Debatte um Einschulung : Von Mythen in der Bildungspolitik

In der Medizin ist es heute selbstverständlich, dass eine Behandlungsmethode erst nach empirischen Studien eingeführt wird. Im Bildungsbereich ist das Handeln der Politik dagegen immer noch oft durch Mythen geprägt und weniger durch wissenschaftliche Erkenntnisse, schreibt Schulportal-Gastautor Werner Klein. Das zeige einmal mehr die Forderung von Carsten Linnemann (CDU), dass Kinder ausreichend Deutsch sprechen müssten, bevor sie eingeschult werden.

Werner Klein Werner Klein / 07. August 2019
Kinder in der Grundschule im Kreis
Es lässt sich wissenschaftlich belegen, dass Kinder ohne Deutschkenntnisse unbedingt den Kontakt Gleichaltriger, die sicher Deutsch sprechen, benötigen, um die für sie fremde Sprache zunächst immersiv zu erlernen.
©Marijan Murat/dpa

Quecksilber hilft gegen Syphilis, herzförmige Pflanzen heilen Herzkrankheiten, stechende Disteln lindern logischerweise Stechen in der Brustgegend, denn Analogien versprechen Linderung. Und in fast allen Fällen von Unpässlichkeit hilft zuverlässig ein kräftiger Aderlass.

Wissenschaftliche Verfahren des Messens, Wiegens, der Beobachtung, naturwissenschaftliche Experimente und empirische Forschung haben über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten mit diesen bis in die Neuzeit geltenden Mythen in der Medizin aufgeräumt. Nachzulesen ist diese Entwicklung zum Beispiel in der lehrreichen Geschichte der Renaissance von Bernhard Roeck (Der Morgen der Welt, Beck-Verlag, 2017). Heute gilt für jede Ärztin und für jeden Arzt ganz selbstverständlich, dass vor einer Therapie zunächst eine gründliche Diagnose gesundheitlicher Probleme auf wissenschaftlicher Grundlage erfolgen muss. Und auch die therapeutischen Maßnahmen müssen in weiteren Untersuchungen zuverlässig auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden.

Empirische Daten werden im Bildungsbereich oft ignoriert

Im Bildungsbereich scheinen wir in Deutschland jedoch noch nicht recht in der Neuzeit angekommen zu sein. Hier ist das Verhältnis zwischen der Diagnose bestimmter Probleme und der Therapie zu deren Lösung noch häufig geprägt von Mythen, Vorurteilen oder ideologischen Vorstellungen – kurzum durch das Ignorieren wissenschaftlicher Erkenntnisse und empirischer Daten. Zu den hartnäckigsten Mythen gehört die Vorstellung, dass Schüler am besten lernen, wenn sie möglichst früh in leistungshomogene Gruppen sortiert und durch scheinbar eindeutige Ziffernnoten unter Leistungsdruck gesetzt werden.

So behauptet etwa der CDU-Politiker Carsten Linnemann, dass ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, auf einer Grundschule noch nichts zu suchen hat und seine Einschulung notfalls auch zurückgestellt werden muss. Nach dieser Logik dürften Kinder, die noch nicht schwimmen können, keinen Schwimmkurs besuchen und Menschen, die noch kein Auto fahren können, keine Fahrschule.

Ein anderes äußerst kostspieliges und zudem für viele Betroffene ärgerliches Beispiel liegt in der politischen Entscheidung vieler Länder, die Schulzeit an Gymnasien zunächst von neun auf acht Jahre zu verkürzen, um dann in einer Rolle rückwärts wieder die Verkürzung rückgängig zu machen.

Kinder erlernen die fremde Sprache am besten immersiv

In beiden Fällen agieren Politikerinnen und Politiker wider wissenschaftliche Erkenntnisse, die dazu von der empirischen Bildungsforschung in vielfältiger Form bereitgestellt werden. So lässt sich wissenschaftlich belegen, dass Kinder ohne Deutschkenntnisse unbedingt den Kontakt Gleichaltriger, die sicher Deutsch sprechen, benötigen, um die für sie fremde Sprache zunächst immersiv zu erlernen. DaZ (Deutsch als Zweitsprache) sowie DaF (Deutsch als Fremdsprache) erweisen sich unter bestimmten Voraussetzungen als wirksame schulische Förderangebote für den Spracherwerb.

Und im Falle des Wechselchaos zwischen G 8 und G 9 haben Wissenschaftler durch empirische Untersuchungen trocken festgestellt, dass es hinsichtlich des Kompetenzerwerbs, der erlebten Belastung und weiterer Faktoren keinen wesentlichen Unterschied macht, ob Schülerinnen und Schüler nach acht oder nach neun Jahren das Abitur ablegen.

Aber auch im Bereich der Bildungspraxis lässt sich feststellen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse häufig nicht wahrgenommen werden und pädagogisches Handeln auf der Grundlage empirischer Evidenz noch nicht zum professionellen Selbstverständnis aller Lehrkräfte gehört. Mit der recht derben, aber griffigen Metapher „Vom Wiegen wird die Sau nicht fett“ rechtfertigen manche Lehrkräfte, dass sie Verfahren der Qualitätssicherung wie Lernstandserhebungen, Schulinspektionen und der internen wie externen Evaluation im pädagogischen Bereich für überflüssig halten. Dazu hat sicherlich die Bildungspolitik mit beigetragen, die es in vielen Fällen versäumt hat, die Zielsetzung der verschiedenen empirischen Verfahren für pädagogische Zwecke, das Bildungsmonitoring oder schulaufsichtliche Kontrolle klar voneinander abzugrenzen.

Erhobene Daten für die Unterrichts- und Schulentwicklung nutzen

Die Erfahrungen vieler erfolgreicher Schulen zeigen jedoch, dass es von zentraler Bedeutung für das professionelle Handeln ist, intern wie extern erhobene Daten in systematischer Form für die Unterrichts- und Schulentwicklung zu nutzen. Im Ansatz durchaus vergleichbar mit dem medizinischen Bereich gilt auch für den Bildungsbereich, dass die intendierten Wirkungen pädagogischen Handelns, didaktischer und methodischer Verfahren, soweit möglich, immer wieder überprüft werden müssen.

Bei allem erforderlichen Engagement sollte pädagogisches Handeln unter einem Irrtumsvorbehalt stehen.

Lehrkräfte tun daher gut daran, alle zur Verfügung stehenden Rückmeldeverfahren zu nutzen, um sich Gewissheit zu verschaffen, ob sie auf dem richtigen Weg sind, ihre Schülerinnen und Schüler möglichst optimal zu fördern.

Der kommende Herbst könnte sich als schlechte Jahreszeit für Mythen im Bildungsbereich erweisen, da gleich drei große wissenschaftliche Studien neue Erkenntnisse für zentrale bildungspolitische Fragen versprechen:

  • Am 18. Oktober wird das IQB die Ergebnisse des Bildungstrends 2018 veröffentlichen. Mit diesem Bericht wird erstmalig untersucht, wie sich die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I im mathematisch-naturwissenschaftlichen im zeitlichen Verlauf von fünf Jahren entwickelt haben. Die Ergebnisse werden wieder im Vergleich der Länder dargestellt und aufzeigen, welche Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft, Geschlecht und Zuwanderungshintergrund und der Kompetenzentwicklung von Schülerinnen und Schülern bestehen.
  • Am 5. November wird mit der Studie ICILS 2018 (International Computer and Information Literacy Study 2018) nach 2013 zum zweiten Mal ein Bericht zu den computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 8 im internationalen Vergleich vorgelegt. Hier wird es von großem Interesse sein, ob Deutschland in diesem Bereich den Anschluss an die internationale Entwicklung gefunden hat.
  • Im Dezember erscheint der Bericht zu PISA 2018 mit einem Schwerpunkt auf der Lesekompetenz von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Durch neue computergestützte Testverfahren werden zum Beispiel die Fähigkeiten, Informationen durch das Navigieren auf Webseiten zu finden, zu vernetzen und zu beurteilen als Aspekte der Lesekompetenz im digitalen Zeitalter erfasst.

Es bleibt zu hoffen, dass steter Tropfen den Stein höhlt, und Bildungspolitik wie Bildungspraxis sich in ihrem Handeln immer stärker auf wissenschaftlich abgesichertes Wissen und empirische Daten beziehen werden. Ein wachsender Grad an Rationalität in bildungspolitischen Entscheidungen wie im alltäglichen pädagogischen Handeln liegt allemal im Interesse der Schülerinnen und Schüler, denen mit der Zurückstellung von der Einschulung ebenso wenig geholfen wäre wie Herzkranken eine Behandlung mit Disteln.

Zur Person

  • Werner Klein leitete beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Berlin die Abteilung Qualitätssicherung, internationale und europäische Angelegenheiten und Statistik.
  • Zuvor arbeitete der Pädagoge im Bildungsministerium Schleswig-Holstein als Leiter des Referats Qualitätsentwicklung an Schulen und im Landesinstitut.
  • Schwerpunkte seiner Arbeit sind systematische Schulentwicklung und Bildungsmonitoring.
    Werner Klein gehört zum Programmteam der Deutschen Schulakademie.