Geschlechterstereotype : Vorurteile beeinträchtigen Jungen beim Lesen

Wie lassen sich die Kompetenzunterschiede von Mädchen und Jungen im Lesen oder in Mathematik erklären? Wirken sich Geschlechterstereotype auf die Lernerfolge aus? Die Psychologin Francesca Muntoni und ihr Kollege Jan Retelsdorf sind diesen Fragen in der Studie „Beware of stereotypes: Are classmates’ stereotypes associated with students’ reading outcomes?" nachgegangen. Dafür wurden die Leistungen von 1.508 Fünft- und Sechstklässlern aller Schulformen aus 60 Schulklassen in Deutschland verglichen. Außerdem sollten die Kinder bewerten, ob Mädchen oder Jungen generell besser oder schlechter lesen. In ihrem Gastbeitrag für das Schulportal fassen Francesca Muntoni und Jan Retelsdorf die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.

Junge liest in einem Buch
Die Lesemotivation von Jungen wird von Geschlechterstereotypen negativ beeinflusst. Das zeigt die Studie „Beware of stereotypes: Are classmates’ stereotypes associated with students’ reading outcomes?".
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„Mädchen können kein Mathe, und Jungs lesen nicht“ – solche stereotypen Annahmen sind allgegenwärtig und werden von Kindheit an verstärkt. Tatsächlich haben große Schulleistungsstudien wiederholt bessere Mathematikleistungen für Jungen und bessere Leseleistungen für Mädchen gezeigt. Während die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen in Mathematik und Physik in den letzten Jahren geringer werden, haben Mädchen nach wie vor einen deutlichen Vorsprung in sprachlichen Fächern, wie es auch die letzte PISA-Studie für die Lesekompetenz in allen OECD-Staaten wieder zeigte.

Zur Erklärung solcher Geschlechterunterschiede in Schulleistungen gibt es eine Vielzahl von Ansätzen. Diese lassen sich unter anderem danach unterscheiden, ob sie Geschlechterunterschiede auf biologische Faktoren zurückführen oder ob sie psychosoziale Ursachen in den Vordergrund stellen. Im englischen Sprachraum ist diese Debatte unter dem Namen „Nature vs. Nurture“ bekannt. In der Literatur finden sich einige Hinweise darauf, dass es biologisch bedingte Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gibt, die Einfluss auf ihre schulischen Leistungen haben können, wie zum Beispiel hormonbedingte Stärken und Schwächen oder hormonbedingte unterschiedliche Gehirnentwicklungen. Gleichzeitig wissen wir aber auch, dass diese Unterschiede durch Umwelteinflüsse, etwa durch die Erziehung, beeinflussbar sind. Damit kommt dem sozialen Umfeld der Kinder eine große Bedeutung zu.

Von Geburt an werden Mädchen und Jungen anders behandelt

Bereits in den ersten Lebenstagen werden Kinder je nach Geschlecht unterschiedlich behandelt. Eltern kaufen beispielsweise ihren Töchtern eher typische Mädchenspielzeuge wie Puppen, während Jungen mit Spielzeugautos aufwachsen. Im schulischen Kontext verhält es sich ähnlich: Eine Lehrkraft, die höhere Erwartungen an die Leseleistung von Mädchen als von Jungen hat, gibt den Mädchen vermehrt Aufgaben, die herausfordernder sind, und schenkt ihnen mehr Aufmerksamkeit. Wenn Lehrkräfte sich im Lesen mehr mit den Mädchen als mit den Jungen auseinandersetzen, kann sich das unterschiedlich auf die Motivation, zu lesen, oder auf die Leseleistung von Schülerinnen und Schülern auswirken.

Eine Lehrkraft, die höhere Erwartungen an die Leseleistung von Mädchen als von Jungen hat, gibt den Mädchen vermehrt Aufgaben, die herausfordernder sind, und schenkt ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Dies wird auch als „self-fulfilling prophecy“ bezeichnet: Eine Erwartung, die eine Lehrkraft an eine bestimmte Schülerin oder einen bestimmten Schüler hat, wird durch das entsprechende (auch unbewusste) Verhalten der Lehrkraft  gegenüber dieser Schülerin oder diesem Schüler wahr. Überzeugungen von Eltern und Lehrkräften können also die Entwicklung ihrer Kinder beziehungsweise ihrer Schülerinnen und Schüler beeinflussen. Könnte dies die Frage beantworten, weshalb Jungen im Lesen schlechter abschneiden als die Mädchen?

Dafür wurde in verschiedenen Untersuchungen analysiert, wie die Überzeugung, dass Lesen Mädchensache ist, mit der Lesemotivation und Leseleistung von Schülerinnen und Schülern zusammenhängt. Betrachtet wurden hier die Geschlechterstereotype wichtiger Personen in der Sozialisation Heranwachsender: Eltern, Lehrkräfte und Klassenkameradinnen und -kameraden.

Erwartungen der Eltern beeinflussen den schulischen Erfolg

Eltern gelten als die erste und wichtigste Sozialisationsinstanz für Kinder, bevor sie die Schule besuchen. Sie sind Vorbilder, teilen ihr Wissen und ihre Erwartungen mit ihren Kindern und fördern bestimmte Verhaltensweisen. Vielfach hat sich gezeigt, dass elterliche Erwartungen den schulischen Erfolg ihrer Kinder in einer Weise beeinflussen, die klassische Geschlechterstereotype bestätigt. Eine eigene Studie zum Stereotyp, dass Mädchen im Lesen begabter sind, zeigte, dass eine hohe Ausprägung dieser Überzeugung von Eltern bei Jungen negativ mit deren Lesemotivation, ihrer Kompetenzüberzeugung (die Selbsteinschätzung, wie gut sie lesen können) und Leseleistung zusammenhing.

Doch auch die Rolle der Schule – insbesondere die der Lehrkräfte und der Klassenkameradinnen und -kameraden – kann hier eine wichtige Rolle spielen. Schule ist nicht nur ein Ort, den Kinder besuchen, um ihr Wissen und ihre Kompetenzen zu erweitern. Sie ist auch ein soziales Umfeld der Identitätsentwicklung, in dem Kinder ein Verständnis dafür entwickeln, wer sie sind. Dabei sind die Normen und Werte ihrer Mitmenschen relevant für die eigene Identitätsentwicklung. So konnten wir kürzlich zeigen, dass – wie oben beschrieben – Lehrkräfte auf Basis von Stereotypen geschlechtsspezifische Erwartungen an individuelle Schülerinnen und Schüler bilden, die dann wiederum Effekte auf diese haben.

Wenn Lehrkräfte Mädchen im Lesen favorisieren, schneiden Jungen schlechter ab

Lehrkräfte, die Mädchen im Lesen favorisieren, bilden entsprechende Erwartungen an die Leseleistungen ihrer Schülerinnen und Schüler. Im Sinne der „self-fullfilling prophecy“ profitieren Mädchen hiervon und zeigen tatsächlich bessere Leseleistungen, während die Jungen hingegen im Lesen schlechter abschneiden.

Aber nicht nur die Überzeugungen und Verhaltensweisen Erwachsener können das Lesen von Schülerinnen und Schülern beeinflussen. Auch die Klassenkameradinnen und -kameraden spielen eine wichtige Rolle für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Insbesondere im Schulalter stellen sie zentrale Interaktionspartner dar. Wir konnten zeigen, dass sich Schulkinder der fünften und sechsten Klasse von Geschlechterstereotypen, die in der Klasse vorherrschen, beeinflussen lassen.

Wenn die Kinder in einer Klasse denken, dass Jungen schlechter lesen als Mädchen, hat das vor allem Konsequenzen für die Jungen.

Wenn die Kinder in einer Klasse denken, dass Jungen schlechter lesen als Mädchen, hat das vor allem Konsequenzen für die Jungen. Diese sind dann weniger motiviert und glauben weniger an ihre eigenen Lesefähigkeiten. Eine mögliche Folge: Aus Leselust wird Lesefrust – sie lesen weniger, und das kann dann wiederum ihre Leseleistung beeinträchtigen.

Geschlechterstereotype können demnach eine zentrale Rolle in der Entwicklung und Aufrechterhaltung von schulischen Geschlechterunterschieden spielen, da sie unter anderem die Erwartungen und das Verhalten von Eltern, Lehrkräften und Klassenkameradinnen und -kameraden bestimmen und so zu Teufelskreisen in der Entwicklung von Schülerinnen und Schülern führen.

Geschlechterstereotype führen zu ungenutzten Chancen für Mädchen und Jungen

Wenngleich wir uns in diesem Beitrag auf negative Folgen für Jungen im Lesen konzentriert haben, kann es umgekehrt natürlich zu unerwünschten Folgen für Mädchen im Bereich der Mathematik kommen, auch wenn die Geschlechterunterschiede in den Leistungen hier nicht mehr so groß sind wie noch vor einigen Jahren. In beiden Fällen kommt es zusammengefasst zu ungenutzten Chancen von Mädchen und Jungen, sodass es wichtig ist, diese Teufelskreise zu durchbrechen, um schulische Geschlechterunterschiede weiter zu reduzieren.

Auch wenn es nicht einfach ist, Geschlechterstereotype zu ändern, gibt es Möglichkeiten, sowohl in der Familie als auch in der Schule ihren Auswirkungen entgegenzuwirken. Dabei sind Lehrkräfte als zentrale Akteure im Bildungssystem nicht nur leichter zu erreichen als Eltern, sondern sie selbst haben auch eine deutlich größere Reichweite, da sie eine Vielzahl von Kindern unterrichten. Entsprechend sollten Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler als Individuen betrachten und nicht als Mitglied einer sozialen Gruppe, wie zum Beispiel einem bestimmten Geschlecht zugehörig.

Zudem sollten sie ihren Unterricht für Mädchen und Jungen motivationsfördernd gestalten. Das wird auch als Kompetenz zur reflexiven Koedukation bezeichnet, deren Ziel es ist, dass sich Mädchen und Jungen ihrer individuellen Potenziale bewusst werden und diese ohne Einschränkungen durch Geschlechterstereotype entwickeln können. Durch eine entsprechende Unterrichtsgestaltung wird die Aktivierung von Geschlechterstereotypen vermieden und damit ihrer Verfestigung entgegengewirkt. Aber auch in Familien kann einer geschlechterstereotypen Entwicklung entgegengewirkt werden. Selbst wenn wir damit vielleicht ein Klischee bemühen, könnten etwa Väter mit ihren Söhnen auch mal ein Buch lesen und nicht nur gemeinsam Fußball spielen.

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Zur Person

  • Francesca Muntoni studierte Psychologie und promovierte zum Thema „Die Macht der Anderen: Wie Geschlechterstereotype zum unterschiedlichen Leseerfolg von Jungen und Mädchen beitragen“. Seit 2017 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Pädagogische Psychologie der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. In ihrer Forschung interessiert sie sich vor allem dafür, wie Geschlechterstereotype und Erwartungen von Bezugspersonen einen Einfluss auf die akademische Entwicklung von Schülerinnen und Schülern haben können.
  • Jan Retelsdorf ist Diplom-Psychologe und seit 2017 Professor für Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Psychologie des Lernens und Lehrens an der Universität Hamburg. In seiner Forschung interessiert er sich für schulisches Lernen und Motivation. Besonders beschäftigt er sich dabei mit dem Zusammenspiel von Textmerkmalen und Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler beim Verstehen von Fachtexten sowie mit Urteilsverzerrungen und Stereotypen im schulischen Kontext.