Dieser Artikel erschien am 31.08.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Gerald Wagner

Wenn Regeln fehlen : Der Pädagoge als Erzieher

Die Gesellschaft verdrängt die Tatsache, dass Schule nicht nur bilden, sondern auch disziplinieren muss. Denn viele Lehrer spüren, dass in Familien immer weniger Grenzen gesetzt werden.

Ein Gemälde einer Unterrichtssituation vor etwa 100 Jahren
Heute disziplinieren Lehrer ihr Schüler nicht mehr mit dem Rohrstock. Regeln und deren Einhaltung sind allerdings noch immer wichtig.
©Wikipedia

Der erste Schultag bedeutet, soziologisch formuliert, den Über­gang von der Familie in eine Organisation. Bemisst man eine Organisation nach der Anzahl und Strenge ihrer Regeln, der Dichte ihrer Kontrollen und der Schärfe von Sanktionen bei Verletzung der Regeln, dann hat die heutige Schule natürlich viel von ihrer Organisations­haftig­keit verloren. Schon phänotypisch ist die Angleichung von Kinder­zimmern und Klassen­zimmern un­über­seh­bar.

Das mag gerade den Erstklässlern den Eintritt in die Schule erleichtern, es kann aber nicht darüber hin­weg­täuschen, dass Schule ohne Regeln nicht funktionieren kann. In der idealen Schule kennen alle Beteiligten diese Regeln, halten sich auch ganz zwang­los daran und können sich so ungestört dem eigentlichen Ziel des Unterrichts widmen, also dem Lernen. In der realen Schule halten sich natürlich nicht alle an die Regeln, und darum nimmt schon in der Lehrer­aus­bildung die Frage, wie man mit Regel­verstößen im Unter­richt umgehen soll, einen großen Raum ein.

Dabei geht es nicht um so harmlose Dinge, etwa dass ein Kind ständig etwas sagt, ohne dazu aufgerufen worden zu sein. Nein, es handelt sich beim Klassen­zimmer nicht nur um ein störungs­anfälliges Inter­aktions­system, dessen Störungs­anfällig­keit mittels intelligenten „Classroom Managements“ doch in den Griff zu kriegen sein müsste. Es geht um die absichtliche Störung des Unter­richts mit dem Ziel, diesen unmöglich zu machen. Die schlichte Destruktivität also, die Lust an der nicht hin­nehm­baren Provokation und Auf­lehnung, die eher von jugendlichen Schülern ausgeht – wie geht man als Pädagoge damit um?

Die disziplinierende Funktion des Lehrer­berufs anerkennen

Der Erziehungswissenschaftler Thomas Wenzl hat auf diese Frage jetzt eine leiden­schaftliche Antwort gegeben: Indem die „pädagogische Berufs­kultur“ sie nicht schon in der studentischen Ausbildung zum Tabu erklärt, sondern sie als schulische Realität akzeptiert. Den Titel eines berühmten Vortrags von Theodor W. Adorno aufgreifend („Tabus über den Lehrer­beruf“) erhebt Wenzl den Vorwurf, der Begriff „Unter­richts­störung“ sei eigentlich ein verharm­losender Etiketten­schwindel. Es gehe dabei nicht um störende Verhaltens­weisen, sondern um das Motiv eines grund­sätzlicheren Wider­stands von Schülern gegenüber der Schule schlechthin.

Wenzl macht für diese Verharmlosung ein Unbehagen verantwortlich. Nämlich das Unbehagen darüber, die disziplinierende Funktion dieses Berufes anzuerkennen. In der heutigen Vorstellungs­welt der Pädagogik, wonach die Aufgabe von Lehrern vor allem in einer Unter­stützung der individuellen Bildungs­prozesse ihrer Schüler bestehe, würde diese Funktion geradezu tabuisiert. Wenzl dagegen erinnert daran, dass der Unterricht unvermeidlich mit zivilisatorischen Anstrengungen verbunden sei, die gegen die Widerstände von Schülern und zu deren nach­voll­zieh­barem Miss­fallen disziplinierend durch­gesetzt werden müssten. Wenzl geht so weit, im Lehrer den institutionellen Agenten eines mit Versagungen verbundenen Zivili­sations­prozesses zu sehen.

Versagungen? Nun leben wir nicht gerade in einer Gesellschaft, die ihren Mit­gliedern noch irgend­welche Versagungen auferlegen möchte. Lieber, bemerkt Wenzl, wollen gerade junge Lehrer bei ihren Schülern „beliebt“ sein, wohinter sich die Hoffnung verbirgt, damit dem befürchteten jugendlichen Wider­stand gegen­über der amts­gegebenen Autorität des Lehrer in der Simulation eines Freund­schafts­verhältnisses von Gleich­berechtigten zu entgehen.

Dabei äußert Wenzl durchaus Verständnis für die Ambivalenz der Empfindungen dieser Lehrer. Adorno sprach 1966 in seinem Vortrag von dem Zivi­lisations­schmerz, den sie noch an sich selbst empfänden, wenn sie ihn ihren Schülern antun müssten. Doch Adorno hat schon damals von einer latenten Lächer­lich­machung des Lehrer­berufes gesprochen, dessen Ursache in einer gesellschaftlichen Verdrängung liege.

Familie fällt als Raum der Disziplinierung aus

Die Gesellschaft verdränge die Notwendigkeit der Disziplinierung der Kinder, sie verschweigt sie lieber, weil sie sich selbst als frei und zwanglos imaginieren möchte. Es passt nicht zum Selbst­bild, dass die Not­wendig­keit von Erziehung nicht geringer geworden ist, sondern eher zunimmt. Was auch daran liegt, dass die Familie als primärer Raum einer solchen Disziplinierung mehr und mehr ausfällt.

Stattdessen habe die Gesellschaft den Zwang an die Schule delegiert und empöre sich dann darüber, dass diese mit seiner Durch­setzung über­fordert ist. Liegt hierin vielleicht der tiefere Grund des akuten Lehrer­mangels in Deutsch­land, dass immer weniger junge Menschen bereit sind, diese Rolle des Prügel­knaben der Nation anzunehmen?

Überall dort aber, wo die disziplinierenden Zumutungen der Schule als Ausdruck eines gesellschaftlich hoch­geschätzten und identifikations­würdigen Werte­stand­punkts wahr­genommen würden, sollten sich diese unheil­vollen Tabus des Lehrer­berufes in Luft auflösen, so Wenzl. Dazu müsste die Gesellschaft aller­dings anerkennen und auch wieder schätzen lernen, dass der Lehrer im Wesentlichen ein Erzieher ist.

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