Bewegtes Lernen : Runter von den Stühlen!

In der Schule wird zu viel gesessen. Und die meisten Freizeitbeschäftigungen der Kinder finden heute auch im Sitzen statt. Die Rede ist schon vom „sitzenden Lebensstil“ oder gar der „Generation S“. „S“ wie Sitzen. Im Schnitt verbringen Kinder und Jugendliche 10,5 Stunden am Tag in der Sitzposition, hat das Institut für Sport und Sportwissenschaft der Uni Heidelberg in einer Umfrage herausgefunden – die meiste Zeit davon in der Schule. Wie kann mehr Bewegung in die Schule kommen, und wie funktioniert bewegtes Lernen? Das hat das Schulportal Christian Andrä gefragt. Der Sportpädagoge lehrt an den Universitäten Potsdam und Leipzig und hat 2020 ein Buch zum bewegten Lernen herausgebracht.

Annette Kuhn 08. Juni 2021 Aktualisiert am 08. Juli 2021
Bewegtes Lernen Kinder auf Schulhof mit Ball
Wieso nicht mal Matheaufgaben und Ballspiel kombinieren? Viele Lernübungen lassen sich auch in Bewegung gestalten.
©Maskot/Getty Images

Deutsches Schulportal: Wieso brauchen wir in der Schule bewegtes Lernen?
Christian Andrä: Unsere Gesellschaft verleitet heute zu viel körperlicher Inaktivität. Vor allem die Digitalisierung hat einen großen Raum eingenommen – dadurch nehmen passive Freizeitaktivitäten und Sitzzeiten kontinuierlich zu. Da müssen wir gegensteuern. Außerdem wirkt sich Bewegung lernfördernd aus.

Wie fördert Bewegung das Lernen?
Hier spielen mehrere Aspekte eine Rolle:

  • Kinder erkunden die Welt von Anfang an über Bewegung. Differenzierte Bewegungserfahrungen und damit verbundene Sinneseindrücke sind ein menschliches Grundbedürfnis.
  • Durch bewegtes Lernen ist der menschliche Organismus besser durchblutet, die Prozesse im Körper laufen dynamischer ab, und die Informationsverarbeitung wird dadurch verbessert.
  • Außerdem hilft das bewegte Lernen beim Stressabbau und schafft eine bessere Lernatmosphäre – eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges und gutes Lernen.

Je mehr Sinne angesprochen werden, desto größer der Lernerfolg

Welche Sinne sollten durch bewegtes Lernen besonders angeregt werden?
In der Schule schöpfen wir nicht annähernd das aus, was wir mit dem Körper beim Lernen alles machen können. Das Lernen findet meist audiovisuell statt. Aber je mehr Sinne in den Lernvorgang integriert werden, desto besser und nachhaltiger ist das Lernen. Das Riechen und Schmecken hat seine Grenzen, aber die allermeisten Lerninhalte lassen sich auch über Bewegung erarbeiten.

Kinder und Jugendliche sollten möglichst variantenreich einen Gegenstand oder ein Thema entdecken, formen oder gestalten. Nehmen wir mal die Zitrone: Wenn wir an eine Zitrone denken, wirken gleichzeitig alle Erfahrungen und Informationen zusammen, die wir über die Zitrone haben und mit ihr gemacht haben – also auch, wie sie schmeckt, wie sie riecht oder wie sie sich anfühlt.

Wenn die Zitrone nun Lerngegenstand ist, sollten auch alle Sinne angesprochen werden – am besten in praxisnahen Situationen. Schaut man konkret auf die Bewegung, dann sind hier natürlich typische Bewegungshandlungen in Verbindung mit dieser Frucht essenziell –auspressen, Schale abreiben, schneiden und natürlich essen usw. Aber auch das Vergleichen unterschiedlicher Größen, Formen, Oberflächenbeschaffenheiten und Gewichte lässt sich dabei üben.

Beispiele für bewegtes Lernen

Auf seinem Youtube-Kanal stellt Christian Andrä eine Vielzahl von Videos bereit, die unter anderem zeigen, wie sich bewegtes Lernen in der Praxis gestalten lässt.

 

Groß- und Kleinschreibung

Dies ist eine einfache Übung für den Deutschunterricht, die sich beliebig in Tempo oder Komplexität variieren lässt und die schon ab der ersten Klasse funktioniert:

YouTube

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Weitere Ideen:

Weil Jugendliche mehr sitzen, brauchen sie bewegtes Lernen noch mehr als jüngere Kinder

Ist bewegtes Lernen für alle Klassenstufen gleichermaßen geeignet?
Bewegung beim Lernen ist für jedes Alter gleichermaßen wichtig. Man würde vielleicht annehmen, bewegtes Lernen brauchen vor allem die Grundschulkinder. Aber da die Sitzzeiten in den höheren Klassenstufen immer länger werden, glaube ich, dass Jugendliche das bewegte Lernen sogar noch viel mehr benötigen als jüngere Kinder. Tatsächlich gibt es in den ersten Klassen oft noch mehr Bewegung, aber danach gewöhnt man die Schülerinnen und Schüler zunehmend an die frontale, sehr ungesunde Sitzhaltung.

Auch verschiedene Lerntypen und ein unterschiedliches Abstraktionsvermögen haben einen bestimmten Einfluss. Manche Kinder und Jugendliche merken sich die Dinge schon, wenn sie davon hören, andere brauchen ein Bild vor Augen, wieder andere wollen Dinge anfassen, gestalten, verändern. Aber gleich, welcher Lerntyp: Für alle ist das Ansprechen eines weiteren Sinns hilfreich, um Dinge und Sachverhalte besser zu verstehen.

Sind ältere Schülerinnen und Schüler denn offen für bewegtes Lernen?
Ich habe es sehr selten erlebt, dass Kinder und Jugendliche ablehnend reagieren. Wichtig ist aber, ihnen Freiheiten zu geben, sodass sich jeder und jede an bewegtes Lernen herantasten kann und spüren kann, was ihm oder ihr guttut. Man kann erst mal mit moderaten Bewegungsbeispielen anfangen: sich zum Beispiel nach einer Übung auf dem Stuhl einfach mal nach rechts oder links drehen oder aufstehen, den Stuhl drehen und sich wieder hinsetzen.

Lehrkräfte sollten immer schauen, was sich für die Gruppe eignet. In der Grundschule ist körperlicher Kontakt meist kein Problem, in der Pubertät muss man hier mitunter vorsichtiger umgehen. Das Wichtigste ist allerdings: Die Lehrerin oder der Lehrer muss selbst überzeugt sein. Wer bewegtes Lernen selbst gern anleitet, wird die Freude, die Motivation und damit auch den Lernerfolg bei den Schülerinnen und Schülern spüren.

Eine längere Inaktivität wirkt sich nachteilig auf die Konzentration aus.

Bewegtes Lernen findet ja bislang an den Schulen nur wenig statt, daher spielen Bewegungspausen eine große Rolle. Wie oft brauchen Schülerinnen und Schüler solche Pausen?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Das hängt auch vom Lerngegenstand und der Gruppe ab. Sicher ist aber: Wir sollten öfter die Methode wechseln und in Bewegung kommen, als wir uns vorstellen können. Ich würde immer spätestens nach einer halben Stunde die körperliche Aktivität verändern. Eine längere Inaktivität wirkt sich nachteilig auf die Konzentration aus, und kurze Auflockerungsminuten sind sehr effektiv. Natürlich kann diese Aktivität auch durch eine passende bewegte Lernmethode gewährleistet werden.

Selbst spüren, was in den Bewegungspausen guttut

In der Corona-Pandemie ergibt sich eine Zäsur ja schon durch die vorgegebenen Lüftungspausen. Was empfehlen Sie für diese Pausen?
Lockerung ist das Wichtigste. Schülerinnen und Schüler sollten möglichst alle Körperteile ausschütteln, das macht auch den Kopf frei. Und man sollte am besten an nichts denken. Dabei hilft, Musik laufen zu lassen. Auch eine bestimmte Bewegungsübung lässt sich in der Pause mit der Klasse machen. Hier muss die Lehrerin oder der Lehrer nicht unbedingt animierend auftreten, sondern diese Bewegungsübungen können auch die Kinder und Jugendlichen selbst arrangieren. Aber unbedingt runter von den Stühlen! Und Ziel sollte sein, dass alle dahin kommen, selbst zu spüren, was ihnen in dieser Bewegungspause guttut – insbesondere auch, was die Intensität anbelangt. Individualität sollte in der Bewegungspause auf jeden Fall Raum haben.

Bewegung während der Unterrichtszeit – da befürchten viele Lehrerinnen und Lehrer, dass zu viel Unruhe in die Klasse kommt.
Natürlich muss man eine Bewegungspause gut arrangieren. Aber die Scheu vor Unruhe ist meist von kurzfristigen Erfahrungen geprägt. Wenn bewegtes Lernen oder Bewegungspausen neu sind, sind natürlich alle am Anfang aufgeregt. Da kann es in der Tat lauter und unruhiger werden. Aber das legt sich gewöhnlich nach zwei, drei Wochen, wenn die Bewegungspause zum Ritual geworden ist. Dann gibt es auch nicht mehr zusätzliche Unruhe. Im Gegenteil: Wenn Schülerinnen und Schüler wissen, dass es regelmäßig Zeit für Auflockerungen gibt, sind sie in der restlichen Zeit konzentrierter und ruhiger. Keine Bewegungspausen zu machen ist aus meiner Sicht fahrlässig.

Die meisten Kinder und Jugendliche wollen nicht im Sitzen lernen

Ist das Sitzen überhaupt eine gute Lernposition?
Nein, Sitzen gilt als ungesündeste Körperhaltung. Hinzu kommt, dass die Stühle oft nicht an die unterschiedlichen Körpergrößen der Kinder und Jugendlichen angepasst werden. Viele Lernende würden diese Sitzposition auch nicht wählen, wenn sie es sich aussuchen könnten. In einer aktuellen Fragebogenstudie mit 784 Studierenden haben wir erfahren, dass nur 42 Prozent von ihnen das Sitzen bevorzugen würden. Also: Mehr als die Hälfte würde lieber in einer anderen Position lernen. Ich bin zum Beispiel der „Liegetyp“. Andere gehen oder stehen lieber oder finden noch ganz andere Lernpositionen.

Die Lernenden müssen allerdings erst mal die Möglichkeit bekommen, herauszufinden, wie sie am besten lernen können. Dazu sollte man Arrangements schaffen und die Kinder und Jugendlichen zum Beispiel beim Vokabellernen eine Position im Raum suchen lassen, in der sie sich wohlfühlen. Maßgabe muss dabei natürlich immer sein, dass sie niemanden stören. Dabei wird es auch Schülerinnen und Schüler geben, die langfristig gern am Tisch bleiben. Aber es ist etwas anderes, ob sie es wollen oder müssen. Die individuelle Wahl der Lernposition ist sehr motivationsfördernd, und dies kann zu besseren Lernergebnissen führen.

Wenn man heute in die Schulen schaut, stehen in fast allen Klassenräumen aber noch Tische und Stühle. Sollen die alle raus?
Am besten: ja. Allerdings sukzessive, weil das viele sonst überfordert. Man kann auch erst mal schauen, was es an dynamischem Mobiliar in der Schule schon gibt: Sitzbälle, höhenverstellbare Stühle, bewegliche Hocker, Sitzkissen usw. Alles, was Bewegung initiiert, ist gut.

Um mehr Unterricht draußen zu ermöglichen, braucht es ein anderes Lernarrangement.

Muss sich Unterricht überhaupt so viel im Klassenraum abspielen, oder sollten Lehrkräfte mit den Schülerinnen und Schülern nicht öfter mal rausgehen?
Unbedingt. Natur ist an sich schon bewegungsfördernd. Man wird da ja nicht die Stühle nach draußen tragen, sondern es ergibt sich immer wieder ein anderes Lernsetting. Außerdem hilft frische Luft beim Lernen, und Tageslicht hellt die Stimmung auf. Um mehr Unterricht draußen zu ermöglichen, braucht es allerdings ein anderes Lernarrangement. Das straffe System der 45- bzw. 90-minütigen Unterrichtsstunden passt nicht dazu. Und damit Lernen draußen und bewegtes Lernen überhaupt gelingen, müssten Kinder und Jugendliche auch stärker mitbestimmen können, wie und wo sie lernen wollen.

Zur Person

Christian Andrä
Sport- und Erziehungswissenschaftler Christian Andrä.
©Christian Hüller
  • Der Sport- und Erziehungswissenschaftler Christian Andrä lehrt an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.
  • Seit April 2021 ist er zudem Vertretungsprofessor für Gesundheitserziehung und Gesundheitsbildung an der Universität Potsdam.
  • Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören das bewegte Lernen und körperliche Aktivität im Kindes- und Jugendalter. Er führt zu dem Themenkomplex Bewegung und Gesundheit praxisnahe, interdisziplinäre Untersuchungen an Kitas und Schulen durch.

Mehr Zum Thema

Die Realschule am Europakanal in Erlangen setzt auch auf das Prinzip „bewegtes  Lernen” und „bewegte Schule”. Körperliche Aktivitäten sind über den Sportunterricht hinaus ein wichtiger Bestandteil des Unterrichtsalltags. Das Konzept hat die Schule in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sportwissenschaft und Sport der Universität Erlangen entwickelt. Das Schulportal hat die Schule besucht und stellt das Konzept in diesem Film vor:

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