Ganztagsschule : Wie Ganztags­schul­entwicklung gelingen kann

Mit der flächendeckenden Einführung der Ganztags­schule zu Anfang des neuen Jahr­tausends waren viele Hoffnungen verbunden. Heute steht sie in der Kritik, Versprechen zu ihrer Wirkung nicht einzulösen. Das zeigen auch die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers, einer repräsentativen Umfrage der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT Verlagsgruppe. Allerdings gibt es Stell­schrauben für eine gewinnbringende Ganz­tags­schul­entwicklung.

Stephan Kielblock Stephan Kielblock / 04. September 2019
Wie Ganztagsschulentwicklung gelingen kann
Jüngsten Zahlen der Kultus­minister­konferenz (KMK) zufolge gelten bereits mehr als zwei Drittel der deutschen Schulen als Ganztags­schule.
©Theodor Barth

Seit Anfang der 2000er-Jahre wird in Deutschland der Ausbau der Ganztagsschule vorangetrieben. Jüngsten Zahlen der Kultus­minister­konferenz (KMK) zufolge gelten bereits mehr als zwei Drittel der deutschen Schulen als Ganztags­schule. In der öffentlichen Wahrnehmung sowie in Bildungs­politik und Wissenschaft herrschte in den ersten Jahren des Ausbaus zunächst eine gewisse Euphorie, der gegen­wärtig eher eine Ernüchterung und Kritik am Konzept sowie der Umsetzung von Ganz­tags­schule zu folgen scheint.

Pädagogisch gesehen spricht vieles dafür, dass Schulen dann ihre Schülerinnen und Schüler individuell am besten fördern können, wenn Unterricht und außer­unterrichtliche Angebote konzeptionell und inhaltlich verzahnt sind, wenn die Phasen der Anspannung und Entspannung über den Tag hinweg angemessen verteilt sind – die sogenannte Rhythmisierung – und wenn die professionellen Hinter­gründe der Mitglieder des Ganz­tags­schul­teams breit gefächert sind. An Ganz­tags­schulen dürften die Rahmen­bedingungen – vor allem durch den erweiterten Zeit­rahmen – damit zumindest prinzipiell sehr günstig sein, um dies in besonderem Maße realisieren zu können. Was sagen die empirischen Befunde dazu?

Nur jede dritte Ganz­tags­schule verzahnt Unterricht und außerunterrichtliche Angebote

Ein Ergebnis der bundesweit repräsentativen Schul­leitungs­befragung 2018 innerhalb der Studie zur Entwicklung von Ganz­tags­schulen (StEG) ist, dass sich – nach Aussage der Ganz­tags­schul­leitungen – eine Vertiefung von fach­unterrichtlichen Themen­feldern und Wissens­gebieten in den außer­unterrichtlichen Angeboten an lediglich etwa einem Drittel der Ganz­tags­schulen in Deutschland findet. Von einer inhaltlichen Verzahnung von Unterricht und Angeboten kann also nur an einem Teil der Ganz­tags­schulen die Rede sein.

Auch zeigt die Befragung, dass an 83 Prozent der Ganz­tags­grund­schulen die Teilnahme an Ganz­tags­angeboten komplett frei­willig ist. An nicht gymnasialen Ganz­tags­schulen der Sekundar­stufe I sind dies 43 Prozent, aber an Ganz­tags­gymnasien ist der Anteil mit 72 Prozent ähnlich hoch. Da Rhythmisierung nur dann umfassend umgesetzt werden kann, wenn alle Schülerinnen und Schüler auch verbindlich zumindest bis in den frühen Nachmittag vor Ort sind – und nicht etwa mitten im Tages­verlauf schon abgeholt werden –, ist sie bei einem Groß­teil der Ganz­tags­schulen nur schwer möglich.

Ganztagsschulen scheint es schwerzufallen, die Konzepte, mit denen im Besonderen pädagogische Hoffnungen verbunden sind, in pädagogische Praxis zu übersetzen.
Stephan Kielblock, Bildungsforscher

Und hinsichtlich des Personals belegt die Schul­leitungs­befragung von StEG, dass Schulleitungen Probleme bei der Gewinnung von pädagogischem Personal und Kooperations­partnern haben. Das heißt, dass nicht an allen Schulen ein Spektrum aus breit gefächerten Professionen pädagogisch tätig ist und dass damit das Potenzial eines multi­professionellen Teams nicht immer voll ausgeschöpft werden kann.

Empirisch gesehen scheint es Ganztagsschulen also schwer­zu­fallen, die Konzepte, mit denen im Besonderen pädagogische Hoffnungen verbunden sind, in pädagogische Praxis zu über­setzen. Profitieren aber diejenigen Schülerinnen und Schüler, die an Ganz­tags­angeboten teil­nehmen?

Wichtig ist eine positive Schüler-Betreuer-Beziehung

Die enttäuschende Nachricht zuerst: Es gibt in Deutschland kaum empirisch belegte Vorteile der Teilnahme an außer­unterrichtlichen Angeboten in der Ganz­tags­schule hinsichtlich der Schüler­kompetenzen in standardisierten Leistungs­tests. Allerdings hat StEG über die Jahre vergleichs­weise robuste Hinweise der Wirkungen der Angebots­teil­nahme im sozialen und motivationalen Bereich geliefert. Hierzu gehören unter anderem positive Wirkungen der Angebots­teil­nahme auf das Sozial­verhalten, die Lern­ziel­orientierung, die Noten, die Bildungs­beteiligung. Außer­dem reduziert sie das Risiko sitzen­zu­bleiben.

Diese Wirkungen stellen sich aber nicht umstandslos ein, nur weil eine Schülerin oder ein Schüler an einem außer­unterrichtlichen Angebot teil­nimmt. Lediglich Angebote mit einer hohen pädagogischen Qualität können in der zuvor beschriebenen Weise wirksam sein. Als wichtige Grund­lage für Wirkungen gilt aus dieser Sicht auch eine positive Schüler-Betreuer-Beziehung sowie, dass Angebote intensiv, also mehrmals pro Woche, und dauerhaft, also über viele Jahre hinweg, besucht werden.

Die Zeitkonzepte der Schulen überarbeiten

Was man nicht vergessen sollte: Die Ganztags­schule steht auch dafür, die Betreuung der Kinder und damit auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewähr­leisten – und dies tut sie auch. Laut der von StEG befragten Ganz­tags­schul­leitungen verfolgen im Grund­schul­bereich nahezu alle und im Sekundarbereich etwa neun von zehn Schulen mit ihrem jeweiligen Ganz­tags­konzept das Ziel der verlässlichen Schüler­betreuung.

Will die Ganztagsschule darüber hinaus ihr Potenzial weiter entfalten, so wird es darauf ankommen, die außer­unterrichtlichen Angebote qualitativ hoch­wertig zu gestalten und sie so attraktiv zu konzipieren, dass sie intensiv und dauerhaft genutzt werden. Dazu wird es auch notwendig sein, konzeptionelle und inhaltliche Verbindungen zwischen Unterricht und Angeboten herzu­stellen. Zeit­konzepte der Schulen gilt es zu über­arbeiten, genauso wie die Anstellungs­verhältnisse und die Vielfalt des Personals.

All dies lässt sich leicht fordern. Die Umsetzung ist aller­dings enorm schwer, wie die Erfahrungen aus 15 Jahren StEG-Forschung zeigen. Die Entwicklung von Ganz­tags­schulen bedarf Zeit und engagierter Schul­entwicklungs­arbeit seitens aller Beteiligten. Wissenschaft und Politik sollten sich hier im besten Falle mit angesprochen fühlen.

Mehr zum Thema

  • Die Studie zur Entwicklung von Ganztags­schulen (StEG) wird seit 2005 als länder­über­greifendes Forschungs­programm durch­geführt und wird durch das Bundes­ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.
  • Auf der Website des Projekts finden sich ausführliche Informationen zur Studie und zu Veröffentlichungen der Mitglieder des StEG-Teams. Hier steht auch der jüngst erschienene Bericht zur Schul­leitungs­befragung zum Download bereit.

Zur Person

  • Stephan Kielblock studierte Erziehungs­wissen­schaft, Psychologie und Philosophie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
  • 2018 promovierte er im Fach Erziehungs­wissen­schaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie an der Macquarie University in Sydney.
  • Seit 2012 arbeitet Stephan Kielblock im Team der Studie zur Entwicklung von Ganz­tags­schulen (StEG), zunächst im Gießener Teil­studien­team und seit 2018 als StEG-Gesamt­koordinator am DIPF | Leibniz-Institut für Bildungs­forschung und Bildungs­information in Frankfurt am Main.