Vorweihnachtszeit : Warum viele Eltern vor Weihnachten so blass sind

Jeder hat kurz vor Weihnachten noch eine tolle Idee: schnell noch ein Kuchenverkauf für einen guten Zweck, noch ein Lied auf der Blockflöte einstudieren für die Weihnachtsfeier – und der Engel für die Aufführung muss auch noch gebastelt werden. Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers beschreibt, wie sie den Stress der Vorweihnachtszeit erlebt.

Sandra Garbers / 13. Dezember 2019
Kind dekoriert Plätzchen für Weihnachten
Plätzchenbacken steht in der Vorweihnachtszeit immer auf dem Programm - vor allem für die vielen Feiern und Basare in der Schule.
©Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Kaum hängen die bunten Adventskalendertütchen am Treppengeländer, haben wir ein Problem weniger. Der Erstklässler springt morgens von allein und freiwillig aus dem Bett, anstatt, wie üblich, alle Entscheidungsträger zu verfluchen, die sich den skandalös frühen Schulbeginn vor zehn Uhr ausgedacht haben.

Schon überlege ich, wie ich die Idee des Adventskalenders hinübertransferieren könnte ins Frühjahr. Vielleicht führen wir auch einfach den Ganzjahres-Adventskalender ein. „Welches Türchen öffnen wir heute, Mama?“ – „Na, gestern hatten wir doch die 282, was kommt denn danach für eine Zahl?“ Das hätte sogar noch einen Lerneffekt.

Es ist wieder Weihnachtszeit. Schönste Zeit des Jahres. Besinnlich, gemütlich, voller großer und kleiner Geheimnisse. Dazu Kerzenschein, Dominosteine, Weihnachts-CDs und ungelenke Versuche, „O du fröhliche“ auf dem Klavier zu spielen.

Die Menschen sind ja im Winter nicht wirklich so blass, weil die Sonne tiefer steht, sondern weil bald Weihnachten ist.

Es könnte so schön sein. Aber das ist nur das Weihnachten, das wir den Kindern zu präsentieren versuchen. Hinter den Kulissen geht es zu wie in einer Großküche. „Zweimal die 7 – aber statt Rotkohl Wirsingpüree, hopp, hopp hopp! Wo bleiben die 17, die 8, die 5 für Tisch drei?“

Unsere ganze Besinnlichkeit ist harte Arbeit. Die Menschen sind ja auch im Winter nicht wirklich so blass, weil die Sonne tiefer steht, sondern weil bald Weihnachten ist. Eigentlich müsste mit den Vorbereitungen begonnen werden, sobald es bei Edeka die ersten Lebkuchen gibt. Irgendwann im Spätsommer. Stattdessen wird man jedes Jahr wieder davon überrascht, wie plötzlich man sich mitten im irrwitzigsten Weihnachtstornado wiederfindet.

Jeder hat vor Weihnachten noch eine tolle, aber kurzfristige Idee

Schuld sind, wie meist, die Schule, die Mütter und Väter, die Lehrerinnen und Lehrer, die Kinder. Jeder Einzelne von ihnen hat noch kurz vor Weihnachten eine ganz tolle, leider etwas kurzfristige Idee. Und jeder denkt, diese eine tolle Idee können die Eltern jetzt doch auch noch ausführen. Zusätzlich zu ihrem eigenen Weihnachtsprogramm. Ist ja nur eine einzige tolle Idee – die lässt sich doch wohl dazwischenquetschen?!

Nein, es sind 20 tolle Ideen. Ein Ideenfeuerwerk, ein Ideenberg, den es vor dem 24. Dezember zu erklimmen gilt. Sätze, die zur Vorweihnachtszeit gehören wie der Adventskranz:

  • „Liebe Eltern, wir als Elternvertreter hatten die Idee, morgen noch kurzfristig einen Kuchenverkauf zu organisieren. Den Erlös spenden wir für notleidende Wale/Bäume/rumänische Straßenhunde. Könntet ihr euren Kindern morgen bitte Muffins oder Kuchen mitgeben? Und genügend Geld, damit sie sich auch ein paar Stücke kaufen können? Danke und fröhliche Weihnachten …“

Das Kind liebt Wale/Bäume/rumänische Straßenhunde. Wir müssen ihm den Geist von Weihnachten vorleben. Jeder kann etwas tun, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Also ab an den Backofen.

  • „Könnt ihr mal eure Spielzeugvorräte prüfen? Wir wollen dieses Jahr bedürftigen Kindern bescheren. Ihr könnt aber auch gern etwas kaufen. Mit einem schönen Brief und hübsch eingepackt.“

Ein Schuft, wer sich hier verweigern würde. Natürlich besorgen wir etwas Neues und wickeln es in das schönste Papier. Wir wollen damit nicht nur das schlechte Gewissen beruhigen, dass es uns so gut geht und anderen nicht so gut – etwas Neues soll auch unsere Wertschätzung ausdrücken. Einmal im Jahr.

  • „Hast du die Engelsflügel gekauft?“ – „Welche Engelsflügel?“ – „Die wir morgen zur Schulaufführung brauchen.“ – „Seit wann weißt du das?“ – „Schon ganz lange. Hatte ich doch gesagt. Oder hatte ich das nicht gesagt? Du kannst sie auch selber basteln, wenn jetzt kein Geschäft mehr geöffnet ist. Du brauchst nur lange Gänsefedern …“

Ich nehme Papier. Der Schlaf vor Mitternacht wird eh überschätzt.

  • „Können wir Plätzchen backen?“ – „Jetzt???? Es ist schon 17 Uhr – das machen wir morgen!“ – „Nein, morgen ist Chor/Blockflöte/Tennis …“

Kein Problem. Bei Plätzchen macht man ja immer gleich etwas mehr Teig. Kekse für Oma, Opa & Co. Mehr Teig führt natürlich unweigerlich dazu, dass man spätestens nach dem dritten Blech entweder allein in der Küche steht oder aber nur noch Riesen-Schaukelpferde ausgestochen werden. Das sind die, bei denen immer die Beine und die Schaukelvorrichtung abbrechen, wenn man versucht, sie vorsichtig wie Bügelperlen oder Plastiksprengstoff von einem Ort zum anderen zu transportieren. In der Keksdose landen dann meist nur noch Bruchstücke. Egal, schmecken auch gut.

Pro Hobby eine Weihnachtsfeier und dazu noch die Schulaufführung

Und sie schmecken auch den Mädchen und dem Jungen der Reitgruppe. Diese Weihnachtsfeiern finden nebenbei ja auch noch statt: Mandarinen und alkoholfreier Punsch für den Tennisverein, Spekulatius für den Blockflötenkreis. Eine Weihnachtsfeier pro Hobby. Für die Schulaufführung muss noch rasch „Stille Nacht, heilige Nacht“ auf der Flöte geübt werden. Zur Not vor der Schule, denn der Nachmittag ist geblockt für die Vorbereitung der Mathearbeit. Oder war es Grammatik? Vorweihnachtszeit ist auch die Zeit der Klausuren.

So ganz nebenher hat man eventuell auch noch sein eigenes Leben. Und eines der großen Weihnachtsrätsel darin sind die Treffen mit Freunden und Bekannten. „Sehen wir uns vor Weihnachten noch?“ Das ist eine Art, den eigenen Stellenwert im Freundekosmos zu definieren, die Wertschätzung zu erfragen. Hat sie/er in all dem Wahnsinn auch Zeit für mich? Wichtig ist bei diesen Treffen, die meistens zum Adventssonntag oder auf den Weihnachtsmärkten der Umgebung stattfinden, auf den dritten Glühwein zu verzichten, sonst fällt das Backen am nächsten Tag so schwer.

Weihnachtslieder in der Helene-Fischer-Version

Wenn man schließlich den Marmorkuchen für die beiden Weihnachtsfeiern der Kinder fertig hat, Salzteig und Metallfolie für die von Eltern betreuten Bastelstationen besorgt und die Julklappgeschenke für Johannes und Linnea eingepackt hat („bitte höchstens fünf Euro – ihr könnt aber auch etwas basteln“), wenn man die wochenlang, leider auch zu Hause, einstudierten Weihnachtslieder (zum Beispiel „Jingle Bells“ in der deutschen Helene-Fischer-Version) dann endlich im Chor hört, wo es dann plötzlich gar nicht mehr so schlimm klingt … Dann weiß man, dass man es wieder geschafft hat.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Ihre Tochter geht in die vierte, ihr Sohn in die erste Klasse.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie für Das Deutsche Schulportalaus Elternperspektive auf den Schulalltag.