Corona-Schuljahr : Mehrheit der Lehrkräfte für Kürzungen im Lehrplan

Ist der Unterrichtsstoff in diesem Schuljahr noch zu schaffen? Die meisten Lehrerinnen und Lehrer denken das nicht und plädieren für eine Anpassung im Lehrplan. Das zeigt eine repräsentative Umfrage im Rahmen des Deutschen Schulbarometers Spezial Corona-Krise im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der „ZEIT“.

Florentine Anders / 21. Januar 2021 / 2 Kommentare
ein Kind sitzt zu Hause vor dem Bildschirm und macht Hausaufgaben
Das Schuljahr 2020/21 ist geprägt von Schulschließungen und anderen Einschränkungen durch die Pandemie. Eine deutliche Mehrheit der Lehrkräfte will deshalb Kürzungen im Lehrplan.
©Ulrich Perrey/dpa

Muss es in diesem Schuljahr Kürzungen im Lehrplan geben, oder können die Unterrichtsziele trotz Schulschließungen noch erreicht werden? 74 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer sprechen sich für eine Reduzierung der Lehrpläne im laufenden Schuljahr aus. Das hat eine der repräsentativen Forsa-Umfragen im Rahmen des Deutschen Schulbarometers ergeben. Von den Lehrkräften, die sich für die Lehrplankürzung aussprechen, würden 40 Prozent die Kürzungen auf alle Fächer verteilen, 34 Prozent würden die Priorität auf die Kernfächer legen und dafür in anderen Fächern Stoff reduzieren.

Coronabedingte Einschränkungen führen zu Wissenslücken

Befragt wurden die Lehrkräfte im Dezember, noch vor dem zweiten Lockdown. Eine große Mehrheit der Lehrkräfte war also schon vor den erneuten Schulschließungen der Auffassung, dass die Unterrichtsziele in diesem Schuljahr nicht mehr zu schaffen wären, obwohl das erste Halbjahr größtenteils im Präsenzunterricht verlief. Normaler Schulbetrieb war das jedoch nicht. Der Unterricht war durch die Corona-Maßnahmen oft eingeschränkt. Einzelne Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler oder ganze Klassen mussten in Quarantäne. Lüftungspausen störten den Unterrichtsablauf. Hinzu kam, dass in den ersten Wochen viel Zeit für Wiederholungen aufgewendet werden musste, um die Wissenslücken der Schülerinnen und Schüler aus dem ersten Lockdown zu schließen.

Tatsächlich sind die festgestellten Lernrückstände oft groß. Laut Schulbarometer hatte fast jede dritte Lehrkraft (27 Prozent) bei mehr als der Hälfte der Schülerinnen und Schüler messbare Defizite festgestellt. 11 Prozent gaben an, dass die Pandemie zu Lernrückständen bei fast allen Schülerinnen und Schülern geführt habe. 29 Prozent gingen davon aus, dass weniger als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler Lernrückstände aufweisen.

Für den Fall, dass ein Normalbetrieb an Schulen nicht stattfinden kann, plädierte eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung eingesetzte Expertenkommission schon im Juni 2020 dafür, im Schuljahr 2020/21 Kürzungen in den Lehrplänen beziehungsweise bei den gesetzten Leistungszielen in den Fächern vorzunehmen. Hierzu sollten die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Länder konkrete Kürzungsvorschläge benennen.

Am 21. Januar wurde eine aktualisierte Stellungnahme der Expertenkommission Friedrich-Ebert-Stiftung zum zweiten Schulhalbjahr veröffentlicht. Darin heißt es: „Um trotz reduzierter Lernzeiten den Qualitätsanspruch eines kompetenzorientierten Unterrichts aufrecht zu erhalten und Schülerinnen und Schüler gezielt fördern zu können, sollten die Länder für das zweite Schulhalbjahr 2020/21 und ggfs. auch für das Schuljahr 2021/22 inhaltliche Schwerpunktsetzungen und Priorisierungen vornehmen.”

Einheitliche Vorschläge dazu gibt es bisher nicht. Häufig wird darauf verwiesen, dass die kompetenzorientierten Rahmenpläne Spielräume erlauben würden, um Unterrichtsausfall aufzufangen.

Bayern hat Anpassungen im Lehrplan bereits angekündigt

Doch in einigen Bundesländern gibt es auch schon Anpassungen. Das zuständige Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) in Bayern beispielsweise gibt bereits jetzt auf seiner Website Hinweise zum Umgang mit den Lehrplänen für die Schularten, Jahrgangsstufen und Fächer. Es wird gekennzeichnet, welche Themenbereiche im Lehrplan weggelassen werden können beziehungsweise an welchen Stellen im Lehrplan im Bedarfsfall Schwerpunkte gesetzt werden können. Weitere Anpassungen im Lehrplan hat das Kultusministerium in Bayern angekündigt.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sagte zum Votum der Lehrkräfte für eine Lehrplankürzung: „Wenn absehbar ist, dass die Mammutaufgabe ‚Schließen der Lücken des Vorjahres‘ samt Vermittlung des gesamten Lehrplanstoffs in diesem Schuljahr nicht möglich ist, muss man über Anpassungen reden.“ Die Frage werde sein, welche Inhalte verzichtbar sind, ohne dass die Anschlussfähigkeit im nächsten Schuljahr leidet, sagte Meidinger auf Anfrage des Schulportals. Zudem müsse vermieden werden, dass mit den Kürzungen Kompetenzverluste verbunden sind, die die Zukunftschancen der Schülerinnen und Schüler beeinträchtigen.

Meidinger: Nicht zulasten bestimmter Fächer kürzen

Meidinger spricht sich bei Lehrplananpassungen entschieden gegen eine Differenzierung zwischen  vermeintlich wichtigen und angeblich unwichtigen Fächern aus: „Da bin ich strikt dagegen – Schülerinnen und Schüler haben auch das Recht auf Förderung ihres kreativen Potenzials!“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen forderte schon am 14. Januar, über Kürzungen im Lehrplan nachzudenken, um so Druck von den Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften zu nehmen. „Wir vermissen hier allerdings klare Vorgaben und auch Rückendeckung für die Lehrkräfte, die sonst gezwungen sind, den Lehrplan weitgehend durchzupauken“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Uschi Kruse. Vielmehr müssten Nachteile für die Schüler, die vor Prüfungen stehen, abgebaut werden.

Mit der von den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten beschlossenen Verlängerung der Schulschließungen wird in den Kultusministerien die Frage nach möglichen Kürzungen im Lehrplan verstärkt auf die Tagesordnung drängen – nicht nur für Prüfungsjahrgänge.

Auf einen Blick

Sind die Schulen jetzt besser auf den Fernunterricht vorbereitet?

Spannende Ergebnisse bietet die Folgebefragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise

Zur Umfrage
  • Das Deutsche Schulbarometer Spezial Corona-Krise ist eine Umfrage im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der „ZEIT“. Alle Ergebnisse finden Sie hier.
  • Im Rahmen der Forsa-Umfrage wurden insgesamt 1.015 Lehrerinnen und Lehrer an allge- meinbildenden Schulen in Deutschland befragt.
  • Die Erhebung wurde vom 9. bis 15. Dezember 2020 durchgeführt. Sie erfolgte somit weitgehend in den Tagen vor der Verkündung der Beschlüsse eines neuen Lockdowns am 13. Dezember.
  • Die erste Befragung fand Anfang April kurz nach den Schulschließungen statt. Mit der Folgebefragung liegt die erste repräsentative Längsschnitterhebung zur Situation an den allgemeinbildenden Schulen aus der Sicht der Lehrkräfte während der Corona-Pandemie vor.

2 Kommentare

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25.01.2021 Hans Georg H.
noch immer wird diskutiert, welche Fakten und Inhalte Schüler*innen durch die Coronazeit verpassen. Ist es nicht wichtiger, danach zu fragen welche Kompetenzen sie trotz aller Einschränkungen erworben haben - und welches Wissen sie sich auf andere Art und Weise verfügbar machen können?
25.01.2021 Matthias B.

Kurzfrist Lösung mit Langzeitfolgen

Auch wenn ich mittelfristig(!) für die Überarbeitung der Lehrpläne im Allgemeinen bin, halte ich das kurzfristige, pauschale Kürzen von Lehrplaninhalten für problematisch. Die Gefahr besteht darin, dass die auf dieser Basis Abschlüsse, künftig immer den Makel des SARS-CoV-2-Sigels haben werden. Wollt ihr das den Absolventinnen und Absolventen der Schullaufbahnen für Ihre Zukunft wirklich antun?