Erfolgsstory : Warum Singapurs Schüler bei PISA so gut abschneiden

Singapurs Schülerinnen und Schüler erreichen bei PISA Spitzenergebnisse. Dabei konnte die Mehrheit der Bevölkerung Singapurs vor einem halben Jahrhundert weder richtig lesen noch schreiben. Was ist das Geheimnis von Singapurs Schulsystem? Schulportal-Kolumnist Michael Schratz hat sich beim PISA-Sieger auf Spurensuche begeben. Eine Gastprofessur in Singapur ermöglichte ihm tiefer gehende Einblicke in die Erfolgsgeschichte.

Michael Schratz Michael Schratz / 08. Oktober 2018 / 4 Kommentare
Kinder aus Singapur beugen sich in der Schule über ein Arbeitsblatt
Kaum vorstellbar: Noch vor einem halben Jahrhundert zählte die Mehrheit der Bevölkerung Singapurs zu den Analphabeten. Heute erzielen die Schülerinnen und Schüler des Landes Spitzenergebnisse beim internationalen Leistungsvergleich PISA.
©Getty Images

Singapur – vom „Dritte Welt“-Land zum PISA-Sieger

Singapur hat sich in den vergangenen 50 Jahren rasant entwickelt: 1965, als der heutige Stadtstaat seine Unabhängigkeit erklärte, zählte die Mehrheit der 5,5 Millionen Einwohner noch zu den Analphabeten. Heute, ein halbes Jahrhundert später, gehört das sogenannte „Dritte Welt“-Land von einst zu den am höchsten entwickelten Staaten weltweit. Singapur ist eine der reichsten Städte der Welt, hat einen festen Platz in den Top Five der meistbesuchten Städte, ist neben Hongkong bedeutendster Finanzplatz Asiens und erreicht auch im Bildungsbereich Superlative. PISA bescheinigt Singapur Spitzenwerte in allen Fächern und zwei Jahre „Vorsprung“ gegenüber den OECD-Ländern.

So beginnt Singapurs Erfolgsgeschichte

Die Grundsteine für Singapurs schnellen Fortschritt wurden bereits 1965 gelegt. Damals standen die Gründungsväter vor einer herausfordernden Situation: In Singapur lebten vor allem Menschen mit niedrigem Bildungsgrad aus China, Malaysia und Indien. Die multiethnische Bevölkerung musste in einem jungen gemeinsamen Nationalstaat zusammenwachsen. Da es kaum Rohstoffe gab, lag die Hoffnung der Gründungsväter in der Bildung. Der damalige Premierminister traf die folgerichtige und notwendige Entscheidung, in die Menschen zu investieren, um Singapur in eine Erfolg versprechende Zukunft zu führen. Er schuf die Grundlage dafür, dass bis heute ein Fünftel der Staatsausgaben in die Lehrkräftebildung und das Schulsystem investiert werden – lediglich die Staatsausgaben für das Militär fallen noch höher aus. Lehrpersonen haben in Singapur ein hohes Ansehen, entsprechende Aufstiegschancen und verdienen gut.

Wertschätzung des Lehrerberufs – was Singapur anders macht

In Singapur haben nur die besten Absolventinnen und Absolventen eine Chance auf den Lehrerberuf. Ihre Professionalität wird gefördert – sie genießen eine hoch qualifizierte Ausbildung. Zudem erhält jede junge Lehrkraft einen Computer. Singapurs Lehrerinnen und Lehrer werden aber auch gefordert: Sie müssen 100 Stunden Fortbildung pro Jahr absolvieren und darüber Rechenschaft ablegen – nicht über die formale Teilnahmebestätigung, sondern über den Mehrwert, den die Fortbildung gebracht hat.

Vielfältige Karrierechancen für Singapurs Lehrkräfte

Aufstiegsmöglichkeiten bestehen für eine Lehrkraft in drei mögliche Richtungen:

  1. über die Professionalisierung als Pädagogin oder Pädagoge,
  2. über die Qualifizierung als Führungskraft (Leadership)
  3. oder über die fachliche Expertise.

Der Weg führt vom Aufstieg innerhalb der Schule – zum Beispiel als didaktische Leitung, Abteilungsleitung oder Fachleitung – bis zur Spitze des Systems als sogenannte Meisterlehrerin oder Meisterlehrer in den unterschiedlichen Karriereschienen. Diese Meisterlehrkräfte können in Zusammenarbeit mit dem Ministerium und der Lehrerbildung starken Einfluss auf die Systemsteuerung nehmen.

Stipendien unterstützen angehende Lehrerinnen und Lehrer

Seit der Staatsgründung hat die Regierung Singapurs also ihr besonderes Augenmerk auf alle Akteurinnen und Akteure im Bildungssystem gelegt – und das gilt bis heute. Nationale Stipendien eröffnen Talentierten Zugang zu den renommiertesten Universitäten weltweit, die das Erfolgswissen ins Land zurückgebracht haben. Auf diesem Weg konnte sich Singapur selbst zur Weltklasse entwickeln. Das Prinzip „Von woanders lernen“ spielt in Singapur eine große Rolle – auch in der Qualifizierung der Schulleitung: Angehende Schulleiterinnen und -leiter müssen während der Ausbildung nicht nur ein ausländisches Bildungssystem studieren, sondern dieses dann auch besuchen. Die Kosten für die Exkursion ins Ausland übernimmt das Bildungsministerium.

Die Schulleitung erhält ein höheres Gehalt

Das Einkommen der Schulleitung ist etwa 50 Prozent höher als das der Lehrkräfte. Die Schulleiterinnen und -leiter bleiben maximal sechs bis sieben Jahre an einer Schule. Danach werden sie vom Bildungsministerium an einer anderen Schule gezielt entsprechend ihren Fähigkeiten eingesetzt.
Auch die Lehrerinnen und Lehrer haben die Chance, ihr Gehalt aufzubessern und sich beruflich zu verändern: Aufstiegsmöglichkeiten und damit ein höheres Gehalt ergeben sich durch den intensiven Austausch und das gegenseitige Feedback der Lehrkräfte innerhalb eines sogenannten Clusters.

Zusammenarbeit auf allen Ebenen

Je 12 bis 14 Schulen sind zu einem Cluster zusammengefasst, der von einer Superintendentin oder einem Superintendenten – einer Vertreterin oder einem Vertreter des Bildungsministeriums – geleitet wird. Die Cluster-Leitung nimmt die Funktion von Schulaufsicht ein, ist hoch qualifiziert und hat im Ausland an renommierten Universitäten studiert. Ihre Aufgabe ist es, die Pläne des Bildungsministeriums an den einzelnen Schulstandorten voranzutreiben. Das soll zur Effektivität und Effizienz des Gesamtsystems beitragen. Die Superintendentinnen und -intendenten sind in kontinuierlichem Kontakt mit der Schulleitung sowie einmal jährlich mit den Lehrkräften. Dadurch ergibt sich eine hohe Übereinstimmung in den Wertvorstellungen zwischen Makro-, Meso- und Mikroebene im Schulsystem.

Ausgeprägte Feedbackkultur innerhalb des Kollegiums

Die Zusammenarbeit der Schulleitung mit dem Kollegium sowie der Lehrkräfte untereinander spielt eine große Rolle. Es gibt an jeder Schule unterschiedliche „Professionelle Lerngemeinschaften“ – Teams, die nach lateralen (Klassen-, Jahrgangsteams) oder vertikalen Erfordernissen (Teacher Leadership, mittleres Management) eingerichtet sind. Jede Woche ist ein Nachmittag für (verpflichtendes) gemeinsames Arbeiten an entwicklungsrelevanten Themen reserviert, an dem alle teilnehmen (müssen). Darüber hinaus haben einzelne Schulen sogenannte „Teaching Labs“ („Unterrichtslabore“) installiert: Lehrerinnen und Lehrer hospitieren im Unterricht ihrer Kolleginnen und Kollegen, sprechen gemeinsam darüber und werten zusammen die Ergebnisse aus.

Paradoxien in Singapurs Bildungssystem: strenge Prüfungen versus ganzheitliche Bildung

Singapurs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen viele Paradoxien im eigenen Schulsystem. Obwohl die Schülerinnen und Schüler nach sechs Grundschuljahren eine strenge Prüfung absolvieren, die über den weiteren Schulweg entscheidet, ist durchgängig ganzheitliche Bildung gefragt, nicht das Testen. Das zuständige Ministerium versucht seit einigen Jahren, Leistungstests in den Schulen weiter zurückzudrängen und dafür „Well-being“ – gesellschaftliches Wohlergehen – zu propagieren. Allerdings investieren die Eltern noch immer in außerschulische Tutorien, um ihre Kinder zusätzlich unterrichten zu lassen. Um Eltern den Druck zu nehmen, ihre Kinder auf die „besten Schulen“ schicken zu müssen, setzte das Bildungsministerium 2012 die Initiative „Every School A Good School“ („Alle Schulen sind gute Schulen“) auf.

Anstrengung, Fleiß und Disziplin: Die asiatischen Tugenden führen zum Erfolg

Die PISA-Ergebnisse weisen nach, dass der größte Teil der Jugendlichen die Schule erfolgreich abschließt, was nicht zuletzt auch auf die asiatischen Tugenden (Anstrengung, Fleiß, Disziplin) zurückzuführen ist. Die schulischen Spitzenleistungen lassen sich allerdings nicht durch Auswendiglernen erreichen. So erhalten die Schülerinnen und Schüler ständig variierende Aufgabenstellungen zur Annäherung an ein Lernziel. Die Variationen der Aufgabenstellungen stellen vielfach Bezug zum Lebensalltag her und aktivieren die Kinder und Jugendlichen, ihre eigenen Lebenserfahrungen einzubringen.

Oftmals wird das „rückwärtige Design“ angewendet – das heißt, die Heranwachsenden müssen den Lösungsweg zurückverfolgen, um das „Problem hinter dem Problem“ zu erkennen. Wurde die Essenz der Aufgabe verstanden, entwickeln die Schülerinnen und Schüler eine Aufgabe desselben Formats, um die Mitschülerinnen und -schüler (zum Beispiel in kleineren Klassen) zur Lösung aufzufordern. Das Verstehen in einem umfassenden Problemverständnis im Sinne von „Metakognition“ („Was macht das Problem zum Problem?“) spielt bereits in der Lehrerbildung eine zentrale Rolle. Das fördert eine lernseitige Haltung im professionellen Habitus.

Individuelle Zuwendung in großen Klassen

Die durchschnittliche Klassengröße liegt in Singapur bei 36 Kindern, doch auch Klassen mit 40 Schülerinnen und Schülern sind üblich. Dennoch gehen die Lehrpersonen im Unterricht auf jedes Kind individuell ein, um es bestmöglich zu unterstützen. Damit wird einerseits eine hohe Integration aller in die Erfolgsgeschichte des Landes ermöglicht, andererseits – sozusagen als „Return of Investment“ – die Dankbarkeit für die empfangenen Leistungen des Schulsystems stimuliert („Wie und was kann ich der Gesellschaft später zurückgeben?“).

Warum Flugsimulatoren, Windkanäle und Lego-Wände zu Singapurs Schulen gehören

Charakteristisch für die Schulbauten Singapurs sind ihre Großzügigkeit und die reichhaltige Ausstattung, zu der beispielsweise auch ein Windkanal oder ein Flugsimulator gehören kann. Darin spiegelt sich vielfach der Fortschritt des Hochtechnologielands wider. Schulen erhalten pro Jahr 10.000 Dollar für innovative Projekte, die als „Anschub“ für kluge Lösungen eingesetzt werden sollen. Zwei Beispiele: Eine Grundschule schaffte eine riesige Lego-Wand an, um das kreative Gestalten innerhalb und außerhalb des Unterrichts anzuregen. Eine andere Schule richtete ein „Makerspace“, eine Art Kreativwerkstätte, ein. Die Schülerinnen und Schüler sollen so zum Experimentieren und Problemlösen angeregt werden.

Fazit

Was also macht die Erfolgsgeschichte des Schulsystems von Singapur aus? Wie gelingt es Singapur, dass der einmalige Spirit das gesamte Schulsystem prägt – angefangen von der Lehrkräftebildung bis hin zum Schulalltag? Es ist die Kombination aus allen genannten Faktoren – mit all den inhärenten Paradoxien:

  • unterschiedliche Leistungsanreize,
  • Maßnahmen zur Unterstützung durch die jeweiligen Vorgesetzten,
  • Zusammenspiel der unterschiedlichen Akteure,
  • „Eingebundensein“ in ein kohärentes – ein zusammenhängendes – Ganzes
  • und das Engagement aller Beteiligten.

Literatur: Tan, O.-S., Low E.-L., & Hung, D. (Eds.). (2017). Lee Kuan Yew’s Educational Legacy: The Challenges of Success. Singapore: Springer.

Zur Person

  • Der österreichische Erziehungswissenschaftler und Schulpädagoge Michael Schratz ist Gründungsdekan der School of Education der Universität Innsbruck.
  • In seiner Arbeit fokussiert sich Michael Schratz auf die Schulentwicklung und die Professionalisierung von Führungspersonen im Bildungsbereich.
  • Als hochkarätiger Experte aus der Wissenschaft ist er Mitglied der Jury des Deutschen Schulpreises und zugleich deren Sprecher.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Michael Schratz regelmäßig eine Kolumne und beobachtet dafür internationale Entwicklungen im Bildungssektor.

4 Kommentare

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#4 – 06.12.2019 Walter S.

Interkulturelle Projekte

Bei Konferenzen der Asia-Europe Foundation (ASEF) haben die Lehrenden aus Singapore immer nach Partnerschulen für interkulturelle Projekte geworben. Angeblich müssen sie Projekte mit ausländischen Schulen durchführen. So wird es auch kein Zufall sein, dass Singapore der Sitz von ASEF ist und in der Leitung eine führende Rolle spielt. Ich habe mit einer Klasse aus Salzburg an einem solchen Projekt mit Schüler/innen aus mehreren Ländern teilgenommen und war beeindruckt wie viel Motivation solche interkulturellen Projekte auslösen. Neben der Nutzung digitaler Plattformen zum Gedanken- und Materialaustausch und Englisch als Kommunikations- und Arbeitssprache fördern solche Projekte das gegenseitige Verständnis für die Kulturen der Projektpartner. Leider sind diese Schulprojekte der ASEF zumindest bei uns in Österreich viel zu wenig bekannt und werden kaum genützt, um den Schüler/innen eine Perspektive und Erfahrungen jenseits des europäischen Tellerrands zu bieten.
#3 – 11.11.2018 Michael S.

Große Klassen, tiefes Lernen

Was in der Tat beeindruckt, dass die Wochenstundenzahl der Lehrkräfte sich nicht nur auf den Unterricht bezieht, sondern aufgeteilt ist auf Vorbereitung, Teamabsprachen (Professional Learning Communities), Fortbildung und Auswertung von Unterricht. Dadurch herrscht keine stressiges Hetzen von einer Stunde zur nächsten. Was natürlich besonders auffällt: Die (asiatische) Zugewandtheit zur Bildung durch die Schüler/innen (stark gefordert von den Eltern). Durch die hohe Aufmerksamkeitsrichtung der Lernenden ist der stark auf Personalisierung ausgerichtete Unterricht auch in größeren Klassengrößen möglich. Die außerschulische Nachhilfe wird von den Bildungsverantwortlichen sehr kritisch gesehen, da sie eine zu starke Konzentration auf das Testen fördert! Gefordert wird eher Neugierde, Erfindergeist und Well-Being! Die Paradoxien im Bildungssystem werden von den Verantwortlichen durchaus gesehen, was in anderen Systemen (wie z.B. in Südkorea) viel weniger der Fall ist. Auch bei uns nicht!
#2 – 25.10.2018 Wolfgang B.

Kontext-Unterschiede- Gemeinsamkeiten

Es gibt Gemeinsamkeiten mit Neuseeland, wo ich im Frühjahr Schulen besucht habe. Details siehe wolfgang-beywl.blogspot.com/2018/04/stonefields-das-summerhill-der-2020er.html . Die Schlussprüfungen in Neuseeland, keinesfalls streng, sind ebenfalls konsequent von den intensiven formativen Verfahren in den maximal 13 Schuljahren getrennt. »Well being«, »Zugehörigkeit« und »Verbundenheit« stehen dem nationalen Curriculum ganz oben, als Tribut an die indigene Kultur. Hohe Transparenz, Vertrauen und Zusammenarbeit der Lehrpersonen bei gleichzeitig intensiver Nutzung digitale Tools. Dies ermöglicht Individualisierung bei ähnlich großen Klassen wie in Deutschland und ähnlicher Wochenstundenzahl. Genau diese Kombination ist im deutschen öffentlichen Schulwesen nur in Ausnahmen herstellbar. Ich schließe mich der Frage von Albert M. an: Wie gelingt bei so großen Klassen in Singapur Individualisierung? Wie ist die Jahresarbeitszeit aufgeteilt?
#1 – 22.10.2018 Albert M.
Sie haben, glaube ich, die geringe Wochenstundenzahl der Lehrer vergessen! Und: Bei 36 - 40 Schülern auf jeden Schüler individuell eingehen, das erscheint mir nicht glaubhaft. Wie kann das geschehen? Auch die umfangreiche außerschulische Nachhilfe ist in ihrer Bedeutung zwar erwähnt, aber nicht genügend bewertet. Ich hatte mir einen etwas kritischeren Artikel erwartet.