Bildung in Zeiten von Corona : Voll digital in die pädagogische Regression

Die Corona-Pandemie setzt zentrale Errungenschaften der Bildung in der Moderne außer Kraft, schreibt Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth in seinem Gastbeitrag für das Schulportal. Gleichzeitig wird in der aktuellen Krise die Illusion erzeugt, dass sich diese pädagogische Regression durch digitale Technik kompensieren lasse. Tenorth sieht darin eine große Gefahr.

Heinz-Elmar Tenorth / 17. Juni 2020 / 1 Kommentar
Corona hat die einheitliche Form von Schule und Unterricht, von individuellem Lernen im sozialen Kontext aufgelöst, schreibt Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth
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Bildungssysteme und Bildungsprozesse haben ihre eigene Logik, auch gegenüber Interventionen von außen und selbst in feindlichen Umwelten, wie die modernen Diktaturen angesichts misslingender Indoktrination selbst im 20. Jahrhundert erfahren mussten. Muss man mit Blick auf den aktuellen Zugriff der Natur in Gestalt eines Virus (und der ihn bekämpfenden präventiven Gesundheitspolitik) diesen Optimismus revidieren? Erleben wir gerade einen historisch beispiellosen – und zerstörerischen – Zugriff auf die Eigenlogik von Bildungswelten?

Fixiert auf die alltäglichen Probleme, kann man das präzise wohl erst sagen, wenn man nicht nur die aktuelle Situation von Schule und Unterricht, Lernenden und Familien in ihrer bunten Vielfalt betrachtet, sondern sie im Lichte historischer Veränderungen von Bildungssystemen und Bildungsprozessen systematisch beobachtet.

Erleben wir gerade einen historisch beispiellosen – und zerstörerischen – Zugriff auf die Eigenlogik von Bildungswelten?

Dann, so die nachfolgend vertretene These, erkennt man allerdings eine gravierende Zäsur, eine Situation, die in der modernen Bildungsgeschichte ohne Beispiel ist. Sie setzt nämlich, einerseits, die für die Heranwachsenden und ihre Milieus zentralen Errungenschaften der Bildung in der Moderne außer Kraft und erzeugt, andererseits und zugleich, in der Allpräsenz digitalisierten Lernens die Suggestion, dass diese Regression in längst überwundene Zeiten klassenspezifisch zugeteilter Bildung sich technologisch kompensieren ließe.

Moderne Schule bedeutet Bildung für alle, gestaltet als gemeinsamer Unterricht

Die Geschichte von Schulen ist alt. Sumerer und das alte Ägypten, auch China kannten gesellschaftlich organisierte Lernprozesse längst vor dem klassischen Altertum, das seit Platon und Sokrates auch in Mitteleuropa Schulen sichtbar machte, zuerst und lange Zeit allein für die gebildeten Eliten. Diese Formen von Beschulung darf man allerdings nicht mit der modernen Schule verwechseln, die sich seit etwa 200 Jahren in der nördlichen Hemisphäre und seit dem 20. Jahrhundert weltweit entwickelt.

Das ist Bildung für alle, Massenerziehung, als Unterricht gestaltet, obligatorisch, heute bis zum 18. Lebensjahr, also mit zunehmender Dauer, im Lebenslauf präsent, in sich nach Bildungsgängen und Abschlüssen zwar differenziert, auch schichtspezifisch, aber doch in einer einheitlichen zeitlichen, sachlichen und sozialen Form, in der schulische Lernprozesse ihre Macht über die Lernenden und ihre Möglichkeiten entfalten.

Bildung ist dabei für den ganzen Tag zeitlich präsent (der Halbtagsunterricht ist eine deutsche Besonderheit), als Unterricht in den Inhalten kanonisch geordnet, im 20. Jahrhundert zunehmend für mehrere Jahre für alle Lernenden gleich und gemeinsam organisiert, in Lerngruppen sequenziell nach dem Lernfortschritt geordnet, professionell betreut.

Wo immer Schule stattfindet, entfaltet sie ihre Möglichkeiten als eine gesellschaftliche Einrichtung, die nicht nur den künftigen Staatsbürger formen, sondern auch die Nachteile der sozialen Herkunft kompensieren soll, indem sie eine Lebenswelt anbietet, die zugleich unterrichtet und erzieht, als Organisation, die durch das gemeinsame Lernen in Peergroups, im Klassenzimmer und auf dem Schulhof, höchst bedeutsam, ja unersetzlich für den Erwerb kognitiver Fähigkeiten und eines autonomen sozialen Verhaltens ist, weil sie Individualisierung und Vergesellschaftung zugleich ermöglicht – für alle.

Natürlich, das gelingt besser oder schlechter, Reformen gehören deshalb zum Alltag der Schule. Aber wir, und vor allem die Reformer, setzen die Möglichkeiten und Leistungen dieser Form von Schule überall und ganz selbstverständlich voraus, in unserem Alltag, in Beruf und Arbeit, Politik und Kultur, für sozialen Aufstieg und individuelle Selbstverwirklichung.

Corona hat das individuelle Lernen im sozialen Kontext aufgelöst

Betrachtet man die aktuelle Situation in dieser langfristigen historischen Perspektive, sind zwei Befunde unausweichlich. Der erste: Corona hat diese Form universaler Beschulung an ihr – hoffentlich befristetes – Ende gebracht, die einheitliche Form von Schule und Unterricht, von individuellem Lernen im sozialen Kontext aufgelöst, Erwartbarkeit und Verlässlichkeit der sozialen Erfahrung zerstört, diffuse Zeitmuster erzeugt, Lernprozesse und die Lehrfunktion partikularisiert, die Nachteile und Privilegien der sozialen Herkunft materiell und personal wieder in Kraft gesetzt. Corona hat nahezu Bildungsverhältnisse der Vormoderne neu erzeugt, als Unterricht Recht und Pflicht der Eltern war, die sich den Hauslehrer oder die private Betreuung leisten konnten. Nicht zufällig wird der Wert der Schule neu gesehen, seit sie fehlt, und nicht nur von Eltern, die im Alltag zwischen Familie, Homeoffice und Lernerwartungen und -ansprüchen der Kinder die großen Freiheitsversprechen der Homeschooling-Befürworter als das vergiftete Geschenk erfahren, das es schon immer war.

Corona hat nahezu Bildungsverhältnisse der Vormoderne neu erzeugt, als Unterricht Recht und Pflicht der Eltern war, die sich den Hauslehrer oder die private Betreuung leisten konnten.

Der zweite Befund ist vielleicht noch bedeutsamer: die Tatsache nämlich, dass Corona die modernistische Illusion weiter propagiert, ja vielleicht sogar erst richtig erzeugt hat, solche tief greifenden Eingriffe in die Form von Schule ließen sich „digital“ kompensieren, und zwar ohne neue und eigene Folgeprobleme. Die Apologeten digitalen Lernens sind natürlich nicht blind gegenüber den Problemen ihrer Vorschläge, aber sie denken primär materialbezogen. Sie vermissen die Ausstattung der Schulen, die notwendigen Ressourcen in den Familien, die fehlenden curricularen Vorarbeiten und die notwendigen Kompetenzen der Lehrenden und Lernenden, die schon alles richten würden. Und hier und da sorgen sie sich auch um Rückmeldesysteme und -praktiken, als könne das die personale Interaktion ersetzen. Aber sie haben nicht einmal aus den Hochschulerfahrungen gelernt, dass nicht E-Learning, sondern allenfalls „Blended Learning“ zielbezogen hier und da produktiv sein kann.

Digitale Technik kann Schule als gemeinsame Welt der Erfahrung nicht ersetzen

Für die soziale Form und die Funktion von Schule fehlt ihnen offenbar der Sinn, über die Lernziele jenseits von Kognition anscheinend das Interesse, von umfassender Bildung als Kriterium ist nicht mehr die Rede, Technik dominiert, Digitalisierung etabliert sich erneut als Zauberwort. Dabei lernen Schülerinnen und Schüler offenbar zuerst, dass die Technik ihre Lernprozesse überwältigt, dass die Familie als Lernwelt nur in ganz seltenen Fällen die Schule gleichwertig ersetzen kann und dass die Ordnung der Welt und des Tages ohne die Alltäglichkeit des Zusammenseins mit den Peers zerstört ist.

Zugleich – langfristig vielleicht noch dramatischer – wird die Illusion genährt, mit Digitalisierung seien nicht nur die Nachteile  der Auflösung von Bildungsverhältnissen kompensierbar, sondern die neue, zukunftsträchtige Form von Schule erfahrbar.

Als „Regression“ bezeichne ich diese Situation, weil sie in der Auflösung der modernen Form allgemeiner Beschulung, also mit der Auflösung der Einheit von Schule und Unterricht, von Lebenswelt und Lernwelt die Errungenschaften zurücknimmt, die in der Geschichte der „Schule für alle“ in den vergangenen 200 Jahre mühsam erkämpft wurden. Stattdessen werden die herkunftsbedingten Nachteile klassenspezifischer Bildungsverhältnisse wieder voll ins Recht gesetzt. Zugleich – langfristig vielleicht noch dramatischer – wird die Illusion genährt, mit Digitalisierung seien nicht nur die Nachteile  der Auflösung von Bildungsverhältnissen kompensierbar, sondern die neue, zukunftsträchtige Form von Schule erfahrbar.

Dem Desaster ein möglichst rasches Ende bereiten

Frühere radikale Eingriffe in die Schulverhältnisse, politische Interventionen jenseits positiver Reformen haben zum Beispiel Inhalte verändert, Teilgruppen von Lernenden aus der Schule überhaupt oder von einzelnen Bildungsgängen ausgeschlossen, die Schule für politische Zwecke wie den Kampf gegen die Sozialdemokratie, die Kriegsbegeisterung oder den Sozialismus mobilisiert oder die Illusion von Chancengleichheit erzeugt. Alle diese Interventionen haben aber Schule als eigene Welt der Erfahrung noch ernst genommen und bestätigt. Die Schule wiederum, ihr Publikum und die Lehrenden und Lernenden, konnten die autonome Praxis von Schule nutzen, um sich gegen die Folgen solcher Interventionen zu wappnen.

Corona dagegen zerstört die moderne Form von Schule und erzeugt die Illusion, dass ein solches Desaster technologisch kompensierbar sei. Man muss sich ernsthaft fragen, welche Zäsur folgenreicher war, und energisch daran arbeiten, dem Desaster wie der Illusion ein rasches Ende zu bereiten.

Zur Person

  • Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth wurde 1944 in Essen geboren und studierte Germanistik, Geschichte und Sozialkunde sowie Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Bochum und Würzburg.
  • 1975 promovierte er im Fach Pädagogik an der Universität Würzburg.
  • Von 1991 bis 2011 war Heinz-Elmar Tenorth als Professor für Historische Erziehungswissenschaft Lehrstuhlinhaber an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Seit 1986 ist er Mitherausgeber der „Zeitschrift für Pädagogik“.