Dieser Artikel erschien am 06.03.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Bernhard Biener

Natur-Grundschule : Das Schuldach wechselt im Rhythmus der Jahreszeiten

Im hessischen Kelkheim gibt es Pläne für eine Natur-Grund­schule. Hier könnten Kinder im Wald und an der frischen Luft lernen statt im klassischen Schul­betrieb. Kann das funktionieren?

Kinder spazieren im Wald
Der Natur nahe: Im hessischen Kelkheim gibt es Pläne für eine Natur-Grundschule.
©dpa

Morgens um 8.45 Uhr, das wäre etwa die Zeit des Schul­beginns, werden die Finger recht schnell klamm. Herum­stehen tut dem Wärme­empfinden auch nicht gut, trotz dicker Schuhe. Aber dann wieder mischt sich in das Krächzen der Krähen ein fröhliches Vogel­zwitschern, und ganz in der Nähe hallt das bilder­buch­mäßige Klopfen eines Spechts durch den Wald. Ohne dass jemand erst den Roll­wagen zum Abspielen der Ton­auf­nahme aus dem Mehr­zweck­raum holen muss. Geht es nach Anke Ziehm, stehen wir gerade im Klassen­zimmer der Natur-Grund­schule Taunus. Ziehm ist Religions­pädagogin, systemische Therapeutin, vertritt gerade eine Kinder­garten­leiterin und hat sich mit Wald­pädagogik befasst. Mit einer Gruppe Gleich­gesinnter plant sie, eine Schule im Wald zu eröffnen.

Die Idee ist am schnellsten erklärt, wenn man die Grund­schule als Fort­setzung des Wald­kinder­gartens betrachtet. Der erste wurde vor 51 Jahren in Wiesbaden gegründet, und seither gibt es eine Viel­zahl solcher Angebote. Sie haben die nahe­liegenden Fragen, zum Beispiel wie die Kinder es selbst im Winter so lange im Freien aushalten sollen, längst beantwortet. Ähnlich wie dort soll die Wald­schule eine feste Basis haben, nur etwas größer: „Ein Grund­stück mit einer 45 Quadrat­meter großen Hütte, einer Jurte und einem Bau­wagen für die Lehrer“, sagt Ziehm. Drei Stunden am Tag könnten die Kinder draußen sein, bei gutem Wetter auch länger. In der Hütte sollten die Klassen unter­richtet werden, die Jurte sei zum Beispiel für Präsentationen oder eine Sprach­werk­statt gedacht.

Ziehm stellt sich dabei nicht die bei Pfadfindern beliebte Konstruktion aus zusammen­geknüpften Zelt­bahnen vor. „Sie entspricht eher einer mongolischen Jurte, 25 Quadrat­meter groß und mit sechs oder sieben Stoff­lagen.“ Ohne dass die Schule einem einzelnen reform­pädagogischen Prinzip folgt, orientiert Ziehm sich an den Ideen von Maria Montessori, Johann Heinrich Pestalozzi und seines Schülers Friedrich Fröbel. Vor allem aber soll sich das Leben in der Natur auf die Art des Lernens nieder­schlagen: „Rechnen lernen kann man auch mit Eicheln und Kastanien.“ Wörter finden und auf­schreiben ließen sich im Wald ebenso. Bei der Wahl der Mittel zeigt sie sich offen: „Das kann bei den Jüngeren auf Schiefer­tafeln sein und bei den älteren Jahr­gängen auf dem Tablet-Computer.“ Beginnen soll die Wald-Grund­schule zunächst mit 16 bis 18 Schülern der ersten und zweiten Klasse, am Ende könnten es 40 in allen vier Klassen sein. Mittag­essen und Nach­mittags­angebote gehören zum Konzept.

Natur­schutz­behörde redet mit

Die Sprecherin der Initiative ist durch die Erfahrung ihrer eigenen Kinder zur Gründung einer Privat­schule angeregt worden. „Mein Sohn ist durch eine schwierige Schul­zeit gegangen.“ Aller­dings ist er inzwischen erwachsen, und das unter­scheidet auch die anderen Unter­stützer von ähnlichen Gruppen. „Niemand hat Kinder im schul­pflichtigen Alter“, sagt Ziehm. Das verhindere, dass das Interesse schnell wieder erlahme, wenn der eigene Nachwuchs die Schule verlasse. Aus dem gleichen Grund sei an eine gemein­nützige GmbH als Träger gedacht, nicht an einen Verein. Ziehm, die nach eigenen Worten Mit­streiter mit unter­schiedlichem beruflichen Hinter­grund hat, rechnet mit einem Schul­geld von weniger als 450 Euro im Monat. „Wir wollen die Lehrer ja ordentlich bezahlen.“ Das sei weniger als die Gebühr für einen Krippen­platz, der hoch subventioniert werde.

Ziehm strebt an, die Schule nach der Genehmigung auch staatlich anerkennen zu lassen. Das bedeutet, dass die Kinder dort nach dem Lehrplan der öffentlichen Schulen in Hessen unterrichtet werden. „Derzeit bereiten wir das Curriculum vor und suchen auch schon nach Lehrern.“ Bis die Genehmigung durch das Schul­amt beantragt werden kann, gibt es aber noch andere Hürden. Außer der Bank­zusage fehlt noch ein geeignetes Grund­stück. An Angeboten mangele es nicht, sagt Ziehm. „Wir haben acht bis neun in Aussicht.“ Aber wer im Wald unterrichten will, muss sich mit der Unteren Natur­schutz­behörde einigen. Den konkreten Standort müsse man prüfen, heißt es beim Main-Taunus-Kreis, der für den Natur­schutz zuständig, aber auch selbst Schul­träger ist. Grund­sätzlich sei es schön, wenn die viel­fältige Schul­land­schaft im Kreis um neue Ideen ergänzt werde.

Ein Gespräch mit Landrat Michael Cyriax (CDU) hat Ziehm gehabt. Ebenso mit Kelkheims Bürger­meister Albrecht Kündiger (Unabhängige Kelkheimer Wähler­gemein­schaft), der sich offen für reform­pädagogische Ansätze zeigt. Aber die Schule brauche eine feste Grund­lage. Auf den Stand der Planungen können sich Eltern unter www.phoeniqs.de bringen.