Deutsche Schule La Paz : Das „Lernwunder“ von La Paz

Fast alle Kinder, die die Deutsche Schule „Mariscal Braun“ La Paz in Bolivien besuchen, wachsen mit Spanisch als Mutter­sprache auf. Nach nur wenigen Tagen Eingewöhnung werden sie von den Lehr­kräften ausschließlich auf Deutsch angesprochen und unterrichtet. Diese Maßnahme ist Teil des Immersions­konzeptes, mit dem die Auslands­schule die Jury des Deutschen Schulpreises überzeugt hat: Sie zählt zu den sechs Preis­trägern 2019.

Antje Tiefenthal / 22. August 2019
Schülerinnen der deutschen Schule in La Paz
In den ersten beiden Schul­jahren findet der Unterricht an der deutschen Auslandsschule in La Paz in allen Fächern – mit Ausnahme von Spanisch und Sport – auf Deutsch statt.
©Traube 47

La Paz ist eine Stadt der Superlative: Sie liegt 3.400 Meter über dem Meeres­spiegel und ist damit der höchst­gelegene Regierungs­sitz welt­weit. Die meisten Menschen, die hier leben, sprechen Spanisch oder eine der indigenen Sprachen wie Quechua und Aymara. Mit der deutschen Sprache und Kultur hat die bolivianische Bevölkerung keine oder nur wenige Berührungs­punkte.

Die Deutsche Schule La Paz bringt die deutsche und bolivianische Kultur zusammen

Doch das gilt nicht für die Schülerinnen und Schüler des Colegio Alemán „Mariscal Braun“. Die Deutsche Auslands­schule in La Paz ist für Kinder beider Nationalitäten konzipiert; sie fördert den Austausch und die Begegnung zwischen den beiden Ländern und pflegt die deutsche Sprache und Kultur. Um ihr deutsches Fundament zu festigen, setzt die Schule seit mehr als fünf Jahren auf Immersion.

Der Begriff „Immersion“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „eintauchen“. Wer mit­hilfe der Immersions­methode eine Sprache erlernen will, taucht also in die Sprache ein. Gemeint ist damit, dass für die Lernenden ein fremd­sprachiges Umfeld geschaffen wird, in dem sie automatisch die neue Sprache erwerben.

Immersion umsetzen – vom Kinder­garten bis zum Abitur

Für die Kinder in La Paz heißt das: Deutsch lernen – und zwar von Anfang an. Im Kinder­garten, der neben einer Grund-, Sekundar- und Berufs­schule zum Colegio Alemán „Mariscal Braun“ gehört, werden die Kinder schon nach zwei bis drei Wochen von den Erzieherinnen und Erziehern sowie den Lehr­kräften ausschließlich auf Deutsch angesprochen. Auch in den ersten beiden Schul­jahren findet der Unterricht in allen Fächern – mit Ausnahme von Spanisch und Sport – auf Deutsch statt. Ab der fünften Klasse werden die Schülerinnen und Schüler auf zwei Zweige verteilt; der deutsch­sprachige Zweig führt zum Abitur, der spanisch­sprachige zum Bachillerato, der bolivianischen Hoch­schul­reife.

Lisa Niemann ist an der Deutschen Schule La Paz Immersions­beauftragte und eine von 25 Lehr­kräften, die aus Deutschland stammen. Fast die Hälfte der rund 80 Lehrerinnen und Lehrer spricht und versteht Deutsch. „Das sollte möglichst noch gesteigert werden“, findet Schul­leiter Volker Stender-Mengel. „Leider ist es schwierig, gute deutsch­sprachige Kolleginnen und Kollegen zu finden“, sagt er.

Die Immersion gibt den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, sich die deutsche Sprache in ihrem eigenen Tempo anzueignen und intuitiv zu nutzen.
Lisa Niemann, Immersionsbeauftragte Deutsche Schule La Paz

Trotz der herausfordernden Personal­situation schreibt das Colegio Alemán mit seinem Immersions­konzept Erfolgs­geschichte. Im Januar 2020 beginnt das neue Schuljahr in La Paz – ein besonderes Jahr. Denn die Kinder, die 2014 eingeschult worden sind und der ersten „Immersion-Generation“ angehören, werden dann erst­malig einem der zwei weiter­führenden Schul­zweige zugeordnet. Das bedeutet für das Kollegium eine Umstrukturierung der Curricula, da „für die Kinder des „bolivianischen Zweigs“ der bisherige Unterricht in ,Deutsch als Fremd­sprache` nicht mehr angemessen ist“, erklärt Lisa Niemann. Außerdem soll der deutsch­sprachige Abitur­zweig dauerhaft zwei­zügig werden. Der Noten­schnitt des vergangenen Abitur­jahr­gangs: 2,16. Die Jury des Deutschen Schulpreises spricht von nichts Geringerem als von einem „Lern­wunder“.

Mit Geduld und Team­arbeit zum Erfolg

Bis dahin war es ein weiter und nicht immer leichter Weg. Lisa Niemann erinnert sich an die Anfänge vor fast sechs Jahren: „Am ersten Schul­tag findet man sich vor einer Klasse von 20 aufgeregten Schul­anfängerinnen und -anfängern wieder, die scheinbar nichts von dem, was man sagt, verstehen. Wir mussten lernen, dass einige Prozesse sehr viel Geduld brauchen, da die Kinder der ersten Klasse sich nicht nur neu auf dem weit­läufigen Schul­gelände orientieren müssen, sondern manche aufgrund der Sprache zusätzlich unsicher sind.“ Damit aber alle Kinder von Beginn an arbeiten können, haben die Lehrkräfte in sehr enger Team­arbeit Unterrichts­material aus Deutschland angepasst, Aufgaben mit Bild- und Wort­karten veranschaulicht und den notwendigen Wort­schatz erarbeitet.

Auf dem Weg von der Idee zum praxis­tauglichen Konzept wurde das Colegio Alemán von der Deutschen Schule Lima in Peru unter­stützt, die schon zwei Jahre mehr Erfahrung mit der Immersions­methode hatte. „Trotzdem war es eher ein ,Learning by Doing`“, sagt Lisa Niemann und ergänzt: „Durch stetigen Austausch und interne Evaluationen haben wir versucht, die für uns bestmögliche Heran­gehens­weise an das ,Grundschule-Sprachbad` zu finden.“

Die Kinder spielen mit den Sprachen, während sie Regeln und Strukturen entdecken.
Lisa Niemann, Immersionsbeauftragte Deutsche Schule La Paz

Inzwischen hört die Grundschullehrerin immer mehr Deutsch auf dem Schulhof und beobachtet die Schülerinnen und Schüler dabei, wie sie spanische Begriffe eindeutschen: „Neulich hat ein Kind zu mir gesagt: ,Lisa, der Junge molestiert mich!` Richtig wäre aber: ,Der Junge stört mich.` Das spanische Verb molestar gibt es nicht als deutsche Variante. Die Kinder spielen mit den Sprachen, während sie Regeln und Strukturen entdecken.“

Sprachen lernen mit der Immersions­methode: vier Tipps aus der Praxis

Die Wissenschaft gibt der Deutschen Schule in La Paz recht: Immersion gilt als eine besonders effiziente Methode, eine Sprache zu erlernen. Für Lisa Niemann gibt sie den Schülerinnen und Schülern „die Möglichkeit, sich die Fremd­sprache in ihrem eigenen Tempo anzueignen und intuitiv zu nutzen“. Vier Maß­nahmen haben ihrer Ansicht nach entscheidend zum Erfolg des Immersions­konzeptes beigetragen:

  • „Die Teamarbeit unter den Kolleginnen und Kollegen eines Jahrgangs ist sehr wichtig. Das von ihnen erarbeitete Material wird in schul­internen Handbüchern gesammelt, immer wieder evaluiert und dem nachfolgenden Team zur Verfügung gestellt.“
  • „Zum Abbau von Verständnis­schwierig­keiten unterstützen die Lehr­kräfte das Gesagte methodisch durch Gestik und Mimik. Außer­dem nutzen sie stark veranschaulichende Unterrichts­materialien.“
  • Ritualisierte Sprach­anlässe wie zum Beispiel der Morgen­kreis geben auch schüchternen Kindern die Möglichkeit, sich auf Deutsch auszudrücken und die Fremdsprache auszuprobieren.“
  • „Die Kinder sprechen gerade zu Beginn die Lehrkräfte oft auf Spanisch an, erhalten aber eine Antwort auf Deutsch. Mit der Zeit fangen die Kinder dann mehr und mehr an, selber Deutsch zu sprechen.“

Mehr zum Thema

Wie genau die Methode der Immersion an der Deutsche Schule „Mariscal Braun“ La Paz funktioniert ist auch in dem Konzeptvideo “Mit Immersion zur Bilingualität” auf dem Schulportal zu sehen. Begleitend  zum Video gibt es Informationen und Konzept-Materialien der Schule zum Download.

Auf einen Blick

  • Die Deutsche Schule „Mariscal Braun“ La Paz ist eine von sechs Preis­träger­schulen des Deutschen Schulpreises 2019.
  • Sie wurde 1923 als Realschule gegründet. Heute gehören ein Kinder­garten, eine Grund-, Sekundar- und Berufs­schule zu ihr.
  • Derzeit besuchen rund 1.100 Kinder und Jugendliche die Deutsche Schule La Paz – rund 90 Prozent der Schülerschaft sind bolivianischer Herkunft.
  • Lesen Sie hier das ausführliche Porträt der Preis­träger­schule.