Berufliche Schulen in der Pandemie : Wie stemmt eine Schule Abschlussprüfungen in 25 Bildungsgängen?

An den Berufsbildenden Schulen Einbeck in Niedersachsen werden fast 25 verschiedene Bildungsgänge angeboten. Jedes Jahr machen hier etwa 500 Jugendliche – mehr als ein Drittel der gesamten Schülerschaft – ihre Abschlussprüfungen. Wie läuft die Vorbereitung in der Corona-Pandemie? Der Schulleiter, drei Lehrerinnen und zwei Schülerinnen haben dem Schulportal Einblicke in eine Ausnahmesituation gegeben.

Annette Kuhn 10. März 2021 Aktualisiert am 11. März 2021
Zwei Schülerinnen der BBS Einbeck
Das Feedback der Schülerinnen und Schüler ist an der BBS Einbeck auch bei der Prüfungsvorbereitung gefragt. Foto aus dem Sommer 2020
©Patricia Haas

Abschlussprüfungen sind in der Corona-Pandemie eine besondere Herausforderung für Schulen. Gerade wenn kein oder nur eingeschränkt Präsenzunterricht möglich ist, müssen Lehrkräfte neue Wege finden, um die Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. Außerdem müssen sie je nach Schulart und Bundesland veränderte Regelungen für den Prüfungsablauf umsetzen. Für einen Schulabschluss allein ist das schon viel Aufwand. Aber wie schafft das eine Schule mit fast 25 verschiedenen Bildungsgängen?

Eine derart große Vielfalt unter einem Dach bieten die Berufsbildenden Schulen (BBS) Einbeck in Niedersachsen. Von den knapp 1.300 Schülerinnen und Schüler machen etwa 500 jedes Jahr Abschlussprüfungen. Neben den Abschlüssen in mehreren Ausbildungsberufen können die Jugendlichen hier alle Schulabschlüsse erreichen: den Haupt- oder Realschulabschluss, den erweiterten Sekundarabschluss I, die Fachhochschulreife und das Abitur.

Prüfungsvorbereitung läuft in allen Bildungsgängen unterschiedlich

Manche Abschlüsse sind auch eine „Durchgangsstation“, wie es Schulleiter Renatus Döring nennt, weil viele Bildungsgänge an der BBS Einbeck aufeinander aufbauen. Sogar ein berufsbegleitendes Fernstudium „Sozialpädagogik und Management“ mit Bachelorabschluss wird seit einem Jahr in Kooperation mit der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld angeboten.

So vielfältig die Bildungsmöglichkeiten an den Berufsbildenden Schulen Einbeck sind, so unterschiedlich läuft auch jetzt die Prüfungsvorbereitung in der Corona-Pandemie. Bislang sind nur die Abiturklassen und die Abschlussklassen für die Ausbildung Pflanzentechnologie im Präsenzunterricht. Alle anderen Schülerinnen und Schüler lernen seit Dezember im Distanzunterricht.

Flexibilität ist gefragt

Am wenigsten Veränderungen gibt es für die Abiturklassen, denn sie konnten schon nach den Weihnachtsferien wieder zurück an die Schulen kommen – wenn auch in geteilten Lerngruppen. Aus gesundheitlichen Gründen seien allerdings nicht alle Abiturientinnen und Abiturienten an der Schule, erklärt Anna-Lena Engelhardt, die Wirtschaft und Verwaltung sowie Deutsch im Abiturjahrgang unterrichtet. „Ich muss also immer darauf achten, dass alle gleichermaßen am Unterricht teilnehmen können – ob im Präsenz- oder im Fernunterricht“, erklärt sie. Und wer in die Schule kommt und wer nicht, könne sich auch immer wieder ändern. Da ist viel Flexibilität gefragt. Aber sie ist froh, dass es in diesem Schuljahr schon seit Anfang des Jahres Klarheit vom Kultusministerium darüber gibt, dass die Abiturprüfungen stattfinden. „Im vergangenen Jahr war das ja bis in den April hinein unklar“, erinnert sie sich.

Viele andere Bildungsgänge an den BBS Einbeck sind im Gegensatz zu den Abiturprüfungen nicht zentral geregelt. Bei vielen Prüfungen nimmt die Schule selbst Anpassungen vor. Sie kann dabei auch nicht einfach die Vorgaben aus dem vergangenen Schuljahr übernehmen, weil der zweite Lockdown zu einem anderen Zeitpunkt im Schuljahr kam.

Lernen zu Hause ist für die meisten Schüler ungewohnt

„Die Schulschließungen haben uns im Dezember mitten in einer Klausurphase getroffen“, erzählt Sabine Schleder, Teamleiterin der Fachschule Sozialpädagogik. Für die Klausuren mussten Ersatzleistungen entwickelt werden. Und bald war auch schon abzusehen, dass die praktischen Prüfungen, die eigentlich für März geplant waren, nicht wie sonst stattfinden können. Ein Besuch am Lernort Praxis wird nun durch ein kompetenzorientiertes Kolloquium ersetzt.

Die besondere Situation hat den Schülerinnen und Schülern neue Lernmöglichkeiten eröffnet und ihnen einen unglaublichen Kompetenzzuwachs im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung gegeben.

Renatus Döring, Schulleiter der BBS Einbeck
Renatus Döring, Schulleiter der BBS Einbeck
©Patricia Haas
Sabine Schleder, Lehrerin der BBS Einbeck
Sabine Schleder, Lehrerin der BBS Einbeck mit den Fächern Sozialpädagogik und Sonderpädagogik
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Es geht nichts über Präsenzunterricht.

Das Kolloquium wird unter Anwesenheit der Praxismentorin online durchgeführt. In Vorbereitung auf das Kolloquium erstellen die Schülerinnen und Schüler eine ausführliche Aktivitätsplanung. „Im Kolloquium nehmen die Schülerinnen und Schüler Stellung zu ihrer Planung, setzen sich kriteriengeleitet mit didaktischen und methodischen Planungsentscheidungen auseinander und sind dazu aufgefordert, diese fachlich fundiert zu begründen“, erklärt Sabine Schleder.

Die betreuende Lehrkraft fördert im Kolloquium den Prozess der Selbstreflexion der Schülerinnen und Schüler und begleitet diesen beratend. Somit findet eine intensive und nachhaltige Auseinandersetzung mit der eigenen Planung statt, kritische Planungspunkte können aufgeworfen, gelungene Planungsentscheidungen gewürdigt werden. Durch das Angebot dieser Ersatzleistung wird der Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler sowohl in Bezug auf fachpraktische Kompetenzen als auch auf Methodenkompetenzen und Personalkompetenzen sichtbar und vergleichbar.

Für die meisten Schülerinnen und Schüler ist das Lernen zu Hause erst einmal ungewohnt. Hanna Bunzendahl, die jetzt die zweijährige Fachschule Sozialpädagogik abschließt und mitten in der Prüfungsvorbereitung steckt, fühlt sich dennoch gut vorbereitet: „Vonseiten der Schule wird immer nach alternativen, digitalen Formaten gesucht, mit denen wir auch gut selbstständig arbeiten können.“

Feedbackkultur unterstützt die Prüfungsvorbereitung

Und Lea-Sophie Klie, die im zweiten Jahr der Berufsfachschule Ernährung, Hauswirtschaft und Pflege ist und jetzt dort auch den Realschulabschluss ablegen will, bringt schon Prüfungserfahrung aus dem vergangenen Jahr mit. „Anfangs war das komisch. Ich hatte mich auf eine große praktische Prüfung in der Küche eingestellt, und dann konnte die nicht stattfinden.“ Stattdessen musste sie eine schriftliche Ausarbeitung und eine kleine praktische Prüfung machen.

Anfangs hat sie sich bei der Prüfungsvorbereitung unsicher gefühlt, aber geholfen hat ihr, dass sie viele Aufgaben und Lernmaterial bekommen hat – auch für den praktischen Teil. Bügeln und Tischdecken hat sie dann zu Hause geübt. „Gut war für mich auch, dass wir weiterhin in Kleingruppen arbeiten konnten“, sagt sie. Im vergangenen Frühjahr ging das nach den Schulschließungen im Wechselunterricht und ist jetzt auch in digitalen Gruppenräumen möglich.

Lea-Sophie Klie, Schülerin der BBS Einbeck
Lea-Sophie Klie, Schülerin in der zweiten Klasse der zweijährigen Berufsfachschule Ernährung, Hauswirtschaft und Pflege
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Neben der Medienkompetenz habe ich auch viel an Handlungsorientierung dazugelernt.

Wenn ich morgens aufstehe, freue ich mich, wenn ich in der Videokonferenz alle sehe. Und es hilft, mich zu motivieren.

Hanna Bunzendahl, Schülerin der BBS Einbeck
Hanna Bunzendahl, Schülerin in der zweiten Klasse der zweijährigen Fachschule Sozialpädagogik
©privat

„Wichtig ist für den Lernerfolg, dass die Schülerinnen und Schüler viel wiederholen können und wir verschiedene Lernkanäle anbieten. Das nimmt auch die Angst vor den Prüfungen“, betont Kornelia Brinkmann-Freiherr, Fachpraxislehrerin Hauswirtschaft. Und die Schülerinnen und Schüler bräuchten bei der Prüfungsvorbereitung außerdem viel Rückmeldung. Der intensive Austausch mit den Schülerinnen und Schülern sei umgekehrt auch für die Lehrkräfte hilfreich, weil sie bei Problemen gleich reagieren und Anpassungen im Unterricht vornehmen könnten.

Die Feedbackkultur und die Unterrichtsevaluation wird an der Schule schon seit Jahren großgeschrieben und ist eine wichtige Säule der BBS Einbeck, die im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden. Darum sieht es Schulleiter Renatus Döring jetzt als Ziel, die pädagogischen Beziehungen zu den Schülerinnen und Schüler auch im Fernunterricht aufrechtzuerhalten.

Fernunterricht lässt sich leichter umsetzen als Wechselunterricht

Einfach sei das natürlich nicht, in einer so großen und heterogenen Schule alle auch beim Distanzunterricht im Blick zu behalten. Daher ist für ihn ganz klar: „Es geht nichts über Präsenzunterricht.“ Aber Fernunterricht ist aus seiner Sicht zumindest eine bessere Lösung als Wechselunterricht, weil man beim Wechselunterricht zwei Gruppen gleichzeitig betreuen müsse und es dadurch noch schwieriger sei, allen gerecht zu werden.

Damit der Fernunterricht klappt, hat Döring vorgesorgt. Über das Sofortausstattungsprogramm des Bundes wurden an alle Schülerinnen und Schüler, die sie brauchen, iPads verliehen. Wer zu Hause kein vernünftiges WLAN hat, kann jetzt in den Schulräumen am Online-Unterricht teilnehmen. „Wir haben inzwischen gute technische Möglichkeiten und auch das Know-how, um Distanzunterricht vernünftig zu gestalten“, so Döring.

Jeder Schultag startet mit einer Videokonferenz

Lehrerin Kornelia Brinkmann-Freiherr nickt. Sie sieht sich in der zweiten Phase des Fernunterrichts besser aufgestellt als noch im Frühjahr 2020. Einen wichtigen Beitrag hätten dafür auch die Schülerinnen und Schüler geleistet. „Im vergangenen Jahr waren ja viele im Kollegium nicht so technikaffin, da haben die Schülerinnen und Schüler unterstützt – wir haben alle voneinander gelernt.“ Auch das gehört zur Feedbackkultur an der Schule.

Heute startet jeder Tag im Fernunterricht an den BBS Einbeck mit einer Videokonferenz, in der die Klassen einen Überblick bekommen, was an dem Tag passieren wird und wo sie stehen. „Das nimmt Unsicherheit und stärkt den Zusammenhalt“, so Döring.

Schülerin Lea-Sophie Klie hat sich an diesen Rhythmus inzwischen gewöhnt: „Wenn ich morgens aufstehe, freue ich mich, wenn ich in der Videokonferenz alle sehe. Und es hilft, mich zu motivieren.“ Denn zu Hause immer am Ball zu bleiben sei schon viel schwieriger.

Hanna Bunzendahl sieht es außerdem als große Herausforderung, dass sie sich im häuslichen Lernen viel mehr selbst erschließen muss als in der Schule, weil ja nicht jederzeit eine Lehrerin oder ein Lehrer ansprechbar sei.

Sie gehen raus mit der Gewissheit: Ich habe es geschafft – trotz dieser ganzen Einschränkungen.

Anna-Lena Engelhardt, Lehrerin an der BBS Einbeck
Anna-Lena Engelhardt, Lehrerin mit den Fächern Wirtschaft und Verwaltung sowie Deutsch, Teamleiterin Betriebs- und Volkswirtschaft
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Kornelia Brinkmann-Freiherr, Lehrerin an der BBS Einbeck
Kornelia Brinkmann-Freiherr, Fachpraxislehrerin Hauswirtschaft

Ich muss immer darauf achten, dass alle gleichermaßen am Unterricht teilnehmen können – ob im Präsenz- oder im Fernunterricht.

Hier kommt der Fernunterricht gerade bei der Prüfungsvorbereitung an seine Grenzen. Und darum haben sich die BBS Einbeck auch entschlossen, spezielle Vorbereitungskurse weiterhin in Präsenz stattfinden zu lassen. Seit ein paar Jahren bietet die Schule zum Beispiel einen Mathe-Vorbereitungskurs für die Abiturientinnen und Abiturienten an. „In diesem Kurs geht es darum, den Umgang mit einer Klausur im Abi-Format zu üben und eine Technik zu entwickeln, die Mathe-Klausur zielführend zu bearbeiten“, erklärt Döring. Und das funktioniere viel besser, wenn die Schülerinnen und Schüler vor Ort seien und die Prüfungssituation schon mal ein bisschen erleben.

Kurse zur Prüfungsvorbereitung finden weiter in Präsenz statt

Es geht bei der Prüfungsvorbereitung aber nicht nur um die fachliche Unterstützung, sondern auch um die Vermittlung von Kompetenzen unabhängig vom Prüfungsbereich. „Noten und Wissensvermittlung sind nicht alles“, betont Sabine Schleder, „die besondere Situation hat den Schülerinnen und Schülern neue Lernmöglichkeiten eröffnet und ihnen einen unglaublichen Kompetenzzuwachs im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung gegeben.“ Und Kornelia Brinkmann-Freiherr ist sich sicher, dass die Schülerinnen und Schüler gestärkt aus der Corona-Pandemie gehen: „Sie gehen raus mit der Gewissheit: ,Ich habe es geschafft – trotz dieser ganzen Einschränkungen.‘“ Schülerin Lea-Sophie Klie kann das bestätigen: „Ja, meine Computerkenntnisse sind zum Beispiel viel besser geworden. Ich finde immer wieder neue Sachen heraus, die ich noch nicht kannte. Das macht Spaß und gibt mir Sicherheit.“ Und Hanna Bunzendahl ergänzt: „Neben der Medienkompetenz habe ich auch viel an Handlungsorientierung dazugelernt.“

Die schwierige Prüfungssituation in der Corona-Pandemie, die beide gerade erleben, hat ihnen auch nicht die Lust genommen, nach ihren Abschlüssen noch weiter zu lernen. Lea-Sophie Klie plant, nach ihrem Abschluss die Ausbildung zur Erzieherin an den BBS Einbeck anzuschließen. Und Hanna Bunzendahl überlegt, noch das Fernstudium Sozialpädagogik und Management dranzuhängen.

Die BBS Einbeck

  • Ort: Einbeck, Niedersachsen
  • Schulform: berufsbildende Schule
  • Zahl der Schülerinnen und Schüler: 1.282
  • Zahl der Lehrkräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: 94 Lehrkräfte, 7 weitere Mitarbeitende
  • Anzahl der Klassen: 65
  • Website: http://www.bbs-einbeck.de

Die Berufsbildenden Schulen (BBS) Einbeck wurden mit dem Deutschen Schulpreis 2020 ausgezeichnet. Hier geht es zum Kurzporträt der Schule.

Stuhl mit Flügel, dahinter Lehrer der BBS Einbeck mit Trophäe
Das Kollegium der BBS Einbeck bei der Preisverleihung des Deutschen Schulpreises im September 2020.
©Joanna Nottebrock