Dieser Artikel erschien am 22.09.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Anna Meyer-Oldenburg

Unterricht mal anders : Aus der Schule direkt auf den Chefsessel

Frankfurts kleiner Nachbar Offenbach rühmt sich gern als Hessens Gründer­haupt­stadt. Um diesen Titel zu halten, werden dort nun schon Schüler mit der Idee vertraut gemacht, später ihr eigenes Unter­nehmen zu gründen.

drei schwarze Bürostühle
Warum sich der Chefsessel lohnt
©dpa

Gestern begann für 150 Zwölft­klässler der Theodor-Heuss-Schule ein Projekt, in dessen Verlauf sie ihre eigene Geschäfts­idee entwickeln werden und dafür auch eine wirtschaftliche Kalkulation auf­stellen müssen. Es ist die dritte Auflage der Gründer-Initiative, die von der Berufs­fach­schule in Zusammen­arbeit mit der Industrie- und Handels­kammer (IHK) Offenbach organisiert wird.

Für das Offenbacher Selbstverständnis als Gründer­haupt­stadt sprechen die Zahlen. Nirgendwo in Deutschland machen sich, statistisch betrachtet, so viele Menschen selbständig. Auf 1.000 Einwohner kommen dort 11,11 Gründungen, hessen­weit liegt der Wert bei knapp neun neuen Unter­nehmen, deutsch­land­weit bei 7,3. Allerdings sinken wegen der Konjunktur bundes­weit die Gründer­zahlen.

Das „Projekt Unternehmensgründung“ will den angehenden Abiturienten zeigen, was es braucht, um Unter­nehmer zu sein. Bis Januar sollen die Jugendlichen, die in kleinen Gruppen zusammen­arbeiten, für ihre fiktive Firma einen realistischen Geschäfts­plan entwickeln. In welcher Branche sie aktiv werden wollen, ist ihnen dabei frei­gestellt. Ob ihre Geschäfts­idee funktionieren und ihr Unter­nehmen tatsächlich laufen könnte, wird am Ende eine Jury aus Unter­nehmern und Fach­leuten der IHK bewerten. Offiziell als Gewerbe angemeldet werden die Schüler-Start-ups nach Projekt-Abschluss zwar nicht, aber es locken gute Noten, und in dem ein oder anderen wird der Unter­nehmer­geist geweckt sein.

„Mit flammendem Enthusiasmus“

Darauf hofft auch Lehrer Hanno Schäfers, der das Projekt an der Berufs­schule initiiert hat. „Um sich in die Höhle der Löwen zu wagen, braucht es Mut“, sagte er in Anspielung auf die erfolg­reiche Gründer-Show im Fernsehen. Von deren Vor­gehens­weise haben sich die Offenbacher einiges abgeschaut. So müssen die Teilnehmer ihre Geschäfts­ideen am Ende vor Profis so präsentieren, als würden sie um Investoren werben. „Sie werden aus diesem Projekt anders heraus­kommen, als Sie hinein­gegangen sind“, versprach Schäfers seinen Schülern. Er unterrichtet an der Theodor-Heuss-Schule Politik, Wirtschaft und Mathe­matik. „Mit flammendem Enthusiasmus“, ergänzte Schul­leiter Horst Schad, wolle er den Schülern die Selbständig­keit schmack­haft machen.

Mit weniger Schwung kam der Vortrag der IHK-Berater bei den Schülern an. Wie das Projekt ablaufen soll, hatten sie vorab schon im Unter­richt erfahren. „Das meiste wussten wir schon, viel spannender war, was die erfahrenen Start-up-Inhaber berichtet haben“, urteilte Florjeta und sprach damit ihren Mit­schülern aus der Seele. Vier junge Unter­nehmer hatte Schäfers in die Schule ein­geladen, die den Jugendlichen von ihrem Erfahrungen berichteten. Alle vier werden im Januar auch als Juroren dabei sein.

Auf die Leidenschaft kommt es an

Fabian Rusko, Jamal Barrajjal und Timo Bauer haben gemeinsam das Unternehmen Baruba Immobilien­management gegründet, Sitz der Firma ist in Neu-Isenburg. Nicht immer sei es die vollkommen innovative Geschäfts­idee, die zum Erfolg führe, erklärte Bauer. Wichtiger sei, wie man seiner Kundschaft gegen­über­trete. Er zeigte wie zum Beweis ein Foto der scheinbar endlos langen Menschen­schlange vor „Mustafa‘s Gemüse Kebap“, einem bundes­weit bekannten Döner­laden in Berlin. „Der Kebap schmeckt, aber eher normal“, kommentierte Bauer. Der riesige Erfolg hänge nicht am Produkt allein. Ausschlag­gebend sei die Leiden­schaft: „Es ist einfach mit Herz­blut gemacht.“

Bei den Schülern kam die Begegnung mit den Praktikern gut an. „Das motiviert sie mehr als eine Klausur“, weiß Lehrer Schäfers. Im vergangenen Jahr hätten einige Schüler so gute Geschäfts­ideen dargeboten, dass sie danach sogar Angebote von Investoren bekamen. Doch der direkte Weg von der Schul­bank in den Chef­sessel sei ihnen zu schnell gewesen, sie gingen lieber auf Entdeckungs­reise nach Australien.