Demokratie in der Schule : Mehr Kontroverse im Unterricht wagen

Schülerinnen und Schüler sollten ermutigt werden, Regeln infrage zu stellen, sagt Joel Westheimer im Interview mit dem Schulportal. Der Professor für Bildung, der einen Forschungsstuhl für staatsbürgerliche Bildung an der Universität von Ottawa innehat erklärt, wie Kinder und Jugendliche lernen, kritische Fragen zu stellen und warum Lehrkräfte mehr Kontroversen im Unterricht zulassen sollten. Westheimer ist auch Keynote-Sprecher auf dem diesjährigen Forum der Deutschen Schulakademie „Schule. Macht. Demokratie.“

Annette Kuhn / 22. November 2019
Joel Westheimer vor einer Wand
Joel Westheimer, Professor für Bildung, von der Universität Ottawa, will Schulen anregen, Kontroversen als „lehrbare Momente“ zu sehen.
©Joel Westheimer

Deutsches Schulportal: Professor Westheimer, Ihr Thema ist die staatsbürgerliche Erziehung in der Schule. Über die Perspektiven dazu sprechen Sie auch auf dem diesjährigen Forum „Schule. Macht. Demokratie.“ der Deutschen Schulakademie.  Sie unterscheiden dabei drei Arten von „guten Bürgern“. Welche sind das?
Joel Westheimer: Wenn wir uns Schulen auf der ganzen Welt ansehen, stellen wir fest, dass die meisten Bildungsprogramme, die darauf abzielen, Schülerinnen und Schüler zu besseren Bürgern zu machen, mehr oder weniger einer der drei Kategorien zuzuordnen sind, die wir als den „persönlich verantwortlichen Bürger“, den „partizipativen Bürger“ und den „auf soziale Gerechtigkeit ausgerichteten Bürger“ bezeichnet haben.

Könnten Sie diese verschiedenen Typen näher beschreiben?
 „Persönlich verantwortliche Bürger“ sind rücksichtsvoll und hilfsbereit. Ein persönlich verantwortlicher Bürger hält sich an die Gesetze, befolgt die Regeln und kümmert sich um die Menschen in seiner Umgebung. Sie könnten freiwillig in einer Suppenküche oder in einem Seniorenzentrum arbeiten, um Menschen mit weniger Glück zu helfen. Sie könnten Essen oder Kleidung spenden, wenn sie gebeten werden, und Zeit, Geld oder beides für wohltätige Zwecke zur Verfügung stellen. Schulprogramme, die zu persönlicher Verantwortung ermutigen, betonen Charaktereigenschaften wie Ehrlichkeit, Integrität, Selbstdisziplin und harte Arbeit.

„Partizipative Bürger“ beteiligen sich aktiv in staatsbürgerlichen Angelegenheiten und am sozialen Leben der Gemeinschaft. Bildungsprogramme zur Unterstützung der Entwicklung partizipativer Bürger konzentrieren sich darauf, den Schülerinnen und Schülern beizubringen, wie die Regierung und andere Institutionen – zum Beispiel gemeindebasierte Organisationen, Kirchen – arbeiten und wie wichtig es beispielsweise ist, organisierte Anstrengungen zur Versorgung von Bedürftigen zu planen und daran teilzunehmen oder die Schulpolitik zu lenken.

Schulen tendieren dazu, sich auf die persönlich verantwortliche Art des ,guten Bürgers’ zu konzentrieren: Befolge die Regeln, hör auf deine Lehrer, mach keinen Dreck, hilf dem, der Hilfe benötigt, nimm keine Drogen.

„Bürger, die auf soziale Gerechtigkeit ausgerichtet sind“ möchten die Ursachen von Problemen untersuchen. Ich bezeichne diese Art von Bürgern so, weil hier die Notwendigkeit betont wird, dass die Bürger in der Lage sind, über Fragen von Fairness, Gleichheit und Ungleichheit sowie von Macht nachzudenken. Bildungsprogramme, die eine auf soziale Gerechtigkeit ausgerichtete Vision vom „guten“ Bürger fördern, tendieren weniger dazu, die Notwendigkeit von Wohltätigkeit und Freiwilligentätigkeit als Selbstzweck zu betonen, und lehren eher Wege, wie Ursachen von Problemen angegangen werden können und wie systemische Veränderungen angestrebt werden können.

Während partizipative Bürger eine Lebensmittel-Spendenaktion organisieren und die persönlich verantwortlichen Bürger Lebensmittel dafür spenden, fragen sich die auf soziale Gerechtigkeit ausgerichteten Bürger, warum Menschen hungrig sind, und richten ihr Handeln an den Antworten aus, die sie dabei erhalten.

Welche dieser Arten von „guten Bürgern“ werden in Schulen, die Sie erlebt haben, in den Fokus gestellt?
Schulen tendieren dazu, sich auf die persönlich verantwortliche Art des „guten Bürgers“ zu konzentrieren: Befolge die Regeln, hör auf deine Lehrer, mach keinen Dreck, hilf dem, der Hilfe benötigt, nimm keine Drogen und so weiter. In einigen Programmen werden auch Themen wie Partizipation und die Funktionsweise der Regierung unterrichtet.

Am wenigsten vertreten ist die Art des Lehrens und Lernen, bei der Schülerinnen und Schüler kritisch über die Gesellschaft, über das soziale und politische Regelwerk und darüber nachdenken sollen, wie sozialer Wandel stattfindet. Es mögen einzelne Lehrer sein, die diese Dinge unterrichten, aber nur wenige organisierte oder bezirksweite Programme setzen diese Ziele in die Praxis um.

In Deutschland wird die Meinung von Schülerinnen und Schüler oft nur wenig gehört. Ist das in Kanada oder in den USA anders?
Ich denke, das ist auch in kanadischen und amerikanischen Schulen die vorherrschende Situation. Aber es wird mehr experimentiert mit einer echten Beteiligung von Schülerinnen und Schülern. Beispielsweise gibt es Schulen, in denen die Schülerinnen und Schüler substanzielle Entscheidungen über den Lehrplan oder die Themen treffen, die sie studieren möchten, oder über den Stundenplan oder die Schuldisziplin.

Wie sollte demokratische Bildung in Schulen im Idealfall aussehen? Auf welchen Gebieten sollten Schülerinnen und Schüler mehr Einfluss haben?
Jedes Land auf der Welt wünscht sich verantwortliche Bürger. Selbst die Führer Nordkoreas und Chinas möchten, dass die Bürger nett zueinander sind, die Gesetze einhalten, Steuern zahlen, keinen Dreck machen und keine Drogen nehmen. Mich interessiert vielmehr, was Schulen in demokratischen Gesellschaften anders machen sollten.

Schulen in demokratischen Gesellschaften müssen den Schülerinnen und Schülern beibringen, herausfordernde Fragen zu stellen, die Traditionen hinterfragen.

Einige Schulen helfen Schülerinnen und Schülern, darüber nachzudenken, ob es für einen „guten Bürger“ manchmal erforderlich ist, Regeln infrage zu stellen oder sich zu fragen, was die richtige Balance zwischen dem Befolgen von Regeln und dem Nachdenken über Ursprung und Zweck von Regeln sein könnte. Das sind Eigenschaften, die Bürger in demokratischen Ländern brauchen. So sollten die Schulen den Schülerinnen und Schülern beispielsweise beibringen, Fragen zu stellen.

Ein Kennzeichen einer totalitären Gesellschaft ist die Vorstellung einer einzigen „Wahrheit“, die von einem Führer oder einer kleinen Gruppe von Führern an alle anderen nach unten weitergegeben wird. Vom Hinterfragen dieser Wahrheit wird nicht nur abgeraten – es ist oft sogar illegal. Im Gegensatz dazu müssen Schulen in demokratischen Gesellschaften den Schülerinnen und Schülern beibringen, herausfordernde Fragen zu stellen, die Traditionen hinterfragen.

Obwohl die meisten von uns der Ansicht sind, dass Traditionen wichtig sind, kann es ohne deren Hinterfragen keinen Fortschritt geben. Dissens – gefürchtet und unterdrückt in nichtdemokratischen Gesellschaften– ist der Motor des Fortschritts in freien Gesellschaften. Bildungsreformer, Schulleiter und Eltern sollten alles daran setzen, dass Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, diese Art von Fragen zu stellen.

Warum sollten wir erwarten, dass Erwachsene, auch Abgeordnete, in der Lage sind, im besten Interesse ihrer Wählerinnen und Wähler verständig und mitfühlend über verschiedene Standpunkte zu diskutieren, wenn Schulkinder diese Gelegenheit nie oder nur selten bekommen?

Wir brauchen auch Schulen, die Schülerinnen und Schüler mehreren Perspektiven aussetzen. Sie müssen üben, Themen, die ihr Leben betreffen, aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Diese Themen können kontrovers sein. Aber um die Gesellschaft zu verbessern, muss diese Kontroverse aufgegriffen werden, damit die Bürger einen demokratischen Dialog führen und zusammenarbeiten können, um ein Verständnis für vernünftige Politik zu entwickeln und diese umzusetzen. Warum sollten wir erwarten, dass Erwachsene, auch Abgeordnete, in der Lage sind, im besten Interesse ihrer Wählerinnen und Wähler verständig und mitfühlend über verschiedene Standpunkte zu diskutieren, wenn Schulkinder diese Gelegenheit nie oder nur selten bekommen?

In Schulen, die demokratische Ziele verfolgen, beteiligen Lehrerinnen und Lehrer junge Menschen an tiefgreifenden historischen, politischen, sozialen, wirtschaftlichen und sogar wissenschaftlichen Analysen. Sie fordern die Kinder auch auf, sich vorzustellen, dass ihre Erfahrungen nicht universell sind und dass Probleme, die ihnen trivial erscheinen, für andere von großer Bedeutung sein können. Sie lassen die Schüler nicht nur verschiedene Perspektiven untersuchen, um zu erfahren, dass ihre Ansichten – oder die ihrer Eltern – nicht von allen geteilt werden, sondern auch, um eine Art kritische Empathie für diejenigen zu fördern, die konkurrierende Bedürfnisse haben.

Wie kann so eine Arbeit in der Schule konkret aussehen?
Zum Beispiel könnten Lehrerinnen und Lehrer Zeitungsartikel aus der ganzen Welt, die leicht über das Internet zu bekommen sind, präsentieren, die dasselbe Ereignis untersuchen. Welche Fakten und Darstellungen stimmen überein? Welche sind anders? Warum? Auch Schulbücher aus verschiedenen Ländern bieten viel Unterrichtsmaterial zu verschiedenen Gesichtspunkten und zur Rolle von Argumenten und Beweisen bei demokratischen Überlegungen. Viele dieser Lehrbücher sind jetzt online verfügbar und ermöglichen Vergleiche, die früher schwierig gewesen wären. Wenn Lehrbücher nicht online verfügbar sind, können Lehrer die sozialen Medien nutzen, um mit Klassen aus anderen Ländern, die andere Lehrbücher nutzen, in Kontakt zu treten.

Schülerinnen und Schüler sollten sich auch mit aktuellen kontrovers diskutierten Themen auseinandersetzen. Sie beschäftigen sich häufig mit historischen Kontroversen – wie Sklaverei, Nationalsozialismus oder Gesetzen, die Frauen das Wahlrecht verweigern. Dieselben Schülerinnen und Schüler werden jedoch allzu oft von aktuellen Kontroversen abgeschirmt – zum Beispiel von Themen wie Einwanderung, der #MeToo-Bewegung, dem Fortpflanzungsrecht von Frauen, Fehlinformationskampagnen, bei denen soziale Medien als gefährliches und wirksames Instrument eingesetzt werden. Und sie werden auch nicht an Diskussionen dazu beteiligt, was im Lehrplan der Schule unterrichtet werden sollte, wie und von wem. Die Auseinandersetzung mit aktuellen Kontroversen unter Verwendung verschiedener Perspektiven und verschiedener Informationsquellen ist genau das, was demokratische Partizipation erfordert.

Wie können Schülerinnen und Schüler davon profitieren?
Eine Möglichkeit, Erfahrungen mit der demokratischen Teilhabe am staatsbürgerlichen und politischen Leben zu sammeln, besteht darin, Schülerinnen und Schüler in Projekte einzubeziehen, die die Entwicklung von Eigenverantwortung, Partizipation und kritischer Analyse fördern. Einige Schulen in den Vereinigten Staaten beschäftigen Schülerinnen und Schüler mit sogenannten „Action Civics“, Bürgerengagement, bei denen sie in der Gemeinde Arbeiten ausführen, die an den Lehrplan in der Schule andocken. Sie denken dabei intensiv über ihre Erfahrungen und die Art und Weise nach, wie Regierungsarbeit funktioniert und wie sozialpolitische Maßnahmen umgesetzt werden. Wenn Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, sich in ihrer eigenen Gemeinde zu engagieren, lernen sie Wege und Fertigkeiten demokratischer Partizipation, die ihr ganzes Leben lang Bestand haben können.

Lehrerinnen und Lehrer sollten unterstützt, geschützt und ermutigt werden, Debatten und Kontroversen als ,lehrbare Momente’ im zivilen Diskurs zu nutzen.

Natürlich kann die Entscheidung, im Klassenzimmer klar politisch zu sein, für Lehrerinnen und Lehrer zu Spannungen führen – mit Schülerinnen und Schülern, Eltern und der Verwaltung. Das ist selbst dann der Fall, wenn sie vermeiden, ihre eigenen politischen Ansichten zu äußern. Es kann schwierig sein, Diskussionen, Kontroversen und Aktionen im Klassenzimmer anzuregen. Schülerinnen und Schüler können Ansichten äußern, die Klassenkameraden unangenehm sind, sie können sich an politischen Handlungen beteiligen, die ihre Eltern betreffen, oder sie könnten sich dazu entscheiden, die Richtlinien ihrer eigenen Schule infrage zu stellen. Demokratie kann chaotisch sein. Anstatt die Angst vor Sanktionen und Zensur die pädagogischen Entscheidungen diktieren zu lassen, sollten Lehrerinnen und Lehrer jedoch unterstützt, geschützt und ermutigt werden, Debatten und Kontroversen als „lehrbare Momente“ im zivilen Diskurs zu nutzen.

Sind Lehrerinnen und Lehrer für diesen Prozess aus Ihrer Sicht ausreichend ausgebildet?
Nein. Wir brauchen Ausbildungsprogramme, die Lehrerinnen und Lehrern helfen, sich mit dieser Art von Aktivitäten im Unterricht sicher zu fühlen.

Wo steht Deutschland im Vergleich zu Kanada und den USA, wenn es um demokratische Bildung geht?
Es ist wichtig zu erkennen, dass Schulen – in allen Ländern – nicht nur Orte sind, an denen Wissen vermittelt wird, sondern auch Orte, an denen Kinder etwas über die Gesellschaft lernen, in der sie aufwachsen, wo sie lernen, wie sie sich auf produktive Weise engagieren können und wie sie für Veränderung kämpfen können, wenn Veränderungen berechtigt sind. Es gibt einige hervorragende Schulprogramme, die darauf abzielen. Deutschland und Kanada haben in dieser Hinsicht einige Vorteile gegenüber den USA, da der Unterricht in der Regel sehr geachtet wird und eine breite öffentliche Unterstützung für Bildung besteht. In den USA – und in geringerem Maße in Kanada – hat die Besessenheit von standardisierten Tests in Mathematik und Lesekompetenz den Lehrplan der Schulen in Mitleidenschaft gezogen.

Aber auch in Deutschland besteht die Gefahr, dass sich die Ziele von Schule verengen. PISA-Ergebnisse treiben zu viele Bildungsreformen auf der ganzen Welt voran. Die Schulen müssen sich auf ein breites Spektrum von Zielen konzentrieren und dürfen sich nicht auf ein Rennen mit begrenztem pädagogischem Wert einlassen. Auf der anderen Seite haben die Vereinigten Staaten eine enorme Vielfalt an Bildungsprogrammen, von denen einige als hervorragende Beispiele für andere dienen. Gruppen wie Rethinking Schools, iCivics, Facing History and Ourselves und Educators For Social Justice bieten hervorragende Ressourcen, von denen viele weltweit relevant sind.

Aus dem Englischen übersetzt von Mathias Karlhuber

Zur Person

  • Joel Westheimer lehrt seit 2002 an der Universität von Ottawa, Kanada. Dort hat er den Lehrstuhl für Demokratie und Bildung inne (University Research Chair in Democracy an Education) und ist Professor für Bildung (Full Professor Education).
  • Der gebürtige US-Amerikaner studierte zunächst Ingenieurwissenschaften an der Princeton University. Parallel befasste er sich dort mit Gender Studies und erhielt als erster männlicher Studierender in Princeton ein Zertifikat für Frauenstudien.
  • 1990 machte Westheimer einen Master in Design und Evaluation von Bildungsprogrammen an der Stanford University und arbeitete danach in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern.
  • Westheimer forscht vor allem zu Themen rund um die staatsbürgerliche Erziehung und wie sie in Schulen umgesetzt werden kann. Zu dem Thema gibt es von ihm auch zahlreiche Publikationen. 2015 erschien von ihm das englischsprachige Buch „What Kind of Citizen? Educating Our Children for the Common Good“. Demnächst erscheint das Buch „Teaching fort he Common Good: Democratic Citizenship Across the Curriculum“.