Kontroverse : Warum die Schulaufsicht überflüssig ist

Welche Rolle spielt die Schulaufsicht angesichts der wachsenden Eigen­verantwortung der Schulen? Am besten gar keine, meint der ehemalige Schul­leiter Helmut Hochschild. Häufig richte die Schul­aufsicht mehr Schaden an als dass sie Nutzen bringe. Nachdem sich Siegfried Arnz und Torsten Klieme in ihrem Schulportal-Beitrag für ein neues Selbst­verständnis der Schul­aufsicht aussprachen, plädiert Hochschild dafür, die Schul­aufsicht abzuschaffen und die Aufgaben den Schul­leitungen zu über­tragen. In selbst­wirksamen Netz­werken könnten die Schulen effektiver agieren.

Helmut Hochschild Helmut Hochschild / 14. Juni 2019
Das Aufgabenfeld, das heute noch auf der Ebene der operativen Schulaufsicht liegt, sollte auf die Ebene der Schulleitungen übertragen werden, schreibt Hochschild.
Das Aufgabenfeld, das heute noch auf der Ebene der operativen Schulaufsicht liegt, sollte auf die Ebene der Schulleitungen übertragen werden, schreibt Hochschild.
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Insider werden bestätigen, dass bei der Befragung von Schul­leitungen oder in Lehrer­zimmern die Schul­aufsicht im Schul­all­tag oft negativ wahr­genommen wird. Meiner Erfahrung nach ist es sogar eher positiv, wenn sie im Schul­all­tag über­haupt keine Rolle spielt. Denn ein aktives Eingreifen der Schul­aufsicht bei der Personal­entwicklung oder bei Entscheidungen im Rahmen der Verbesserung von Unterrichts­qualität wird häufig als nicht besonders förderlich oder teil­weise störend empfunden.

Es gibt zwei Gründe, die für diese Einschätzung ausschlag­gebend sind. Einer­seits die große Aufgaben­fülle auf­grund vieler Verwaltungs­tätig­keiten, bei der die Kommunikation zwischen Schul­leitungen und Schul­auf­sicht zu kurz kommt. Daraus folgt, dass der Schull­all­tag der Schul­auf­sicht nur ober­flächlich bekannt ist. Somit fehlt eine wichtige Grund­lage, um Prozesse in Schulen effizient zu fördern. Ander­seits ist die Kommunikation von Hierarchie und allein durch den Begriff „Schul­auf­sicht“ häufig von störender Skepsis geprägt.

Wie die Schulaufsicht bei der Rütli-Schule scheiterte

Ein besonderer Fall, der meiner langjährigen Erfahrung nach die Defizite von Schul­auf­sichts­arbeit aufzeigt, war die durch einen sogenannten Brand­brief 2006 in die Öffentlichkeit geratene Rütli-Schule im sozialen Brenn­punkt Berlin-Neukölln. Diese Entwicklung wurde unter anderem von folgenden Problemen hervorgerufen:

  • Über viele Jahre agierte eine von der Schul­auf­sicht unbehelligte, in wichtigen Bereichen inkompetente und das Kollegium kaum einbeziehende Schul­leitung.
  • Eine Vernetzung mit dem Umfeld der Schule fand nur unzureichend statt.
  • Die agierende Schulleiterin ließ jahrelang keinen Konrektor zu.
  • Eine unzureichende personelle Ausstattung der Schule wurde von der Schul­aufsicht nicht ausgeglichen.
  • Als das Kollegium sich nach vielen Jahren, in denen es diese Situation ertrug, gegen die Schul­leitung positionierte, schied die Schul­leitung aus. Ein Schul­leitungs­team übernahm selbst­ständig die Leitungs­aufgaben, erhielt aber kaum Unter­stützung durch die Schul­aufsicht, wurde im Gegen­teil von ihr zeit­weise destruktiv begleitet.
  • Nach einem dreiviertel Jahr verfasste die kommissarische Leiterin des Teams einen Brandbrief, der aufgrund weiterer Untätigkeit der regionalen Schul­aufsicht in die Presse geriet.

Solche oder in Teilen ähnlich problematische Konstellationen erlebte ich inner­halb meiner fast 40-jährigen Dienst­zeit häufiger und könnte dies durch unzählige Beispiele belegen. Ich selbst agierte 15 Jahre lang relativ unabhängig von Schul­auf­sicht und in sehr kommunikativer Weise mit den Kollegien der von mir geleiteten Schulen sowie gemeinsam mit den Schul­leitungen im jeweiligen Schul­umfeld.

Im Netzwerk unabhängig von der Schulaufsicht handeln

Das somit von mir praktizierte alternative Handeln unabhängig von der Schul­aufsicht lässt sich auf beispiel­hafte Weise auch an der weiteren Entwicklung der Rütli-Schule aufzeigen:

  • sofortige Einsetzung einer kommissarischen Schul­leitung mit jahrelanger Leitungs­erfahrung durch die ministerielle Ebene, den zuständigen Ober­schul­rat in der Haupt­verwaltung
  • sofortige Besetzung zweier Lehrerstellen, um das Personaldefizit auszugleichen
  • sofortige umfangreiche Aktivitäten des neuen Schulleiters, um eine verlässliche Kommunikations­struktur innerhalb der Schule zu etablieren
  • sofortige Kontaktaufnahme mit vielen Institutionen im Umfeld der Schule
  • Erstellung eines Netzwerkes aller Neuköllner Schulleitungen mit den Amts­leitungen unter­stützender Institutionen. Auf dieser Basis Einrichtung von Clearing­runden auf der Ebene der Schul­leitungen, in denen wichtige Entscheidungen getroffen wurden, die dann nur noch von der Schul­aufsicht abgesegnet werden mussten

Es gibt weitere Beispiele für Aufgabenbereiche, die im Moment noch von der regionalen Schul­aufsicht bewältigt werden und die mit passenden Handlungs­konzepten in ähnlicher Weise alternativ von selbst­wirksamen Netzwerken bearbeitet werden könnten. Hierzu zählen auch die unzureichenden Ergebnisse etwa bei dienstlichen Beurteilungen von Schul­leitungen, die Besetzung von Beförderungs­stellen und das gesamte Personal­management.

Inspektionsberichte ernst nehmen und Handlungskonsequenzen ableiten

Wenn für die Kontrolle der Schulen die alle fünf Jahre statt­findende Schul­inspektion ernster genommen werden würde und aus den im Inspektions­bericht diagnostizierten Defiziten Handlungs­konsequenzen entstünden, wäre damit eine notwendige Aufsichts­funktion auch ohne die regionale Schul­aufsicht erfüllt.

Mein Fazit lautet entschieden: Das Aufgabenfeld, das heute noch auf der Ebene der operativen Schul­aufsicht liegt, sollte auf die Ebene der Schul­leitungen über­tragen werden. So würde eine kooperative Kommunikation die hierarchisch geprägte ersetzen. Gespräche würden auf der Ebene gleicher Arbeits­zusammen­hänge und ähnlicher Ziel­setzungen in Netz­werken geführt werden und nicht im Rahmen hierarchisch geprägter Gespräche zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden. Die Verantwortung würde dann in vollem Umfang bei den in der Schule Handelnden liegen und nicht teil­weise bei einer hierarchisch agierenden, operativen, regionalen Schul­aufsichts­ebene.

Zur Person

  • Helmut Hochschild ist seit 1980 im Berliner Schul­dienst und wirkte als Haupt­schul­lehrer, 15 Jahre als Schul­leiter, zwei Jahre als Schulrat und elf Jahre als Seminar­direktor in der zweiten Phase der Lehr­kräfte­ausbildung.
  • Er war Interimsschulleiter der Rütli-Schule und knapp zwei Jahre u. a. für diese Schule zuständiger Schulrat.
  • Besondere Erfahrungen sammelte er beim Aufbau von Netzwerken, die Schulen bei ihrer Qualitäts­entwicklung unter­stützen.
  • Kontakt über HelmutHochschild@web.de