen Schulpreis 2022 beworben haben, haben darauf unterschiedliche Antworten gefunden. Und das Kollegium der GESS? Fragt man nach dem Weg der gemeinsamen Unterrichtsentwicklung, fällt immer wieder ein Begriff: „De-Privatisierung“. Das Kollegium ist sich einig: Sie können ihre Ziele nicht erreichen, wenn Lehrkräfte sich als Einzelkämpfer im Schulalltag begreifen, deswegen brauche es gemeinsam verabredete Standards, eine Kultur der Offenheit, des professionellen Lernens und des kollegialen Feedbacks. Der erste entscheidende Baustein eines solchen de-privatisierten Unterrichts war ein gemeinsames Verständnis darüber, was erfolgreiches Lernen ausmacht. Sie einigten sich auf drei Prinzipien, auch bekannt als die Basisdimensionen von Unterrichtsqualität: kognitive Aktivierung, effektives Klassenmanagement und konstruktives Feedback. Heute baut alles darauf auf, so auch die jährlich stattfindenden Personalentwicklungsgespräche mit individuellen Zielvereinbarungen für jede Lehrkraft, das sogenannte Appraisal. Damit einher gehen regelmäßige Unterrichtsbesuche durch Mitglieder der erweiterten Schulleitung. Der Unterrichtsbeobachtungsbogen übersetzt das Verständnis guten Unterrichts in Kriterien. Darin heißt es zum Beispiel: „Zu den Lernarrangements gehören angemessene Möglichkeiten für eine aufgabenorientierte Interaktion mit Gleichaltrigen.“ Und: „Die Lehrkraft stärkt das Vertrauen der Schüler in ihre eigenen Fähigkeiten.“ Und auch das gehört zur De-Privatisierung der GESS: Alle Klassenzimmer sind mit Glasfenstern zu den Fluren ausgestattet. Anfangs sei dies für manche irritierend gewesen, inzwischen helfe dieses scheinbar kleine architektonische Detail dabei, Gespräche über Unterricht zu initiieren.

Auf einen Blick

  • Die German European School Singapore – kurz GESS oder auch Deutsche Europäische Schule Singapur – wurde 2022 mit dem Deutschen Schulpreis für ihre Unterrichtsqualität ausgezeichnet.
  • Auszug aus der Begründung der Jury des Deutschen Schulpreises: „Geleitet wird die Auslandsschule dabei von dem Gedanken, ihre Schüler:innen zu Weltbürger:innen zu erziehen, die in der Lage sind, erfolgreich eine sich fortwährend ändernde Welt und ihre Zukunft nachhaltig mitzugestalten. In diesem Sinne fördert die Schule das forschende Lernen: Die Kinder und Jugendlichen entwickeln eigene Fragestellungen, loten ihre Interessen aus, recherchieren, analysieren und präsentieren“, schreibt Jury-Mitglied Petra Madelung.
  • An der Ganztagsschule lernen knapp 1.800 Kinder und Jugendliche zwischen zwei und 18 Jahren in einer englischsprachigen (europäischen) und einer deutschsprachigen Sektion.
  • Weltweit gibt es in 70 Ländern etwa 140 Auslandsschulen.
  • Die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) betreut knapp 2.000 deutsche Lehrkräfte, die an Deutschen Auslandsschulen arbeiten. Die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer geht zunächst für drei Jahre ins Ausland, sie können ihren Aufenthalt auf insgesamt längstens acht Jahre verlängern.

Unterricht besser machen: Die Broschüre zum Deutschen Schulpreis 2022 (mit Workbook)

  • Bildungsexpertinnen und -experten der Schulpreis-Jury haben an allen nominierten Schulen hospitiert. Sie erklären, was den Unterricht aus ihrer Sicht auszeichnet.
  • Sie möchten mehr über den Weg der Schule erfahren? Die (Unterrichts-)Entwicklungskurven der Schulen machen deutlich: Unterrichtsentwicklung dauert Jahre, verläuft nicht linear und gelingt nur gemeinsam.
  • Im Workbook-Teil finden Sie fünf Methodenvorschläge mit Druckvorlagen, die Ihnen dabei helfen können, im Kollegium über Unterrichtsqualität ins Gespräch zu kommen.