Zukunft der Schule : Diktatur des Datenschutzes

Was ist wichtiger? Die zeitgemäße Bildung aller Schülerinnen und Schüler oder das möglichst geringe Risiko eines potenziellen Daten­miss­brauchs? Beides zusammen geht (bislang) nicht: Die Europäische Daten­schutz-Grund­verordnung gewährleistet Daten­sicher­heit, Daten­schutz­vorschriften insgesamt können aber einem modernen, digitalen und vernetzten Schul­alltag auch im Weg stehen. So kann es nicht weiter­gehen, davon ist Lehrer und Kolumnist Matthias Förtsch überzeugt – und fordert von der Kultus­minister­konferenz deshalb einen neuen Diskurs.

Matthias Förtsch Matthias Förtsch / 23. April 2018
Für die Kinder der Evangelischen Schule Neuruppin ist das digitale Lernen bereits selbstverständlich. Matthias Förtsch ist davon überzeugt, dass die neue Datenschutzverordnung dem vernetzten Schullalltag im Weg steht.
Für die Kinder der Evangelischen Schule Neuruppin ist das digitale Lernen bereits selbstverständlich. Matthias Förtsch ist davon überzeugt, dass die neue Datenschutzverordnung dem vernetzten Schullalltag im Weg steht.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Liebe Kultusministerinnen und Kultusminister,

wir müssen reden. Und zwar über den Datenschutz.

Gern würde ich – wie so viele meiner Kolleginnen und Kollegen – innovativ, zeitgemäß und somit natürlich auch digital unterrichten. Und Sie wünschen sich das auch von uns; zumindest haben Sie dies in Ihrer “Strategie ‘Bildung in der digitalen Welt'” beschrieben – eine durchaus gelungene Absichtserklärung übrigens.

Nun erlebe ich aber im Schulalltag, dass ich fast keine der Apps und Cloud-Dienste, die diese Form des Unterrichts ermöglichen würden, verwenden darf. IP-Adressen werden zu personenbezogenen Daten erklärt, und so kann bereits die Nutzung der Schülerhandys für eine simple Recherche im Unterricht illegal sein. Potenziell werden fast immer Daten der Schülerinnen und Schüler über europäische Server geschickt. Und das geht nicht, sagen die meisten Bundesländer in Deutschland. Das geht doch, sagen fast alle anderen EU-Staaten. So erlauben zum Beispiel Österreich oder die Schweiz den Einsatz von Office 365 von Microsoft in Schulen; bei uns ist es vielerorts nicht zugelassen.

Stattdessen versuchen wir in Deutschland, die Welt neu zu erfinden: Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg scheitern gerade mit ihren selbst aufgesetzten Bildungsplattformen und versenken Millionen von Euro in einem Bereich, in dem es sehr gute kommerzielle Angebote gibt, die Sie, aus Datenschutzgründen, nicht zulassen.

Und, ganz ehrlich, die neue Europäische Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) verstehen vermutlich nur noch Juristen. Aber auch ich möchte und muss als Lehrer diesen Rechtsrahmen kennen, um nicht ständig gegen geltendes Recht zu verstoßen; der „gesunde Menschenverstand“ reicht hier jedenfalls schon lange nicht mehr aus.

Es ist jedoch, liebe Kultusministerinnen und Kultusminister, eine politische Entscheidung, den Datenschutz über alle anderen Ziele zu stellen, faktisch also eine Diktatur des Datenschutzes (im Wortsinne) zuzulassen. Es findet bisher keine Abwägung über die Frage statt, was wichtiger ist: die zeitgemäße Bildung aller Schülerinnen und Schüler oder die Minimierung des Risikos eines potenziellen Datenmissbrauchs. Datenschützer müssen sich im Gegenteil für die Kosten und Folgen ihres Handelns selten rechtfertigen, denn sie stehen für das Prinzip. Auch darin steckt ein Risiko.

Wenn zum Beispiel Schülerinnen und Schüler nicht über die Wirkmechanismen sozialer Netzwerke aufgeklärt werden können und somit Echokammern und dazu Firmen wie Cambridge Analytica die politische Meinungsbildung bestimmen, kann dies sehr ernsthafte Folgen für die Demokratie haben. Solche Wirkmechanismen kann man nicht als Trockenübung vermitteln, indem man mit erhobenem Zeigefinger die bösen sozialen Medien verteufelt. Man muss Schülerinnen und Schüler in ihrer Freizeitgestaltung abholen, und vieles findet eben bei Snapchat, WhatsApp, Instagram und Co statt.

Zudem: Wenn Schülerinnen und Schüler weiterhin in der Buchschule des 19. und 20. Jahrhunderts verbleiben, verwehren wir ihnen die Chancen auf die Gestaltung einer Wirtschafts- und Arbeitswelt, die bereits weitgehend digitalisiert ist und sich immer weiter vernetzt. Deutschland hat im Bereich der Digitalisierung praktisch keinen Weltmarktführer, außer vielleicht den Datenschutz.

Ich wünsche mir daher einen Diskurs über Schule, in dem sich die rechtlichen Rahmenbedingungen nach dem richten, was (zu Recht) als Aufgabe an Schule herangetragen wird, und dafür, liebe Kultusministerinnen und Kultusminister, haben Sie die Mittel. Ich bin nicht gegen den Datenschutz – sondern für einen Datenschutz, der zeitgemäßes Lernen ermöglicht. Vielleicht könnten Sie einen solchen einmal gemeinsam definieren. Das wäre hilfreich.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Matthias Förtsch

Zur Person

  • Matthias Förtsch ist Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde (Politik, Wirtschaft und Soziologie) an einem privaten, gebundenen Ganztagsgymnasium in Baden-Württemberg.
  • Zusätzlich ist er hauptverantwortlich für die Schulentwicklung an seiner Schule.
  • Die Zukunft der Schule interessiert ihn so sehr, dass er darüber auch twittert und regelmäßig in seinem Blog berichtet.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Matthias Förtsch regelmäßig eine Kolumne.
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