Urlaubserkenntnisse : Was wir von anderen Ländern lernen können

Sabine Czerny geht in ihrer aktuellen Kolumne für das Schulportal der Frage nach, warum die Kinder in vielen anderen Ländern offen­sichtlich mehr Freude an der Schule haben als in Deutsch­land. Ein Grund dafür könnte in der hierzu­lande oft bemühten Gaußschen Intelligenz­kurve liegen.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 19. September 2018
Zwei Kinder schreiben in ihre Hefte.
In anderen Ländern wird nur das geprüft, was die Kinder auch im Unterricht gelernt haben, betont Sabine Czerny in ihrer Kolumne.
©Frank Molter (dpa)

Die Ferien sind zu Ende, ein neues Schul­jahr hat begonnen. Ich habe – wie wohl viele von uns interessante Eindrücke aus dem Urlaubs­land mit­gebracht, das ich besucht habe. Wo immer ich hin­reise, frage ich die Leute des Landes auch nach der Schule. Nach dem dortigen Schul­system und wie es ihnen mit der Schule geht. Darüber spreche ich mit Erwachsenen und mit Kindern. In einigen Ländern habe ich auch Schulen besucht, dem Unterricht bei­gewohnt und das Schul­leben auf mich wirken lassen.

Mit der Zeit hat sich dabei im Vergleich zu unserem Bildungs­system ein deutlicher Eindruck heraus­kristall­isiert, der mich nach­denklich und sogar wütend macht: Wir in Deutsch­land haben wirklich alle Möglich­keiten: Uns stehen Techno­logien zur Verfügung, her­vor­ragende Universitäten zur Lehrer­aus­bildung, eine Viel­zahl an Materialien und Anschauungs­mitteln. Wir könn(t)en auf fundierte Erkenntnisse der Hirn­forschung zurück­greifen, wissen an sich alles über Motivation und Anstrengungs­bereit­schaft. Unter­richts- und Arbeits­methoden sind in ebenso hohem Maße entwickelt wie Erkenntnisse in Didaktik und Pädagogik. Und dennoch fühlen sich bei uns viele Kinder, Eltern und Lehrer von der Schule gestresst und die Fähig­keiten unserer Schul­abgänger­innen und -abgänger lassen oft zu wünschen übrig.

In einem Hinterland des Balkan dagegen steht da dann dieses etwa 10-jährige Mädchen – bar­füßig, arm wie viele dort – vor mir und erzählt mir strahlend und in perfektem Englisch, wie gerne es in die Schule geht und lernt.

Stress, in der Form, wie viele die Schule hier­zu­lande erleben, ist mir in keinem der besuchten Länder begegnet, weder bei den Kindern, noch bei den Eltern. Gleich­zeitig sind die Lern­erfolge dort oft sogar besser. Woran liegt das? Was ist anders?

In anderen Ländern wird der Schule mehr Wert­schätzung ent­gegen­gebracht

Zunächst mal habe ich festgestellt, dass in den anderen Ländern der Schule vonseiten der Eltern und Kinder Wert­schätzung ent­gegen­gebracht wird – man ist dankbar für die Bildung, die man erhält. Das fehlt mir in Deutschland schon sehr – ich selbst bin froh, dass unser Staat diese Möglich­keit bietet und Geld dafür zur Verfügung stellt.

Zudem ist mir aufgefallen, dass in anderen Ländern die Kinder meist viele Jahre gemeinsam in die Schule gehen und eine richtungs­weisende Entscheidung erst im Jugend­alter getroffen wird – und zwar von den Schülern, nicht von der Schule! Die Kinder können sich also erst einmal in Ruhe entwickeln und werden in diesem Prozess, der bei jedem Kinde auch zeitlich anders verläuft, nicht gestört.

Und das selbst in selektiven Systemen: Österreichische Freunde haben mir zum Beispiel berichtet, dass die Kinder dort nach der vierten Klasse zwar in zwei verschiedene weiter­führende Schul­arten gehen, ein Wechsel aber jeder­zeit möglich ist – ebenso wie der höchste Bildungs­abschluss! –, und dass die Schüler der Mittel­schule weit mehr gefördert werden als die auf dem Gymnasium, damit möglichst alle hervor­ragend ausgebildet werden.

Einen weiteren bedeutsamen Unterschied gibt es bei den Prüfungen – sowohl von der Anzahl her, als auch von der Art und den Aufgaben. Am interessantesten ist wohl, dass in den anderen Ländern geprüft wird, ob die Kinder das können, was sie im Unter­richt gelernt haben. Bei uns müssen in jeder Prüfung Aufgaben dreier Anforderungs­stufen enthalten sein, wobei nur die unterste Stufe sich auf das Gelernte im Unterricht bezieht und die zwei weiteren Stufen Fähig­keiten und Leistungen darüber hinaus erwarten.

Ein solcher Prüfungsansatz wirkt sich natürlich auf den Umgang mit Defiziten aus. Bei Prüfungen, die sich aus­schließlich auf das Gelernte beziehen, kann man Defizite gut fest­stellen und dann gezielt fördern. In Finnland zum Beispiel haben Kinder einen Rechts­anspruch darauf, binnen 14 Tagen Unter­stützung zu erhalten, damit sie den Anschluss zu den anderen halten.

Deutschland dagegen folgt dem Ansatz der „Gaußschen Normal­verteilung“, mit der die vorgebliche Verteilung der Intelligenz, aber auch die der Leistungs­fähig­keit dargestellt werden soll: Man geht davon aus, dass es einen Anteil „dumme“ Kinder gibt, die selbst das, was ihnen beigebracht wird, nicht lernen werden und dann eben noch ein paar intelligente, die durch die hiesige Art der Prüfungs­struktur heraus­gefiltert werden sollen.

In vielen anderen Ländern kennt man diese „Gaußsche Kurve“, nicht einmal. Mein Eindruck ist, dass man dort das Kind sieht, jedes für sich, dass man es sich entwickeln lässt, es unter­stützt und fördert, ohne es in eine Schublade pressen zu wollen. Man gibt mit, was geht, und wenn die Kinder groß geworden sind, entscheiden sie, wie es weiter­geht und wohin sie sich orientieren möchten.

In Deutschland wird exzesshaft gemessen und beurteilt

Nur in Deutschland, so mein Eindruck, wird exzesshaft gemessen, beurteilt, verurteilt, in Schubladen gesteckt und werden Wege vorgegeben. Das ist es, was den Schul­stress erzeugt, den Druck, was die Freude am Lernen nimmt und die Leichtig­keit.

Und genau das macht mich wütend! In Deutschland sind wir so privilegiert durch unsere Möglich­keiten – wir könnten den welt­besten Unterricht machen, jedes Kind individuell fördern und ihm das Beste ermöglichen, wir könnten mit Freude lernen und lehren…

Und was ist uns stattdessen wichtig? Nicht das einzelne Kind. Nein! Diese dämliche Kurve!

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­­schule im Groß­­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­­unter­­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundes­weit Schlag­­zeilen: Weil ihre Schüler­­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.
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