Bildungsmonitoring : Warum der Blick nach Alberta lohnt

Viele Lehrkräfte stehen der Erfassung von Daten wie etwa in Vergleichsarbeiten skeptisch gegenüber, weil sie darin ein Kontrollinstrument sehen. Zu Unrecht, meinen die Bildungsforscherinnen Anne Sliwka und Britta Klopsch von der Universität Heidelberg in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal. Die Provinz Alberta in Kanada macht vor, wie datengestützte Schulentwicklung die Bildungsqualität nach vorn bringen kann, wenn die Auseinandersetzung mit den Daten systematisch und ko-konstruktiv erfolgt.

Anne Sliwka & Britta Klopsch Anne Sliwka & Britta Klopsch / 19. November 2018
Calgary Skyline
Calgary gehört zur Provinz Alberta. Das Bildungssystem in der kanadischen Provinz ist eines der leistungsstärksten weltweit.
©shutterstock

Das Bildungssystem der Provinz Alberta im Westen Kanadas gilt als eines der leistungsstärksten weltweit und ist für uns besonders interessant, weil die Leistungsergebnisse der Schülerinnen und Schüler kaum sozioökonomische oder ethnische Disparitäten aufzeigen. Interessant ist, dass die Provinz sich strategische Ziele für die Schulentwicklung setzt. So sollen neben einem möglichst hohen Leistungsniveau (excellence) auch Chancengerechtigkeit (equity) und Zufriedenheit und Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern und von Lehrkräften (well-being) erreicht werden. Doch wie gelingt das?

Ein möglicher Erklärungsansatz liegt in der systematischen Auseinandersetzung mit schulischen und schülerspezifischen Daten durch alle Ebenen des Schulsystems von der einzelnen Lehrkraft, der Schulleitung, der Schulaufsicht bis hin zum Bildungsminister. Die jährlich in einem festgelegten Zyklus erhobenen Daten dienen dabei als Information darüber, wo die einzelne Schule und das ganze Schulsystem stehen, und sind Ansatzpunkt von strategischen Gesprächen und daraus abgeleiteten gemeinsamen Handlungsschritten.

Der Mehrwert der Daten für die Schulentwicklung

In Alberta werden systematisch Daten erhoben, die dann eine breite Informationsgrundlage für ko-konstruktive Gespräche über Unterrichts- und Schulentwicklung bieten. In der Zusammenstellung der Daten liegt die Stärke des Vorgehens: Erfasst werden die erreichten Kompetenzstandards in den sogenannten learning assessments (ähnlich unseren VERA-Tests), Schulabschlussquoten, sozio-demografische Daten, Informationen zur Schülerzufriedenheit, zur Elternpartizipation, zur Schulkultur oder zur Sichtweise der Lehrkräfte auf die Schule.

Die Daten werden zentral erhoben, zum Beispiel durch jährliche Online-Umfragen bei Lernenden, Eltern und Lehrkräften oder durch das Zusammenstellen von statistischen Kenndaten. Von zentraler Stelle werden die Daten zielgruppengerecht aufbereitet und der Schulaufsicht („superintendents“) sowie den Schulen zurückgemeldet.

Die Schulen werden nicht mit den Daten und deren Interpretation alleingelassen.

Dann greift die enge horizontale und vertikale Verschränkung der einzelnen Ebenen des Schulsystems in Alberta. Die Schulen werden nicht mit den Daten und deren Interpretation alleingelassen. Alle Ebenen des Systems fühlen sich für die Erreichung der drei strategischen Ziele – Leistung, Chancengerechtigkeit und Wohlbefinden – gleichermaßen verantwortlich und arbeiten dafür eng und ko-konstruktiv zusammen. Die individuelle Schulentwicklung wird damit zur Gemeinschaftsaufgabe des gesamten Systems, in dem immer das Prinzip gilt, dass jede Verbesserung ein Erfolg ist und dass jede Schule erfolgreich sein kann, wenn sie auf der Grundlage nachvollziehbarer Erkenntnisse Entscheidungen trifft.

Handlungsschritte der einzelnen Akteure im Bildungswesen

Im Oktober jedes Jahres erhalten die Schulen und die Schulämter über eine digitale Plattform jeweils die Daten, die ihren Arbeitsbereich betreffen. Alle Leitungen der Boards of Education (vergleichbar den hiesigen Schulämtern) treffen sich nun, um ihre Ergebnisse miteinander zu besprechen, sich gegenseitig Hilfestellung zu geben, wie mit ihnen umzugehen ist, und sowohl Ziele als auch Handlungsschritte festzulegen.

Die Superintendents legen eigene schulamtsspezifische Ziele fest und überlegen, wie im Schulamt mit den erhaltenen Informationen umgegangen werden kann. Dann treffen sie sich mit den Schulleitungen der Schulen in ihrem Zuständigkeitsbereich, um gemeinsam zu überlegen, wie die individuelle Schulentwicklung gelingen kann.

Jede Schule ist aufgefordert, sich strategische Entwicklungsziele zu setzen. Dies geschieht nach einem Roll-out-Modell, sodass jedes Jahr im Herbst Dreijahresziele und Ziele für das aktuelle Schuljahr formuliert und in Form einer Zielvereinbarung schriftlich fixiert werden.

Um das horizontale Lernen zwischen Schulen und Schulleitungen zu ermöglichen, das als besonders wirksam gilt, werden immer sechs bis zehn Schulen zu einer „family of schools“ zusammengefasst. In diesen professionellen Lerngemeinschaften treffen sich die Schulleitungen und die zuständige Schulaufsicht in einem vierwöchigen Rhythmus, um sich gegenseitig zu beraten und sich gemeinsam ko-konstruktiv weiterzuentwickeln. Diese alle vier Wochen stattfindenden halbtägigen Arbeitssitzungen stellen den Kern des professionellen Lernens von Schulleiterinnen und Schulleitern dar. Hier interpretieren sie gemeinsam Daten, schauen sich wechselseitig an ihren Schulen gute Praxis an und besprechen aktuelle wissenschaftliche Befunde zu Schule und Unterricht.

Dieser Prozess des horizontalen Voneinander-und-miteinander-Lernens spiegelt sich dann auf der Ebene der Einzelschulen. Aus den schulbezogenen Daten leiten Schulleitung und Lehrkräfte wiederum Zielstellungen ab, die sie in einem Jahr beziehungsweise in drei Jahren durch strategisch geplante Maßnahmen erreichen möchten. Wichtig ist hier, dass die Daten nicht schon die Entscheidungen vorwegnehmen. Nicht „data-driven“, sondern „data-informed“ ist diese Vorgehensweise: Der gemeinsame erkenntnisinteressierte und ergebnisoffene Blick auf die schulbezogenen Daten und zusätzliche wissenschaftliche Evidenz bilden die Grundlage für einen ko-konstruktiven Dialog „auf Augenhöhe“, der von Vertrauen in die Kraft des gemeinsamen professionellen Arbeitens getragen ist.

Alle Ebenen setzen sich so aufeinander abgestimmte strategische Ziele jeweils für das aktuelle Jahr und die nächsten drei Jahre.

Die Zielstellungen und strategischen Maßnahmen auf der Ebene der Einzelschulen, der Schulaufsicht und des Bildungsministeriums sind durch fest terminierte vertikale Gespräche miteinander verzahnt (strategisches „alignment“). Alle Ebenen setzen sich so aufeinander abgestimmte strategische Ziele jeweils für das aktuelle Jahr und die nächsten drei Jahre. Immer wenn ein Jahr vorüber ist, schließt sich ein neues Jahr für die Planung an, sodass die jahresspezifischen Vorhaben datenbasiert an die aktuelle Situation angepasst werden können.

Alberta gelingt auf diese Weise sowohl eine horizontale Verknüpfung durch die strategische Zusammenarbeit auf der gleichen Ebene (in den Schulfamilien zwischen den Schulen und den professionellen Lerngemeinschaften innerhalb der Schulen) als auch eine vertikale Verknüpfung durch die Zielvereinbarungen zwischen Ministerium, Schulaufsicht und Schulleitungen. Ein fortlaufendes systemisches Lernen des gesamten Schulsystems ist durch die klaren und für alle verbindlichen Prozessabläufe gewährleistet.

Grundlage dieses Ineinandergreifens der Teilsysteme („strategic alignment“) ist einerseits der Gedanke, dass eine signifikante Weiterentwicklung nur möglich ist, wenn über alle Ebenen eines Schulsystems Klarheit herrscht, welche Ziele eigentlich erreicht werden sollen. Andererseits wird als ausschlaggebend für den Erfolg angesehen, dass alle Akteure die Bedeutung von empirischen Daten und wissenschaftlicher Evidenz anerkennen und in Professionellen Lerngemeinschaften regelmäßig eng zusammenarbeiten.

Zielgruppenorientierte Datenaufbereitung nach einem Ampelsystem

Die Datenaufbereitung in Alberta erfolgt mittels digitaler Dashboards, auf die jeweils nur die verantwortlichen Personen Zugriff haben. Schülerdaten sind mithilfe einer Schüler-ID kodiert, sodass Datenschutzrechte vollumfänglich eingehalten werden. Umfragedaten von Schülern, Eltern und Lehrkräften sind anonymisiert. Jedes Schulamt und jede Einzelschule erhält eine tabellarische Übersicht über alle Bereiche, in denen Daten erhoben wurden.

Hierbei wird zusätzlich zu bestimmten soziodemografischen Daten in sechs Oberkategorien (Schulkultur, Schülerleistung, Lerngelegenheiten, Elternarbeit, Vorbereitung auf die Lebens- und Arbeitswelt, kontinuierliche Schulentwicklung) dargestellt, wo die Schule steht. Sie erhält Informationen zum aktuellen Stand, den Vergleich zum Vorjahr, den Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen drei Jahre sowie eine Rückmeldung zum erreichten Entwicklungsstand in den sechs Oberkategorien.

Besonders interessant ist die zielgruppenorientierte Aufbereitung der Daten nach einem Ampelsystem. Diese Rückmeldung ist farblich unterlegt, sodass auf einen Blick Stärken (grün und blau) und Schwächen (rot und orange) der Schulen erkennbar sind. Auf diese Weise können die Gespräche über die Daten gleich an sensiblen Bereichen der Schule oder des Schulbezirks ansetzen.

Für jede einzelne Oberkategorie können die Verantwortlichen durch Klicken zur nächsten Ebene zusätzliche Informationen aufrufen. Im Bereich der Leistungsmessung bezieht sich die dort zur Verfügung gestellte Information beispielsweise auf die Jahrgangsstufen und deren Erreichung der Regelstandards und Optimalstandards. Daneben werden die einzelnen geprüften Leistungsbereiche dargestellt, beispielsweise in Mathematik der Teilbereich der Geometrie.

Auf diese Weise erhalten die Lehrkräfte detaillierte Informationen über den Stand ihrer Klasse und ihrer Schüler auf Basis konkreter Kompetenzbeschreibungen.

Zu sehen ist, welcher Anteil der Schüler einer Klasse beziehungsweise einer Schule bestimmte Aufgaben korrekt bearbeitet hat. Auf diese Weise erhalten die Lehrkräfte detaillierte Informationen über den Stand ihrer Klasse und ihrer Schüler auf Basis konkreter Kompetenzbeschreibungen. Diese Informationen können dann zur Unterrichtsentwicklung und zur Planung von Förder- und Differenzierungsmaßnahmen genutzt werden. So dienen auch auf der Klassenebene Daten dazu, mit anderen Lehrkräften, Eltern und den Schülerinnen und Schülern selbst ins Gespräch zu kommen und Veränderungen anzustoßen. Längsschnittliche Analysen und frühzeitige Förderinterventionen in Lernbiografien, die zu scheitern drohen, werden so ebenfalls ermöglicht.

Was wir von Kanada lernen können

Am Beispiel der Provinz Alberta, die hier exemplarisch für das im internationalen Vergleich hoch entwickelte Schulsystem Kanadas steht, sehen wir, dass Daten uns keine Angst machen müssen und bei professioneller Aufbereitung und Nutzung auch keine Kontrollinstrumente sind. Im Gegenteil: Erst durch eine Praxis, in der auf allen Ebenen des Systems immer wieder Daten und wissenschaftliche Evidenz den Ausgangspunkt für professionelle Dialoge bilden, lassen sich gemeinsam strategische Ziele erreichen. Dabei geht es eben nicht nur um Leistung, sondern genauso um Chancengerechtigkeit sowie Zufriedenheit und Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern.

Für das deutsche Schulsystem ungewohnt ist dabei zum einen die fortlaufende ko-konstruktive Zusammenarbeit in professionellen Lerngemeinschaften innerhalb einer Ebene und, zum anderen, zwischen den Ebenen des Schulsystems. Natürlich ist ein solch professioneller Umgang mit Daten für ungeübte Rezipienten eine Herausforderung, die vonseiten des Systems durch Aus- und Fortbildungsbausteine angebahnt und unterstützt werden muss. Wenn eine solche strukturelle Veränderung in der Steuerung von Schulen und Schulsystemen mit einem Kulturwandel einhergeht, in dem von echtem Erkenntnis- und Entwicklungsinteresse getragene ko-konstruktive Dialoge zu einem zentralen Merkmal der Arbeitskultur werden, dann können alle gewinnen.

Ergebnisse aus der TALIS-Studie , der Lehrerprofessionsstudie der OECD, zeigen, dass Schulsysteme, die von Dialog, Vertrauen und Ko-Konstruktion geprägt sind, drei Ziele erreichen: Nicht nur verbessern sich Berufszufriedenheit und Gesundheitswerte der Lehrkräfte, sondern vor allem schöpfen auch mehr Lernende ihr Potenzial aus.

Alberta und andere Schulsysteme, die mit Daten arbeiten – zum Beispiel Estland, Finnland und Singapur – zeigen uns, welch herausragende Ergebnisse durch die datengestützte Schulentwicklung erzielt werden können. Wir sollten jetzt dem Beispiel von Hamburg und ersten anderen Bundesländern folgen und in den Dialog darüber eintreten, wie unser Weg der datengestützten Schulentwicklung an den Schulen und in den Bundesländern Deutschlands aussieht.

Wir danken unseren Interviewpartnern am Calgary Board of Education und am Canadian Rockies Public Schools Board in Alberta/Kanada, insbesondere Frau Area Director Dr. Dianne Yee, für ihre reichhaltigen Informationen und die Zeit, die sie uns zur Verfügung gestellt haben.

Zur Person

  • Anne Sliwka ist Professorin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. Sie forscht über Schul- und Schulsystementwicklung sowie Lehrerprofessionalität in international-vergleichender Perspektive. Sie gehört zum wissenschaftlichen Beirat für das neue Qualitätskonzept in Baden-Württemberg.
  • Britta Klopsch ist ausgebildete Lehrerin und seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Professionalisierung von Lehrkräften und die Schulentwicklung. 2015 promovierte Britta Klopsch zum Thema: „Die Erweiterung der Lernumgebung durch Bildungspartnerschaften”.
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