Aus der Elternperspektive : Warum Schreiben nach Gehör mich auf die Palme bringt

Der Blutdruck steigt, sobald von Schreiben nach Gehör die Rede ist. Selbst die lahmsten Unterhaltungen kommen dabei wieder in Gang, und zurückhaltende Gesprächspartner werden zu feurigen Rednern. Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers erklärt, warum kaum ein anderes Thema die Gemüter der Eltern so sehr erhitzt wie dieses.

Sandra Garbers Sandra Garbers / 09. Oktober 2018 / 1 Kommentar
Eine junge Schülerin schreibt mit einem schwarzem Filzstift
Kinder sollen die Freude am Schreiben nicht verlieren, sagen die Befürworter des Prinzips „Schreiben nach Gehör“. Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers ist anderer Meinung: Spätestens in der fünften Klasse scheitern die Kinder, die mit dieser Methode Lesen und Schreiben gelernt haben.
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Wenn ich mich auf einem Geburts­tags­brunch oder abends im Restaurant mal lang­weile, habe ich eine tolle Möglich­keit gefunden, ein bisschen Stimmung in den Laden zu bringen. Ich muss nur mal so ganz bei­läufig einen Begriff fallen lassen: Schreiben nach Gehör.

Und schon haben die Eltern unter den Gästen einen ordentlichen Adrenalin­aus­stoß. Der Blut­druck steigt. Wir sind wieder im Gespräch. Es ist nicht so, dass wir Fach­leute wären. Aber wir sind oft alarmiert. Wenn es um die Länge der Früh­stücks­pausen geht oder ob die Kinder mit neun Jahren schon allein die 500 Meter zur Schule gehen können, oder ob Mathe­arbeiten wirklich eine Woche vor den Ferien geschrieben werden müssen. Aber niemals sind wir so alarmiert wie bei den Unter­haltungen über Recht­schreibung.

Wir würden ja still sein, wenn wir das Gefühl hätten, dass es läuft. Haben wir aber nicht.

Eine Generation partieller Analphabeten wächst heran

Kürzlich war die neunjährige Tochter einer Bekannten zu Besuch bei ihrem gleich­altrigen Cousin in Luxem­burg. In deutscher Recht­schreibung war er ihr weit über­legen. Wohl­gemerkt, für ihn ist es eine Fremd­sprache! Deshalb haben wir Meinungen zu so Dingen wie Schreiben nach Gehör, Lesen nach Schreiben, Recht­schreib­werk­statt und wie es alles heißt. Die Meinungen dabei reichen vom dramatischen „Verbrechen an den Kindern“ bis zum resignierten „Zur Not gibt’s doch in jedem Computer Recht­schreib­programme“. Ich gehöre eher zur dramatischen Fraktion. Zu den Leuten, die glauben, dass da eine Generation von partiellen Analphabeten heran­gezogen wird, denen man spätestens in der fünften Klasse ihre Anlaut­tabellen um die Ohren hauen wird, weil man ihre seltsamen Texte eigentlich nur noch mit einem Über­setzungs­programm versteht. „Wie konnte das bloß passieren?“, wird in regel­mäßigen Abständen nach irgendeinem PISA-, Vera- oder Sonstwas-Test gefragt. Und das ist dann die Stunde von uns Zweiflern.

Keine Angst vor Frustration, bitte!

Für alle fortschrittlich denkenden Menschen sind wir Zweifler die­jenigen mit dem geistigen Rohr­stock. Weil eines ja eigentlich allen – außer uns Zweiflern – klar sein müsste: Kinder dürfen nicht mit zu vielen Regeln frustriert werden, damit man ihnen nicht die Freude am Schreiben verdirbt. Wer so argumentiert, muss erstens eine sehr schlechte Meinung von den Fähig­keiten der Grund­schul­lehr­kräfte haben, dass sie anders als mit Wischiwaschi-Methoden ihre Schüler­innen und Schüler nicht begeistern können. Zweitens: Warum eigentlich nicht auch mal frustrieren? Ist etwa auch die gute alte Frustrations­toleranz mit der korrekten Recht­schreibung abgeschafft worden? Nein, keine Angst, Frustrations­toleranz steht nur etwas später im Rahmen­lehr­plan. Der Sohn einer Bekannten lernt es gerade in der fünften Klasse auf dem Gymnasium – im Crash­kurs. Jahre­lang durfte er schreiben, wie er wollte, seit den Sommer­ferien wird aller­dings von ihm eine einiger­maßen korrekte Recht­schreibung erwartet. Kann er natürlich nicht, was bei fast jeder Klassen­arbeit zu einer Note Abzug führt. Aber zum Glück ist er nicht schon in der Grund­schule demotiviert worden.

Lesen und Schreiben lernen nach Stein­zeit-Methoden? Einverstanden!

Als meine Tochter eingeschult wurde, haben die Kinder gleich in der zweiten Woche das erste Diktat geschrieben. Dann gab es Lern­wörter. Die mussten tatsächlich gelernt werden. Jeden Montag Diktat. Anschließend die Berichtigung. Das klingt nach Stein­zeit, scheint aber genauso gut zu funktionieren wie in all den Jahr­zehnten davor. Sie schreibt gut und gern. Das ist nicht repräsentativ? Was ist schon repräsentativ?

Jetzt fällt es mir ein: Repräsentativ ist die Studie mit über 3.000 Schul­kindern über drei­ein­halb Jahre, nach deren flüchtiger Lektüre man die ganzen neu­modischen Recht­schreib­methoden eigentlich nur dahin befördern kann, wo schon das andere Zeug liegt: die Früh­ein­schulung, das jahr­gangs­über­greifende Lernen oder das Abitur nach 12 Jahren, das lauter Kinder produziert, die keinen blassen Schimmer haben, was sie einmal werden wollen, wenn sie groß sind.

Und nun also dieses Schreiben nach Gehör und Co. Nach flüchtiger Recherche – aber das reicht, um uns Eltern so richtig auf die Palme zu bringen – scheint es keinerlei wissen­schaftlichen Beweis zu geben, dass diese Methoden funktionieren, außer blumigen Beteuerungen. Dafür aber jede Menge Studien, die das Gegen­teil beweisen. Die wenigen Beispiele, wo es doch funktioniert hat, wurden in Gegenden gemacht, in denen das Gelingen vielleicht weniger mit der Methode oder der schnellen Auf­fassungs­gabe ausgerechnet dieser Kinder zu tun hat, sondern damit, dass die sehr bürgerlichen Eltern dort eben doch korrigieren. Spaß her oder hin. Und wenn die Mütter und Väter das leider nicht können? Sei es, weil sie keine Zeit haben oder die Recht­schreibung eventuell noch schlechter beherrschen als ihre Kinder? Dumm gelaufen.

Schreiben nach Gehör – wenn das Gehirn auf der falschen Fährte ist

Das Problem, so meinte kürzlich eine Bekannte, die auf dem Gebiet forscht, sei, dass das Gehirn einmal falsch Gelerntes niemals wieder verlernen könne. Sie und eine Reihe von Gehirn­forschern nennen es „Gedächtnis­spuren“. Einfach gesagt könne das Gehirn dann zwar eine weitere Spur mit dem richtigen Wort über die Spur mit dem falschen legen, aber bei Stress oder nach längerer Zeit werde eben doch die erste aktiviert. Stress? Vermutlich meint sie Diktate.

Ich gehöre zu den Eltern, die nicht verstehen können, wie man etwas so Großes wie eine Methode zum Erlernen des Schreibens ohne vorherige Studien einfach mal so einführen konnte, sie aber nicht genauso einfach wieder abschaffen kann, wenn sich heraus­stellt, dass sie nicht funktioniert. Erste Bundes­länder tun es oder prüfen zumindest ein Verbot. Und schon kommen wieder Kritiker der Kritiker und sagen, man müsse nun wirklich mal den Grund­schul­lehrern über­lassen, wie sie unter­richten wollten. Wirklich? Hat man das bei der Einführung der Methoden auch so gesagt?

Elternwunsch: Bitte weniger Ideologie und wieder mehr Empirie!

Das ist es, was uns Eltern wirklich wütend macht. Schul­versuche. Siehe eben auch „JüL“ („Jahr­gangs­über­greifendes Lernen“) oder Früh­ein­schulung. Lauter bahn­brechende Dinge, die bestimmt gut gemeint sind und in Einzel­fällen vielleicht sogar funktionieren: in kleinen Klassen, mit genügend Lehrern, hoch motivierten Schülern. Aber eben auch nur dann.

Wir Eltern sind gar nicht so. Wir freuen uns, wenn unseren Kindern das Leben leichter gemacht werden soll. Aber doch nicht so leicht. Und wenn ich mir noch etwas wünschen dürfte: weniger Ideo­logie, mehr Empirie. Sonst sind das alles keine Reformen, sondern lediglich Versuche am lernenden Objekt.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Ihre Tochter geht in die dritte Klasse, ihr Sohn noch in den Kinder­garten.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie für Das Deutsche Schulportal aus Eltern­perspektive auf den Schul­all­tag.
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