Dieser Artikel erschien am 05.03.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Verena Töpper

Faktencheck : Bekommen Schüler wirklich immer bessere Noten?

Ein Abi mit 1,0 war nie so leicht wie heute zu erreichen, sagt der Präsident des Lehrerverbandes - und fordert ein Ende der „Inflation” guter Schulnoten. Aber gibt es tatsächlich eine Einser-Flut? Der Faktencheck.

Das Einser-Abitur wird in fast allen Bundesländern häufiger vergeben als früher.
Das Einser-Abitur wird in fast allen Bundesländern häufiger vergeben als früher.
©iStock

Der Deutsche Lehrerverband sorgt sich um das Abitur. Seit Jahren schon warnt ihr Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger vor einer „Inflation guter Noten”. Man könne bei der Masse an Einser-Abiturienten die wirklich Herausragenden gar nicht mehr erkennen, sagte er nun der Deutschen Presse-Agentur. Aber gibt es tatsächlich eine Einser-Flut an deutschen Schulen?

SPIEGEL ONLINE hat die Fakten zu den Vorwürfen geprüft:

Die Kultusministerkonferenz (KMK) veröffentlicht jährlich die Abiturnoten im Ländervergleich. Nach den jüngsten Daten war demnach der mittlere Notenwert im Schuljahr 2015/2016 in allen Bundesländern etwas besser als 2005/2006 – allerdings nur geringfügig.

Mit einer Differenz von 0,29 veränderte sich der Abi-Schnitt am stärksten in Berlin, gefolgt von Nordrhein-Westfalen, war dort aber immer noch schlechter als zum Beispiel in Bayern.

Abiturnoten im Ländervergleich 2016 Grafik

Aber tatsächlich wurde die Note 1,0 der KMK-Statistik zufolge in fast allen Bundesländern öfter verteilt als noch vor zehn Jahren. In Brandenburg, dem Saarland und Mecklenburg-Vorpommern lag der Anteil der 1,0-Abiturienten zuletzt bei 2,6 Prozent. Vor zehn Jahren schafften in allen drei Bundesländern deutlich weniger als zwei Prozent der Abiturienten diesen Schnitt. Nur in Baden-Württemberg hat sich die Zahl der 1,0-Abiturienten im Zehnjahresvergleich verringert.

Abiturnoten: So viele Schüler haben eine 1,0

Das heißt, Lehrer verteilen wirklich mehr Einsen als früher. In Bayern hatten 2016 insgesamt 29 Prozent der Abiturienten im Abschlusszeugnis eine Eins vor dem Komma. 2006 waren es nur 23 Prozent. Ein Abitur mit einem Notenschnitt von schlechter als 2,9 hatten vor zehn Jahren rund 21 Prozent der bayerischen Schüler. 2016 waren es nur knapp 17 Prozent.

In Berlin schnitt 2016 kein Abiturient schlechter ab als mit 3,6 – und der Anteil der Schüler mit einem Dreier-Abi verringerte sich von knapp 26 auf 16 Prozent.

An Meidingers Forderung, das nächste Abitur müsse „wieder schwerer sein”, könnte auf Basis dieser Zahlen also durchaus etwas dran sein. Aber: Im Vergleich zu 2006 sind 2016 in einigen Bundesländern auch mehr Schüler bei der Abi-Prüfung durchgefallen.

In Bayern rasselten vor zehn Jahren 1,2 Prozent der Schüler durch die Prüfung. 2016 waren es 3,1 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern hat sich die Zahl der Durchgefallenen im Vergleich zu 2006 sogar verdreifacht von 1,8 auf 6,6 Prozent.

Und ob Schüler für eine Leistung, für die sie vor zehn Jahren die Note Zwei bekommen hätten, heute tatsächlich eine Eins kriegen, wie Meidinger behauptet, ist kaum nachprüfbar. Solche Daten werden nicht erhoben.

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