Deutsch-Unterricht : „Wir grenzen aus, durch verschwurbelte Sprache“

Warum fangen die Deutsch-Klausuren der Schülerinnen und Schüler eigentlich alle mit dem gleichen langwei­ligen Satz an? Markus Franz ist Autor des Buchs „Lehrer, ihr müsst schreiben lernen!“. Im Interview spricht er darüber, wie das Bewertungs­system an den Schulen dazu führt, dass wir verlernen, uns verständlich und wirkungs­voll auszu­drücken.

Florentine Anders / 19. April 2018
Redenschreiber Markus Franz ist überzeugt: Kinder und Jugendliche lernen in der Schule nicht, wie sie sich wirkungsvoll und verständlich ausdrücken.
Redenschreiber Markus Franz ist überzeugt: Kinder und Jugendliche lernen in der Schule nicht, wie sie sich wirkungsvoll und verständlich ausdrücken.
©PolaRocket / Photocase

Deutsches Schulportal: Herr Franz, in Ihrem Buch vertreten Sie die These, dass die meisten Menschen nicht gut schreiben können. Ist das nicht etwas hoch gegriffen?
Markus Franz:
Viele von uns könnten gut schreiben, wenn sie es nur wollten. Aber sie tun es einfach nicht. Lesen Sie etwa gern Parteiprogramme? Oder Magazine von Gewerkschaften? Verstehen Sie, was Ihnen die Mieterberatung geraten hat? Oder Ihr Arzt? Das meiste, was wir beruflich verfassen, ist nicht nur stinklangweilig. Schlimmer noch: Es ist für viele unverständlich. Das kann Geld kosten, wenn wir Juristen nicht verstehen. Gar das Leben, wenn wir Ärzte nicht verstehen. Und es kann den Rückhalt für die Demokratie kosten, wenn wir an einem großen Teil der Bevölkerung vorbeischreiben. Und das tun wir. Wir grenzen aus, durch verschwurbelte, fremdwortdurchsetzte Sprache. Und fördern dadurch Populisten, die sich verständlich ausdrücken. Die geben niemandem das Gefühl, zu ungebildet und dumm zu sein, um mitreden zu können.

Und welchen Anteil haben die Lehrerinnen und Lehrer in der Schule daran?
Wo lernen wir, uns so umständlich auszudrücken? Bereits in der Schule. Lehrer können auch nichts dafür. Sie haben das gute Schreiben ja selbst nicht gelernt. Aber wenn sie es könnten, dann würden sie es uns anderen vielleicht beibringen. Mit gutem Schreiben meine ich: verständlich und wirkungsvoll zu schreiben. An die Leser gerichtet. Nicht so wie in der Schule, wo es nur darauf ankommt, die studierten Prüfer zu überzeugen.

Schon jetzt schreiben Computerprogramme zum Teil bessere Texte als der Mensch

Sie haben sich für die Recherche zum Buch selbst ins Klassenzimmer begeben und sich etliche Schülerarbeiten und Musterklausuren angesehen. Was war Ihr Eindruck von den Texten?
In einer elften Klasse beginnen 25 Schüler ihre Deutschklausur fast gleichlautend so: „In der Kurzgeschichte San Salvador von Peter Bichsel, erschienen 1964, geht es um …“ Es folgt das Thema der Kurzgeschichte, und nun erst fangen die Sätze an, sich zu unterscheiden. Dadurch verdienen sich die Schüler schon mal fünf Punkte. Denn in deutschen Schulen sollen die Schüler mit dem ersten Satz fünf Anforderungen erfüllen. Sie sollen Titel, Autor, Textart, Erscheinungszeit und Thema nennen. So steht es in den beeindruckend detaillierten Bewertungsbögen der Lehrer. Wie langweilig, umständlich und ausufernd dieser erste Satz dadurch wird, spielt keine Rolle. Auf diese Weise lernen wir Deutsch, als wenn es Mathe wäre. Schematisch, beinahe maschinenhaft. Aber macht das wirklich Sinn in einer zunehmend digitalisierten Welt, in der uns Computer in allem Formelhaften überlegen sind? Schon jetzt schreiben Computerprogramme zum Teil bessere Texte als wir. Verständlich, fehlerfrei, akkurat. Unser Vorteil wäre das, was uns ausmacht. Unsere Einzigartigkeit, unsere Persönlichkeit, unsere Seele. Aber all das ist in Klausuren nicht gefragt.

Wir bereiten unsere Schüler auf die grässliche wissen­schaftliche Sprache vor, die in den Unis gelehrt wird. Die Verständ­lichkeit gerät dabei unter die Räder.
Autor und Redenschreiber Markus Franz

Ist ein solche Verallgemeinerung nicht etwas kühn?
Das Beispiel von der Klausur stammt aus einer Schule in Berlin. Aber so ist es in Schulen überall im Land. Schauen wir uns eine Musterlösung für Abiturarbeiten in Nordrhein-Westfalen an. Der erste Satz lautet: „Norbert Hummels Gedicht ‚der turmfalk‘, das der Autor in seinem im Jahr 2001 erschienenen Gedichtband ‚Zeichen im Schnee‘ veröffentlichte, nimmt das lyrische Motiv des Falken auf und bettet es, anders als von Arnims Gedicht, in eine alltägliche und realistisch skizzierte Situation, ein Telefongespräch, ein.“ Alle fünf Kriterien im ersten Satz erfüllt. Aber dafür zu lang, zu verschachtelt, zu überladen. Kein Wunder, dass wir Deutschen nicht gut schreiben können, wenn wir aus der Schule kommen. Natürlich gilt das nicht für jeden von uns.

„Für Fremdwörter gibt es Punkte extra“

Werden unverständliche Texte tatsächlich besser bewertet als solche, die eingängig sind?
Manche Lehrer bestreiten es, aber Schüler in den höheren Klassen empfinden es so: Schachtelsätze sind gern gesehen, schaden jedenfalls nicht. Für Fremdwörter gibt es Punkte extra. Wir bereiten unsere Schüler auf die grässliche wissenschaftliche Sprache vor, die in den Unis gelehrt wird. Die Verständlichkeit gerät dabei unter die Räder. Sie gilt sogar als suspekt, weil als nicht intellektuell genug. Ja, so verrückt sind wir. Gute Sprache spielt in Klausuren kaum eine Rolle. Das spiegelt sich auch in den Bewertungsbögen wider. Dafür, dass ein Text „flüssig lesbar“ ist, gibt es beispielsweise laut Bewertungsbogen drei Punkte. Von 112 Punkten. Dafür, dass „der Ausdruck auf der geforderten Sprach- und Stilebene treffsicher und angemessen ist“, gibt es weitere sechs Punkte. Für gute Sprache gibt es also insgesamt neun von 112 Punkten.

Warum werden denn gute Lesbarkeit und Stil so gering bewertet?
Ein Grund dafür ist: das an sich lobenswerte Streben nach Gerechtigkeit. Ziel ist, dass jeder Lehrer jede Klausur gleich bewertet. Subjektivität soll ausgeschlossen werden. Am besten lässt sich das durch Multiple Choice erreichen. Oder durch Fragen, die mit „Richtig“ und „Falsch“ zu beantworten sind. Solche Aufgaben sind auf dem Vormarsch. Aber lässt sich auf diese Weise Sprache lernen? Befähigen wir dadurch unsere Kinder, sich später im Beruf wirkungsvoll auszudrücken? Gerade in der heutigen Welt brauchen wir einfache Sprache für schwierige Sachverhalte. Um zu verstehen und um verstanden zu werden. Um möglichst niemanden schon allein durch Sprache auszugrenzen. Das könnten wir lernen – aber das Gegenteil ist der Fall: Wir verlernen es! Es ist Zeit für eine gesellschaftliche Debatte über Sprache.

Zur Person

Markus Franz ist Autor des Buchs „Lehrer, ihr müsst schreiben lernen!“
Markus Franz ist Autor des Buchs „Lehrer, ihr müsst schreiben lernen!“
©Stephan Röhl

Markus Franz war unter anderem Chef-Redenschreiber von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, Journalist und Pressesprecher. Seit vier Jahren ist er selbstständiger Trainer für Sprache. Sein Buch „Lehrer, ihr müsst schreiben lernen!“ erschien im September 2017 bei correctiv.

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