Dieser Artikel erschien am 14.07.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Anna Günther

Bildung : In Bayern gibt es immer mehr Einser-Abiturienten

  • Die Zahl der Gymnasiasten, die in Bayern mit einem Schnitt von 1,5 oder besser die Schule verlassen, nimmt seit Jahren deutlich zu.
  • Dass der Systemwechsel von neun zu acht Jahren dabei eine Rolle spielt, gilt unter Lehrern als sicher.
  • Lehrerverbände sorgen sich deshalb um die Qualität des Abiturs.
Schüler während einer Abiturprüfung
Schwitzen für die guten Noten: Eine Abiturprüfung wie hier in Straubing ist für viele Schüler entscheidend für ihre Studienwahl.
©dpa

Ein Einser-Abitur ist für viele Gymnasiasten der Schlüssel zu begehrten Studien­gängen und Stipendien zum Schul­abschluss. 39.000 bayerische Zwölft­klässler bekamen kürzlich ihr Abitur­zeugnis. Bei den Schülern knallten die Sekt­korken, bei den Lehrer­verbänden mischten sich Bedenken unter die Glück­wünsche. Von Inflation ist die Rede und von der Sorge um die Qualität des Abiturs. Denn die Zahl der Gymnasiasten, die mit einem Schnitt von 1,5 oder besser die Schule verlassen, nimmt seit Jahren deutlich zu.

5150 sind es in Bayern in diesem Jahr, in anderen Bundes­ländern ist die Quote deutlich höher. Zwar ist die Abschluss­prüfung unbestritten das Ergebnis von Schweiß und Fleiß der Schüler. Aber die Zunahme der extrem guten Noten wirft Fragen auf. Michael Schwägerl, der Vorsitzende des Bayerischen Philologen­verbands, fürchtet eine Entwertung: „Ein Einser-Abitur darf nicht zur Mogel­packung werden. Wo sehr gut drauf­steht, muss auch sehr gut drin sein.“ Wenn alle immer besser werden, verlören Noten ihre Aussage­kraft.

Nun liegen die exakten Zahlen des Schul­ministeriums für dieses Jahr vor: 2018 kommen Bayerns Abiturienten auf einen Schnitt von 2,28 – neuer Rekord. Der Blick in die Statistik der Kultusminister­konferenz bestätigt den Trend: 2006 lag der Landes­schnitt noch bei 2,43. Mit den ersten G-8-Abiturienten 2011 kam ein Sprung auf 2,37 und 2017 stand die Zwei hinter dem Komma. Deutlicher ist es bei den Einser-Absolventen: 2006 schafften 8,3 Prozent einen Schnitt von 1,5 oder besser. Zehn Jahre später waren es 12,2 Prozent, 2018 sind es 13,8 Prozent.

Eine Inflation sieht man im Ministerium nicht, spricht dagegen von einer „leichten Zunahme sehr guter Ergebnisse“, weil Schüler und Lehrer sich immer besser auf die Anforderungen des G-8-Abiturs einstellten. Der positive Noten­sprung vom G 9 zum G-8-Abitur lässt sich damit nicht erklären. Die Zahl der 1,0-Abschlüsse hat sich schon mit dem ersten G-8-Abitur 2011 von 353 auf 924 Schüler mehr als verdoppelt.

Zwar schrieben damals der letzte G-9- und der erste G-8-Jahrgang gleich­zeitig ihre Abschluss­prüfung, aber das erklärt den Zuwachs nicht. 2010, im vorletzten G-9-Abitur, schafften 0,91 Prozent von 39 196 Jugendlichen die Eins­komma­null. Im Doppel­jahr­gang waren es 1,27 Prozent von 74 205 Abiturienten. Im Jahr 2018 stieg die Zahl der Eins­komma­nuller mit 890 Schülern sogar auf 2,4 Prozent.

Diese Entwicklung gibt es in ganz Deutschland. In Berlin hat sich die Zahl der Eins­komma­nuller zwischen 2006 und 2016 sogar versechs­facht. Werden deutsche Schüler klüger? Wird das Abitur leichter? Ist der Unterricht besser?

Die eine Antwort gibt es nicht. Insgesamt lernen mehr Schüler am Gymnasium als noch vor zwölf Jahren und mit dem G-8-Abitur verdoppelte sich in Bayern auch die Zahl der Durch­faller auf 3,1 Prozent. Dass der System­wechsel von neun zu acht Jahren eine Rolle spielt, gilt unter Lehrern als sicher. Das zeigt auch der Noten­sprung 2011. Die Reform der Ober­stufe mit dem Fünf-Fächer-Abitur und der Abschaffung der Leistungs­kurse wurde zwar lange vor dem G 8 beschlossen, aber im Zuge dessen umgesetzt.

Ein Grund für die besseren Abschlüsse vieler Schüler ist die deutlich stärkere Gewichtung der mündlichen Note. Offiziell sollten mit dieser Aufwertung Präsentation, Kommunikation und Wortgewandtheit der Kinder gestärkt werden. Inoffiziell hält sich bei Opposition, Verbänden und Lehrern die These, die Staats­regierung habe so verhindern wollen, dass die ersten G-8-Abiturienten nach dem Streit um die über­stürzte Schul­reform schlechter abschneiden als der letzte G-9-Jahr­gang.

Gymnasiallehrer sehen das Zentral­abitur kritisch

Philologenchef Schwägerl sieht neben der strukturellen auch eine gesellschaftliche Veränderung: Anders als früher komme es den jungen Leuten extrem auf Nach­komma­stellen an. Die Zahl der mündlichen Nach­prüfungen sei deutlich gestiegen. Wer die 1,5 schafft, gehe für die 1,4 in die mündliche Nach­prüfung. Viele Lehrer attestieren den Schülern heute mehr taktisches Vorgehen als im G 9. Und mit den Einsen steige der Druck: Wenn immer mehr Spitzen-Abiturienten an die Unis strömen, werden dadurch bei vielen Studien­fächern die Zugangs­bedingungen härter.

Insider machen aber auch die Politik verantwortlich: Die Bundes­länder werben mit den Einser­abiturienten und messen daran den Erfolg ihrer Politik. Dieser Wett­streit über­trage sich auf Regierungs­bezirke und Schul­leiter. Ein Credo heißt, niemand solle zurück­bleiben, sagt einer, der sich auskennt. Also werden aus Fünfen schon mal Vierer und das ziehe sich durch.

„Das Ganze ist Ausdruck eines deutlich artikulierten politischen Willens, den die Schulen internalisiert haben – und welcher Schul­leiter möchte gerüffelt werden, weil bei ihm die Sitzen­bleiber­quote hoch und die Abi­schnitte zu schlecht sind“, sagt einer. Lehrer müssten sich über­legen, ob sie rein für Qualität stehen oder für bessere Ergebnisse auch mal laxer benoteten, sagt ein anderer. Offen äußern will sich kaum jemand.

Zum Schnitt in diesem Jahr könnten zudem norddeutsche Einbrecher beigetragen haben: Ende April wurde in einer nieder­sächsischen Schule der Tresor geknackt. Darin lag das Mathe­abitur, mit dem die Bundes­länder wie in Deutsch, Englisch und Französisch versuchen, durch gemeinsame Standards und Pool-Aufgaben Vergleich­bar­keit zu schaffen. Wegen des Einbruchs kamen bundesweit die Ersatz­aufgaben dran. Und diese sollen leichter gewesen sein, sagen Schul­leiter. Wer die Pool-Aufgabe wählte, hatte Glück. Die schriftliche Mathe­prüfung gilt ebenso wie Deutsch als Stolper­stein schwacher Schüler.

Aus Sorge um das Niveau des bayerischen Abiturs sehen die Gymnasial­lehrer das Zentral­abitur kritisch. Sich den geringeren Standards anderer Länder anzupassen kommt für Philologen­chef Schwägerl nicht in Frage, Vergleich­barkeit sei gut, aber nicht auf Kosten der Qualität. Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrer­verbandes und Chef eines Deggen­dorfer Gymnasiums, fordert seit Jahren, dass die Prüfungen wieder schwerer werden müssen.

Die Gymnasiallehrer fürchten den Bedeutungsverlust des Abiturs, wenn die Universitäten Studenten über Tests auswählen, weil der Schnitt nicht genug aussagt. Schul­minister (und Gymnasial­lehrer) Bernd Sibler will Vergleich­bar­keit bei hoher Qualität. Auf das hohe „Anspruchs­niveau der Abitur­aufgaben“ werde man auch in Zukunft achten.

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