Homeschooling in den USA : „Das System lässt unsere Kinder im Stich“

Bernita Bradley unterrichtet ihre Tochter zu Hause, weil sie – wie immer mehr afroamerikanische Familien in den USA – den öffentlichen Schulen misstraut.

Dieser Artikel erschien am 17.11.2021 in DIE ZEIT
Heike Buchter
Karte Detroit
©iStock

Es ist nicht lange her, da war Bernita Bradley noch eine glühende Verfechterin öffentlicher Schulen. Die alleinerziehende Mutter aus Detroit gab sogar ihren Friseursalon auf, um als Beraterin für den gemeinnützigen Verein Excellent Schools Detroit zu arbeiten. Eine Organisation, die Eltern half, sich im Schulsystem der Metropole zurechtzufinden. An genau diesem System jedoch begann Bradley immer mehr zu zweifeln. Während der Pandemie entschied sie schließlich, ihre Tochter Victoria zu Hause zu unterrichten. Damit ist Bradley, die Afroamerikanerin ist, Teil einer neuen Bewegung: Immer mehr schwarze Eltern nehmen die Bildung ihrer Kinder selbst in die Hand.

Homeschooling ist in den USA – im Gegensatz zu Deutschland – völlig legal, wenn auch in den Bundesstaaten unterschiedliche Regeln dafür gelten. Doch obwohl Eltern schon immer die Freiheit hatten, selbst zu entscheiden, wo ihr Kind unterrichtet wird, nahm diese Möglichkeit bisher nur eine kleine Minderheit in Anspruch. Im vergangenen Jahr allerdings hat sich die Zahl der Haushalte, in denen Kinder nicht mehr zur Schule geschickt werden, verdoppelt. Vor allem die Zahl afroamerikanischer Familien, die sich aus dem öffentlichen Schulsystem verabschieden, ist drastisch gestiegen. Vor der Pandemie unterrichteten nur rund drei Prozent der befragten Haushalte, die sich als schwarz oder afroamerikanisch identifizierten, ihre Kinder zu Hause – weniger als Angehörige anderer Ethnien. Bei der zweiten Befragung der US-Census-Behörde im Herbst 2020 waren es gut 16 Prozent. Die Zahl der schwarzen Homeschooling-Familien hat sich damit also mehr als verfünffacht.

Nach den Sommerferien kehrten die meisten öffentlichen Schulen im Land zu einem Alltag zurück, der bis auf Maskenpflicht und Corona-Tests weitgehend dem vor der Pandemie gleicht. Doch viele Plätze bleiben in den Klassenzimmern nun leer. Schulbezirke von Atlanta bis Texas melden einen Rekordanstieg beim Homeschooling. In New York, dem größten Schulsystem im Land, schrumpfte die Schülerzahl nach offiziellen Angaben von knapp über einer Million Anmeldungen vor der Pandemie auf 938.000 in diesem Herbst. Wie viele Familien weggezogen sind, ihre Kinder auf einer privaten Schule angemeldet haben oder eben zu Hause unterrichten, darüber machen die Behörden keine Angaben.

Die Gründe, warum nichtweiße Eltern dem öffentlichen Schulsystem den Rücken kehren, sind vielfach andere als die bei weißen Familien. Für Bernita Bradley in Detroit bestätigte die Pandemie, was sie schon länger wahrnahm: „Das System lässt unsere Kinder im Stich“, sagt sie. Einst versprach Detroit jedem Kind, eine gute Schule in der Nachbarschaft besuchen zu können. In den vergangenen Jahrzehnten aber hat die Metropole mehr als eine Million Einwohner verloren. Die Stadtflucht begann in den Fünfzigerjahren. Vom „white flight“ sprach man damals, denn es waren fast ausschließlich Weiße, die in die grünen Vororte zogen. Mit ihnen verschwanden Jobs und Steuereinnahmen. Schwarze durften in den neuen Siedlungen entweder keine Häuser kaufen oder erhielten keinen Kredit. So blieben ihre Familien in der wirtschaftlich angeschlagenen Innenstadt zurück. Es waren mehrheitlich ihre Kinder, die auf die nun überdimensionierten und chronisch unterfinanzierten Schulen gingen. Erholt hat sich das Schulsystem bis heute nicht. Fehlentscheidungen und Missmanagement verschlimmerten die Lage. Egal, ob Begabtenunterricht, Fördermaßnahmen, Kunst oder Sport – an allem wurde gespart.

Bradley kann diese Entwicklung an vielen Beispielen belegen. Als sie 2011 mit ihrem Sohn Carlos und der Tochter Victoria ein Haus kaufte und auf die Ostseite der Stadt zog, erlebte sie, wie „komplett vernachlässigt“ die Bildungseinrichtungen dort waren. Bis heute schneiden die Schulen im Innenstadtbezirk deutlich schlechter ab als der Durchschnitt des Bundesstaates Michigan. Von Detroits Drittklässlern schafften 2019 nur 16 Prozent die staatliche Matheprüfung, nicht einmal 12 Prozent den Lesetest. Im staatlichen Durchschnitt waren es 47 Prozent bei Mathe beziehungsweise 45 Prozent beim Lesen.

Für Bradleys Tochter Victoria, heute 17 Jahre alt, begann eine Odyssee durch mehrere Institutionen. In der Grundschule wurde sie von Mitschülern gehänselt. Als sie sich wehrte, sei sie von Lehrern und Lehrerinnen bestraft worden, so erzählt es die Mutter. Untersuchungen belegen, dass schwarze Schüler überdurchschnittlich oft und drakonischer diszipliniert werden als weiße Mitschüler. So zeigte 2016 eine Studie der Soziologen Edward Morris und Brea Perry, dass schwarze Jungen doppelt so häufig bestraft wurden wie weiße Jungen und schwarze Mädchen dreimal häufiger als weiße Mädchen, etwa wegen Verstößen gegen den Dresscode.

Homeschooling ist auch ein Versuch schwarzer Eltern, ihre Kinder so lange wie möglich vor Diskriminierung und Alltagsrassismus zu bewahren. Es war dieses Motiv, das die meisten der befragten Eltern in einer Studie angaben, die Ama Mazama, Professorin für African American Studies an der Temple University in Philadelphia bereits 2012 durchführte. Viele Schulen vernichteten das Selbstwertgefühl insbesondere schwarzer Jungen, stellte Mazama fest. Es fehle an Vorbildern: Auch heute noch sind knapp 80 Prozent der Lehrer weiß, nur sieben Prozent schwarz. Die meisten Lehrkräfte behaupteten, sie seien color-blind und würden keine Unterschiede wegen der Hautfarbe ihrer Schüler machen, doch die Erfahrung der meisten schwarzen Kinder widerspreche dem. „Sie werden behandelt, als ob sie weniger intelligent wären“, sagt Mazama, die ihre Kinder darum früh aus der Schule genommen hat. Inzwischen sind sie erwachsen und unterrichten ihre eigenen Kinder ebenfalls zu Hause.

Einst spielten die öffentlichen Schulen für die junge amerikanische Nation eine bedeutende Rolle: Neben der Poststation zeigte der Bau einer Schule den frühen Siedlern, dass die Zivilisation bei ihnen angekommen war. Beide Institutionen repräsentierten den noch jungen Staat und seine Werte. Später galt in den meisten Bundesstaaten die Schulpflicht. Die wenigen, die ihre Kinder trotzdem zu Hause unterrichteten, wurden weitgehend toleriert. Richtig Zulauf bekam das Homeschooling erst, als der Oberste Gerichtshof Anfang der 1960er-Jahre entschied, das gemeinsame Schulgebet und Bibelstunden in öffentlichen Schulen zu untersagen. Daraufhin suchten christliche Konservative nach Alternativen. Ende der Achtzigerjahre stellten weiße Evangelikale die große Mehrheit der Homeschooling-Familien.

„Schulen sollten von unseren Ideen und Erfahrungen lernen“

Der Unterricht zu Hause unterliegt kaum der staatlichen Aufsicht: Die Kinder können sich zu Abschlussprüfungen anmelden, müssen das aber nicht. Colleges verlangen von Homeschooling-Bewerbern einen Nachweis über den absolvierten Lehrstoff, den die Eltern geben können.

Victoria Bradley ging in die Highschool, als im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie ausbrach. Die Schule stellte auf Fernunterricht um. Doch zwischen März und Juni vergangenen Jahres habe praktisch kein Kontakt zu den Lehrern bestanden, berichtet ihre Mutter. Schulleiter, Schulräte und Bezirksverwalter baten die Eltern um Geduld. Für Bradley war das nichts Neues: „Schon vor der Pandemie hörten wir immer wieder, dass bald alles besser werde.“ Als nichts besser wurde, war Victoria kurz davor, die Schule hinzuschmeißen. Ihre Mutter ärgerte sich: Viele Kinder aus einkommensschwachen Familien hätten vergeblich auf die versprochenen Tablets gewartet, die nötig waren, um am Fernunterricht teilzunehmen. Kinder in einem benachbarten, wohlhabenderen Schulbezirk dagegen hätten diese Tablets erhalten. Da sei ihr der Kragen geplatzt. „Die Bedürfnisse unserer Kinder wurden wieder einmal übergangen.“ Bradley nahm ihre Tochter aus der Schule und begann, sie zu Hause zu unterrichten. Mit anderen Eltern startete sie das Projekt Engaged Detroit.

Solche Elternnetzwerke haben in der Homeschooling-Bewegung der USA Tradition. Vor über 20 Jahren gründete Joyce Burges, Mutter von fünf Kindern in Louisiana, gemeinsam mit ihrem Mann Eric das Netzwerk National Black Home Educators (NBHE). Auch sie und ihre vier Kinder hatten im öffentlichen Schulsystem negative Erfahrungen gemacht. Doch schnell ging es ihr auch um Grundsätzliches. So fehlte ihr in den offiziellen Lehrplänen die Vermittlung schwarzer Kultur und Geschichte. „Schwarze Geschichte wird auf Sklaverei reduziert – wo sind schwarze Helden, Entrepreneure, Musiker, Erfinder?“, fragt sie. Mit dem NBHE-Netzwerk will sie andere Eltern unterstützen, solche Themen zu finden. Zu den Bestsellern von Outschool, einem bei Eltern beliebten Start-up, das Online-Lernmaterial bereitstellt, gehört etwa ein mehrtägiger Kurs mit dem Titel „Schwarze Geschichte aus einer de-kolonisierten Perspektive“.

Zu den Widersprüchen der Bewegung gehört, dass schwarze Homeschooling-Eltern oft in der Kritik stehen – in der eigenen Familie, bei Freunden. Schließlich war die Integration schwarzer Kinder in die weißen Schulen schwer erkämpft. 1954 urteilte der Supreme Court, das oberste US-Gericht, einstimmig, dass die Rassentrennung in den Schulen verfassungswidrig sei. Es war einer der wichtigsten Meilensteine der Bürgerrechtsbewegung. Noch Jahre später gingen viele Weiße vehement gegen die gemischten Klassen vor.

Dass sich nun Eltern wie Bradley aus Frustration gegen die öffentliche Schule entscheiden, sollte für Politiker ein Alarmzeichen sein, sagt Julian Vasquez Heilig, Leiter der pädagogischen Fakultät der University of Kentucky. Er kann die Entscheidung nachvollziehen. Das Versagen des Schulsystems gegenüber Minderheiten sei nicht auf Detroit beschränkt. Und auch nicht auf Chicago oder Philadelphia, die mit ähnlichen Altlasten kämpfen. Die Unterfinanzierung des öffentlichen Schulsystems sei kein Zufall, sagt Vasquez Heilig: „Es ist Sabotage.“ Die Organisation Edbuild legte 2019 eine Auswertung der öffentlichen Schulbudgets vor und zeigte, dass im Schuljahr 2015/16 die Bezirke, in denen überwiegend Minderheiten leben, 23 Milliarden Dollar weniger Mittel bekamen im Vergleich zu jenen, wo Weiße die Mehrheit stellten. Für weiße Schüler standen so durchschnittlich 2.226 Dollar mehr zur Verfügung als für nichtweiße.

Joyce Burges hofft, dass durch den jüngsten Trend doch noch eine Erneuerung der Institution Schule angestoßen wird. Die Homeschooling-Pionierin hat sich in Louisiana in den Verwaltungsrat ihres Schulbezirks wählen lassen. Aus ihrer Sicht sei das kein Widerspruch, im Gegenteil: „Schulen sollten von unseren Ideen und Erfahrungen lernen.“